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Alles bleibt anders

Die Steirer im 21. Jahrhundert. Ein exklusiver Vorabdruck aus Gerfried Sperls neuem Buch „Steiermark – Die knappe Geschichte eines üppigen Landes“.

Mit freundlicher Genehmigung des Ueberreuter Verlags
Illustration: Thomas Hamann
mutant-dDie ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts waren für die Steiermark nicht gerade die besten, weil mehrere größere wirtschaftliche Projekte nicht realisiert wurden. Beispielsweise der Plan, rund um den Österreich-Ring im Aichfeld ein Motorsport- und High-Tech-Zentrum zu schaffen, das dem obersteirischen Raum einige hundert qualifizierte Arbeitsplätze verschafft hätte.

Dietrich Mateschitz, Hälfte-Eigentümer der Weltmarke „Red Bull“, hatte einen negativen Umwelt-Entscheid zum Ausstieg benützt, weil er umdisponiert hatte. Statt der Investition in Spielberg der Einstieg ins Formel-1-Renngeschäft. Für Österreich waren damit diese Rennen und diese Termingeschäfte vorbei. Ab 2020 fanden ohnehin nur noch wenige Grand Prix in Westeuropa statt: Monaco, Monza, Silverstone, Nürburgring. Moskau war 2012 zum Konkurrenten von Monza aufgestiegen, die ganz großen Rennen fanden in Shanghai, Singapur, Tokio und in Mumbai, dem ehemaligen Bombay, statt. Da die Wirtschaft jedoch vom lokalen Geschehen nur noch geringe Abhängigkeiten hat, stabilisierte sie sich im Gefolge sinkender Ölpreise.

Außerdem, weil sich die Windenergie zu rechnen begann, China den Prozess der Anlage von Ölreserven abgeschlossen hatte und auf dem Automarkt die Beimischung von Ökosprit der Landwirtschaft zusätzliche Einnahmen verschaffte und später (ab etwa 2020) der anfangs recht teure Brennstoff Wasserstoff günstiger hergestellt werden konnte. Was sich in der Steiermark (wie auf österreichischer Bundesebene) gar nicht stabilisieren wollte, war die politische Szenerie.

Anfangs waren es die Kommunisten, die wegen ihrer Erfolge europaweit Aufsehen erregten. Andererseits traten bei nahezu jeder Landtagswahl neue Populisten auf, die mit einem Mix aus Politikerschelte und massiven finanziellen Versprechungen zu Mandaten kamen. In Graz bildete sich beispielsweise im Jahre 2010 bereits eine Liste „Neue Hausfrauen“. Sie eroberten in der Landeshauptstadt sogar ein Mandat, das sie fünf Jahre später jedoch wieder verloren. Sie verstanden sich als „Femmes elites“.

Schon bald nach 2010 setzten in Graz heftigere Debatten über die Errichtung einer „Eliteuniversität“ auf dem Grazer Schlossberg ein. Von Seiten der Wissenschaft wurde eine Technik-Uni in starker Verbindung mit dem gut florierenden Auto-Cluster von Magna International forciert, die künstlerische Szene, unterstützt von Peter Weibel, dem ehemaligen Chef der „Neuen Galerie“, verlangte eine Kunst-Uni, die wie ein Fragezeichen vor der jeweiligen Zeit über Graz drohen sollte.

Bereits 2014 wurde das Technik-Projekt realisiert, jedoch nicht als Universität, sondern als Postgraduate-Institut mit starkem Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet der Antriebsaggregate, der Leitsysteme und der Fahrzeug-Sicherheit. Dieses Institut (das nach seiner Realisierung Joanneum-Universität genannt wurde) wurde mit Joanneum Research unter ein Direktorium gestellt und stand rasch in enger Kooperation mit der Traditionsfirma AVL-List und einigen kleineren Firmen wie Pankl in der Obersteiermark. Standort wurde jedoch nicht der Schlossberg, sondern Unterpremstätten, das verkehrsmäßig näher an Graz herangerückt wurde.

mutant-eErst 2021 konnte das Schlossberg-Projekt in Angriff genommen werden – als eine Crossover-Uni, die einerseits über ein traditionelles Philosophie-Zentrum verfügen sollte, andererseits aber auch über solche zu Konfliktforschung und Konfliktmanagement und zu Extrem- und Grenzerfahrung. Organisationsprinzip war das alte Meisterklassen-System der Kunsthochschulen, kombiniert mit „Zentren“ als Klammer und mit dem damals modernsten Simulationslabor, das Arnold Schwarzenegger noch kurz vor seinem Tod gesponsert hatte.

Finanziert wird diese Uni aus den Geldern internationaler Stiftungen. Mit 150 post-graduate-Studenten und 30 Professoren wurde begonnen, heute, im Jahre 2050, haben sich diese Zahlen verdoppelt. In Unterpremstätten war die Entwicklung nicht weniger turbulent. Dort gibt es heute etwa 800 Studenten. Mit 400 hatte man begonnen. Die Zahl der Lehrenden allerdings hat sich von 20 auf fast 100 gesteigert. Mit der Auslagerung von Teilen der Landesverwaltung im Jahre 2016 nach Unterpremstätten und der Einrichtung einer Koordinationsstelle der EU für Schadstoff- und Feinstaubmessungen im Jahre 2013 wuchs die Zahl der in Unterpremstätten Beschäftigten auf über 6.000 in den letzten paar Jahren.

Seit 2042 führt auch die im Jahre 2022 in Betrieb genommene U-Bahn nach Unterpremstätten, nachdem man drei Jahre zuvor den Flughafen-Terminal in Betrieb genommen hatte. Die U- bzw. Stadtbahn der 20er-Jahre führte von Andritz über den Hauptbahnhof und den Jakominiplatz zur Universität und weiter zum Landeskrankenhaus. Die neue Linie zweigt am Hauptbahnhof ab und verläuft nach Süden, am Schwarzenegger-Stadion vorbei. Betrieben werden sowohl U-Bahn als auch Straßenbahn und Bus-Linien von einer privaten Verkehrsgesellschaft, deren Tarife für Schüler, Studenten und Pensionisten von Stadt und Land subventioniert werden. Dies zeigt, dass die Landesregierung sich in eine Art „Landesbuchhaltung“ verwandelt hat, die von der EU oder von der Bundesregierung übertragene Aufgaben exekutiert und abrechnet.

Als Folge dieser Entwicklungen wurden in ganz Österreich zwischen 2028 und 2030 die Bezirkshauptmannschaften aufgelöst. Schon ab etwa 2010 wurde die Zahl der Landesbeamten drastisch reduziert, weil die stark wechselnden politischen Mehrheiten in Stadt und Land stets mit diesem Thema die Wahlkämpfe bestritten. Tatsächlich wurden die Beamten jedoch unter wesentlich schlechteren Bedingungen entweder in private Verleihfirmen ausgegliedert, oder diese Firmen liehen den Regierungen Arbeitskräfte zu teils horrenden Preisen. Der jüngste Skandal um die durch riesige Finanzierungslücken erzwungene Schließung aller Landesmuseen, darunter des Kunsthauses, des Schlosses Eggenberg und der Sammlungen des Joanneum, ist auf diese Entwicklung zurückzuführen.

Einerseits weil die Verwaltung, 2024 privaten Firmen übergeben, jährliche Kostensteigerungen von gut zehn Prozent aufweist, andererseits weil es eine völlig unüberschaubare Zahl von Kulturkommissionen gibt, die unter dem Titel der „Unabhängigkeit“ das Kulturleben lahm gelegt haben. Über Förderungen wird kaum noch entschieden, Debatten gibt es nur noch über die Höhe der Sitzungsgelder und Reisekosten, die bereits zwei Drittel des Kulturbudgets des Landes ausmachen. Ähnliches spielt sich im steirischen Sozialwesen ab, wo die Caritas nach den Rückgängen der Mitgliedszahl der katholischen Kirche auf ungefähr 40 Prozent des Standes im Jahre 2000 nur noch punktuell die steigende Armut bekämpfen konnte.

Das meiste Geld im Sozialbereich verschlangen „unabhängige“ und „ehrenamtliche“ Prüfungsorgane, denen auch Hilfsgruppen unterworfen sind, die sich ausschließlich aus privaten Spenden finanzieren. Der im Land um 2015 eingeführte Umwelt-Beratungsdienst musste 15 Jahre später wieder eingestellt werden, ebenso wie die Schulweg-Sicherung (die an neuralgischen Punkten ausschließlich von Eltern und Pensionisten betrieben wird) und die Bezuschussung der Kindergärten, die man 2039 gestrichen hat.

mutant-bLangfristig hat in den letzten 50 Jahren der für die Wirtschaft wichtige Infrastrukturbereich die größten sichtbaren Fortschritte gemacht. Vom Universitätsbereich war bereits die Rede, von der Entwicklung im Grazer Raum ebenfalls. Spektakulär waren sowohl die Fertigstellung des Semmering-Basis-Tunnels im Jahre 2023 sowie die des Koralm-Tunnels fünf Jahre später. Immer noch nicht auf westeuropäischem Niveau ist die Ausstattung der Bundesbahnen. Der Komfort hinkt hinter dem der Bundesrepublik zurück, wobei es Ausnahmen gibt: Auf der von einem ungarischen Konzern betriebenen Strecke Graz–Fürstenfeld–Balaton–Budapest verkehren luxuriöse Kurzzüge mit Internet-Stationen.

Die Autobahnen sind wie die meisten im europäischen Raum seit den 30er-Jahren mit Leitsystemen ausgestattet, die Pkw auf gesetzliche Höchstgeschwindigkeiten herunterbremsen und die vorgeschriebenen GPS mit Daten über Staus, Baustellen und Beschränkungen ausstatten. Beim Treibstoff hat Benzin weiter verloren. Nur noch zehn Prozent der Pkw werden mit bleifreiem Benzin betrieben, fast 20 Prozent bereits mit Wasserstoff. Auf 70 Prozent gestiegen ist der Einsatz von Diesel, der bekanntlich seit 2007 mit Öko-Sprit vermischt wird. Bei den Lkw hat Diesel einen Anteil von 90 Prozent.

Vom Verkehrsausbau profitierte neben dem Grazer Raum auch die Region Leoben–Bruck–Kapfenberg, weil dort 2033 auch ein neuer Flugplatz der Benützung übergeben wurde, der auf einer neuen Technologie fußt: Abgeleitet vom militärischen Bereich wurden seit etwa 2020 kleinere Turboprops eingesetzt, die noch in der Luft „starten“ oder „landen“ können und dann langsam zu Boden gehen (oder abheben). Dadurch sind längere Landebahnen überflüssig. Am Brucker Flughafen gab es im vergangenen Jahr täglich fast 50 Flugbewegungen. Neben einem zweistündlichen Shuttledienst zum Thalerhof und retour wird zwei Mal pro Tag Wien-Schwechat angeflogen, ein Mal pro Tag sowohl Zagreb als auch Ljubljana, Bozen und Triest. Im Osten sind Györ, Budapest und Cluj auf dem Flugplan. Innerösterreichische Destinationen sind neben Wien und Graz die Städte Linz, Salzburg, Innsbruck. Der Personenverkehr wird durch einen steigenden Frachtverkehr ergänzt.

Noch nicht ganz erholt hat sich die Steiermark von den Auswirkungen des schweren Atomunfalls des Jahres 2036 in der Ukraine. Zwar waren wegen der Windverhältnisse bekanntlich die westlichen Teile Russlands am meisten betroffen (die Zahl der Todesfälle betrug allein in den ersten beiden Jahren nach dem Gau mindestens 15.000), aber ähnlich den Auswirkungen von Tschernobyl im vergangenen Jahrhundert kam es auch in der Steiermark zu weit erhöhten Strahlenbelastungen. Das vermehrte Auftreten von Leukämiefällen im Burgenland und in der Oststeiermark ab 2040 wurde nach einer mehrjährigen Studie, die vor zwei Jahren fertig gestellt wurde, auf diesen Atomunfall zurückgeführt.

Die unmittelbare Belastung für unser Land war jedoch eine Flüchtlingswelle, die sich Richtung Westeuropa ergoss. Allein die Steiermark hatte es im Herbst 2036 mit 18.000 ukrainischen Flüchtlingen zu tun, für die spezielle Winterquartiere errichtet werden mussten und deren Versorgung naturgemäß trotz Einsatzes von EU-Mitteln das Landesbudget enorm angespannt hat. Zwölf Jahre später waren immer noch 7.000 Ukrainer im Lande, deren Integration bewältigt werden musste. Allerdings füllen die meisten Frauen unter ihnen Lücken im Pflegebereich: Sie sind in der niedrig bezahlten Altenpflege tätig.

Von den ursprünglichen 18.000 sind etwa die Hälfte wieder zurückgekehrt. Zweitausend sind entweder nach Australien oder nach Kanada im Rahmen internationaler Programme weiter gereist. Das schwere Erdbeben des Jahres 2040 in Kalifornien hatte auf die Steiermark keine direkten Auswirkungen, ebenso nicht die Terrorattacke mittels Raketenbeschusses auf Bürotürme in Singapur. Indirekt waren die ökonomischen Folgen spürbar, weil es in Asien zu einem Aktiensturz kam und die amerikanische Wirtschaft in den beiden folgenden Jahren nur wenig wuchs. Das spürten auch die steirischen exportorientierten Firmen.

lesen_im_jahr_2050Umgestellt hat sich in den vergangenen 50 Jahren das Klima und damit natürlich auch die Landschaft. Spektakuläre städtische Folge: Im Grazer Stadtpark sieht es aus wie in Meran, weil sowohl Palmen als auch Oleander kein Winterquartier brauchen. In der „steirischen Toskana“, dem Weingebiet, sind „italienische“ Reben längst im Vormarsch. Die Steigerung der Durchschnittstemperatur um 1,8 Grad hat auch bewirkt, dass es im Weinland viel mehr Feigenbäume gibt und dass das Landschaftsbild jenem von Friaul vor mehreren Jahrzehnten ähnelt.

Auf der negativen Seite ist zu bemerken, dass sich die Schneegrenze faktisch auf über 1.000 Meter zurückgezogen hat und dass sowohl die Zahl der heftigen Gewitter als auch die der Stürme zugenommen und damit die Landwirtschaft erschwert hat. Die traditionellen steirischen Schigebiete (Schladming, Aussee, Murau)
haben immer wieder mit Regenfällen mitten im Winter zu kämpfen.


Zum Schluss noch einige statistische Hinweise:

• Lebensdaten

Die Zahl der Geburten hat sich bei 1,8 pro Frau eingependelt. Sechs Prozent der Kinder werden mittlerweile von Leihmüttern ausgetragen. Die Zahl der adoptierten Kinder hat sich seit 2030 verdreifacht. Die Scheidungsquote von 65 Prozent in den ersten zehn Jahren nach Eheschließung ist in den letzten zehn Jahren in etwa gleich geblieben. Die Lebenserwartung ist bei Frauen auf 91 Jahre, bei Männern auf 88 gestiegen.

• Arbeit und Pensionen

Das Pensions-Eintrittsalter wurde 2026 auf 66 und neun Jahre später auf 67 erhöht, für Frauen gleich wie für Männer. Personen, die früher in Pension gehen, unterliegen nicht nur einer Abschlagsregelung, sondern auch der Verpflichtung für Dienstleistungen im öffentlichen Bereich von mindestens fünf Wochenstunden.

• Vermischtes

Die Zahl der zugelassenen Pkw pro Einwohner über 18 hat 2041 zwei überschritten. Die Zahl der Kühe hat sich in der Steiermark in den letzten 25 Jahren halbiert, Ziegen kommen nur noch vereinzelt vor, die Zahl der Schafe und der Pferde ist in etwa gleich geblieben. Die Zahl der Katzen und Hunde hat sich in den vergangenen 50 Jahren verdoppelt, bei den Hunden vor allem zugunsten der Wachhunde. Auf dem flachen Land nimmt die Anzahl der Wachgänse stark zu, seit dafür Ausbildungen angeboten werden. Zum Äpfelpflücken in der Oststeiermark werden seit sechs Jahren Schweinsaffen mit großem Erfolg eingesetzt.


„Debile und Taube“

Henkersknechte, Monarchen, Kommunisten, Widerständler. Ein Abriss der politischen Geschichte der Steiermark bis 1945.

Jakobiner hießen die Anhänger der französischen Revolution. Zentrum ihrer Aktivitäten war Wien. In der Steiermark war es interessanterweise nicht Graz, sondern Knittelfeld (eine seltsame Parallele zum Aufstand in der FPÖ 2002, der zum Zusammenbruch des Kabinetts Schüssel I und zu Neuwahlen führte). In den 90er-Jahren des 18. Jahrhunderts agitierte der Knittelfelder Stadtpfarrer Peter Basulko offen gegen Habsburg und die Monarchie.

„Auf Steiermark. Rüste dich, damit die Macht der Großen, der Henkersknecht, bald auf ewig wird zerstossen.“

Als der schottische Philosoph David Hume 1748 von Wien nach Turin gereist war, war ihm Knittelfeld ebenfalls als bemerkenswert erschienen. Die Bewohner seien zum Unterschied von der wild-schönen Landschaft „unzivilisiert, deformiert und grässlich“, schrieb er nach Hause. „Geschwollene Kehlen“ seien dominant, es drängten sich „Debile und Taube“. Sie wirkten „nicht europäisch“.

Wenn sie jedoch zu singen begännen, wirke das „melodischer als jeder Chor einer französischen Oper“. Spätere Interpreten meinten, David Hume habe diese Obersteirer möglicherweise mit Kärntnern verwechselt. Die aufrührerische Tradition des „wilden Bergvolks hinter dem Semmering“ setzte sich 1848 fort. In der Steiermark selbst war von der Revolution wenig zu spüren. Aber Steirer, die sich 1848 in Wien an den Barrikadenkämpfen beteiligten, gab es etliche.

Immerhin brach in Graz, als Erzherzog Johann die Nachricht vom Sturz Metternichs überbrachte und an jenem Abend im Theater der „Don Carlos“ gegeben wurde, bei den Worten Posas – „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ – minutenlanger Jubel aus. Immerhin wurde in der Folge ein „Demokratischer Verein“ gegründet, der das Selbstbestimmungsrecht der Völker verlangte, die Monarchie in einen „Völkerverband nationaler Kulturstaaten“ verwandeln wollte und die Staatsmittel vor allem sozialen Zwecken zuführen wollte.

Sein 1856 gegründetes Organ war die Grazer Tagespost unter Anton Kulnigg, die später unter dessen Nachfolgern immer mehr ins nationale Fahrwasser geriet. Seit 1848 artikulierten sich auch die Slowenen immer heftiger. Sie wählten vor allem den Grazer Landtag, um ihre Diskriminierung in den Schulen anzuprangern. Diese waren doppelsprachig, aber mit deutscher Dominanz, sodass vor allem die Kinder aus der slowenischen Unterschicht kaum folgen konnten. Als in den 1870er-Jahren auch in der Steiermark die Sozialdemokratie über Arbeitervereine Fuß fasste, war sie keine Hilfe für die Slowenen. Selbst im Raum Marburg dominierte die deutsche Arbeiterschaft, deren Funktionäre auf die nationale Karte setzten.

Zu einer Widerstandsbewegung entwickelte sich die Sozialdemokratie im Verein mit Kommunisten erst in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts – als die demokratischen Institutionen ausgeschaltet wurden. Ihr tragischer Held wurde der Brucker Parteisekretär Koloman Wallisch, der am 12. Februar das politische Kommando des „Schutzbundes“ hatte. Nach dem Zusammenbruch des militärischen Widerstands wurde Wallisch nach fünftägiger Fahndung verhaftet und zum Tod verurteilt. Am 19. Februar wurde er in Leoben gehenkt.

Keine Widerstandsgeschichte, sondern eine der Verfolgung ist das Schicksal der Juden in der Steiermark. Zwar gab es im Unterschied zu anderen Teilen Mitteleuropas im Steirischen wenig physische Verfolgung. Aber die Ausweisung der steirischen Juden unter Kaiser Maximilian zwischen 1496 und 1502 vor allem aus Graz, Judenburg, Marburg, Radkersburg und Cilli (die meisten gingen nach Westungarn, Triest oder Brünn) hatte bleibende Wirkung.

1910 gab es in der Steiermark 2.700 gläubige Juden (Vergleich: 3.200 im Burgenland), die ab den 20er-Jahren immer stärkerem Druck ausgesetzt waren. Ihr bekanntester Rabbiner war David Herzog, ihre bekanntesten Mitglieder Nobelpreisträger Otto Loewi und der Textilunternehmer Simon Rendi. Das Judenpogrom in der Nacht zum 10. November 1938 war ähnlich grauenvoll wie überall. Die Synagoge am Grieskai wurde eingeäschert, mehr als 300 von den noch in der Stadt verbliebenen Juden wurden verhaftet und abtransportiert.

Weitere „Transporte“ bis zum April 1939 folgten. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus organisierte sich in faktisch allen Teilen der Steiermark. Bis zum letzten Kriegstag wurde nach den Widerständlern gefahndet, kam es zu Hinrichtungen.

Die wichtigste Widerstandsgruppe hatte sich um den Schauspieler Karl Drews und den Architekten Herbert Eichholzer gebildet. Der eine wurde 1942, der andere 1943 hingerichtet. Erst 23 Jahre alt war der Schriftsteller Richard Zach, der ebenfalls zu diesem linken Widerstandskreis gehört hatte und der, ebenfalls 1943, in Berlin sein Leben lassen musste. Aus dem Kreis des katholischen Widerstands ragte Pfarrer Heinrich dalla Rosa heraus. Er wirkte unter anderem in Paldau und in Allerheiligen im Mürztal. In Wien wurde er im Jänner 1945 enthauptet.

"steiermark - die knappe geschichte eines üppigen landes"Gerfried Sperl: Steiermark – Die knappe Geschichte eines üppigen Landes, Ueberreuter Verlag, Wien 2005, 14,95 Euro, ab Mitte September im Buchhandel erhältlich.



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