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Heil Hitler und so

Jedes Jahr treffen sich in einer kleinen Stadt am Rande Tschechiens dutzende Menschen, um eine historische Schlacht mit brisantem Hintergrund nachzuspielen: den Kampf zwischen Sudetendeutschen und tschechoslowakischer Armee im Jahr 1938.

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Text: Niklas Perzi
Fotografie: Victoria Schaffer
Ich hatte mir geschworen, es nie wieder zu tun. Das letzte Mal? Das war vor 13 Jahren, hieß Waffenübung beim Bundesheer oder so ähnlich, und es gab keinen, der nicht heilfroh war, als das Ganze vorbei war. „Unsere“ Einheit wurde einfach aufgelöst, eine Art Kollateralschaden des Zusammenbruchs des Ostblocks. Und jetzt wieder. Waffenausgabe. Rund um einen Militärwagen drängen sich ein Dutzend Männer um den Vortritt. Einiges ist so wie damals. Vieles anders. Mit Müh und Not ergattere ich einen der alten Karabiner. Diesmal muss dafür gezahlt werden. 250 Kronen Leihgebühr plus sechs für jede Patrone. Langsam löst sich die Schlange vor dem Wagen auf. Der Waffenmeister ruft quer über das Gefechtsfeld zur Belehrung. Vieles ist anders.

Ein bunt zusammengewürfelter Haufen kann das Losballern kaum noch erwarten. Der Waffenmeister spricht Tschechisch, von einer geordneten Uniformierung kann keine Rede sein. Halbwüchsige in einer nachgeahmten Zivilkleidung aus den Dreißigern mit weißen Stutzen – dem Erkennungszeichen der sudetendeutschen Nazis – stehen neben mittelalten Männern in Gestapo- und SS-Uniformen.

„Im Secondhandladen ergattert, um nur 40 Kronen, und selber geschneidert“, bekomme ich auf meine Frage nach der Herkunft der Kleidungsstücke zur Antwort. Manche haben sogar eigens schneidern gelernt, um sich aus alten Stofffetzen ihre Uniformen basteln zu können. Mit meinem geerbten abgetragenen Konzertanzug aus den Fünfzigern falle ich etwas aus der Reihe. Noch dazu fehlt die Hakenkreuzbinde. Keine Ahnung, wo man so etwas herbekommt. Secondhandläden gibt es im Waldviertel keine.

Wieder steht Kampf auf dem Programm. Oder halt das, was man in Zeiten des Friedens vom Krieg nachspielen kann. Schießen, schreien, laufen, Männerscherze. Und, wenn es niemand sieht, auch mal ein gezieltes Hintreten auf den am Boden liegenden „Feind“. Der steht nicht wie vor 13 Jahren im Osten, sondern im eigenen Land. Und dargestellt wird kein zukünftiges Schreckensszenario („Die Russen kommen!“), sondern die Vergangenheit: (Sudeten-)Deutsche gegen Tschechen, nachgespielt bei Slavonice in Südmähren, nur einen Kilometer vom ehemaligen „Eisernen Vorhang“ und der österreichischen Grenze entfernt.

2_6September 1938, tschechoslowakische Grenze zum Deutschen Reich. Hitler hat beschlossen, nach Österreich auch die Tschechoslowakei zu kassieren. Als willkommener Vorwand dienen ihm die Sudetendeutschen, die drei Millionen starke, ewig unzufriedene Minderheit
im Staat der Tschechen und Slowaken. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven haben sie in die Fänge der Partei Konrad Henleins getrieben. In dieser paart sich der Glaube an eine bessere Zukunft mit dem nationalen Größenwahn.



„Im Reich ist es besser“, lautet die Parole. Nach und nach erobert die Henlein-Propaganda auch die verschlafenen südmährischen Bauerndörfer an der Grenze zu Österreich. Im Spätsommer 1938 ist die Stimmung zum Zerreißen gespannt. Henlein flieht nach Deutschland und verkündet über den Sender Leipzig die Parole: „Wir wollen heim ins Reich.“

Er ruft die Sudetendeutschen zum offenen Aufstand auf. Viele fliehen über die Grenze, lassen leere Dörfer zurück. In den Auffanglagern hören sie die Reden Hitlers, der die Sudetendeutschen unter seinen „Schutz“ nimmt. Dort werden die Männer herausgesiebt, die sich später als Freikorps formieren. Viele melden sich freiwillig. Sie gehen über die Grenze, überfallen tschechische Zollhäuser und Grenzwachen und terrorisieren die Zurückgebliebenen. Es gibt die ersten Toten. Wird es Krieg geben?

Der tschechische Staat ist nicht wirklich gut vorbereitet. Bald nach der Machtübernahme Hitlers im Deutschen Reich hat man zwar mit dem Bau von Festungsanlagen an der Grenze begonnen. Der französischen Maginotlinie nachgebildet, sollen sie einen deutschen Angriff an der Grenze abwehren und einen geordneten Rückzug der Armee in die gebirgige Slowakei ermöglichen. Die Befestigungen im Süden, gegen Österreich hin, werden aber erst im letzten Moment hektisch errichtet, hunderte, mit Maschinengewehren und Kanonen ausgestattete Bunker gebaut. Zu spät. Es bleiben zu viele Lücken.

Wer weiß, dass solche Bunkeranlagen leicht umgangen werden können und damit jeden Wert verlieren, kann sich vorstellen, in welch wenig beneidenswerter Situation sich die Tschechoslowakei 1938 trotz ihrer gut ausgestatteten Armee befunden hat. Am 22. September verfügt Präsident Eduard Benes dennoch die allgemeine Mobilmachung. Rasch gelingt es der Armee und den aus Zöllnern und Gendarmen gebildeten Staatsschutzeinheiten, die Unruhen in den Dörfern niederzuschlagen und die paramilitärischen Banden der Sudetendeutschen über die Grenze zu verjagen. In den Bunkern erwarten die Soldaten danach den Angriff der Wehrmacht.

Unser Gefechtsfeld liegt mitten im Wald. Herr über das Geschehen ist der 30-jährige Budweiser Jirí Duchon. Vor zwei Jahren hat er diesen von der Welt vergessenen Winkel im Dreiländereck von Böhmen, Mähren und Österreich rund um das Renaissancestädtchen Slavonice entdeckt und damit begonnen, die bis dahin vor sich hindämmernden Festungsanlagen zu revitalisieren. Der gelernte Tischler hat sich schon als Schüler für Bunker interessiert.

„Damals war es aber nicht möglich, viel darüber zu sprechen, weil diese von den Kommunisten mit der bourgeoisen Ersten Republik identifiziert wurden.“ Vorerst begann er mit der Rekonstruktion von Anlagen bei Budweis, aber eine so gut erhaltene und zusammenhängende Formation fand er nur hier. Mit Militärhose aus dem Army-Shop und einem T-Shirt mit dem großen tschechoslowakischen Staatswappen aus der Zwischenkriegszeit bekleidet, verbringt er beinahe jedes Wochenende im Sommer in dem von ihm zum „Festungsareal“ ausgebauten Waldgebiet bei Slavonice.

Neben den neun Bunkern, von denen der Wochenendstratege drei mit funktionstüchtigen Maschinengewehren, Karabinern, Gasmasken, Periskopen und handbetriebenen Ventilatoren nach 66 Jahren wieder kampfbereit machte, gehören spanische Reiter sowie mehrere Staffeln von Panzersperren zum Gelände. Mit Wasser und Lebensmitteln versorgt sich der Idealist Duchon bei einer nahe gelegenen Pension. Die Zeit vertreibt er sich mit Bunkerführungen.

In einer Art Basislager können sich die Besucher mit Literatur eindecken, auf einem Baumstamm weht die tschechoslowakische Fahne. „Die Panzersperren habe ich mir aus Kasernen und von Truppenübungsplätzen organisiert“, erklärt er, und seine Augen leuchten dabei auf. Neben der Liebe zu Uniformen und anderen Militaria habe ihn auch der Versuch getrieben, mit seinem Historyland etwas gegen die „Umschreibung der Geschichte“ zu unternehmen.

Diese Phrase wird in Tschechien oft gebraucht, wenn es um die „sudetendeutsche Frage“ geht. Gegen die „Umschreibung der Geschichte“ ist nicht nur Duchon, sondern auch Josef Urbanek, der kommunistische Bürgermeister von Slavonice, der das Gelände zu günstigen Konditionen zur Verfügung stellt. „Keiner, der nicht im Krieg war, sollte darüber heute urteilen“, meint er. Es sei jedenfalls gut, dass sich jemand um die Bunker kümmert, und wichtig, dass es solche Gedenkaktionen gibt. Was die Ereignisse nach 1945 und die Aussiedelung der Deutschen auch aus seiner Stadt betrifft, will er jedoch „lieber in die Zukunft schauen“. Zurück in die Vergangenheit. Wir warten auf den Kampf.

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Wie besprochen werde ich einer der beiden Gruppen der geflüchteten sudetendeutschen Aufständischen zugeteilt, deren Aufgabe es ist, vom sicheren „Reichsgebiet“ aus die tschechoslowakischen Ordnungshüter in ihren Gendarmen- und Zöllneruniformen zu provozieren. „Das Szenario ist denkbar einfach“, sagt ein schmissiger Mittvierziger, der Führer der Gruppe. „Zuerst provozieren wir, dann greifen wir an, werden zurückgeschlagen. Damit auch das Publikum eine Freude hat, bleiben ein paar von uns tot liegen, der Rest greift dann zum zweiten Mal die Bunker an. Am besten bleibst du im Hintergrund und machst das, was alle anderen auch tun.“ Meine Mitkämpfer spielen nervös am Abzug ihrer Karabiner herum. Weiter weg sind die ersten Schüsse zu hören. In unserer Einheit finden sich auch Maschinengewehre und Handgranaten.

Kurz vor Beginn des Gefechts werde ich als einziger muttersprachlicher Deutscher mit einer Spezialaufgabe zum zweiten Zug eingeteilt: „Schreien, laut schreien! Heil Hitler und so!“ Aus der Ferne ist der Beginn des Schauspiels zu beobachten. Auf der zu erobernden Anhöhe haben sich die Darsteller der „regulären“ Einheiten von tschechoslowakischer Armee, Zöllnern und Gendarmerie versammelt. Aus Lautsprechern ertönt die tschechoslowakische Hymne. Inzwischen ist das Gelände voll von Besuchern. Neben Familien mit kleinen Kindern finden sich auch viele allein stehende Männer in Army-Uniformen. Dazu werden Bier und Grillwürstel verkauft. Das Ganze erinnert an Volksfest und Mobilmachung zugleich.

Zwischen der Front läuft ein sportlicher Mittdreißiger in Armeeuniform nervös herum. Über sein Handy kommuniziert er mit der Regie. Wir haben in einer Reihe hinter Grenzsteinattrappen im „Reich“ Aufstellung genommen. „Ist das hier wirklich die Grenze?“, fragt einer. „Du Dummkopf, das gäbe einen schönen diplomatischen Zwischenfall. Die Österreicher und die Deutschen sind bei so was sehr empfindlich“, bekommt er zur Antwort. Mit „so was“ ist die ungewöhnliche Kostümierung gemeint. Links von mir steht ein Typ in SS-Uniform. Rechts von ihm ein Halbwüchsiger mit Revolver und Hakenkreuzbinde.

Kämpfern und Publikum wird allmählich langweilig. Endlich taucht eine „Gendarmeriepatrouille“ entlang der fingierten Staatsgrenze auf. Sofort beginnen die Sudetendeutschen auf Tschechisch und in gekünsteltem Hochdeutsch zu schreien: „Tschechische Schweine, das ist unsere Heimat! Wir wollen heim ins Reich!“ Die Szenerie beginnt ins Surreale abzugleiten. Ich bringe kein Wort heraus und summe Gedankenverloren das „Freikorps“-Lied, das mir ein alter Sudetendeutscher vor ein paar Jahren beigebracht hat: „Freikorps heraus, heute geht’s nachhaus …“ Warum merke ich mir solche Dinge bloß immer?

Die zwei Gendarmen werden überwältigt, gefangen genommen und hinterrücks erschossen. Über den Lautsprecher gibt der Gefechtssprecher patriotische Durchhalteparolen von sich. Nur vereinzelt sind im Lärm der Platzpatronen Wortfetzen aus dem Publikum zu hören. „Da kommen die faschistischen Schweine schon“, sagt ein Vater zu seinem Sohn, als er uns erkennt.

Wir greifen jetzt auf der ganzen Linie an, robben uns über den Hügel vor. Arme Schweine, die Kriegsreporter, schießt es mir durch den Kopf. Der Lärm wird unerträglich. Ich komme ins Schwitzen. Während die anderen noch heftig ballern, ist mir die Munition ausgegangen, und ich kann mich so unauffällig dem Pflücken von Heidelbeeren widmen.

Meine Mitstreiter indes sind begeistert bei der Sache. Keine Spur vom Klischee des böhmischen Schwejk. Endlich kommen den tschechischen Gendarmen „reguläre“ Armeeeinheiten zur Hilfe und schlagen uns über die Staatsgrenze zurück in die Flucht. Am Gefechtsfeld bleiben einige Darsteller liegen. Der Jubel der Tschechen ist nur kurz. Zwar bleiben sie am „Schlachtfeld“ unbesiegt, doch der Feind dringt durch Verrat ins Land. Der Sprecher erzählt die alte tschechische Saga des Dramas und Traumas von München, wo die Großmächte „ohne uns über uns“ den Staat filetierten. Großbritannien und Frankreich hatten sich geweigert, ihrem Verbündeten Tschechoslowakei gegen Hitler zu Hilfe zu kommen und lieferten ihm die sudetendeutschen Gebiete gegen eine wertlose Garantieerklärung für den Reststaat und „Frieden für unsere Zeit“, wie der britische Premier Neville Chamberlain meinte, aus. Benes, von allen verlassen, fügte sich.

Die tschechoslowakischen Soldaten zogen sich kampflos ins Hinterland zurück. Nicht nur die Armee, das ganze Land versank in Schmach und Resignation. Der Streit, ob man nicht doch auch alleine hätte kämpfen sollen, bestimmt seither fast jede historische Diskussion in Tschechien. Auch hier, nach dem Gefecht. „Auf alle Fälle“, meinen vier Burschen im Alter von 18 Jahren, die aus dem westböhmischen Pilsen angereist sind, um so „Geschichte hautnah und unverfälscht“ zu erleben.

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„Aus euch spricht die Emotion, aber es gab damals für Präsident Benes keine andere Möglichkeit als die vorläufige Kapitulation“, widerspricht der 35-jährige Martin Urbanek aus Brünn, einer der wenigen richtigen (Berufs-)Soldaten, die an der Aktion teilnehmen. Für ihn ist das hier alles nur ein „großes Theater, ein großes Spiel“ ohne politischen Hintergrund. „Wir tschechischen Männer spielen halt gerne“, und es sei im Übrigen besser und gesünder, im Wald herumzulaufen, als sich zu betrinken oder Drogen zu nehmen.

Dass das Schauspiel alte Vorurteile und antideutsche Reflexe wiederbeleben könnte, glaubt er nicht. „Einige unserer besten Freunde sind Deutsche“, sagt Urbanek, der seine Meinung zu Vertreibung und Benes-Dekreten hier nicht unbedingt preisgeben will. Ein paar seiner Mitstreiter geben sich offener: „Die Deutschen wollten heim ins Reich, dort sind sie jetzt. Sicher, es gab einige Exzesse während der Aussiedelung. Aber sie war gerecht und notwendig.“ Und gegenüber den Ereignissen von 1938 sei das Ganze geradezu human abgelaufen. Mit Grauen denke ich daran, wie oft ich mir von den Sudetendeutschen schon das Gegenteil habe abhören müssen.

Wozu braucht man da noch Historiker? Slavonice gleicht einem historischen Minenfeld, das die ganzen Tragödien des deutsch-tschechischen Zusammenlebens im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie war das deutschsprachige Zlabings eine der wenigen Städte, um die zwischen den beiden neuen Republiken (Deutsch-)Österreich und Tschechoslowakei auch militärisch gerungen wurde.

Die nächsten zwanzig Jahre raufte man sich dann mit Ach und Krach zusammen. Nach dem Münchner Abkommen war die Stadt eine der ersten Stationen Hitlers auf seiner Fahrt durch das „befreite“ Südmähren. Tschechen, Juden und deutsche Sozialdemokraten waren da schon weg. Der Hauptplatz war dennoch zum Bersten voll. 1945 kam hier der Elendszug der deutschen Iglauer auf ihrem Weg ins nahe Österreich durch. Hier liegen auch ihre Toten begraben: 25 Säuglinge und Kleinkinder, die den Marsch nicht überlebt haben. Nach 1945 kam es zum fast vollständigen Austausch der Bevölkerung.

Die Deutschen mussten gehen, tschechische Neusiedler aus allen Teilen des Landes zogen in die leer stehenden Häuser. Nach der Erklärung zur „Grenzschutzzone“ durch die Kommunisten versank die Stadt jahrzehntelang im Dornröschenschlaf, bis sie noch vor dem Fall des Eisernen Vorhanges einige Prager Intellektuelle und Künstler als Rückzugsgebiet für sich entdeckten. Heute ist Slavonice im Sommer voll von Ateliers, alternativen Werkstätten und intellektuellen Klubs.

Die Stimmung zwischen den nach 1945 Gekommenen und den in den letzten Jahren Zugewanderten ist allerdings nicht die beste. Zwischen den alteingesessenen „Werktätigen“ und den bourgeoisen Prager Bohemians herrscht eine Art Apartheid. Sogar der Wirtshausbesuch ist strikt nach Zugehörigkeit getrennt. Nicht alle sind begeistert vom paramilitärischen Spektakel vor den Stadttoren. Zdenek Zampa, einer der Gründerväter der alternativen Szene, hat im vergangenen Jahr die ausgesiedelten Deutschen zu einem Versöhnungstreffen in die Stadt eingeladen. Er befürchtet, dass Aktionen wie jene von Duchon neue Missgunst schüren könnten.

Auch die Handlung ist nicht ganz der Realität nachgebildet. Zwar wurde 1938 das tschechische Zollamt eingenommen und in der Umgebung ein tschechischer Gendarm über die Grenze entführt und ins Gestapo-Gefängnis nach Wien verschleppt; die „Schlacht um die Bunker“ indes hat es niemals gegeben.
Aber historische Feinheiten stehen heute nicht zur Debatte, und von der lokalen Geschichte wissen die Kämpfer kaum etwas. „Wenn nicht hier, so doch anderswo“, sagt Duchon, der als „Chefdramaturg“ auch für das Drehbuch der Schlacht verantwortlich zeichnet. Als Unterlagen nutzt er Bücher und Aussagen von (tschechischen) Zeitzeugen. Die Jugend solle lernen, wie es wirklich war. Schließlich sei das hier eines der am „schönsten erhaltenen“ Bunkerfelder in Tschechien.

Während der Vorführungen wird die Gegend mit einfachen Plastikmaschen eingegrenzt und zum Schlachtfeld erklärt, auf dem fast alles erlaubt ist. „Wir könnten theoretisch auch scharf schießen. Aber das tun wir nicht.“ Zwei Polizisten haben vor der Aktion die Waffen kontrolliert, damit war die Sache behördlich erledigt. Weiter gehende Sicherheitsmaßnahmen seien nicht notwendig, heißt es. Die Prager Waffenverleihfirma macht ein gutes Geschäft.

Das Gefecht zieht Begeisterte aus ganz Tschechien an, obwohl es nicht das Einzige seiner Art ist. Gerade im „Jubiläumsjahr 2005“, in dem man den 60. Jahrestag der Befreiung begeht, wird an fast jedem Wochenende in einer anderen Ecke des Landes Krieg gespielt. Viele der etwa 150 Kämpfer ziehen diesen Kämpfen wie einem Wanderzirkus nach. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen erfolgt über das Internet. Es kommt schon vor, dass man manchmal auch Applaus und Gäste aus dem „falschen Eck“ anzieht; Leute, die es schätzen, hier in SS- und Wehmachtsuniformen ungestört durch die Gegend laufen zu können. Doch im Allgemeinen passe das mit dem tschechischen Patriotismus ja nicht zusammen, sagt Duchon.

Letzte Szene: Der Sprecher bittet um Ehrehrbietung jenen tschechoslowakischen Soldaten gegenüber, die „kämpfen wollten, aber nicht durften“. Alle schweigen. Nur ein paar holländische Touristen, die die Aufforderung nicht verstanden haben, tratschen weiter. Danach erfolgt, an den Bunkern vorbei und begleitet von den „Sieg Heil“ schreienden „sudetendeutschen“ Zivilisten, der Einmarsch der Darsteller, die sich jetzt als Soldaten der deutschen Wehrmacht verkleidet haben.

Ein glatzköpfiger Tscheche in der Schrecken erregenden Uniform der deutschen Feldgendarmerie, den berüchtigten „Kettenhunden“ des Weltkrieges, gibt auf Deutsch scharfe Kommandos. „Rechts um, im Schritt marsch.“ Neben dem „eroberten“ Bunker wird die Hakenkreuzfahne gehisst. Aus dem Lautsprecher ertönt das Horst-Wessel-Lied. Einige heben die Hand zum „deutschen Gruß“, andere salutieren.

Nächstes Jahr soll wieder gekämpft werden. Diesmal die Schlacht, die es niemals gegeben hat: tschechoslowakische gegen Wehrmachtssoldaten. Die Sudetendeutschen dürfen nicht mehr mitmachen. Wer gewinnen soll, steht noch nicht fest.



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