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3. September 2000: Rafik Hariri gewinnt die Wahl im Libanon und führt das Land aus den Wirren des Bürgerkrieges. Und durch seinen Tod in die Freiheit.

Einführung: Mathias Huter
Kommentar: Saskia Jungnikl
Einführung

Mit einem Erdrutschsieg kehrte Rafik Hariri in die Politik zurück. Das überkonfessionelle Wahlbündnis des schiitischen Selfmade-Milliardärs, der aus armen Verhältnissen stammte und mit Baufirmen in Saudi-Arabien ein Vermögen gemacht hatte, beendete die Ära des von Syrien gestützten Premiers Salim el Hoss. Mit Hariri war jener Mann, der schon von 1992 bis 98 als Premier die Politik des Libanon entscheidend gestaltete, wieder an der Regierung.

Nach dem Ende des 15-jährigen Bürgerkriegs 1990 lag die Wirtschaft am Boden. Hariri gelang es, Kredite für den Wiederaufbau zu bekommen, das Land zu öffnen und Investoren anzulocken. In den Neunzigern blühte der Libanon auf: Schulen wurden gebaut, der Tourismus boomte, der Wohlstand wuchs – um den Preis einer rasant steigenden Staatsverschuldung. Im saudischen Königshaus war Hariri gern gesehen, mit Frankreichs Präsident Jacques Chirac verband ihn eine Freundschaft. Der Premier wurde zum Symbol des aus den Bürgerkriegstrümmern wiederauferstandenen Landes. Trotzdem gelang es Hariri nicht, sich aus der Umarmung der Schutzmacht Syrien zu lösen. Damaskus hielt den Libanon weiter mit 15.000 Soldaten besetzt.

Die von Syrien und dem Iran unterstützte islamistische Hisbollah entwaffnete Hariri nicht – er betrachtete sie als Schutzschild gegen Israel. 1998 installierte Syrien Ex-Armeechef Emile Lahoud als Präsidenten, der Hariri aus dem Amt drängte. Nur zwei Jahre später kandidierte der trotzdem erneut und siegte abermals; insgesamt stand Hariri fünf Regierungen vor. 2004 setzte Syrien eine Verlängerung der Amtszeit von Lahoud durch. Hariri zog sich von der politischen Bühne zurück – ohne ein Antreten bei der Wahl 2005 auszuschließen.

Dazu kam es nicht mehr. Am 14. Februar 2005 zerreißt die Explosion von 600 Kilo Sprengstoff auf der eleganten Mittelmeer-Promenade in Beirut seine Wagenkolonne. Der 60-Jährige und 20 Begleiter sterben. An den Trauerzügen nehmen Schiiten, Christen, Sunniten und Drusen teil – darunter viele, die sich noch wenige Jahre zuvor unerbittlich bekämpft hatten. Am Sarg Hariris skandierten tausende: „Syrien raus!“ Nach tagelangen Massenprotesten und zunehmendem Druck der internationalen Gemeinschaft trat die prosyrische Regierung zurück.

Im April verließ der letzte syrische Soldat den Libanon. Bis heute ist der Mord an Hariri unaufgeklärt, die Ergebnisse einer UNO-Untersuchung legen ein Mitwirken syrischer Geheimdienste nahe. Mit dem erfolgreichen Aufruhr gegen die syrische Besatzung endet in Beirut die Nachkriegsepoche. Eine Zeit des Friedens beginnt in dem winzigen Vielvölkerstaat. Sie sollte nicht lange dauern.


Kommentar

Ein Land kann sich nur selbst befreien. Wenn die Einwohner eines Staates nicht gegen die bestehende Lage rebellieren, kann keine Kraft von außen langfristig etwas erreichen. Für Europa und die USA ist es ein Leichtes anzunehmen, die Hisbollah würde ohne den politischen Rückhalt und das Geld aus dem Iran und Syrien zerbröckeln.

Wesentlich für das Bestehen der Terrormiliz ist aber der Rückhalt im muslimischen Teil der Libanesen. Diese Unterstützung muss gebrochen werden. Die Verantwortung liegt in erster Linie bei der Regierung des Libanon. Sie muss der Hisbollah ihr Fundament im Land selbst entziehen: Solange die Regierung von Premierministr Fouad Siniora den libanesischen Bürgerinnen und Bürgern nicht dieselben sozialen Einrichtungen bietet wie die Hisbollah ihrer Klientel, bleibt die Machtposition der Miliz gefestigt.

Die Schwäche der ohne jegliche Autorität ausgestatteten libanesischen Armee trug das ihre dazu bei, dass die Hisbollah einen Staat im Staat errichten konnten. Nach der Ermordung von Ministerpräsident Rafik Hariri kämpften Schiiten, Sunniten, Christen, Drusen und die diversen Clans für einen geeinten Libanon – mit Erfolg. Nach dem Abzug der syrischen „Schutzmacht“ währte der Frieden allerdings nur kurz, das Ergebnis ist bekannt. Sofort nach der ersten Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah verteilte die Miliz hohe Bargeldsummen an Kriegsopfer und engagierte sich beim Wiederaufbau – der Unterstützung durch die Bevölkerung wird das bestimmt keinen Abbruch tun.

Im Gegenteil: Der Militärschlag Israels hat auf keinen Fall dazu beigetragen, die Macht der schiitischen Miliz zu verkleinern. Weder wurde die Hisbollah nachhaltig geschwächt noch konnten die Libanesen zum Aufstand gegen die Terrorgruppe angehalten werden. Zwar schieben viele Libanesen die Schuld an dem Krieg auf die Provokationen der Hisbollah, viele andere aber stehen jetzt erst recht hinter dem Widerstand der selbst ernannten Gotteskrieger. Die Schwäche der libanesischen Armee hat dazu beigetragen, dass viele Menschen vor allem im Süden des Landes die Hisbollah heute als einzigen Schutz vor Israel sehen.

Zu einem dauerhaften Frieden können Europa und die USA nur dann beitragen, wenn sie an finanzielle Hilfen für den Wiederaufbau die Bedingung koppeln, die Hisbollah nachhaltig zu entwaffnen. Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft wäre dem Libanon dabei gewiss. Deshalb sind jetzt die Libanesen selbst am Zug.



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