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Die besten Weblogeinträge des Monats, präsentiert in Kooperation mit twoday.net
ich fahr dahin
von Cosmas
In Zügen pflege ich zu wandern. So lange, bis ich einen Platz gefunden habe, dessen Umgebung die Verheißung nervenschonenden Reisens nicht schon von vornherein als Illusion decouvriert. Gestern, im ICE von Stuttgart nach Frankfurt, waren es drei Stationen, drei Gegenüber bzw. Nebenanne.
1) Frau, Mitte 30, Makrobiotikerin, in ein voluminöses Buch vertieft. Wunderbar, Lesende wollen nicht reden. Etwa zehn Minuten Ruhe – bis jenes markerschütternde Schreien anhob, das sirenige Plärren eines aus dem Nichts aufgetauchten Säuglings. (Und ich Naivling hatte in dem Körbchen Hirse und Porree vermutet.) Na gut, immer noch besser als ein munteres Kleinkind, das durch mehrstündige Repetitionen klangunschöner Silbenkonglomerate den Primärspracherwerb zelebriert, dachte ich und hoffte auf eine rasche Sedierung des Brüllbalgs. Nix da, die Nachzucht blieb unversöhnlich: poco a poco crescendo, finalmente sempre con tutta la forza. Unverzügliche Flucht.
2) Ehepaar, Ende 60, Sonntagshanseaten, aus dem Fenster blickend. Grüßen förmlich und widmen sich wieder der eingehenden Landschaftsbetrachtung. Merveilleux. Für drei Minuten zumindest, bevor ein waterkantiges Wortstakkato, von Frau Gegenüber abgefeuert, an meinem Ohr vorüberzischt: Waan Sie auch in’n Feerjen? – Äh, bitte? – Feerjen. In Süddeutschland. Wiä waan am Bodnsee. –Neinnein … in Stuttgart … beruflich. – Ah so. Zwei Minuten Schonzeit. Waan Sie schomma am Bodnsee? – Ja. – Das is abä auch schön doät, nech? So ne schöööne Landschaft. Und die Menschn doät: Sooo freundlich und sooo natüälich, na ja, auch wenn man meistns gar nich so richtich versteht, was die sagn, nech?
Oh Lord, why hast thou forsaken me? Erst das Kindsgeschrei, jetzt der Archetypus fischköppiger Ignoranz, Frau Spitznstein, für die alles Wesen südlich des Mains einzig der gefälligen Gemütsergötzung des nordischen Sommerfrischlers dient: Na ja, ’n büschen blöde sind die ja schon da untn, aber das Essn is so gut und die Beäge, die Beeeäge … Mein Mann braucht ja das Wassä, nech? – Wie? – Das Wassä. Wir komm’n ja vonner See. Da braucht man das Wassä, die Weite, nech? Jo, schon klar, und wenn’s dann noch ein paar „urwüchsige Originale“ hat, die archaische Laute raunen, während sie einem Maultaschen und Spätzle auftischen, ist die Chose perfekt, nech? Komm’n Sie auch aus’m Noädn? – Äh, entschuldigen Sie, ich … äh, ja, schöne Heimreise noch!
3) Prolopärchen, Anfang 20, lesend (er: Sportteil der Bild am Sonntag, sie: Tussenmagazin). Zwanzig Minuten geht alles gut, das Buchstabenentziffern scheint die Hirnkapazität restlos in Anspruch zu nehmen. Mit einem Mal lautet die blondierte Ische in unterirdischstem Hessisch ihren Typ an: Du, isch hab hier grad so’n Süscho-Test zum Ankreuze gemacht, gell? „Welscher Gefühlstyp bist Du?“ Mach den doch aach emol! – Hä? Naa, kaan Bogg! – Ach komm, jezz mach halt ma! Der Genötigte nimmt widerwillig das Tussenmagazin und vertieft sich in die Befragung, nach einiger Zeit wird das erste Kreuz gemalt, woraufhin Blondi postwendend interveniert: Des stimmt doch garnet! So dätst du disch nie verhalde! – Wohl. – Im Leewe net, isch kenn disch doch. Du musst da voll die ehrlische Antworte gewwe, sonst gildet der Test net! – Isch hör gleisch uff, hier! – Ei komm, jezz mach halt weidä.
Im Folgenden wiederholt sich das Schauspiel mit jedem Kreuzchen; Blondi weiß nun mal besser um die seelischen Abgründe ihres Mackers, was dieser aber partout nicht einsehen mag. Der Test hat 20 Fragen. Frankfurt/Main Hbf. Die Endstation kommt der Auswertung zuvor. Leider.
http://abraum.twoday.net/
Last gal writing
von gan
In meinem Kopf raufen sich Satzteile um Verben, Tunwörter!, Schlagwörter um erklärende Absätze, Buzz! Diffusion!, Gedankenfetzen um Aufmerksamkeit und mit dem Kampfhund namens Heinz. Ich trinke Wasser, laufe alle zehn Minuten in die Küche, um mir kühles! kaltes! Nass in die Kehle zu schütten, und alle 45 Minuten auf die Toilette, um das nicht mehr Kalte, Kühle loszuwerden. Ich kämpfe um Worte, um die Gliederung und mit meinem Inhaltsverzeichnis. Ein Hässchen Häßchen Häschen huscht vorbei, setzt sich auf eines der am Boden liegenden T-Shirts, grinst schief und flüstert you suck and that’s sad.
Ich nicke und denke dabei ein wenig melancholisch an die Zeit zurück, in der ich in fünf Minuten ein Götzenbild! entworfen habe. Ich kann meine eigene Handschrift nicht lesen und weiß, irgendwo in den Büchern, die hier vor mir liegen, ist genau der Satz, den ich jetzt brauche, ungefähr genau bei einem Drittel, auf der rechten Seite, fünftletzte Zeile von unten und –die Entwicklung einer Freundschaft am Skype-Nachrichtenprotokoll nachlesen.
Ich habe die Küche geputzt und das Klo und die Küche, der Reis ist aus und ich hab auch keine Zwiebel mehr, und ganz plötzlich war beim Standard die Navigationsleiste wieder da. Der Glückskeks hatte mich aufgemuntert (u bereikt een belangrijk doel!) und der Mann, der sagte, das sind diese verdammten Glückshormone, die einen in die Falle locken. Und dann fiel mir nachts wieder der Name des Idioten ein, der mir damals den Kohlestift zerbrochen hatte. Ich frage mich, wie ich das denn verfußnoten soll und ob nicht das ganze Leben with a certain amount of risk verbunden ist.
http://gan.twoday.net
von Cosmas
In Zügen pflege ich zu wandern. So lange, bis ich einen Platz gefunden habe, dessen Umgebung die Verheißung nervenschonenden Reisens nicht schon von vornherein als Illusion decouvriert. Gestern, im ICE von Stuttgart nach Frankfurt, waren es drei Stationen, drei Gegenüber bzw. Nebenanne.
1) Frau, Mitte 30, Makrobiotikerin, in ein voluminöses Buch vertieft. Wunderbar, Lesende wollen nicht reden. Etwa zehn Minuten Ruhe – bis jenes markerschütternde Schreien anhob, das sirenige Plärren eines aus dem Nichts aufgetauchten Säuglings. (Und ich Naivling hatte in dem Körbchen Hirse und Porree vermutet.) Na gut, immer noch besser als ein munteres Kleinkind, das durch mehrstündige Repetitionen klangunschöner Silbenkonglomerate den Primärspracherwerb zelebriert, dachte ich und hoffte auf eine rasche Sedierung des Brüllbalgs. Nix da, die Nachzucht blieb unversöhnlich: poco a poco crescendo, finalmente sempre con tutta la forza. Unverzügliche Flucht.
2) Ehepaar, Ende 60, Sonntagshanseaten, aus dem Fenster blickend. Grüßen förmlich und widmen sich wieder der eingehenden Landschaftsbetrachtung. Merveilleux. Für drei Minuten zumindest, bevor ein waterkantiges Wortstakkato, von Frau Gegenüber abgefeuert, an meinem Ohr vorüberzischt: Waan Sie auch in’n Feerjen? – Äh, bitte? – Feerjen. In Süddeutschland. Wiä waan am Bodnsee. –Neinnein … in Stuttgart … beruflich. – Ah so. Zwei Minuten Schonzeit. Waan Sie schomma am Bodnsee? – Ja. – Das is abä auch schön doät, nech? So ne schöööne Landschaft. Und die Menschn doät: Sooo freundlich und sooo natüälich, na ja, auch wenn man meistns gar nich so richtich versteht, was die sagn, nech?
Oh Lord, why hast thou forsaken me? Erst das Kindsgeschrei, jetzt der Archetypus fischköppiger Ignoranz, Frau Spitznstein, für die alles Wesen südlich des Mains einzig der gefälligen Gemütsergötzung des nordischen Sommerfrischlers dient: Na ja, ’n büschen blöde sind die ja schon da untn, aber das Essn is so gut und die Beäge, die Beeeäge … Mein Mann braucht ja das Wassä, nech? – Wie? – Das Wassä. Wir komm’n ja vonner See. Da braucht man das Wassä, die Weite, nech? Jo, schon klar, und wenn’s dann noch ein paar „urwüchsige Originale“ hat, die archaische Laute raunen, während sie einem Maultaschen und Spätzle auftischen, ist die Chose perfekt, nech? Komm’n Sie auch aus’m Noädn? – Äh, entschuldigen Sie, ich … äh, ja, schöne Heimreise noch!
3) Prolopärchen, Anfang 20, lesend (er: Sportteil der Bild am Sonntag, sie: Tussenmagazin). Zwanzig Minuten geht alles gut, das Buchstabenentziffern scheint die Hirnkapazität restlos in Anspruch zu nehmen. Mit einem Mal lautet die blondierte Ische in unterirdischstem Hessisch ihren Typ an: Du, isch hab hier grad so’n Süscho-Test zum Ankreuze gemacht, gell? „Welscher Gefühlstyp bist Du?“ Mach den doch aach emol! – Hä? Naa, kaan Bogg! – Ach komm, jezz mach halt ma! Der Genötigte nimmt widerwillig das Tussenmagazin und vertieft sich in die Befragung, nach einiger Zeit wird das erste Kreuz gemalt, woraufhin Blondi postwendend interveniert: Des stimmt doch garnet! So dätst du disch nie verhalde! – Wohl. – Im Leewe net, isch kenn disch doch. Du musst da voll die ehrlische Antworte gewwe, sonst gildet der Test net! – Isch hör gleisch uff, hier! – Ei komm, jezz mach halt weidä.
Im Folgenden wiederholt sich das Schauspiel mit jedem Kreuzchen; Blondi weiß nun mal besser um die seelischen Abgründe ihres Mackers, was dieser aber partout nicht einsehen mag. Der Test hat 20 Fragen. Frankfurt/Main Hbf. Die Endstation kommt der Auswertung zuvor. Leider.
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Last gal writing
von gan
In meinem Kopf raufen sich Satzteile um Verben, Tunwörter!, Schlagwörter um erklärende Absätze, Buzz! Diffusion!, Gedankenfetzen um Aufmerksamkeit und mit dem Kampfhund namens Heinz. Ich trinke Wasser, laufe alle zehn Minuten in die Küche, um mir kühles! kaltes! Nass in die Kehle zu schütten, und alle 45 Minuten auf die Toilette, um das nicht mehr Kalte, Kühle loszuwerden. Ich kämpfe um Worte, um die Gliederung und mit meinem Inhaltsverzeichnis. Ein Hässchen Häßchen Häschen huscht vorbei, setzt sich auf eines der am Boden liegenden T-Shirts, grinst schief und flüstert you suck and that’s sad.
Ich nicke und denke dabei ein wenig melancholisch an die Zeit zurück, in der ich in fünf Minuten ein Götzenbild! entworfen habe. Ich kann meine eigene Handschrift nicht lesen und weiß, irgendwo in den Büchern, die hier vor mir liegen, ist genau der Satz, den ich jetzt brauche, ungefähr genau bei einem Drittel, auf der rechten Seite, fünftletzte Zeile von unten und –die Entwicklung einer Freundschaft am Skype-Nachrichtenprotokoll nachlesen.
Ich habe die Küche geputzt und das Klo und die Küche, der Reis ist aus und ich hab auch keine Zwiebel mehr, und ganz plötzlich war beim Standard die Navigationsleiste wieder da. Der Glückskeks hatte mich aufgemuntert (u bereikt een belangrijk doel!) und der Mann, der sagte, das sind diese verdammten Glückshormone, die einen in die Falle locken. Und dann fiel mir nachts wieder der Name des Idioten ein, der mir damals den Kohlestift zerbrochen hatte. Ich frage mich, wie ich das denn verfußnoten soll und ob nicht das ganze Leben with a certain amount of risk verbunden ist.
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