Praxis Dr. Langer
Webdoktor-Diagnosen
Von Dr. med. Gudrun Langer 
Ich kam gerade vom Schwimmen zurück ins Hotelzimmer und sah, dass ich ein SMS bekommen hatte. „Bitte DRINGEND Beate anrufen!!! Danke, Phillip.“ Wird so eine Nachricht wissentlich in den Urlaub nachgeschickt, denke ich an Dinge wie Unfall, Heiratsantrag oder Schicksalsschlag. Also rief ich sofort an. Eine zum Glück nicht nach Schicksalsschlag klingende Beate hob ab und sprudelte los. Seit einigen Tagen hat sie rote Punkte am Körper. Manchmal jucken sie, manchmal nicht. Zum Arzt kann sie nicht gehen, ihr neues Projekt hat am Freitag Abgabetermin. Aber sie hat sich im Internet schlau gemacht und weiß jetzt: Ihre Haut ist von einem Pilz befallen.
Es bedurfte einiger Überredungskunst, sie davon abzubringen. Die Internetdiagnose war ihr zu eindeutig, und nur das Argument, dass hauptsächlich Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem – HIV-Patienten etwa – derart massiv an Pilzinfektionen erkranken, wurde akzeptiert. Tatsächlich vergingen die Punkte bald wieder. Am ehesten rührten sie von einer neuen Creme her.
Da es nicht das erste Mal war, dass sich Freunde in „Webdoktor-Diagnosen“ verrannten, sah ich mir eine dieser Seiten genauer an. Mein Symptom war das „unklare Fieber“. Die dazu aufgelisteten Erkrankungen machten einiges klar: Bakterielle Endokarditis (Entzündung im Herzen), atypische Lungenentzündung, Tuberkulose und Malaria waren die ersten Diagnosen auf meiner Liste.
Natürlich alles richtig, aber vielleicht etwas dramatisch für ein bisschen Fieber? Ich stöberte weiter und fand die Top-Ten-Liste der Krankheiten der Urlaubssaison. Muss man eine dieser Krankheiten haben, um im Sommer 2006 dabei zu sein? Falls ja, nehme ich eher die Blasenentzündung als die Schilddrüsenunterfunktion, die macht nämlich dick.
Im Prinzip bietet das Internet durchaus tolle Möglichkeiten, um sich als mündiger Patient Zusatzinformationen zu holen oder um noch einmal in Ruhe durchzulesen, was der Arzt erörtert hat. Als Arztersatz ist es aber mehr als gewagt. Nicht ohne Grund reden gute Ärzte mit ihren Patienten, untersuchen sie mit all ihren Sinnen und nehmen den Menschen als Ganzes wahr, mit seinen Ängsten und Gefühlen, nicht als eine Liste von Symptomen, die man durch den Computer laufen lässt. Dass dafür oft zu wenig Zeit bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Übervolle Wartezimmer treiben Ärzte zur Eile – und Patienten ins World Wide Web.
Bisher in der Praxis Dr. Langer erschienen:
Diagnose Krebs
Animieren Sie die Kinder zum Trinken
Zehenfehlstellungskorrektur
Die Bildung und die medizinische Versorgung
Diagnose Schlaganfall
Freizeitstress für Kindergartenkinder
Unterernährung im Spital
Horrorszenario
Zahnhygiene
Was geschieht, wenn man stirbt?
Wassernixen
Der Jahrhundertsommer
Geburtstroubles
Tief unten
Herzklopfen
Gemeinsames Ohrensausen
Schlagoberssuppe und andere Gifte
Ich ess Blumen
Schnupfen gegen den Schnupfen
Twinni-Rekorde
Wie gesund ist eigentlich die Sonne?
Altersheimvorsorgefondsprojekt
Wer im Ausland helfen will, braucht oft selber Hilfe
Die richtigen Fragen bei Schwangerschaft
Ferndiagnose oder was passieren kann, wenn ein Arzt vom Patienten wenig hält
Es bedurfte einiger Überredungskunst, sie davon abzubringen. Die Internetdiagnose war ihr zu eindeutig, und nur das Argument, dass hauptsächlich Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem – HIV-Patienten etwa – derart massiv an Pilzinfektionen erkranken, wurde akzeptiert. Tatsächlich vergingen die Punkte bald wieder. Am ehesten rührten sie von einer neuen Creme her.
Da es nicht das erste Mal war, dass sich Freunde in „Webdoktor-Diagnosen“ verrannten, sah ich mir eine dieser Seiten genauer an. Mein Symptom war das „unklare Fieber“. Die dazu aufgelisteten Erkrankungen machten einiges klar: Bakterielle Endokarditis (Entzündung im Herzen), atypische Lungenentzündung, Tuberkulose und Malaria waren die ersten Diagnosen auf meiner Liste.
Natürlich alles richtig, aber vielleicht etwas dramatisch für ein bisschen Fieber? Ich stöberte weiter und fand die Top-Ten-Liste der Krankheiten der Urlaubssaison. Muss man eine dieser Krankheiten haben, um im Sommer 2006 dabei zu sein? Falls ja, nehme ich eher die Blasenentzündung als die Schilddrüsenunterfunktion, die macht nämlich dick.
Im Prinzip bietet das Internet durchaus tolle Möglichkeiten, um sich als mündiger Patient Zusatzinformationen zu holen oder um noch einmal in Ruhe durchzulesen, was der Arzt erörtert hat. Als Arztersatz ist es aber mehr als gewagt. Nicht ohne Grund reden gute Ärzte mit ihren Patienten, untersuchen sie mit all ihren Sinnen und nehmen den Menschen als Ganzes wahr, mit seinen Ängsten und Gefühlen, nicht als eine Liste von Symptomen, die man durch den Computer laufen lässt. Dass dafür oft zu wenig Zeit bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Übervolle Wartezimmer treiben Ärzte zur Eile – und Patienten ins World Wide Web.
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