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Der Missionar

Der auf Schwangerschaftsabbrüche spezialisierte Arzt Christian Fiala arbeitet daran, arbeitslos zu werden. Den Beginn dieses Unternehmens markiert die Eröffnung eines Museums für Abtreibungs- und Verhütungsgeschichte.

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Text: Mirjam Bromundt
Fotografie: Jacqueline Godany
Christian FialaEs ist ganz einfach. Mit jedem Schwangerschaftsabbruch rette ich das Leben einer Frau.“ Natürlich, Ei- und Samenzellen seien schon Leben. Aber eben auch nicht mehr. „In der öffentlichen Diskussion und vor allem von religiösen Kreisen werden Begriffe falsch verwendet. Ein Embryo ist ein Embryo und ein Kind ist ein Kind. In Analogie käme niemand auf die Idee, ein Kind als jungen Greis zu bezeichnen, und genauso ist ein Embryo auch kein Kind.“

Trotz der angenehm leisen Stimme und des bedächtigen Habitus merkt man, dass Christian Fiala diese Sätze in seinem Leben schon einmal zu oft gesagt hat. Sagen musste. Seit rund zehn Jahren ist der ärztliche Leiter des Gynmed-Ambulatoriums in Wien auf Schwangerschaftsabbruch spezialisiert. Ein Job, der ihm bei seinen Gegnern den zweifelhaften Titel „Chef der europäischen Abtreibung“ (Copyright: Dietmar Fischer, Chef des katholischen Fundamentalistenvereins Human Life Inc. Wien) eingebracht hat. Die Einrichtung von Fialas Arbeitsplatz am Äußeren Mariahilfergürtel gleich in Westbahnhof-Nähe ist freundlich. Bunte Sofas, Möbel aus schlichtem Holz und Türen aus Milchglas führen durch die nur eine Handvoll Zimmer umfassende Klinik. Im Aufwachraum hängt frisch gewaschene Wäsche. Fiala hat seinen freien Tag. Den Kittel zieht er nur fürs Foto über das blütenweiße Hemd.

Christian Fiala arbeitet momentan daran, seinereins überflüssig zu machen. „Schwangerschaftsabbrüche sollen so selten wie möglich stattfinden“, sagt der Gynäkologe. „Das ist ein Konsens, den jeder unterschreiben kann.“ Das Wort „Abtreibung“ nimmt Fiala nie in den Mund. Die landläufige Bezeichnung hält er für „unangebracht, überheblich und fehl am Platz. Weil es nicht darum gehen kann, Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft zu beurteilen oder zu verurteilen.“ Die Verbreitung dieser Erkenntnis ist ihm gleichsam zur Mission geworden, die dieser Tage in der Eröffnung eines der ungewöhnlichsten Museen gipfelt, die es auf der Welt gibt.

Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Susanne Krejsa, einer Biologin, wird Fiala am 23. Oktober in den Räumen gleich gegenüber seinem Ambulatorium ein Museum für Verhütungs- und Schwangerschaftsabbruch eröffnen. „Zu diesem Zeitpunkt sollten auch alle VIPs Zeit haben, die wir einladen möchten“, sagt Krejsa. Drei Jahre hat es gedauert, bis das Konzept fertig gestellt, die Exponate und Methoden zu deren Dokumentation beisammen waren. In vier Zimmern wird gezeigt, wie der Kampf um die Verhütung in der Geschichte der Menschheit gelaufen ist. In den in Weiß und Zartrosa gehaltenen Regalen im Stil der Siebziger findet sich – geordnet nach den Themenkreisen Verhütung, Schwangerschaftstest und -abbruch – , was Krejsa und Fiala zusammengetragen haben: von den ersten Kondomen aus tierischen Membranen über die erste Antibabypille „Enovid“ bis zu Spiralen in allen möglichen und unmöglichen Formen. Irrigatoren genannte Instrumente zur Scheidenspülung und ein Lippenstift, der angeblich die Antibabypille ersetzt. Stricknadeln und Fahrradspeichen, die noch in den Sechzigerjahren mangels geeigneter Instrumente zum Schwangerschaftsabbruch verwendet wurden.

„Welche Verzweiflung und welche Fantasie Menschen aufgebracht haben, diese unglaubliche Macht der Fruchtbarkeit irgendwie in den Griff zu bekommen“, sagt Fiala über seine Devotionalien, die er allesamt auf eigene Rechnung erstanden hat. Eine Erbschaft hat ihm das Unternehmen erleichtert. Tatsächlich ist die Zusammenstellung derzeit wahrscheinlich weltweit einzigartig. „Ich möchte dazu beitragen, dass das,was wir vor 30 Jahren hatten, nie mehr passiert. Mit Abtreibung verbundene Todesfälle sind keine Naturkatastrophe, sondern die logische Konsequenz von politischer Ignoranz“, sagt Fiala.

In Österreich gibt es keine behördlich verlauteten Zahlen über Schwangerschaftsabbrüche. „Ich schätze die Zahl auf 30.000 bis 40.000 pro Jahr. Das ist bekannt und dafür brauchen wir keine Statistik“, sagt Fiala. Die Zahlen stellen für ihn aber nicht das Problem dar. „Biologisch gesehen sind für Frauen ungefähr 15 Schwangerschaften, zehn Geburten und in etwa sechs Kinder, wovon jedes zwei Jahre gestillt wird, im Durchschnitt normal. Und wenn man das nicht will – und dafür gibt es, denke ich, gute Gründe – , muss man an eine künstliche Verhütung denken.“
Wenn Dietmar Fischer das hört, hebt sich seine Stimme: „Die Geschichte, dass Fiala die Schwangerschaftsabbrüche verringern will, glauben Sie ja wohl selbst nicht.“ Ansonsten verweigert der Chef von Human Life Inc. jeden Kommentar. In Österreich gibt es zahlreiche Organisationen mit erzkatholischem Hintergrund wie die seine, die sich für den „Schutz des Lebens von Anfang an“, wie sie es nennen, und gegen den Schwangerschaftsabbruch engagieren.

Bei der Wahl der Waffen sind die österreichischen Abtreibungsgegner nicht zimperlich. Christian Fiala ist auch als Person ein Ziel: Von Demonstranten, in persönlich adressierten Briefen und auf Homepages wird Fiala attackiert. Gegner bitten um religiösen Beistand, nennen ihn „Kindertöter“ oder „Abtreibungsunternehmer“ und veröffentlichen Fotomontagen von ihm mit Ungeborenen, die viel älter als das zugelassene Abbruchsalter sind. Seine Arbeit setzen sie mit der Euthanasie im Nationalsozialismus gleich. Fiala ist derlei gewohnt und nimmt es gelassen: „Das Tragische ist, dass sich beim Schwangerschaftsabbruch jeder berufen fühlt mitzureden und vor allem seine Meinung auch öffentlich kundzutun und anderen aufzudrängen.“

Fiala zeigt sein Reich gerne her. Geduldig erklärt er die Funktion der Geräte, den Sinn der Raumaufteilung und die Vorgänge bei den verschiedenen Abbruchsarten. Im Wartezimmer findet man neben Prospekten auch einen Schaukasten mit Verhütungsmitteln, Spirale und Ring zum Angreifen. In Österreich wählt man beim Abbruch zwischen drei Methoden: dem medikamentösen Abbruch über mehrere Tage, dem chirurgischen Eingriff unter örtlicher Betäubung und dem unter Vollnarkose.
Bei Gynmed bildet letztere Methode die Regel. „Der chirurgische Eingriff ist in zwei Minuten vorbei und hinterher nicht mehr nachweisbar“, erklärt Fiala anhand eines aus Hartplastik modellierten Unterleibs und eines Plastikröhrchens zur Absaugung. Besondere Beachtung schenkt Fiala der Atmosphäre.

Immer wieder weist er auf die frischen Blumen, die schöne Deckenbemalung oder die Helligkeit der Räume hin. Seine Kundinnen sollen sich in einer schweren Situation so wohl wie möglich fühlen. Aus seiner Sicht fehlt vielen seiner Kritiker die persönliche oder berufliche Erfahrung mit dem Thema. Besonders den religiösen und konservativen Kreisen. „Sie wissen einfach nicht, wovon sie sprechen und haben ja auch keine Lösung für das Problem. Die Kirche gibt gegenüber Frauen zwar vor, Menschen in Krisensituationen zu helfen. Aber wenn’s dann mit einer ungewollten Schwangerschaft konkret wird, werden diese Frauen nicht nur alleine gelassen, es wird ihnen noch mit der Exkommunizierung gedroht und aktiv Psychoterror betrieben.“

Fiala selbst ist evangelisch getauft, aber schon vor vielen Jahren ausgetreten. Er betont mehrmals, dass er durchaus für Gespräche mit seinen Gegnern offen sei, er stellt sich auch regelmäßig der Diskussion mit den Demonstranten vor seiner Klinik und schlägt gemeinsame Maßnahmen wie Verhütungskampagnen vor. Vom Idealzustand hat er eine konkrete Vorstellung: die Niederlande. Obwohl der Abbruch für dort geborene Frauen umsonst und unkompliziert ist, gibt es dort die niedrigste Abbruchsrate. Die Niederländer sind gleichsam Weltmeister im Verhüten.

In Österreich ist der Schwangerschaftsabbruch erst seit 1975 dank der SPÖ-Alleinregierung unter Bruno Kreisky durch die so genannte Fristenlösung gesetzlich geregelt. Der Abbruch ist straffrei, wenn er bis zum dritten Schwangerschaftsmonat ab Einnistung von einem Arzt nach vorheriger Beratung durchgeführt wird. Bei Gynmed kostet ein Abbruch bis zur elften Schwangerschaftswoche 425 Euro, danach 460. Die Krankenkassa zahlt dabei nichts. Genauso wenig für Verhütungsmittel.

Und genau das ist es, woran es nach Meinung Fialas hapert: Er fordert eine Sexualerziehung an den Schulen, die diesen Namen auch verdient, und eine Ausbildung der Lehrer in Sexualerziehung. Verhütungsmittel auf Krankenschein, zumindest für junge oder sozial benachteiligte Menschen. Kondomautomaten an den Schulen. Und die „Pille danach“ rezeptfrei. „Aber in diesem Land ist das leider aufgrund des großen Widerstandes von religiösen oder konservativen Kreisen nicht umsetzbar. Im internationalen Vergleich haben wir daher eine unnötig hohe Zahl an Abbrüchen.

Und das ist zynisch und bitter, weil das eine willkürliche gesellschaftliche Entscheidung ist, die jederzeit zu ändern wäre.“ Mutlos gemacht haben ihn die Zustände bislang trotzdem nicht. 1959 im schwäbischen Stuttgart geboren, studierte Fiala an der Universität Innsbruck Medizin. Bereits während seines Studiums veröffentlichte er eine Verhütungsbroschüre im Eigenverlag, „weil Verhütung und Schwangerschaftsabbruch auch im Lehrplan tabuisiert waren“.

Die Entscheidung, Facharzt für Gynäkologie zu werden, fällt er erst während der Ausbildung zum Allgemeinmediziner. 1995 arbeitet Fiala ein Jahr in Frankreich, wo er erstmals mit dem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch in Berührung kommt – und diesen auch anwendet. Fiala lernt und arbeitet überall auf der Welt: Thailand, Schweden und Afrika. „Meine Arbeit dort und in Asien, wo der Abbruch verboten ist, hat mich nachhaltig berührt. Dort ist es an der Tagesordnung, dass Frauen elendiglich an den Folgen eines illegalen Abbruchs sterben. Die Zustände und Konsequenzen aus einem illegalen Abbruch sind einfach nicht beschreibbar, und am ehesten noch als das, was häufig als ‚Krieg gegen Frauen‘ bezeichnet wird.“

Heute hält Fiala Vorträge auf der ganzen Welt und veröffentlicht zahlreiche Bücher zum Thema. Er ist Vorsitzender der „Internationalen Vereinigung von Fachkräften und Verbänden zu Schwangerschaftsabbruch und Kontrazeption“ (FIAPAC) und Mitglied bei verschiedenen anderen Verbänden, die sich mit Schwangerschaftsabbruch und Verhütung auseinander setzen. 2005 schrieb er seine Dissertation an der renommierten Stockholmer Karolinska-Universitätsklinik (für Mediziner ist eine Dissertation eine Zusatzqualifikation, die als anerkannter Beweis dafür gilt, dass der Arzt wissenschaftliche Studien betreiben darf und kann. Er kann sich dann Dr. Dr. nennen). Titel: „Improving medical abortion“.

Mit seinem jüngsten Werk, dem Museum, hat Fiala noch viel vor: Nach der Eröffnung will er um öffentliche Förderungen ansuchen, um sein Werk zu erweitern. Ein Lackmustest für den Subventionsgeber. Außerdem sollen die Exponate auf Wanderschaft gehen, auf Kongressen präsentiert werden. Und wenn er keine Subventionen bekommt? „Das wäre schlecht, aber nicht schlimm. Es gibt ein Ziel, für das es lohnt, sich zu engagieren.“

Bisher in der Reihe "Österreichische Wege" erschienen:

Bernhard Lang
Der lange Atem

Christian Fiala
Der Missionar

Willi Langthaler
Freier Radikaler

Thomas Brezina
Kinderarbeiter

Ludwig Scharinger
Bauernkönig

Markus Rogan
Angst vor Erbsen

Elke Krystufek
Freikörperkünstlerin

Georg Zellhofer
Lichtgestalt

Franz Prenner
Der Fernsehbauer

Hans Mahr
Die Nummer zwei

Wolfgang Rosam
Der Wolfgang, der nicht schweigt

Heide Schmidt
Die Freiheit, die sie meint

Anton Polster
Polstergeist

Josef Kalina
Der Verkäufer Joe

Georg Sporschill
Menschenfischer

Margit Schmidt
Die Denkmalpflegerin



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