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GEGENBILDER

Der in Wien lebende italienische Fotograf Luca Faccio bereiste in den letzten zwölf Monaten viermal Nordkorea. Seine Bilder dokumentieren die Wirklichkeit abseits der Propaganda.

ie demokratische Volksrepublik Nordkorea ist ein Land, von dem es so gut wie keine Bilder gibt – außer den offiziellen. Sie vermitteln dem Rest der Welt ein Propagandabild eines der letzten Regime stalinistischer Prägung. Ihre Präsenz in Zeitungen, Illustrierten, dem Fernsehen und oder dem Internet versorgen den kollektiven Bilderhaushalt mit der buchstäblich herrschenden Sicht der Dinge.

Für den Fotografen Luca Faccio war dies Herausforderung, diese Barriere zu durchbrechen. Die Grenze zwischen Nord- und Südkorea ist für Reisende seit 53 Jahren dicht. Das Land, in dem Faccio nach dreijähriger Insistenz im Herbst letzten Jahres endlich Einlass gewährt wurde, existiert in einem Vakuum, abgeschnitten vom Rest der Welt. Die Hauptstadt Pyongyang zeigt sich als eine überdimensionale kommunistische Version von Hollywood. Die Macht der Inszenierung des Regimes ist allgegenwärtig.

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Das visuelle Universum Nordkorea besteht aus Uniformität, Homogenität, Repetitivität. Die Inszenierungen sind perfekt, lauern an jeder Ecke der Stadt, die die offiziellen Begleiter dem Besucher geradezu vorführen. Und das Programm ist dicht: Eine Sehenswürdigkeit folgt der anderen, die Bronzestatue des „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung, sein Geburtshaus, der Juche-Turm, der Triumphbogen, der Kinderpalast, der rund 75.000 Quadratmeter umfassende, granitbedeckte Kim-Il-Sung-Platz.

Dem Staunen über die martialische Wucht dieser Architektur folgen Beklemmung und Verwirrung – die Herausforderung, anders zu sehen, abseits der Propaganda etwas wahrzunehmen, erweist sich im Moment als unmöglich. Faccios vom Staat abgestellter Begleiter wird nicht müde, ihn durch die „gemütvolle Umgebung“, so die Bedeutung des Namens der Stadt Pyongyang, zu führen. Außer diesem Reisebegleiter spricht in den weiten Straßen von Pyongyang niemand mit ihm, weder beim Essen noch im Hotel oder anderswo.

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Keiner schenkt ihm Aufmerksamkeit: Er wird zum Avatar mit bedingter Aufenthaltszeit. Das will Luca Faccio nicht akzeptieren. Woran kann man sich halten, wenn das Artifizielle, die Inszenierung Realität ist und die Realität ein Trugbild? An die Macht der Fotografie? Woran sich halten, wenn einen die Propaganda-Räume wieder und wieder einhüllen?

Im April 2006 vereinbart Faccio vor Ort mit dem „Komitee für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland“ den Ausstellungstermin. Wir bestehen auf einer freien Zugänglichkeit des Präsentationsraumes, das Komitee verlangt daraufhin, die Auswahl der Arbeiten Faccios nur in gegenseitigem Einverständnis zu treffen. Ab diesem Zeitpunkt korrespondieren wir direkt mit Nordkorea. Luca Faccio bleiben nun weitere zwei Wochen, um am Projekt zu arbeiten. Der Weg, den er in Nordkorea beschreitet, um jene Bilder zu bekommen, die er haben will, ist ein mühsamer. Nicht nur für ihn.
Faccio ist kein stiller und geduldiger Beobachter, verdeutlicht seinen Begleitern temperamentvoll seinen „Programmwunsch“: Kontakt mit den Menschen, denen er in den Straßen, in Fabriken oder während der Pausen der Paraden begegnet.

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So wird auch die Instrumentalisierung der Massen durch das Regime während gigantischer Spektakel nur der Rahmen seines Blickes: Faccio schält das Individuum aus der Massengesellschaft, zeigt Gesichter, nicht das Kollektiv. Zwei Wochen später ist Faccio zurück in Wien. Die Bilder, die er mitbringt, dokumentieren Monumentales, Inszeniertes, das Vakuum, den Menschen organisiert als Masse. Der Ausschnitt, den die „Reisebegleiter“ einem westlichen Fotografen zeigen, ist vorgegeben.

Aber auch wenn die Wahl der Motive niemals vollkommen frei getroffen werden konnte, ging der subjektive Blick des Fotografen erheblich weiter als der offizielle: Sie zeigen Menschen aus der Nähe, in der U-Bahn, beim Spaziergang, in der Fabrik, portraithaft. Mitgebracht hat der Italiener aus Pyongyang weiters die Idee, seine Bilder vor Ort zu präsentieren.


korea4Ich soll diese Ausstellung inhaltlich und organisatorisch betreuen. Ich bin überfordert. In der Zwischenzeit führt der Fotograf Gespräche mit den Vertretern der nordkoreanischen Botschaft in Wien, die eine Ausstellung offiziell unterstützen wollen. Eine weiterer Aufenthalt ist geplant, die Erfahrungen der ersten Reise sollen/müssen durch weitere Reisen ausgelotet werden. Die Botschaft befürwortet die Idee in Form einer offiziellen Unterstützungserklärung. Diese erweist sich in der Folge nicht nur als Voraussetzung dafür, ein weiteres Visum innerhalb eines Jahres zu erhalten, sondern sich überhaupt vor Ort mit der Kamera freier bewegen zu dürfen. Faccio erkennt die Chance, der Desorientierung, die er bei seinem ersten Besuch erlebt hat, beim nächsten Mal zu entkommen.

Uns wird klar, dass ein solches Unternehmen zwangsläufig nur in offiziellen Rahmen durchgeführt werden kann und somit eine Zusammenarbeit mit einem Regime bedeutet. Wie damit umgehen? Schließlich überzeugen mich die scheinbar antiquiertem Floskeln aus dem offiziellen Schreiben: „Brücke zur Völkerverständigung“ empfinde ich als analysewürdig. Haben nicht ein Gros interkultureller Ausstellungsprojekte der Nachkriegszeit und bis weit in die Achtziger hinein ähnliche Formulierungen in den Vordergrund gestellt?

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In Pyongyang möchten wir diese Arbeiten präsentieren. Bewusst wird beim Ausstellungskonzept das Panoptikum der Macht, der Personen- und Repräsentationskult um den „Ewigen Präsidenten Kim Il Sung“ ausgeblendet, nicht ohne den erwarteten Widerstand. In einer offziellen Stellungnahme heißt es: „Was wir aber bedauerlich finden, ist, dass unter den von Ihnen zugesandten Fotos kein Foto als Hauptbild für die Ausstellung zu sehen ist.

Wir denken, dass die zwei Bilder der Bronzestatue des Präsidenten Kim Il Sung und das Portrait vom Großen Führer Genossen Kim Il Sung und dem geliebten Führer Genossen Kim Jong Il als Hauptbilder der Ausstellung passend sind, das Luca in der Ausstellungshalle der Blumen Kimilsungia und Kimjongilia aufgenommen hat. Was man aber merken soll, ist, dass die Portraits rein von den beiden Staatsführern sein sollen, nicht die Menschen im Vordergrund. Wenn ich mich nicht irre, hat Herr Faccio während seines Aufenthalts bei uns auch sehr viele Fotos von modernen und schönen Sehenswürdigkeiten und architektonischem Schaffen unseres Volkes und seiner Kultur gemacht. Aber die ausgewählten Fotos beinhalten nur unwesentliche. Mit solchen Fotos ist es schwierig für uns, eine Ausstellung zu eröffnen.“

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Ich führe lange E-Mail-Konversationen mit den Verantwortlichen des Kulturkomitees, bleibe hartnäckig, biete neue, „ähnliche“ Arbeiten an. Letztlich wird eine Einigung erzielt: Die Korrespondenz reflektiert Handlungsangebote von beiden Seiten sowie das Ergebnis, die am 19. Juni 2006 eröffnete Ausstellung und die Dialogbereitschaft der Demokratischen Volksrepublik Korea.


Neben weiteren Arbeiten sind auch die von Pyongyang abgelehnten Fotos Faccios im Rahmen der Fotografie- und Veranstaltungsreihe „Monat der Fotografie“ im November 2006 in Wien zu sehen (U-Bahn-Stationen Wien, Kooperation mit Infoscreen); ab April 2007 wird in einer umfassenden Schau Luca Faccios Blick auf Nordkorea in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz (project space) gezeigt.

Luca Faccio, 1969 in Genua geboren, lebt seit 1995 in Wien. Absolvent der Schule für künstlerische Fotografie und der Akademie der Bildenden Künste. Fotoreportagen u.a. aus Bosnien, Afghanistan, Irak, Syrien, China für „La Repubblica“, „L’Espresso“, „Standard“, „Der Spiegel“.

Autorin Barbara Pichler,
Jahrgang 1969. ist seit 2001 selbstständige Kulturarbeiterin mit den Schwerpunkten Konzeption und Begleitung von Projekten Kunst- und
Kulturschaffender. Fotografiert selbst, arbeitet derzeit an einem Fotoprojekt zum Thema Alzheimer.



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