Johann Skoceks Außenspiegel
„Louisiana, Louisiana, they’re tryin’ to wash us away.“
Was die große Flut und der Krieg im Irak miteinander zu tun haben.
Im Jahr 1927 gingen sintflutartige Regenfälle über dem Süden der Vereinigten Staaten nieder. Im Mai erstreckte sich der Mississippi unterhalb von Memphis, Tennessee, über eine Breite von 100 Kilometern, das ist die Strecke von Hainburg bis St. Pölten. Als er New Orleans bedrohte, wurde ein Damm gesprengt, um die Flut abzulenken. John McDonogh, der sein Leben lang vergeblich gegen die Politiker und für ein Überschwemmungsgebiet zum Schutz der Stadt und seiner Plantagen beiderseits des Stromes gekämpft hatte, war seit 77 Jahren tot. 1931, vier Jahre nach der Sintflut, wurden McDonoghs Ideen realisiert.
Doch dafür entstand ein neues Problem: Der Fluss konnte kein Sediment mehr ablagern, das Land sank ab, der Druck des Wassers wuchs. Jahrzehntelang war ein Wirbelsturm über New Orleans und dem Fluss für das unter dem Wasserspiegel liegende Land eines der größten Katastrophenszenarios des Landes. George W. Bush und seine Oligarchenpartie hungerten die Katastrophenhilfe finanziell aus, verlegten das Geld in die Kassa für den Irakkrieg. Dort wurden Teile der Truppenversorgung privatisiert, was die US-Soldaten büßten, weil sie unter anderem zu wenig Schutzpanzer und Trinkwasser zur Verfügung haben.
Damals wie heute hatten die Armen und Schwarzen keine Priorität in den Rettungsaktionen der Mächtigen. Aber die Geschichte sorgt für ihre eigene Gerechtigkeit. Damals trieb die Flut hunderttausende arme Schwarze nach Norden, unter ihnen die Musiker aus dem Mississippi-Delta wie Bessie Smith und den König des Delta-Blues, Charlie Patton, der 1929 seinen klassischen Zweizeiler „High Water Everywhere“ aufnahm: „Lord, I’ll tell the world/The water done struck Drew’s town.“
Beinahe fünfzig Jahre später handelte ein kleiner weißer Klavierspieler das Thema ab, wie die reiche Kruste Amerikas dem Land und den Leuten das Blut aus den Adern zieht und sie mit Illusionen - „Everyone can be a millionaire“ – gefügig hält. „Good Old Boys“ (1974) ist Randy Newmans Meisterwerk, und der schönste Song der Platte heißt „Louisiana 1927“: „The river rose all day/The river rose all night/Some people got lost in the flood/Some people got away alright.“
Präsident Coolidge fuhr mit der Bahn ins Überschwemmungsgebiet, einen kleinen fetten Mann mit einem Notizbock an seiner Seite. Newmans Beschreibung von Coolidge erinnert an die menschenverachtende Oberflächlichkeit Bushs 78 Jahre später in New Orleans: „The President say, ‚Little fat man/Isn’t it a shame/What the river has done/To this poor crackers land.‘“ Der kleine Fette in Coolidges Entourage kann als der typische Checker gelesen werden. Heute schaut er aus wie Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld oder Vizepräsident Dick Cheney.
Männer, die darauf schauen, dass alles glatt geht, der Präsident gut dasteht und die eigene Klientel die Wahlkampfspenden zurückverdienen kann. Robert Rotifer hat in der Kulturzeitschrift Wespennest („Öl!“) auf eine Rede Cheneys vor dem Institute of Petroleum in London aufmerksam gemacht. Cheney hatte als Verteidigungsminister des alten Bush den ersten Irakkrieg und den Panamafeldzug gecheckt. Der Öl- und Militärkonzern Halliburton sollte später erhebliche Regierungskontrakte für den Wiederaufbau des Irak erhalten, und Cheney das Amt des Vizepräsidenten unter dem jungen Bush.
Cheney, damals noch Chef von Halliburton, prognostizierte 1999 in London, 2010 werde man fünfzig Millionen Fass Öl zusätzlich brauchen. Zum Vergleich: 2002 betrug der tägliche Verbrauch rund 77 Millionen Fass. Die USA müssen sich ranhalten, sie stellen Zahlen von 2004 zufolge rund fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbrauchen rund 45 Prozent des Treibstoffs . Das Problem wird durch die stete Stilllegung ausgezuzelter Ölfelder noch verschärft. Was tun? Cheney 1999: „Im Nahen Osten liegen zwei Drittel der bekannten Reserven, und die Kosten sind dort am niedrigsten. Dort harrt der ultimative Preis.“ Keine harmlose Rhetorik, sondern Realpolitik. Cheney weiter: „Öl ist in seiner strategischen Bedeutung einzigartig. Energie ist wahrlich fundamental für die Weltwirtschaft. Der Golfkrieg war ein Spiegel dieser Realität.“ Bush und Cheney handelten im Interesse der westlichen Welt, als sie die Mittel aus der Katastrophenhilfe abzogen und in den Kampf um die Energiereserven steckten. Die Zeitungskommentatoren der Welt stimmten in Bushs psalmodische Rechtfertigungen ein, die USA müssten aus moralischen Gründen gegen das Böse im Allgemeinen und Saddam Hussein im Besonderen vorgehen.
Gegen Hussein, den lange Zeit verlässlichsten Partner der USA in der Region. Gegen Hussein, den dieselbe Werbeagentur, die der alte Bush im Präsidentschaftswahlkampf benützt hatte, von einem Freund der USA zum Satan umschrieb. Die Geschichte der Flut und des Sturms wird sich selber einen Platz im Leben und Gedächtnis der Menschen suchen. 1927 sanierte der damalige Wirtschaftsminister Herbert Hoover im Hochwasser seine Karriere. 1929 wurde er Präsident der USA. Bushs Nachrede wird eher im Wasser ersaufen.
Egal, wer ihm folgt, das unsolidarische System wird bleiben, und in Europa werden sie es nachbeten. Vielleicht kommt ein neuer Randy Newman und bringt die Sache auf den Punkt: „Louisiana, Louisiana/They’re tryin’ to wash us away.“
Bisher erschienene Aussenspiegel finden Sie hier.
Doch dafür entstand ein neues Problem: Der Fluss konnte kein Sediment mehr ablagern, das Land sank ab, der Druck des Wassers wuchs. Jahrzehntelang war ein Wirbelsturm über New Orleans und dem Fluss für das unter dem Wasserspiegel liegende Land eines der größten Katastrophenszenarios des Landes. George W. Bush und seine Oligarchenpartie hungerten die Katastrophenhilfe finanziell aus, verlegten das Geld in die Kassa für den Irakkrieg. Dort wurden Teile der Truppenversorgung privatisiert, was die US-Soldaten büßten, weil sie unter anderem zu wenig Schutzpanzer und Trinkwasser zur Verfügung haben.
Damals wie heute hatten die Armen und Schwarzen keine Priorität in den Rettungsaktionen der Mächtigen. Aber die Geschichte sorgt für ihre eigene Gerechtigkeit. Damals trieb die Flut hunderttausende arme Schwarze nach Norden, unter ihnen die Musiker aus dem Mississippi-Delta wie Bessie Smith und den König des Delta-Blues, Charlie Patton, der 1929 seinen klassischen Zweizeiler „High Water Everywhere“ aufnahm: „Lord, I’ll tell the world/The water done struck Drew’s town.“
Beinahe fünfzig Jahre später handelte ein kleiner weißer Klavierspieler das Thema ab, wie die reiche Kruste Amerikas dem Land und den Leuten das Blut aus den Adern zieht und sie mit Illusionen - „Everyone can be a millionaire“ – gefügig hält. „Good Old Boys“ (1974) ist Randy Newmans Meisterwerk, und der schönste Song der Platte heißt „Louisiana 1927“: „The river rose all day/The river rose all night/Some people got lost in the flood/Some people got away alright.“
Präsident Coolidge fuhr mit der Bahn ins Überschwemmungsgebiet, einen kleinen fetten Mann mit einem Notizbock an seiner Seite. Newmans Beschreibung von Coolidge erinnert an die menschenverachtende Oberflächlichkeit Bushs 78 Jahre später in New Orleans: „The President say, ‚Little fat man/Isn’t it a shame/What the river has done/To this poor crackers land.‘“ Der kleine Fette in Coolidges Entourage kann als der typische Checker gelesen werden. Heute schaut er aus wie Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld oder Vizepräsident Dick Cheney.
Männer, die darauf schauen, dass alles glatt geht, der Präsident gut dasteht und die eigene Klientel die Wahlkampfspenden zurückverdienen kann. Robert Rotifer hat in der Kulturzeitschrift Wespennest („Öl!“) auf eine Rede Cheneys vor dem Institute of Petroleum in London aufmerksam gemacht. Cheney hatte als Verteidigungsminister des alten Bush den ersten Irakkrieg und den Panamafeldzug gecheckt. Der Öl- und Militärkonzern Halliburton sollte später erhebliche Regierungskontrakte für den Wiederaufbau des Irak erhalten, und Cheney das Amt des Vizepräsidenten unter dem jungen Bush.
Cheney, damals noch Chef von Halliburton, prognostizierte 1999 in London, 2010 werde man fünfzig Millionen Fass Öl zusätzlich brauchen. Zum Vergleich: 2002 betrug der tägliche Verbrauch rund 77 Millionen Fass. Die USA müssen sich ranhalten, sie stellen Zahlen von 2004 zufolge rund fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbrauchen rund 45 Prozent des Treibstoffs . Das Problem wird durch die stete Stilllegung ausgezuzelter Ölfelder noch verschärft. Was tun? Cheney 1999: „Im Nahen Osten liegen zwei Drittel der bekannten Reserven, und die Kosten sind dort am niedrigsten. Dort harrt der ultimative Preis.“ Keine harmlose Rhetorik, sondern Realpolitik. Cheney weiter: „Öl ist in seiner strategischen Bedeutung einzigartig. Energie ist wahrlich fundamental für die Weltwirtschaft. Der Golfkrieg war ein Spiegel dieser Realität.“ Bush und Cheney handelten im Interesse der westlichen Welt, als sie die Mittel aus der Katastrophenhilfe abzogen und in den Kampf um die Energiereserven steckten. Die Zeitungskommentatoren der Welt stimmten in Bushs psalmodische Rechtfertigungen ein, die USA müssten aus moralischen Gründen gegen das Böse im Allgemeinen und Saddam Hussein im Besonderen vorgehen.
Gegen Hussein, den lange Zeit verlässlichsten Partner der USA in der Region. Gegen Hussein, den dieselbe Werbeagentur, die der alte Bush im Präsidentschaftswahlkampf benützt hatte, von einem Freund der USA zum Satan umschrieb. Die Geschichte der Flut und des Sturms wird sich selber einen Platz im Leben und Gedächtnis der Menschen suchen. 1927 sanierte der damalige Wirtschaftsminister Herbert Hoover im Hochwasser seine Karriere. 1929 wurde er Präsident der USA. Bushs Nachrede wird eher im Wasser ersaufen.
Egal, wer ihm folgt, das unsolidarische System wird bleiben, und in Europa werden sie es nachbeten. Vielleicht kommt ein neuer Randy Newman und bringt die Sache auf den Punkt: „Louisiana, Louisiana/They’re tryin’ to wash us away.“
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