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Chöre des Schweigens

Jahrelang sammelte ein Bürger eines kleinen Ortes im Innviertel Kinderpornos. Der Bürgermeister stellte sich hinter ihn – und polarisiert die Dorfgemeinschaft.

Text: Nikolaus Jilch
Es kamen keine konkreten Personen zu Schaden“, steht in dem Rundschreiben. Er habe schon vor einiger Zeit aufgehört, „sich per Internet damit zu beschäftigen“. Die Gerüchte über Florian P. (Name v. d. Red. geändert) seien kein Grund, auf sein Mitwirken im Ort zu verzichten. Nur keine Aufregung.

Es war ein Rundschreiben der etwas anderen Art, das der Bürgermeister am 29. Juni 2005 unterzeichnete. Es sollte eine Hilfe für einen alten Freund werden. Adressiert an jeden Haushalt in Antiesenhofen, damit es alle 1.100 Bürgerinnen und Bürger zu lesen bekommen. Unterschrieben vom Bürgermeister, von der Volksschuldirektorin und von einem Kinderpsychologen, damit der Inhalt Gewicht bekommt. Diesmal ging es nicht um den Musikverein oder die Sperrmüllsammlung. Diesmal ging es um böse Gerüchte, die sich um einen angesehenen Mitbürger rankten. Um einen alten Bekannten, um ein gern gesehenes Gesicht im Ort. Es ging um Kinderpornos.

Antiesenhofen

Florian P. gehört im Ort zur Prominenz. Nicht, weil jeder ihn kennt. Hier kennt jeder jeden. Sondern deshalb, weil Musik eine große Rolle spielt in Antiesenhofen. Allein die kleine Volksschule des Ortes zählt vier Chöre. Jahrelang sorgte der Musiklehrer Florian P. für die Arrangements, damit der Gesang der Kinder mit der Musik harmonierte. Nebenbei spielte er in einer Band, die auch schon mal bei „Mei liabste Weis“ auftrat. Dann kam der 9. Juni. Im Morgengrauen standen Beamte vom Landeskriminalamt Linz vor der Tür des schlichten Einfamilienhauses gegenüber der Volksschule. Verdacht auf Konsum von pornografischen Darstellungen mit Kindern. Die Polizei durchsuchte das Haus, beschlagnahmte den Computer. Florian P. war sofort geständig.

Wahrscheinlich hat P. die Beamten schon lange erwartet. Seit zwei Jahren hat sich die Schlinge um ihn und seinen Internetanschluss immer enger gezogen. Begonnen hat die Jagd in Weißrussland. Dort, in der Hauptstadt Minsk, saß Regpay, jene Firma, die monatlich 49 Dollar aus Antiesenhofen erhielt. Die Gegenleistung: Zugang zu 50 Pornosites, vier davon mit einschlägigem Inhalt. Florian P. und tausende andere User bildeten die Nachfrage, Regpay das Angebot. Die Seiten hießen darkfeeling.com, lolittles.com oder schlicht lust-gallery.com. Auch weißrussische Kinderpornografen verstehen die Prinzipien des Marketings.

In Antiesenhofen vergehen keine 24 Stunden, bis sich erste Gerüchte verbreiten. Eine Nachbarstochter erzählt im Kindergarten von den Polizisten und dem Blaulicht. Bald verplappert sich ein Beamter in einem der zwei Gasthäuser des oberösterreichischen Ortes. Antiesenhofen liegt im nördlichen Innviertel, einer flachen, grünen Gegend, durchsetzt von Feldern und mannshohen Kruzifixen.

AntiesenhofenNur der Kirchturm ist schon von weitem zu sehen. Die Gräber rund um das gotische Gotteshaus sind mit farbenprächtigen Blumen geschmückt. Es stinkt. Der nächste Stall liegt direkt hinter der Friedhofsmauer. Viele Jahre lang saß Florian P. an der Orgel, sorgte für Stimmung zwischen den Predigten von Pfarrer Bernhard Meisel. In der streng katholischen Dorfgemeinschaft stellt sein Amt noch eine moralische Instanz dar. Die Causa P. ist dem Pfarrer unangenehm: „Eine heikle Sache, da will ich nicht involviert sein“, pfaucht Meisel ins Telefon und legt auf.

Nachdem Informationen von der Polizei durchgesickert waren, kamen schnell die wildesten Gerüchte in Umlauf“, sagt Andreas Girzikovsky. „Von wilden Vergewaltigungen war die Rede.“ Der 48-jährige Psychologe kennt P. seit der Kindheit. Damals gab es in der Pfarre eine Jugendgruppe, Girzikovsky war ihr Leiter. Auch P. und Bürgermeister Johann Gangl waren mit dabei. Alle drei leben noch im Ort. Und ihnen war klar: Es muss etwas geschehen. „Florian hat mir erzählt, was wirklich vorgefallen ist. Ich vertraue ihm nach wie vor und glaube, dass er mir die Wahrheit gesagt hat“, sagt Girzikovsky. Das mit dem Brief war seine Idee, er hat ihn auch geschrieben. Am Dienstag, eine Woche nach der Razzia, traf man sich im Haus von P.. Auch die Volksschuldirektorin Christine Baier war gekommen. Bürgermeister Gangl hatte es nicht weit. P. ist sein Nachbar. Gemeinsam bearbeiteten sie den Wortlaut. „Ich fand es wichtig, dass Florian sich vor der Dorfgemeinschaft outet“, sagt Girzikovsky. Der Brief sollte dazu dienen, und zur Ehrenrettung in fünf Punkten. Der erste: „Es handelt sich bei den behördlichen Ermittlungen um Internetgeschichten, die zwei Jahre zurückliegen.“

Im Juli 2003 war darkfeeling.com plötzlich wirklich dunkel, schwarz, einfach weg. Genauso verhielt es sich mit all den anderen Seiten, für die Regpay 49 Dollar pro Monat verlangte. Yahar Zalatarou und Aliaksandr Boika, die beiden Masterminds der Firma, wurden festgenommen. Der eine in Spanien, der andere in Frankreich. Die beiden hatten Urlaub gemacht. Sie hatten den Fehler begangen, das schmutzige Geld über eine Firma in Florida reinzuwaschen.

Kreditkartentransaktionen gehören zum Spezialgebiet des Department of Homeland Security, des US-Heimatschutzministeriums. Das ist eigentlich für Immigranten und Terroristen zuständig. Die Kinderpornografen erledigte man praktisch nebenher. Für die Ermittler lag Regpay am Weg – irgendwo am Ufer der globalen Finanzflüsse, in denen sie nach Al-Kaida und ähnlichen Kandidaten Ausschau halten. Und weil Kreditkartenfirmen wenig begeistert sind, wenn über ihre Dienste die Schändung von Kindern bezahlt wird, waren die entsprechenden Kundendaten schnell zur Hand.
Nach dem Abend in P.s Haus gerieten die Verfasser des Briefes unter Zeitdruck. „Es war ein Schnellschuss“, sagen heute Girzikovsky und Bürgermeister Gangl einstimmig. „Am Tag darauf stand der Florian plötzlich in meinem Büro und erbat meine Unterschrift“, sagt Gangl. Der Brief sollte noch am Mittwoch zur Post. Die Zeit drängte. Am Freitag, dem 1. Juli, war Schulschlussfest in Antiesenhofen. Dort sollten die Chöre singen und P. sich um die Arrangements kümmern. Wie immer.

Orte wie Antiesenhofen gibt es tausende in Österreich. Ortsleben bedeutet Vereinsleben. Musiker, Fußballer, Feuerwehrleute, Pensionisten: Meist sind es dieselben Menschen in anderen Outfits. Der Dorfklatsch rennt beim „Knechtelsdorfer“, dem größeren Gasthaus, wo es Hausmannskost gibt, wie der Großstädter sie nur aus dem Fernsehen kennt. Die Straßen sind sauber, Frischmilch kommt aus dem Automaten, und ab und zu passiert ein schwerer Unfall auf der Landstraße. Was heraussticht, wird gepflegt. Deswegen soll die Feuerwehr ein neues Haus erhalten, denn die Chöre müssen sich den Proberaum derzeit mit einem Löschwagen teilen. Der Kindergesang bildet bei jedem Fest einen Fixpunkt. Beim Schulschlussfest sowieso. Der letzte Absatz des Rundschreibens war auf den Anlass zugeschnitten: „Wir glauben, dass unsere Dorfgemeinschaft nicht auf sein (Florian P.s, Anm. d. Red.) musikalisches Talent und sein Mitwirken in der Öffentlichkeit verzichten sollte.“ Die Sache mit den Kinderpornos musste rechtzeitig aus dem Weg geschafft werden. Gangl unterschrieb, so wie Girzikovsky und Schuldirektorin Baier. Am Donnerstag landete das Rundschreiben in den Briefkästen der Nachbarn, Freunde und Tratschtanten. Beim Schulschlussfest ließ sich P. trotzdem nicht blicken.

Antiesenhofen

Bürgermeister Johann Gangl, ein hagerer Mann mit rahmenloser Brille und einer Vorliebe für Lederfliegen, redet heute nicht mehr gerne über die Angelegenheit. „Ich wollte einem früheren Freund helfen, dem Unrecht geschah. Aufgrund meines damaligen Wissensstandes hielt ich das Ganze für eine Verleumdnungsaktion.“ Er sagt „früherer Freund“, weil er mit P. 17 Jahre lang in einer Band gespielt hat. Als P. die Band auflöste, hat sich auch das Verhältnis zu Gangl „auf das nachbarschaftlich Notwendige reduziert“. Dennoch: „Aus meinem christlichen Verständnis heraus war es nicht richtig, Florian und damit seine ganze Familie öffentlich derart in den Dreck zu treten.“ Doch Gangl unterschätzte die Regionalpresse und deren Umgang mit dreckigen Themen.

„Kindersex-Affäre spaltet Gemeinde“, war am 21. Juli auf Seite eins der Rieder Rundschau, der größten Lokalzeitung im Bezirk, zu lesen. Aus dem Rundschreiben, dem Freundschaftsdienst, wurde ein „Persilschein“, den der Bürgermeister einem Pädophilen ausgestellt hätte. „Heute würde ich so einen Brief nicht mehr mit unterzeichnen“, sagt Gangl. Er waltet seines Amtes in dem grauen, modernen Gemeindeamt. Gegenüber verkauft ein kleiner Elektronikladen kleine Geräte. Dazwischen liegt die Dorfstraße, gequert von einem der zwei Zebrastreifen des Ortes. Gangl ist ÖVPler, so wie alle Gemeindeoberhäupter vor ihm. Und so wie die Mehrheit der Gemeinderäte, die sich in einem zweiten Rundschreiben von der Aussendung des Bürgermeisters distanzierten. „Der Sinn des Rundschreibens wurde nicht verstanden. Der Schuss ist nach hinten losgegangen“, sagt Gangl. Zum Zwecke des Outings enthielt der Brief den vollständigen Namen von Florian P. Was den Dorftratsch entschärfen sollte, gab dem Stammtisch nur noch mehr Munition in die Hand – frei Haus geliefert vom Bürgermeister und der Schuldirektorin.

Christine Baier will sich heute zu dem Thema nicht mehr äußern. Genauso wie die Menschen auf den Straßen, die seit Juli auch Namen haben. Bis dahin war jedes Haus in Antiesenhofen nur eine Nummer. Jetzt gibt es den Ortsplatz, die Schulstraße, die E-Werk-Straße. Straßen, wie es tausende gibt in Österreich. „Was haben wir davon, wenn wir uns alle bekriegen im Ort, wegen einem Mann? Wir müssen weiterleben“, sagt eine ältere Dame im Wirtshaus. In der Causa P. verstecken die Menschen sich hinter einer niedrigen Mauer des Schweigens. Sie erklären ausführlich, warum sie nichts sagen wollen. Und sagen dabei doch alles: „Die Volksseele kocht, und zwar unter der Oberfläche. Viele sind empört über den Bürgermeister, reden untereinander, trauen sich aber nicht an die Öffentlichkeit“, sagt eine adrette Frau.

Wer sich in Antiesenhofen offen gegen P. und seine Taten stellt, riskiert Freundschaften und Geschäft. „Wenn mein Name in der Zeitung steht, kann ich zusperren. Dann verliere ich halb Antiesenhofen als Kunden“, sagt einer, der etabliert ist. „Dabei ist das ein Skandal. Und ich frage mich, was eigentlich der größere Skandal ist: Was geschehen ist oder der Brief, der das verharmlosen will.“ Ein anderer war selbst Politiker, natürlich in der Volkspartei. Er sagt: „Gangl ist schlicht rücktrittsreif. So einer darf doch keine Verträge unterschreiben, an die die Gemeinde zehn Jahre lang gebunden ist.“ Johann Gangl ist Bürgermeister seit 1997.
Ludwig Mendel kennt weder Gangl noch Antiesenhofen. Er kennt auch Florian P. nicht, weiß aber mehr über dessen sexuelle Vorlieben, als beiden lieb sein könnte. Mendel hat die Ermittlungen gegen P. und 140 weitere Österreicher geleitet, die zum Kundenkreis von Regpay zählten. „Die Amerikaner haben uns Kreditkartendaten und eine Festplatte gegeben“, sagt Mendel. Darauf waren 17 Gigabyte Bilder aus den Angeboten von Regpay. Mendel, damals in Sachen Kinderpornografie ein Ein-Mann-Team im Bundeskriminalamt, hat sie sich angesehen. Es waren mehr als 30.000.

Antiesenhofen

Am ersten Juli kam noch ein Rundschreiben, Nummer drei. Diesmal fehlten die diplomatischen Formulierungen und die Höflichkeitsfloskeln. Es fehlte auch der Name des Absenders, der dafür nicht an den Rufzeichen gespart hat: „Ich lasse nicht zu, dass drei Personen die Angelegenheit vertuschen bzw. verharmlosen!!!! Wir dürfen nicht wegschauen und zulassen, wie sie den Täter zum Opfer machen!!!!! Es geht um unsere Kinder !!!!!!“ Die Volksseele hat sich Luft gemacht.

Der Psychologe Girzikovsky bleibt unbeeindruckt. Er würde sein Rundschreiben wieder ausschicken, „nur den einen Satz von wegen ‚es kamen keine konkreten Personen zu Schaden‘, den würde ich klarer formulieren. Viele haben das falsch gelesen.“ Dabei riskiert er einiges mit seinem Einsatz für einen alten Freund. Girzikovsky arbeitet auf Teilzeitbasis für den Schulpsychologischen Beratungsdienst. Hat er Angst, seinen Job zu verlieren, weil er sich für einen Pädophilen eingesetzt hat? „Das ist mir eigentlich wurscht“, sagt Girzikovsky. „Es war wichtig, klar zu kommunizieren, was er wirklich getan hat.“

Was Florian P. wirklich getan hat, was er sich angesehen hat, das musste auch Ludwig Mendel sehr genau betrachten. „Das Gesetz ist in diesem Bereich sehr unscharf“, sagt der Kripobeamte. Nur Bilder, die „offensichtlich dafür gemacht wurden, jemanden zu erregen“, kann der Staatsanwalt als Beweise vor Gericht vorbringen. Bei geschlechtlichen Handlungen ist der Fall klar. Bei anderen Bildern musste Mendel genauer hinsehen: „Da gab es ein Foto von einem kleinen Mädchen. Es hatte die Beine weit gespreizt, und durch eine Dachluke fiel ein Lichtstrahl genau auf das Geschlechtsteil“, erzählt Mendel. „Solche Bilder dienen nur einem einzigen Zweck, das reicht dem Staatsanwalt für eine Anzeige.“ Im Durchschnitt waren die gezeigten Kinder elf bis 13 Jahre alt, von Babys bis zu Pubertierenden war alles dabei. Das Material führte zu 100 Anzeigen und 100 Hausdurchsuchungen, durchgeführt zeitgleich in ganz Österreich. Die „Operation Xenia“ war der bislang zweitgrößte Schlag gegen Kinderporno-Konsumenten in Österreich. In Öberösterreich gab es zwei Verdächtige. Einer war Florian P.

„Ich will nur wieder ein normales Leben führen“, sagt der 49-Jährige heute. Anfang September ist der dreifache Familienvater vom Landesgericht Ried zu sechs Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Geständnis und Reue bewahrten ihn vor einer schlimmeren Strafe. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Seinen Job in der Musikschule in Schärding ist er los. Als Lehrer wird Florian P. wahrscheinlich nie wieder arbeiten können. Auch die Kirchenorgel darf P. nicht mehr bespielen. Die Arrangements für die Kinderchöre hat ein anderer übernommen. Andreas Girzikovsky steht weiter zu ihm. Er wünscht sich das Antiesenhofen zurück, das einmal war. „Wenn der Florian nicht dabei ist, klingt die Musik weit weniger schön“, sagt er.



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