Was ich lese und was nicht
von Johannes Hahn, ÖVPler in Wien
Was ich lese...
Politik soll nicht alle Lebensbereiche durchfluten. Schon gar nicht den Bücherstoß auf meinem Nachtkastl. Auf Umwegen schleicht sie sich dann doch wieder ein. Wenn ich etwa die Familienbiografie der Weizsäckers lese. Was mich daran fasziniert hat? Die Verflechtungen und Verwebungen von persönlichen Schicksalen und Politik. Spannend an dieser Familiensaga ist der Bogen, den sie spannt. Eine Klammer über mehrere Generationen, und alle sind von dem Bazillus Politik befallen.
„Was ich lese“ ist leider nicht immer gleichbedeutend mit „was ich lesen will“. Akten müssen studiert, Programmentwürfe korrigiert, Presseaussendungen geprüft, Sitzungsprotokolle zur Kenntnis genommen werden. Das Zeitungsstudium ist zwar auch Pflicht, aber meistens eine angenehmere. Die Zeit für Die Zeit nehm ich mir auch, außerdem für Spiegel, Newsweek und Economist, wenn sie mir unterkommen. Obwohl mich Belletristik nur selten bannen kann, ein Buch hat es geschafft. „Elf Minuten“ von Paulo Coelho. Eine wunderbare Geschichte. Es „menschelt“ in dieser Erzählung auf angenehme Weise, nicht plump und penetrant, wie das in Romanen oft der Fall ist. Es ist die Geschichte einer Brasilianerin, die, aus der Provinz kommend, zur Nobelprostituierten wird. Ihre Innenansichten haben mich beeindruckt.
Meine Urlaube gehören den Büchern und dem Meer. Bevor ich eine Reise antrete, stürme ich meistens eine Buchhandlung und kaufe im Überschwang viel zu viele gute, manchmal leider oft auch nur verheißungsvolle Bücher. Und wenn ich an einem Samstagnachmittag bei Thalia lande, vergehen Stunden, ehe ich wieder hinauskomme. Und noch etwas kann ich nicht widerstehen: Segelkarten und Reiseführern. Ich will Lesestoff, der mich immer wieder neu davon überzeugt, dass der Schritt in die Politik richtig war. Darunter fallen Nachrichten von Menschen, die mich postalisch, per Mail oder über unsere „orange box“ erreichen. Es ist schon interessant, oft witzig, manchmal auch abenteuerlich, was dir Menschen, die du nicht oder noch nicht kennst, da erzählen. Es ist ein Privileg dieser Berufskaste, des Politikers, dass dir wildfremde Menschen Einblick in ihr Leben gewähren, ihre Beschwerden und Sorgen abladen oder einfach nur stellvertretend für die Politik an sich ihre Wut bei dir deponieren. Damit umgehen zu lernen ist eine spannende Herausforderung.

und was nicht...
Was Bücher angeht: Im deutschen Sprachraum erscheinen jährlich mehr als 100.000 neue Titel. Damit wäre die Frage quantitativ schon hinreichend beantwortet. Aber im Ernst: Für Illustrierte aus dem Genre Yellow Press habe ich weder Zeit noch Interesse. Fortsetzungsromane sind etwas für gut organisierte Pensionisten, für mich nicht. Ich bin auch kein „Abarbeiter“ von Bestsellerlisten – auch wenn mir das beim Smalltalk gelegentlich ein „Das müssen Sie aber unbedingt lesen“ einhandelt. Ich verzichte frohen Herzens auf die immer länger werdenden Buchhandlungsregale voll mit Werken über Esoterik, unerklärbare Phänomene, das Transzendentale und seine Phänomenologie sowie die geheimnisvolle Urkraft des Metaphysischen. Die schier unüberblickbare Fülle an Lebensratgebern – vom Ausfüllen der Steuererklärung über gesunde fleischlose Kost bis zur Optimierung des Aufbaues persönlicher Netzwerke – ist meine Sache nicht.
Ich greife nicht bedingungslos zu jedem Band, der von einem Politike, meist ist er ja schon ein Emeritus, geschrieben worden ist. Diese Aufarbeitung der Zettelkästen eines politischen Lebens, der penibel geführten Tagebücher oder von Tonnen an Aktenvermerken und Sitzungsprotokollen dient zwar vielen Autoren sicher zur Linderung des Pensionsschocks, aber das muss man nicht alles lesen. Als Politiker bekommt man nicht selten ein Buch geschenkt oder bei zahllosen Buchpräsentationen in die Hand gedrückt. Manches blättere ich durch, das meiste davon beginnt die Laufbahn der Verschiebungshierarchie. Diese beginnt mit dem Bücherstapel für das Wochenende, das – so hofft der bibliophile Vielbeschäftigte – verregnet sein sollte. War es aber dann nicht.
Längere Zeit Ungelesenes wandert auf den Stapel für die Urlaubslektüre. Da aber auch drei Koffer letztlich einem Gewichtsengpass unterliegen, bleibt einiges zuhause. Zusammen mit den ungelesenen Werken aus dem Urlaub wandern die Restbestände in das ultimative Regal: für die Pension. Dort sammelt sich bereits eine beträchtliche Meterzahl. Von Biografien über politische Sachbücher bis zur Reiseliteratur über Destinationen, die man sicherlich einmal bereisen wird … eben in der Pension. Laufend kommt Gewichtiges hinzu. Wegwerfen oder Verschenken kommt nicht in Frage. Erstens sind die Schutzhüllen meist schon abgenommen, und zweitens steigt ja die Lebenserwartung laufend an …
Bisherige Autoren der Reihe „Was ich lese und was nicht“ finden Sie hier.
Politik soll nicht alle Lebensbereiche durchfluten. Schon gar nicht den Bücherstoß auf meinem Nachtkastl. Auf Umwegen schleicht sie sich dann doch wieder ein. Wenn ich etwa die Familienbiografie der Weizsäckers lese. Was mich daran fasziniert hat? Die Verflechtungen und Verwebungen von persönlichen Schicksalen und Politik. Spannend an dieser Familiensaga ist der Bogen, den sie spannt. Eine Klammer über mehrere Generationen, und alle sind von dem Bazillus Politik befallen.
„Was ich lese“ ist leider nicht immer gleichbedeutend mit „was ich lesen will“. Akten müssen studiert, Programmentwürfe korrigiert, Presseaussendungen geprüft, Sitzungsprotokolle zur Kenntnis genommen werden. Das Zeitungsstudium ist zwar auch Pflicht, aber meistens eine angenehmere. Die Zeit für Die Zeit nehm ich mir auch, außerdem für Spiegel, Newsweek und Economist, wenn sie mir unterkommen. Obwohl mich Belletristik nur selten bannen kann, ein Buch hat es geschafft. „Elf Minuten“ von Paulo Coelho. Eine wunderbare Geschichte. Es „menschelt“ in dieser Erzählung auf angenehme Weise, nicht plump und penetrant, wie das in Romanen oft der Fall ist. Es ist die Geschichte einer Brasilianerin, die, aus der Provinz kommend, zur Nobelprostituierten wird. Ihre Innenansichten haben mich beeindruckt.
Meine Urlaube gehören den Büchern und dem Meer. Bevor ich eine Reise antrete, stürme ich meistens eine Buchhandlung und kaufe im Überschwang viel zu viele gute, manchmal leider oft auch nur verheißungsvolle Bücher. Und wenn ich an einem Samstagnachmittag bei Thalia lande, vergehen Stunden, ehe ich wieder hinauskomme. Und noch etwas kann ich nicht widerstehen: Segelkarten und Reiseführern. Ich will Lesestoff, der mich immer wieder neu davon überzeugt, dass der Schritt in die Politik richtig war. Darunter fallen Nachrichten von Menschen, die mich postalisch, per Mail oder über unsere „orange box“ erreichen. Es ist schon interessant, oft witzig, manchmal auch abenteuerlich, was dir Menschen, die du nicht oder noch nicht kennst, da erzählen. Es ist ein Privileg dieser Berufskaste, des Politikers, dass dir wildfremde Menschen Einblick in ihr Leben gewähren, ihre Beschwerden und Sorgen abladen oder einfach nur stellvertretend für die Politik an sich ihre Wut bei dir deponieren. Damit umgehen zu lernen ist eine spannende Herausforderung.

und was nicht...
Was Bücher angeht: Im deutschen Sprachraum erscheinen jährlich mehr als 100.000 neue Titel. Damit wäre die Frage quantitativ schon hinreichend beantwortet. Aber im Ernst: Für Illustrierte aus dem Genre Yellow Press habe ich weder Zeit noch Interesse. Fortsetzungsromane sind etwas für gut organisierte Pensionisten, für mich nicht. Ich bin auch kein „Abarbeiter“ von Bestsellerlisten – auch wenn mir das beim Smalltalk gelegentlich ein „Das müssen Sie aber unbedingt lesen“ einhandelt. Ich verzichte frohen Herzens auf die immer länger werdenden Buchhandlungsregale voll mit Werken über Esoterik, unerklärbare Phänomene, das Transzendentale und seine Phänomenologie sowie die geheimnisvolle Urkraft des Metaphysischen. Die schier unüberblickbare Fülle an Lebensratgebern – vom Ausfüllen der Steuererklärung über gesunde fleischlose Kost bis zur Optimierung des Aufbaues persönlicher Netzwerke – ist meine Sache nicht.
Ich greife nicht bedingungslos zu jedem Band, der von einem Politike, meist ist er ja schon ein Emeritus, geschrieben worden ist. Diese Aufarbeitung der Zettelkästen eines politischen Lebens, der penibel geführten Tagebücher oder von Tonnen an Aktenvermerken und Sitzungsprotokollen dient zwar vielen Autoren sicher zur Linderung des Pensionsschocks, aber das muss man nicht alles lesen. Als Politiker bekommt man nicht selten ein Buch geschenkt oder bei zahllosen Buchpräsentationen in die Hand gedrückt. Manches blättere ich durch, das meiste davon beginnt die Laufbahn der Verschiebungshierarchie. Diese beginnt mit dem Bücherstapel für das Wochenende, das – so hofft der bibliophile Vielbeschäftigte – verregnet sein sollte. War es aber dann nicht.
Längere Zeit Ungelesenes wandert auf den Stapel für die Urlaubslektüre. Da aber auch drei Koffer letztlich einem Gewichtsengpass unterliegen, bleibt einiges zuhause. Zusammen mit den ungelesenen Werken aus dem Urlaub wandern die Restbestände in das ultimative Regal: für die Pension. Dort sammelt sich bereits eine beträchtliche Meterzahl. Von Biografien über politische Sachbücher bis zur Reiseliteratur über Destinationen, die man sicherlich einmal bereisen wird … eben in der Pension. Laufend kommt Gewichtiges hinzu. Wegwerfen oder Verschenken kommt nicht in Frage. Erstens sind die Schutzhüllen meist schon abgenommen, und zweitens steigt ja die Lebenserwartung laufend an …
Bisherige Autoren der Reihe „Was ich lese und was nicht“ finden Sie hier.
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