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Die Nummer zwei

Hans Mahr arbeitete für Hans Dichand, Bruno Kreisky, Helmut Thoma und Gerhard Zeiler. Jetzt soll er dem Pay-TV-Sender Premiere auf die Sprünge helfen.

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Text: Bernhard Baumgartner
„Der Mahr wird dir halt auf die Nerven gehen. Mit geht er auch auf die Nerven – aber daran musst du dich gewöhnen.“

Hans MahrDieser Satz – so will es die Legende – stammt von keinem Geringeren als Gerhard Zeiler. Dessen RTL-Gruppe hatte 2003 die Mehrheit am Nachrichtensender n-tv übernommen. Dem damaligen n-tv-Geschäftsführer Helmut Brandstätter schwante ob der neuen Gesellschafter Böses. Beide Gesprächspartner sollten damals Recht behalten. Mahr wollte am liebsten schon bei n-tv regieren, noch bevor überhaupt die Verträge unterschrieben waren (mal passte das Licht im Studio nicht, mal war es die unmögliche Frisur der Moderatorin). Brandstätter wurde umgehend abgesägt. Solidarität unter Medien-Österreichern?

Eher das Gegenteil. Die Geschichte von Hans Mahr ist auch die Geschichte derer, die aus Österreich auszogen, um die deutsche Medienlandschaft aufzumischen. Der an lähmender Stickigkeit leidenden Enge der hiesigen TV-Flora entflohen, kamen sie, einer nach dem anderen.

Erst Helmut Thoma, der Mahr 1994 als Chefredakteur zu RTL holte, dann, als Thoma in Ungnade fiel, Gerhard Zeiler. RTL, immerhin Marktführer am deutschen Fernsehmarkt, war seit der Gründung immer fest in österreichischer Hand gewesen. Dass sich die drei Protagonisten gegenseitig nicht leiden können, ist wohl die Ironie der Geschichte. Mahrs Geschichte. Auf den Segen Mahrs muss RTL nun verzichten. Als Mahr-Intimfeind Marc Conrad im Juli 2004 Gerhard Zeiler (wenn auch nur für kurze Zeit) als Senderchef beerbte, gab auch Mahr die RTL-Chefredaktion ab und kümmerte sich fortan nur noch um Synergien in der RTL-Gruppe. Ein Job, den er bislang nebenbei gemacht hatte.

Mehr als zehn Jahre solle ein Medienmanager nicht bei einem Sender tätig sein, sagte Zeiler damals in einem Interview mit der Financial Times Deutschland , die wie RTL zum Bertelsmann-Reich gehört. Eine seidene Schnur? Mahr war damals jedenfalls genau zehn Jahre bei RTL. Da kam ihm der Ruf von Georg Koflers Premiere gerade recht. Kofler (der als Südtiroler auch gerne zur Riege der Medien-Österreicher in Deutschland gezählt wird) schaffte im Mai dieses Jahres für Mahr ein eigenes Vorstandsressort für „Sport und New Business“ bei Premiere.

Wer denkt, das sei ein Abstellgleis, liegt falsch: Sport ist gerade für den Pay-TV-Sender Premiere der Schlüssel zum Erfolg. Die nächste Zwischenstationen in einer bemerkenswerten Karriere. Mahrs Geschichte beginnt Anfang der Siebziger, als sich der heute 56-Jährige bei der Kronen Zeitung erste Sporen als Lokalreporter und später als Politikchef verdient. Krone-Chef Hans Dichand schätzt den quirligen, bissigen Aufsteiger, der so gut mit Menschen umgehen kann – vor allem, wenn er sich etwas von ihnen verspricht. Kollegen aus der damaligen Zeit verlieren heute noch kein böses Wort über ihn. „Nett“ sei er gewesen, zwar sehr ehrgeizig und zielstrebig, aber nett. „Sie werden hier keinen finden, der Schlechtes über Hans Mahr sagt“, ist ein lang gedienter Krone-Mann überzeugt.

Wie man es nimmt. Der Welt am Sonntag sagte Mahr vor einem Jahr in einem Interview: „Wenn man mich als nett bezeichnen würde, würde ich zuschlagen.“ Der Interviewer sah sich daraufhin zu einem „War ja nur eine Frage“ genötigt. Dasselbe gelte im Übrigen auch für das Wort „verschlagen“, das oft im Zusammenhang mit ihm falle, meinte Mahr. Auch das ist zuschlagpflichtig.

Anfang der Achtziger wechselt Mahr die Seite, leitet das Büro des damaligen Wiener Bürgermeisters Leopold Gratz und managt den Wahlkampf Bruno Kreiskys. Nach einem Zwischenspiel als Reporter beim Stern kehrt Mahr zur Krone zurück – 1989, als Geschäftsführer. Auch heute noch gehöre sein Herz der Krone, sollte er viel später in einem Interview sagen – um sogleich Gerüchte zurückzuweisen, er könnte die Krone-Führung doch einmal ganz von Dichand übernehmen, als Kompromisskandidat zwischen den ewig streitenden Hälfteeignern WAZ und Dichand. Überhaupt meldet sich Mahr immer wieder gerne zu österreichischen Medienthemen zu Wort. Er ist dabei bissig, provokant und versucht nicht einmal, seinen Ton des Oberlehrers zu verbergen. Mit schöner Regelmäßigkeit gibt der, der es in Deutschland zu etwas gebracht hat, Interviews, in denen er schon mal fordert, den ORF doch – bitte schön – endlich zu privatisieren. Oder er gibt Tipps, wie die Anstalt denn so zu führen sei.

Besonders gerne dann, wenn dort Neubestellungen anstehen. Das hat manchmal geradezu ritualhafte Züge: Mahr bellt, der ORF schmollt, die Politik verbittet sich die Einmischung, und die Medienseiten der Zeitungen haben Stoff für eine ganze Woche. Und jedes Mal taucht die Frage auf: Warum tut der Mahr das? Will er ORF-Chef werden? Mahr dementiert dann immer und sagt Sätze wie: „Ich komme zurück nach Österreich – aber nicht vor meiner Pensionierung.“

Immerhin. So lange ist er noch gar nicht Auslandsösterreicher. 1994 wechselte er zu RTL. Erst als Chefredakteur, dann als Informationsdirektor und Stellvertreter Gerhard Zeilers. „RTL-Chef“ stand dann schon gerne mal unter den Fotos in der Bild-Zeitung. Das freute ihn. Und dem eigentlichen Chef Zeiler war es egal.

Dabei ist der Lapsus verständlich: Bei der Fülle an Sendungen, die Mahr zu verantworten hatte, blieb scheinbar kaum mehr etwas übrig. Zu seinem Reich bei RTL gehörten die Nachrichtensendungen, von „Punkt 12“ bis zum „Nachtjournal“, mit „RTL Aktuell“ als Flaggschiff. Dazu alle Magazine, von „Explosiv“ bis „Exklusiv“, und natürlich der Livesport. Gerade dort hatte Mahr seine spektakulärsten Erfolge zu verbuchen. Er schaffte es, das öde Skispringen zum Top-TV-Event hochzupushen – und das in einem Land, in dem Skisport nördlich von Frankfurt traditionell eine Bedeutung in der Größenordnung des Junioren-Säbelfechtens hat.

Auch mit der Formel 1 auf RTL gelang Mahr ein reicher Fischzug – der ohne sein exzellentes Netz an Kontakten nicht möglich gewesen wäre. „Mahr ist für uns der geborene Österreicher“, sagt Peter Klöppel, Moderator und heute RTL-Chefredakteur. „Wir stellen uns Wien als großes Dorf vor, in dem jeder jeden kennt.“ Und Mahr kennt sie alle: die Chefs, die Manager, die Fahrer. „Er schmiedet Allianzen, von denen man nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gibt“, erinnert sich Klöppel an seinen ehemaligen Chef. Unter Mahrs Kontakten finden sich viele Machtmenschen und Promis, die er geschickt für seine Zwecke als Multiplikatoren heranzieht.

Alle, die mit Mahr gearbeitet haben, scheinen sich einig: Mahr ist ein Bauchmensch, der aber dabei seinen Kopf nicht ausschaltet. Einer, der in erster Linie seinen Instinkten vertraut – und daher auch weiß, wann es an der Zeit ist, auf Tauchstation zu gehen. Das hält ihm Helmut Thoma wohl heute noch vor. Als Thoma 1998 auf Druck der RTL-Eigentümer gehen musste, wollte er , dass auch Mahr geht. Der aber blieb und baute unter Zeiler sein Reich noch weiter aus. Als klar war, dass Mahr Thoma nicht beerben würde, unterstützte er Zeiler, der ihn dafür gewähren ließ. Thoma soll ihn daraufhin „Fußpilz“ und „Brutus“ genannt haben. Der Bruch ging so weit, dass Thoma noch Jahre später bei einer Veranstaltung den Saal verließ, weil Mahr eine Ehrung erhielt.

Ehrungen hat Mahr etliche bekommen. So trägt er etwa die Titel „Feinschmecker des Jahres“ (1997) und „Weinnase des Jahres“ (2004). Zum 50. Geburtstag verlieh ihm der damalige Bundeskanzler Viktor Klima den Professorentitel – was der Krone ein dreispaltiges Interview wert war, in dem sich Mahr fragen lassen durfte, ob es ihn denn störe, dass er nun seiner eigenen Zielgruppe (14–49) entwachsen sei. Dieser meinte darauf, er fühle sich ohnehin eher wie 40.

Wenn Beobachter der deutschen Medienlandschaft über den gebürtigen Hernalser Postlersohn sprechen, nennen sie ihn gerne abschätzig „den Mahr Hansi“. Der oft Harald Schmidt zugeschriebene Spitzname ist natürlich nicht von ihm – Schmidt griff ihn auf, als er in der Branche längst ein geflügeltes Wort war.
Schmidt schoss gerne und scharf gegen Mahr. Als dieser nach einer gescheiterten Beziehung mit Krone-Journalistin Conny Bischofberger (aus der Verbindung hat Mahr zwei Söhne) eine Liaison mit „Punkt 12“-Moderatorin Katja Burkard einging, gab es für das Schandmaul vom Dienst des Konkurrenzsenders Sat.1 kein Halten mehr. Und wenn Schmidt stets auf Burkards Lispeln herumritt, tat er das auch, weil er wusste, dass Mahr das nicht lustig fand.

Die viel jüngere, blonde Moderatorin, mit der er eine kleine Tochter hat, verschaffte Mahr Raum in den Klatschspalten. Während Mahrs Chef Gerhard Zeiler sich medial im Hintergrund hielt, trat Mahr immer öfter öffentlich auf. Dabei dozierte er gerne über gutes Essen und edle Weine, spazierte über rote Teppiche und machte ordentlich auf Glamour. Und Zeiler? „Wir ergänzen uns eben“, sagte Mahr einmal in einem Interview.
In letzter Zeit ist der Spitzname „Mahr Hansi“ seltener in Gebrauch. Vielleicht auch ein Indiz für den Respekt, den sich Mahr erarbeitet hat. Er hat den Privatsender RTL in Sachen Informationskompetenz an die Öffentlich-Rechtlichen herangeführt, ja zeitweise sogar überholt.
Aber wie ist das nun mit Hans Mahr? Ist er so nett, wie viele sagen? Ist er verschlagen, wie viele meinen? „Bei ihm musst du immer die Ringe zählen, nachdem er dir die Hand gegeben hat“, sagt ein hochrangiger Kollege aus der Branche.

Immerhin ist er flexibel. Galt Mahr nach seiner SPÖ-Vergangenheit als Linker, so schaffte er es dennoch, das Vertrauen des „ewigen Kanzlers“ Helmut Kohl zu gewinnen. Und die ehemaligen Kollegen finden zwar, dass er in seinem Perfektionsdrang und seiner Tendenz zur Einmischung in die Sendungen chronisch nervig und mühsam gewesen sei, konzedieren aber auch, dass das als Chef eben seine Aufgabe gewesen sei. Der ehemalige RTL-Sportkommentator Marcel Reif brachte es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: „Er ist cholerisch und ungerecht. Und ein echter Segen für RTL.“ Mahr selbst sieht das locker. Er sei „lieber kantig als grantig“, reimte er in einem Interview.

Nach seiner Karriere als Mann hinter dem Bundeskanzler, als Nummer zwei der Krone (hinter Dichand), als Nummer zwei bei RTL (hinter Zeiler) hat Hans Mahr nun wieder seine gewohnte Position eingenommen. Als Nummer zwei hinter Georg Kofler. Hans Mahr ist heute 56 Jahre alt. Ein paar Jahre hat er noch, um Nummer eins zu werden. Oder nach Österreich zurückzukehren.
Dann muss sich der Feinschmecker und Naschmarkt-Kunde auch das Gulasch und das Beuschl auch nicht mehr nach Deutschland nachschicken lassen.

Bisher in der Reihe "Österreichische Wege" erschienen:

Bernhard Lang
Der lange Atem

Christian Fiala
Der Missionar

Willi Langthaler
Freier Radikaler

Thomas Brezina
Kinderarbeiter

Ludwig Scharinger
Bauernkönig

Markus Rogan
Schwimmstar

Elke Krystufek
Freikörperkünstlerin

Georg Zellhofer
Lichtgestalt

Franz Prenner
Der Fernsehbauer

Wolfgang Rosam
Der Wolfgang, der nicht schweigt

Heide Schmidt
Die Freiheit, die sie meint

Anton Polster
Polstergeist

Josef Kalina
Der Verkäufer Joe

Georg Sporschill
Menschenfischer

Margit Schmidt
Die Denkmalpflegerin



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