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8. Oktober 1871: Das „Great Chicago Fire“ löscht die Stadt am Lake Michigan fast völlig aus. An den Mechanismen des „Katastrophierens“ hat sich bis heute nichts geändert.

Einführung: Martin Langeder
Kommentar: Christian Zillner

Einführung

Catherine O’Leary war am Sonntag früh zu Bett gegangen. Gegen 21 Uhr rüttelte sie ihr Mann wach: „Der Stall brennt!“ Die Flammen im Kuhstall in der DeKevon Street verwandelten sich schnell in einen „Hurrikan aus Feuer und Asche“, der als „Great Chicago Fire“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Das Feuer brannte sich, immer wieder von starkem Südwestwind angefacht, zwei Nächte lang Häuserblock um Häuserblock bis ins Zentrum der Stadt am Michigansee vor. Als es Dienstagfrüh endlich zu regnen begann, lagen acht Quadratkilometer der Stadt in Schutt und Asche. Mehr als 120 Straßenkilometer und 17.000 Gebäude waren zerstört. Bis zu 300 Menschen kamen in den Flammen um. Jeder dritte der 300.000 Bewohner Chicagos hatte nach der Katastrophe mit einem geschätzten Schaden von bis zu 400 Millionen Dollar kein Dach mehr über dem Kopf.

Ein Feuerwehrmann sagte später: „Von Beginn an ging alles schief.“ Das Alarmsystem versagte, die 200 Feuerwehrmänner waren nach einem 16-Stunden-Einsatz am Vortag des Großbrandes völlig erschöpft und wurden zuerst zu einem falschen Ort gelotst, mehr als einen Kilometer vom brennenden Stall entfernt. Noch dazu wurde das Löschwasser knapp. Der Sommer 1871 war heiß und trocken gewesen, seit Juli soll nur ein Inch Regen gefallen sein. Am Tag nach dem Ausbruch des Feuers meldete das Chicago Evening Journal, dass eine der fünf Kühe von Catherine O’Leary eine brennende Öllampe umgestossen hätte.

Ein Gerücht, das sich lange hielt. Die fünffache Mutter war der perfekte Sündenbock: Sie war eine Frau, eine Einwanderin aus Irland und Katholikin – eine Kombination, die in der schnell wachsenden Industriemetropole Chicago, die gerade St. Louis als viertgrößte US-Stadt abgelöst hatte, nicht angesagt war. Erst 1997 veranlasste der Stadtrat von Chicago eine offizielle Untersuchung des Great Chicago Fire, die Catherine O’Leary 102 Jahre nach ihrem Tod rehabilitierte. Heute gilt ihr Nachbar Daniel Sullivan als Brandstifter. Die „Wiederauferstehung“ von Chicago war ebenso bemerkenswert wie die Zerstörung. Das trotzige Motto der Stadt lautete: „Alles ist weg außer Frau, Kindern und Tatkraft.“

Zwei Jahrzehnte später richtete die Stadt die „World Columbian Exposition“ aus. Zur Ausstellung zum 400. Jahrestag der Entdeckung des Kontinents durch Christoph Kolumbus strömten 1893 mehr als 20 Millionen Besucher nach Chicago. 1956 wurden die letzten Reste vom Wohnhaus der O’Learys, das wie der Wasserturm, eines der Wahrzeichen der Stadt, das Great Chicago Fire überstanden hatte, abgerissen – um einer Feuerwehrschule Platz zu machen.


Kommentar

Hunderte Menschen tot, acht Quadratkilometer Stadtgebiet zerstört, jeder dritte Bewohner ohne Wohnung – und die Rettungskräfte hatten weitgehend versagt. Dafür war rasch eine Schuldige für die Katastrophe gefunden. Nein, sie hieß nicht Katrina, sondern Catherine, war kein Wirbelsturm, sondern fünffache Mutter, und wurde erst 102 Jahre nach ihrem Tod von der durch Zeitungen verbreiteten Behauptung freigesprochen, sie hätte das „Great Chicago Fire“ von 1871 durch Unachtsamkeit verursacht.

Große Katastrophen wie die Überschwemmung von New Orleans oder das Great Chicago Fire gehorchen einer bestimmten Dramaturgie – insofern ist der Ausdruck „Naturschauspiel“ berechtigt: Im Vorspiel erscheint ein Mahner, der scheinbar unbedeutende Vorkommnisse und ihre kumulative Wirkung analysiert, um dann auf kommendes Ungemach zu verweisen. Im Fall von New Orleans erschien ziemlich genau ein Jahr vor der Katastrophe ein Artikel in dem Fachmagazin National Geographic. Joel K. Bourne, Jr. beschrieb darin im Stil einer Reportage die Überschwemmung und ihre Folgen minutiös, im Web nachzulesen hier.

Im ersten Akt ereignet sich die Katastrophe, die Zuschauer erleben das Leid und den Heldenmut der Betroffenen mit. Im zweiten Akt tritt ein Chor auf, der die Verantwortlichen, ob Götter oder nur Halbgötter, verflucht. Im dritten Akt, dem Höhepunkt des Schauspiels, bricht Chaos aus, die menschliche Tragödie wird zur Schlachtszene, die Verfluchungen des Chores zeigen Wirkung, das Drama läuft auf die „Entdeckung“ des Schuldigen hinaus. Mit seiner Entlarvung ist der Höhepunkt des Naturschauspiels überschritten. Im vorletzten Akt beginnt die Wiederherstellung des Gewohnten, im letzten ist alles gut, nur ein Sänger erinnert an die Schrecken der Vorzeit. Naturkatastrophen ereignen sich immer in der Vorzeit. Wir können uns keine Katastrophe vorstellen, erst hinterher haben wir sie als Vorstellung erlebt und eine Vorstellung davon.

Als Naturschauspiel ermöglicht die Katastrophe, was Aristoteles „Katharsis“ nannte, eine emotionale Reinigung. Durch Feuer oder Wasser geläutert, empfinden wir selbst als Zuschauer uns für den einen Moment nicht mehr als Individuum, sondern als Teil der Menschheit. In diesem Moment entdecken wir auch, was wir aus Katastrophen lernen können: nichts, außer dass das Leben für manche weitergeht. Diese Erkenntnis ist so banal und gleichzeitig so erschütternd, dass wir darüber für einige Zeit verstummen.



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