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F für Fake

Fälschungen, Grubenhunde und Hoaxes. Wie provokante Aktionen im Umgang mit Medien zur Kunstgattung wurden. Das Falsifikat hat gerade in Österreich eine lange Tradition.

Text: Otmar Lahodynsky
Fotografie: Archiv profil, Karel Dudesek, Privat
Triumphierend schwenkte Peter Westenthaler, Chef des „Bündnisses Zukunft Österreich“ (BZÖ), in der TV-Konfrontation mit SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer einen Brief in die Kamera. Laut dem Schreiben hatte der Vizepräsident des Österreichischen Alpenvereins einem moslemischen SPÖ-Gemeinderat in Wien mitgeteilt, dass er dessen Meinung, dass jedes Gipfelkreuz „ein Herrschaftszeichen des Christentums“ sei, nicht teile. Als Zeichen des guten Willens bot er dem Funktionär „die Anbringung eines Halbmondes an einem Gipfel der gemeinsamen Wahl“ an.

Am nächsten Tag stand Westenthaler als der Blamierte da. DATUM hatte aufgedeckt, dass sich eine Künstlergruppe mit dem klingenden Namen „Haben wir denn keine anderen Sorgen“ den gefälschten Brief verfasst und an mehrere Politiker verschickt hatte. Als Test, wie leichtfertig und ungeprüft Fakes von populistisch eingestellten Politikern für bare Münze genommen werden. „Wir wollten einfach sehen, wie absurd eine politische Behauptung sein kann, die dann trotz ihrer Absurdität aufgegriffen wird“, erklärte einer der Initiatoren, die aus Angst vor gerichtlichen Klagen anonym bleiben wollen. Die provokante Aktion laufe unter dem Motto „How low can you go“.

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Die Blamage für den BZÖ-Chef, der weiter an der Echtheit des Briefes festhielt, obwohl ihn der angebliche Verfasser vom Alpenverein als Fälschung erkannte, steht in bester Tradition des guten alten „Grubenhundes“. 1911 hatte ein Leser in einem Brief an die Wiener Neue Freie Presse aus Ärger über eine übertriebene Schilderung eines Erdbebens eigene Beobachtungen übermittelt. „Völlig unerklärlich“ fand der Schreiber, dass „mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab“. Damit war der Grubenhund, benannt nach dem in Bergwerken verwendeten Wagon („Hunt“), geboren. Zuvor hatte schon Karl Kraus mit gefälschten Leserbriefen mehrere Redaktionen genarrt.

In dieser Tradition stand auch die Aktion des Wiener Sachbuch-Autors Hans Weiss. Dieser hatte zunächst in einem Leserbrief die Tatsache aufgedeckt, dass die Schwiegermutter von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von einer illegalen Pflegerin aus der Slowakei billig betreut worden war. In der Folge wurde er von der Illustrierten News bestürmt – nach Darstellung von News war die Sache umgekehrt –, diese Pflegerin zu einem Interview zu bewegen. Aus Ärger über die dauernden Anfragen entschloss sich Weiss, eine Bekannte die Pflegerin spielen zu lassen. Das Interview mit der falschen Pflegerin „Frau Maria“ wurde ohne Gegencheck abgedruckt. Aber auch andere Medien wären ihm wohl auf den Leim gegangen.

Genialer Fallensteller war das Wiener Universal-Genie Helmut Qualtinger. Er brachte es im Wien der Fünfziger zur Meisterschaft in der Disziplin der Medien-Erziehung. Schon als 17-Jähriger hatte er die Kulturszene genarrt, indem er als angeblicher „Theaterkommissar“ mit selbst angefertigter Armbinde Verwirrung stiftete und eine kommunistische Kabarett-Bühne zu gründen versuchte. 1951 lud er auf gestohlenen Briefbögen des Pen-Clubs Kulturredakteure zur Begegnung mit dem Eskimo-Dichter Kobuk ein. Dieser Vertreter der „arktischen Mystik“ sei durch Romane wie „Einsames Iglu“ oder „Republik der Pinguine“ berühmt geworden und wolle in Wien über Aufführungsrechte seines Stücks „Verlassener Kajak“ verhandeln, hieß es in der Einladung, die zu ausführlichen Berichten in mehreren Blättern führte.

Helmut QualtingerSogar Hollywood habe den Dichter unter Vertrag genommen, setzte Qualitinger noch eins drauf. MGM plane die Verfilmung seines Romans „Nordlicht über Ivikut“. Die Arbeiter Zeitung berichtete sogar über eine geplante Tournee der Wiener Eisrevue in Grönland. An einem heißen Julitag fanden sich zahlreiche Journalisten auf dem Wiener Westbahnhof zum Empfang des berühmten Dichters aus Grönland ein. Ein mit Pelzmütze und Pelzmantel bekleideter Mann stieg schwitzend aus dem Zug. Als ihn ein Radio-Mitarbeiter nach den ersten Eindrücken von Wien befragte, antwortete der angebliche Eskimo-Poet seltsamerweise in breitem Wiener Dialekt: „Haaß is“.

Die Tradition, mit übertriebenen oder gefälschten Meldungen leichtgläubige Journalisten hinters Licht zu führen, setzte sich später als politisches Kampfmittel fort. Der Mitbegründer der Westberliner „Kommune 1“, Fritz Teufel, prägte den Begriff der Spaß-Guerilla, die mit witzigen Sponti-Aktionen für Aufsehen sorgte. So endete ein Streit mit einem Kaffeehaus-Besitzer in Hannover 1968 in einer wüsten Tortenschlacht mit der Polizei, bei der sich die linken Kommilitonen aus der Auslage des Cafetiers mit Wurfgeschoßen bedienten. Im selben Jahr begann der belgische Anarchist Noel Godin mit seinen Tortenattentaten. Der Begründer der „Patissiers sans frontières“ bewarf seine prominenten Opfer mit schaumigen Torten, manche öfter, den französischen Philosophen Bernard Henri Levy gleich sieben Mal.

In der Tradition der linken Spaßguerilla stand eine Sondervereinbarung der rot-grünen Koalitionsvereinbarung im deutschen Bundesland Hessen 1985. Die Grünen hatten darin den Beitritt zum „Shanghaier Kugelfisch-Abkommen“ durchgesetzt. Damit sollten fernöstliche Köche, die den in manchen Teilen hochgiftigen Kugelfisch „Fugu“ zubereiten, Sonderregelungen für Aufenthaltsgenehmigungen erhalten. Das Abkommen war eine Erfindung der Grünen, auf die der Koalitionspartner und auch die Medien hereinfielen. Deutsche Diplomaten erfanden einen Legationsrat, der in offizielle Dokumente und auch in Medien eingeschmuggelt wurde.

In ähnlicher Tradition handelte ein österreichischer Ministerialrat, Fritz Herrmann, der den Kommentator der Kronen-Zeitung, Richard Nimmerrichter vulgo Staberl, mit einem zugesandten Gedicht hinters Licht führte. Denn das gereimte Rätsel, das Staberl umgehend auf die 68er münzte und veröffentlichte, war ein so genanntes Akrostichon. Die von oben nach unten zu lesenden Anfangsbuchstaben der Verszeilen ergaben den Namen „Staberl“, der diesen Grubenhund nicht erkannte.

Hans Pusch, Sekretär des damaligen Unterrichtsministers Fred Sinowatz, führte 1976 Journalisten aufs Glatteis. So rief er aus Innsbruck Redaktionen an, um diese über die Eröffnung der neuen Skisprung-Schanze am Berg Isel zu informieren. Der Minister sei aus der untersten Luke zu einem Probesprung gestartet und habe einen „tadellosen 70-Meter-Sprung“ hingelegt, erfuhren die staunenden Medienleute. Die Meldung vom ersten Ski-Sprung des übergewichtigen Burgenländers druckten mehrere Zeitungen.

Überhaupt Pusch: Der Politik-Sekretär versetzte Journalisten und Beamte regelmäßig als Stimmenimitator hinters Licht. So gab er sich als Bundeskanzler Bruno Kreisky aus und hörte sich dabei täuschend ähnlich an. Selbst engste Mitarbeiter wussten nicht, ob sie mit Kreisky oder nur mit Pusch sprachen.

Die Grenzen zwischen Provokation und künstlerischer Performance loteten aber die beiden österreichischen Multimedia-Künstler Karel Dudesek und Bernhard Müller aus. 1981 trampten sie in US-Uniformen und mit GI-gemäßem Kurzhaarschnitt quer durchs kommunistisch regierte Polen, sprachen US-amerikanischen Slang und schmuggelten sich sogar in Kasernen ein. Sie seien Angehörige eines Austausch-Kontingents, ausgehandelt in neuen Verträgen zwischen NATO und Warschauer Pakt, erklärten sie regelmäßig. Ihre Aktion in der Tradition des Hauptmanns von Köpenick wurde von dem seltsamen Duo bis ins Detail durchgespielt. Wie selbstverständlich nahmen sie auch Ermäßigungen in Anspruch, die sonst nur einheimischen Soldaten gewährt wurden: 40 Prozent bei den polnischen Staatsbahnen oder Gratis-Eintritt in Museen.

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In Danzig schauten sie schnell im Büro des Solidarno ´s ´c-Führers Lech Walsea vorbei. Eine Mitarbeiterin konnte es zuerst nicht glauben. US-Soldaten mitten im Warschauer-Pakt-Land? Sie führte die beiden zum Gewerkschaftsführer, der sich mit den beiden Aktionisten brav fotografieren ließ. In der Botschaft der DDR suchten die beiden Fake-GIs um ein Transitvisum nach Berlin an und erhielten es prompt. Eine Diplomatin lud sie noch zum Besuch einer Fotoausstellung ein: Aufnahmen der Nationalen Volksarmee müssten doch auch amerikanische Soldaten interessieren. Erst in West-Berlin wurde das Duo gestoppt. Die amerikanische Militärpolizei beanstandete, dass die beiden in Manöver-Kluft und nicht in Ausgehmontur unterwegs seien.

Als die beiden österreichische Reisepässe vorwiesen, zeigten sich die echten GIs völlig verwirrt. Dudesek und Müller unternahmen im Rahmen des von ihnen gegründeten „Institute for unpolitical affairs“ (IUPA) noch andere Aktionen. In Belfast eröffneten sie an der Demarkationslinie zwischen den Wohnvierteln von Katholiken und Protestanten in einem ausgebombten Banklokal eine IUPA-Filiale. Zeitgleich sperrte ein anderes IUPA-Office in einem ausgebombten Haus an der „grünen Linie“ mitten in Beirut auf. Der Zürcher Tagesanzeiger erkannte in solchen Kunstaktionen die Tradition des Dadaismus. Schon mitten im Ersten Weltkrieg war ein Angehöriger der Dadaisten, Arthur Cravan, mit gefälschten Pässen und Uniformen quer durch alle Fronten gereist. In den USA forderte er später den schwarzen Boxweltmeister Jack Johnson heraus und ging prompt in der ersten Runde k.o.

Dudesek, heute Lehrbeauftragter für Design und Medien am Ravenborn College in London, will seine provokanten Aktionen des absurden Polit-Theaters nicht wiederholen. „Das ist alles zu gefährlich geworden“, erklärt er. Wegen verschärfter Polizei-Überwachungen und Terrorangst würde man heute rasch im Gefängnis landen. Bei einer Grenzkontrolle vor einigen Jahren wurde sein Auto von deutschen GSG-9-Beamten gefilzt. Nach einigen Monaten durfte er sich beschlagnahmte Dias von Kunstaktionen vom deutschen Geheimdienst BND abholen. Als es noch keine rigorosen Sicherheits-Kontrollen gab, schmuggelte sich ein französischer Pensionist regelmäßig bei Tagungen von Politikern ein und mischte sich für Gruppenfotos mitten unter die Polit-Prominenz. Der stets gut gekleidete „Monsieur Alfred“ wurde von den echten Politikern als einer von ihnen gehalten. Wer kennt schon jeden Kollegen aus kleineren Ländern?

Der amerikanische Filmschauspieler und Regisseur Orson Welles beschäftigte sich ausführlich mit Fakes. 1938 hatte er mit einer Hörspiel-Version des H.G. Wells-Romans „War of the worlds“ amerikanische Radiohörer geschockt. Viele hielten die gespielte Reportage für eine echte News-Sendung über die Invasion feindseliger Marsbewohner.

1974 drehte Welles seinen letzten Film, die Dokumentation „F for fake“, in dem er geniale Fälscher und Schwindler porträtierte; darunter den ungarischen Maler Elmyr de Hory, der in seinem Atelier serienweise Picassos täuschend ähnlich kopierte. Einige davon fanden Eingang in renommierte Kunstmuseen. Der Streifen geht auch einer gefälschten Biografie des amerikanischen Flugzeugbauers und Multimilliardärs Howard Hughes durch den Autor Clifford Irving nach – eine Geschichte, die jüngst mit Richard Gere in der Hauptrolle verfilmt wurde und bei uns im Winter in die Kinos kommt. Für sein Opus Magnum „Citizen Kane“ hatte Orson Welles selbst die Biografien des Zeitungszaren Randolph Hearst und von Howard Hughes verwoben.

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Kunst als politische Waffe setzten im zusammenbrechenden Jugoslawien slowenische Künstlergruppen wie „Neue slowenische Kunst“ oder „Neuer Kollektivismus“ ein. Letztere Gruppe beteiligte sich 1987 an einem Plakatwettbewerb für den alljährlichen „Tag der Jugend“, der zur Erinnerung an Titos Geburtstag an jedem 25. Mai landesweit gefeiert wurde. Die Künstler reichten hinterlistig ein Sujet ein, das von der Jury umgehend als besonders gut gelungenes Beispiel für den sozialistischen Realismus gewürdigt und prämiert wurde. Doch dann wurde die eigentliche Vorlage publik: Die Aktionisten hatten aus einem Buch über „Kunst im Dritten Reich“ ein Werk eines Nazi-Künstlers aus dem Jahr 1936 kopiert und nur wenige Änderungen angebracht (siehe die Aufmacherseite dieser Geschichte). Der dickleibige blonde Jüngling trug bloß statt des Hakenkreuzes den roten Stern am Fahnenbanner. Und statt der Fackel leuchtete eine glühende Pyramide, Symbol der Jugendstaffette zu Ehren Titos.

Die blamierte Kunstjury trat zurück und die staatlich gelenkten Zeitungen in Kroatien und Serbien forderten strenge Strafen für die „unerhörte Provokation“. Nur die Belgrader Zeitschrift NIN warb um Verständnis für die Künstler: „Wenn jemand besonders beleidigt ist wegen der Ähnlichkeit, die offensichtlich zwischen der Nazi-Kunst und dem sozialistischen Realismus besteht – die gähnende Leere des Geistes ist die größte Ähnlichkeit – dann ist das schon sein persönliches Problem.“ Im selben Jahr narrte der deutsche Schauspieler Ottfried Fischer den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Er rief als bayrischer Ministerpräsident Franz Josef Strauß in der Hofburg an und lud Waldheim persönlich nach München ein, was der sonst von ausländischen Staatsoberhäuptern boykottierte Waldheim sofort dankbar annahm.

Britische Komiker narrten zahlreiche Prominente mit getürkten Briefen. Die Buchausgabe wurde zum Bestseller. „Send me a pound“ hieß das Werk mit der Sammlung von mehr oder weniger dummen Fragen und Antworten. Der Trick mit der beigefügten Pfundnote – als Ersatz fürs Rückporto – war simpel. Wer steckt schon einen Geldschein ein, ohne zu antworten?

In Österreich kopierte der Kabarettist Walter Kosar alias Clown Kosilo diese Idee. „Böse Briefe an g’scheite Leut“ – konzipiert mit dem Journalisten Wolfgang Simonitsch – führte Politiker, Wissenschaftler und Behörden aller Art hinters Licht. So schrieb Kosar unter dem Pseudonym Tom „Chief“ Driver 1992 einen Brief an den Bürgermeister der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten, Willi Gruber. Er sei beauftragt, für ein „bereits budgetiertes“ Filmprojekt des US-Schauspielers Kevin Costner über die Völkerwanderung in Europa mit dem Titel „The Move“ die Vorarbeiten zu übernehmen. St. Pölten sei als einer der Hauptdrehorte ausgesucht worden. Freilich müsse man dafür Teile des Rathausplatzes umbauen, namentlich die Pestsäule „vorübergehend abtragen“.

„Dem Ruf der Landeshauptstadt, sowie auch Ihnen, würde bei Gelingen einer solchen internationalen Produktion für immer Lorbeerkränze blühen“, schrieb der vermeintliche Hollywood-Agent blumig an den Stadtpolitiker.

Der sich geehrt fühlende Bürgermeister schickte sofort einen Mitarbeiter zur Wiener Adresse, fand dort aber keinen US-Produzenten vor. Also wurde dieser schriftlich nach St. Pölten eingeladen. Noch vor dem Termin verriet die lokale Presse den Ulk. Jetzt bekam der Komiker den vollen Ernst der St. Pöltner Stadtverwaltung zu spüren. Kosar, der früher regelmäßig zu Kindertheater-Festen eingeladen worden war, bekam Auftrittsverbot verpasst.

Glimpflicher ging ein Briefwechsel mit dem gerichtsmedizinischen Institut in Innsbruck aus, das gerade den im Gletschereis gefundenen Steinzeit-Mann „Ötzi“ untersuchte, aus. Der Steinzeitmensch sei sein Onkel gewesen, der ein wenig sonderlich gewesen sei und gern im Steinzeitkostüm mit Pfeil und Bogen in den Alpen gewandert sei, schrieb Kosar. Die Wissenschaftler beteuerten, dass es doch nicht der vermisste Onkel gewesen sein könne. Da aber jedes Jahr immer wieder Gletscherleichen gefunden würden, werde man sich gegebenenfalls bei ihm melden.

Auch die Fernseh-Tiermutter Edith Klinger erhielt einen seltsamen Brief. Darin sorgte sich ein Ehepaar um seine Katze „Baby“. Denn nun sei ein Kind unterwegs, und die geliebte Mieze könnte ja gegen das Neugeborene allergisch sein. Also hätten sich die katzenliebenden Eltern entschlossen, den Säugling zur Adoption freizugeben. Ob die Tiertante nicht „ausnahmsweise“ auch das Kind in ihrer Sendung erwähnen könnte? Kosar schrieb als ältere Dame einen Brief an Finanzminister Ferdinand Lacina. Sie habe gelesen, dass durch die Auslandsschulden jeder Österreicher mit rund 10.000 Schilling verschuldet sei. Sie wolle in Frieden sterben und bitte daher um Bekanntgabe eines Bankkontos, damit sie ihre Schulden begleichen könne. Lacina klärte das Missverständnis auf.

Der Pensionistenverband „The happy Alzheimers“ aus Deutschland kündigte in einem Schreiben an den Bahnhof Hainfeld an, dass Klubmitglieder mit elf Draisinen im Rahmen ihrer Aktion „Auf und ab durch Österreich“ dort Halt machen werde. Der Bahnhofsvorstand reagierte mit Humor und bot den Deutschen die Teilnahme an einem Bahnhoffest mit Oldie-Disco an. Für die Draisinen würden sicherheitshalber beide Fahrtrichtungen freigehalten.

Ganz neue Bereiche für die Spaßguerilla boten sich mit dem Internet an. Schnell wurden falsche Homepages und allerlei Hoaxes im World Wide Web verbreitet. So empörten sich Tierfreunde über eine Website, auf der die Aufzucht von „Bonsai-Kitten“ beschrieben wurde. Katzen würden nach der Geburt in enge Flaschen mit zwei Öffnungen für Nahrungsaufnahme und Entleerung gesteckt, womit sich „allerlei interessante Kopfformen“ züchten ließen.

Ein deutscher Pfarrer namens Hanninger gab Jugendlichen ulkige Ratschläge für die Pubertät und empfahl, dem anderen Geschlecht großräumig aus dem Weg zu gehen und keusch zu bleiben.

Der Wiener Internet-Künstler Hans Bernhard legte es sich gleich mit den ganz Großen an. Im amerikanischen Wahlkampf bot er getreu dem Vorbild eBay die Versteigerung von Wählerstimmen an und wurde prompt von US-Justizbehörden verfolgt. Mit seiner Künstlergruppe „ubermorgen.com“ führt Bernhard gerade einen Kampf gegen den Suchmaschinen-Betreiber Google. Mit der Aktion „Google Will Eat Itself“ nützte Bernhard die AdSense-Programme von Google aus. Auf selbst angelegten Websites werden solche Werbe-Popups angelegt, die dann von vermeintlichen Web-Surfern angeklickt werden. Google bezahlt für jeden Klick den Inhabern der Seiten, also der Künstlergruppe selbst, eine kleine Provision.

Die Internet-Guerilla entwickelte computer-gestützte Programme, die hundertfaches Anklicken dieser Werbungen garantiert. Mit den Einnahmen aus den Provisionen kauft „ubermorgen.com“ Google-Aktien. Auf der Webseite werden schon die Jahre gezählt, bis Google in den Besitz der Aktionisten fallen wird: In knapp 200 Millionen Jahren müsste sich Google selbst aufgegessen haben. Google fand die Aktion gar nicht lustig. Über die deutsche Niederlassung wurde die Künstlergruppe mit gerichtlichen Klagen bedroht.

Die „digitalen Aktionisten“ (Selbstbeschreibung der Gruppe) haben inzwischen das nächste Opfer ausgesucht, das Medienhaus Amazon. Mit der Aktion „Amazon Noir – The big book crime“ soll die Funktion „Search Inside the book“, die ein beschränktes Lesen von Buchtexten ermöglicht, ausgeweitet werden. Über einen Roboter-Cluster sollen tausende Anfragen pro Buch zusammengeführt und danach als komplettes Buch zum Download ins Netz gestellt werden. Sinn der Aktion: Eine Debatte entfachen, wer im digitalen Zeitalter welche Inhalte nützen und kopieren darf und wer damit Geld verdient.



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