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Karadzic, Fellner & die „Bild“-Zeitung

„Österreich“ erkaufte sich mit 15.000 Euro und einem zwielichtigen Vertrag der „Bild“-Zeitung die Exklusivrechte für ihre „Karadzic in Wien“-Story. „Bild“ spricht von einer Fälschung, Wolfgang Fellner von einem Missverständnis.

Text: Stefan Kaltenbrunner
Der Boulevard stand Gewehr bei Fuß. Der in Belgrad verhaftete mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic soll sich in den letzten Jahren, getarnt als Wunderheiler unter dem Decknamen Petar Glumac, angeblich mehrmals in Wien aufgehalten haben. Die Kronen Zeitung sicherte sich die Pole Position und machte blitzschnell den Besitzer jener Wohnung im 15. Wiener Gemeindebezirk ausfindig, bei dessen Tante Karadzic zur Untermiete gewohnt haben soll. Ein Vertrag für Interviews und Fotos wurde mit Zeljko J. abgeschlossen. Am Samstag, dem 26. Juli, stand die Story exklusiv in der Krone.

Am gleichen Tag noch klingelte bei Zeljko J. das Telefon: „Den Namen habe ich nicht verstanden. Er hat gesagt, er ist von der Bild-Zeitung. Er hat mit unterdrückter Nummer angerufen. Erst nach einigen Telefonaten gab er mir eine österreichische Handynummer. Er wollte uns die Rechte für die Geschichte abkaufen.“ Zeljko J. informierte laut eigenen Angaben den Anrufer, dass bereits ein Deal mit der Kronen Zeitung laufe. „Nach einer Reihe von Telefonaten einigten wir uns auf 15.000 Euro.“ Interview und Fotoshooting wurden für den späteren Nachmittag vereinbart. Zuvor wurde das Geschäft mit dem für die Geschichte zuständigen Redakteur in einem Gasthaus nahe des Wiener Gürtels besiegelt. 5.000 Euro in bar wechselten den Besitzer, der Rest sollte überwiesen werden.

Zeljko J. unterschrieb einen Vertrag mit Briefkopf der Bild am Sonntag. „In der Wohnung wurden wir dann interviewt, mitten im Gespräch kam ein Anruf aus Serbien“, erinnert sich Zelkjo J. „Es meldete sich Petar Glumac. Wir glaubten, das ist ein Scherz. Wir fragten mehrmals nach, ob er nicht der Karadzic sei. Das war der Wahnsinn. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir sicher gewesen, dass der Karadzic bei uns war. Wir wussten nicht mehr, wer jetzt wer ist.“ Laut Zeljko J. hat der Redakteur den Inhalt des Telefonats mitbekommen: „Er führte ein kurzes Telefonat und meinte, wir machen weiter.“ Zur Überraschung von Familie J. stand die Geschichte allerdings am Sonntag, dem 27. Juli, in der Tageszeitung Österreich.

Zeljko J. behauptet, davon nichts gewusst zu haben. Sonntag gegen Abend sickerte durch, dass die Wiener Karadzic-Geschichte eine Ente ist. Zeljko J. wählte am Montag jene Nummer, die er vom Anrufer der Bild-Zeitung bekommen hatte: „Ein Herr Fellner von der Tageszeitung Österreich war dran. Ich wollte wissen, wann ich das restliche Geld bekomme. Er war freundlich, meinte aber, dass die Geschichte ja nicht stimmt, ich schon 5.000 Euro bekommen habe, das wäre mehr als genug.“ Zeljko J. beharrte auf seinem Geld: „Wir konnten ja nicht wissen, dass das der falsche Karadzic war. Wir haben unsere Vertragsleistung erfüllt.“ Er versuchte den Österreich-Herausgeber ein weiteres Mal zu kontaktieren.

Auch bei Bild wurde Zeljko J. telefonisch vorstellig: „Ich habe ja schließlich mit dieser Zeitung den Vertrag abgeschlossen.“ Nach ein paar hartnäckigen Telefonaten wurde ihm von der Bild am Sonntag-Redaktion versprochen, dass man die Sache in Wien regeln werde. „Wenig später hat mich jemand von Österreich angerufen. Ich sollte in die Redaktion kommen, Herr Fellner wird mir das Geld geben. Er wollte mit anstatt der 10.000 dann aber nur mehr 5.000 zahlen.“

Zeljko J. lehnte ab, intervenierte nochmals in Deutschland und kontaktierte Marion Horn, stellvertretende Chefredakteurin der Bild am Sonntag. Diese schickte bereits am 31. Juli ein Fax an Wolfgang Fellner: „Wie Sie wissen, ist dieser Vertrag nicht von der Bild am Sonntag. Wir haben am Samstag lediglich die Vereinbarung geschlossen, dass wir uns mit 5.000 Euro an den Kosten für besagte Geschichte beteiligen. Und bitte sorgen Sie dafür, dass die Eheleute J. nicht mit diesem Papier hausieren gehen. Wir würden bestätigen müssen, dass es sich um eine Fälschung handelt.“

Zwei Tage später wurde Zeljko J. nochmals in die Österreich-Redaktion gebeten: „Herr Fellner machte mir erneut das Angebot, die 5.000 Euro zu zahlen. Ich habe das akzeptiert, weil ich schon genug Stress hatte. Ich konnte kaum noch schlafen. Ich habe einen Zettel unterschrieben, dass ich keine weiteren Ansprüche mehr stelle. Aber wie die mit mir umgegangen sind, ist einfach nicht okay.“

In einer Stellungnahme gibt Thomas Fröhlich von der Information und Öffentlichkeitsarbeit der Axel Springer AG an, dass „Bild am Sonntag nie eine vertragliche Vereinbarung mit Frau J. geschlossen hatte. Wir hatten uns lediglich mit der Tageszeitung Österreich über die Übernahme einer Geschichte verständigt.“

Wolfgang Fellner sagt: „Da die Familie J. beträchtliche Geldforderungen stellte, wurde die Geschichte auch der Bild am Sonntag und einer britischen Zeitungen angeboten.“ Laut Fellner bestand Herr J. darauf, dass eine Bestätigung durch die Bild am Sonntag ausgestellt wird: „Aufgrund des großen Zeitdrucks … wurde diese Bestätigung nach mehrfacher und detaillierter Rücksprache mit der Chefredaktion von Bild am Sonntag von der Fotoredaktion ausgestellt.

Auf Wunsch von Herrn J. und auch auf meinen Wunsch wurde nach meiner Rückkehr vom Urlaub ein professioneller und rechtsgültiger Verwertungsvertrag für Foto- und Storyrechte an der Reportage ‚Karadzic in Wien‘ abgeschlossen, der die provisorische Vereinbarung vom Wochen­ende außer Kraft setzt“, sagt Fellner. „Beim Fax von Marion Horn handelt es sich um ein – durch meine Nicht-Erreichbarkeit im Urlaub – bedingtes Missverstädnis, das längst freundschaftlich geklärt wurde.“



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