Inhalt

zur Navigation

„Alles andere ist Träumerei“

Der Bauunternehmer und LIF-Sponsor Hans-Peter Haselsteiner gilt vor allem der ÖVP und den Grünen als liebstes Feindbild im Wahlkampf. Ein Gespräch über den Sinn seines politischen Engagements und die Leiden eines globalisierten Österreichers.

Hans-Peter Haselsteiner

Text und Interview: Johann Skocek
Fotografie: Aleksandra Pawloff
Wenn Hans-Peter Haselsteiner die Hand ausstreckt, lächelt er, wie der Bub vor 50 Jahren gelächelt haben mag, als er aus dem Internat flog. Wie kann einer, der einem der reichsten und angeblich rücksichtslosesten Männer Russlands, dem Metall-Oligarchen Oleg Deripaska, 25 Prozent seiner Firma verkauft hat, die Solidarität der Reichen mit den Armen einfordern? Haselsteiner ist nicht erst seit Frühjahr vergangenen Jahres, als Deripaska für eine ­Kapitalerhöhung des Baukonzerns STRABAG SE (Societas Europaea) rund eine Milliarde Euro zahlte, ein stinkreicher Mann. Seit er sich vor rund einem Jahr des Umbaus der Notschlafstelle VinziRast annahm, fordert er öffentlich von seinen Klassenkollegen, den Unternehmern und Privatstifungsinhabern, einen solidarischen Beitrag.

Er alimentiert das Liberale Forum (LIF), das im September nach längerer Pause wieder zur Nationalratswahl antreten wird. Einer der Mächtigsten dieses Landes, Wolfgang Schüssel, hat derart Angst vor ihm, dass er ihn jüngst in einem Standard-Interview diffamierte. ­Haselsteiner schlage 80 Prozent Spitzensteuersatz vor, habe aber leicht reden, sagte Schüssel, weil er sein Vermögen steuerschonend in Stiftungen geparkt habe; sein schlechtes Gewissen solle er mit karitativen Ausgaben lindern, aber das Land möge er mit Ideen verschonen, die für den Wirtschaftsstandort und die Arbeitsplätze schädlich sind.

Erstens kennt sich der Herr Schüssel nicht aus. Weil ein Vorstandsvorsitzender hat laufende Bezüge, die von der Einkommenssteuer betroffen sind. Zweitens: Ich bin vermögend, das Geld habe ich in einer Stiftung. Bezüglich der Vermögenszuwachssteuer ­habe ich mich bereits festgelegt. Wir brauchen eine. Und wir sollten das mit einer Stiftung verbundene Steuerprivileg abschaffen.

Der ehemalige Chefstatistiker des Schweizerischen Kantons Zürich, Hans Kissling, weist in seinem Buch „Reichtum ohne Leistung“ nach, wie die Anhäufung riesiger Vermögen durch Steuerprivilegien (in der Schweiz führen die Kantone einen gnadenlosen Steuerdumpingwett­bewerb, um Superreiche zu ködern) und durch Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer die Schweiz feudalisiert. Die Ungerechtigkeit bremst das Wirtschaftswachstum, und die Weitergabe von Unternehmen erfolgt zu oft nach dynastischen Gesichtspunkten und nicht nach dem Kriterium der Tüchtigkeit. Zum Nachteil der betreffenden Unternehmen.

Wir vertreten als Liberale, dass wenigs­tens Erbschafts- und Schenkungssteuer aufrecht bleiben. Die Vermögenssteuer ist ein anderes Kapitel, ihr Aufkommen war gering. Die Hälfte der von ihr betroffenen Bürger hat sie umgangen und ist dadurch in den steuerlichen Graubereich gerutscht. Sie war laut Verfassungsgerichtshof ungerecht, weil auf Geld und auf Grund fast ­keine Vermögenssteuer eingehoben wurde. Österreichische Vermögen bleiben also zur Gänze unbesteuert, denn die Grundsteuer ist eine Gemeindesteuer.

Hans-Peter Haselsteiner

Deshalb ist es das Mindeste, eine faire Vermögenszuwachssteuer einzuführen. Wenn einer ein Wertpapier oder ein Grundstück verkauft und einen Schnitt macht, dann muss ich sagen, jawohl, ­davon gehören 25 Prozent dem Staat. Wenn einer wie der Schüssel sagt, dass dies den Mittelstand angreift, dann weiß er nicht, was der Mittelstand ist.


Gegen die Vermögenszuwachssteuer ist von den selbst ernannten Vertretern des Mittelstandes eine heftige Kampagne geführt worden. Gefährdet sie diese Steuer tatsächlich?

Das kann ich nicht nachvollziehen. Der Mittelstand ist vielmehr gefährdet, weil die Nettoeinkünfte zu gering sind, weil auch den Besserverdienenden durch Inflation und Steuerprogression zu wenig überbleibt. Herzstück der künftigen Regierung muss daher eine Steuerreform sein. Das ist auch die Antwort auf die Inflation. Alles ­andere ist Träumerei. Preiskommissionen und Ähnliches sind Rezepte aus den Nachkriegsjahren, das wird alles nicht funktionieren, das ist lächerlich.

Wir können Löhne und Gehälter erhöhen, dann setzt die berühmte Inflations­spirale ein. Oder man erhöht das Netto­einkommen durch ein Zurückdrängen der Staatsquote und eine Steuerreform. Das LIF hat eine ganze Reihe von Initiativen besonders für die kleinen Selbstständigen ausgearbeitet, von der Sozialversicherung über die Pensionsversicherung bis zur Doppel­belastung in der Sozialversicherung, die pro Arbeitsverhältnis eingehoben wird. Wir werden Anfang September ein Konzept vorlegen. Die Kleinsteinkommen zahlen eh keine Steuern, die brauchen einen Inflationsausgleich und eine Grundsicherung.


Der Verfall der politischen Moral ist immer auch ein Verfall des Diskurses, und der wiederum zeigt eine Entfremdung von alt gewordenen Leitmotiven. Von Solidarität wollte lange Zeit keiner was hören. Neuerdings fordern Pleitebankiers so etwas Ähnliches von Staat und Steuerzahler.

Solidarität setzt eine empfundene Fairness voraus. Was Steuergerechtigkeit ist, dekretiert nicht der Finanzminister, sondern was die Mehrheit als gerecht empfindet. Wenn sie fehlt, fehlt auch die Solidarität, dann ist sich jeder der Nächste. Unsere ­Gesellschaft bricht in diese Richtung leider auseinander. In erster Linie, weil die Menschen das System nicht mehr als fair einstufen. Daher ist es das Gebot der Stunde, die Empfindung der Fairness wiederherzustellen. Das hängt mit meiner Forderung „unvernünftige Steuersätze für unvernünftige Einkommen“ zusammen.

Jeder kann sagen: „Für mich ist die sechste oder die 60. Million unvernünftig.“ Der Steuersatz kann 70, 80 oder 90 Prozent betragen. Unterstellen wir, dass Sie zehn Millionen Euro verdienen. Ab der elften würde der Steuersatz bei 80 Prozent liegen. Sie würden von der elften Million noch 200.000 Euro netto herausbekommen – das Fünffache des Einkommens eines mittleren Angestellten. Dann kann einer ­sagen, das ist unfair? Was ist das für eine ­absurde Debatte!
Warum versteuert Haselsteiner nicht im Steuerparadies Jersey wie das Unternehmergenie Julius Meinl? Ich beantworte diese Frage nicht.

Auch jenseits der Kanalinseln steigen Unternehmer prächtig aus. In Österreich unterliegen Arbeitnehmer einem Höchststeuersatz von 50 Prozent, Unternehmergewinne werden mit 25 Prozent besteuert. Dank der von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Auftrag der schwarz-blauen Bundesregierung ein­geführten Gruppenbesteuerung können Unternehmen Verluste in anderen Ländern mit Überschüssen in Österreich gegenverrechnen und so die zu versteu­ernden Gewinne minimieren. Der ­Anteil der Unternehmen am Steueraufkommen des Staates sinkt, die Zahl der Reichen steigt rapide. Das Pensions­system, das Gesundheitssystem, die ÖBB und viele andere staatliche Leistungen stoßen gleichzeitig an die ­Finanzierungsgrenze. Ist das fair?

haselsteiner-260

Das sind zwei Themen. Wir haben ja keine steuerfinanzierte Sozialver­sicherung und Pensionsversicherung, wir leisten uns bloß die Fiktion. Wenn die Beiträge nicht ausreichen, werden sie durch staatliche Zuschüsse abgedeckt. Ich plädiere dafür, die Kosten für die Sozialver­sicherung als Sozialsteuer zu deklarieren und nicht als Versicherungsbeitrag. Damit würde man aus den Köpfen kriegen, dass die Leute sagen: „Ich bin eh versichert, ich habe daher einen Anspruch auf Leistung.“ Tatsache ist, dass derzeit die beziehende Generation im Konflikt mit jener steht, die dafür bezahlt. Mit den Staatseinnahmen geht es bergab …

… wenn man nicht ins System eingreift. Wir haben nur zwei Chancen: Zuwanderung im großen Ausmaß zulassen oder mehr Kinder erzeugen. Es ist klar, was mit unserem Pensionssystem passiert. Das war 1964 schon klar, nur haben wir den damaligen Babyboom nicht mit eingerechnet. Aber das hat mit der Gruppenbesteuerung der Konzerne nichts zu tun. Die alte Regierung hat eine großzügige Unternehmerentlastung beschlossen, die Senkung der Körperschaftssteuer auf 25 Prozent. Weil das der internationale Wettbewerb erfordert, sagte sie. Ja.

Sie ist trotzdem ein Geschenk. Kein Unternehmer kann sich heute beschweren. Tut auch keiner. Eher sagen viele, mit 28 Prozent wären wir auch sehr zufrieden gewesen. Die Gruppenbesteuerung ist grundsätzlich eine gute Idee, die es den Unternehmern erlaubt, mehr Risiko anderswo einzugehen. Aber wenn einer alle Filialen, die ein negatives Ergebnis erzielen, in Österreich abrechnet und jene, die Gewinn machen, in einem Niedrigsteuerland, wäre das Missbrauch. Nach meinen Informationen aus dem Finanzministerium ist diese Befürchtung aber bisher nicht eingetreten.


In Schüssels Attacke gegen Haselsteiner steckt mehr als die Angst des lebenslangen Politfunktionärs vor dem unabhängigen Mann, der seine Freiheit und Weltläufigkeit seinem Erfolg, und nicht Parteigremien und der Bedienung einer Klientel verdankt. SPÖ und ÖVP stehen auch deshalb am Ende ihres Lebenszyklus’ als Großparteien, weil sie die Realitätsverweigerung optimieren. Die unterdrückten Konflikte und ignorierten Versäumnisse brechen in der Anti-EU-Hetze der Krone, in der wetterwendischen Position der SPÖ und in der Diskussionsverweigerung von Bürokraten wie ÖVP-Aussenministerin Ursula Plassnik auf.

Die Probleme mit der EU-Akzeptanz sind auch auf das Versagen der Information durch die Regierung und der Medien zurückzuführen. Die EU wurde schon vor dem Beitritt Österreichs Mitte der Neunziger­jahre auf den primitiven materiellen Vorteil beschränkt, Stichwort Ederer-Tausender. Dass sich so etwas zu einem Nachteil verkehren kann, hat man nicht bedacht. Ich habe darunter sehr gelitten. Meine Generation war die erste seit zig Generationen, die nicht Krieg geführt hat in Europa. Das war während der Beitrittsdiskussion kein Thema.

Mit dem Johannes Voggenhuber von den Grünen bin ich 1995 in Salzburg auf einem Podium gesessen: er als glühender Gegner, um nicht zu sagen Hasser der EU. Die sei des Teufels, hat er sinngemäß gesagt und schreckliche Visionen erzählt, was nicht alles passieren wird, falls wir beitreten.


Voggenhuber ist nur ein Name für das wachsende Glaubwürdigkeitsdefizit der Grünen. Seit SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer aus dem Amt fiel, feiert Heide Schmidt ein Comeback. Sie ist an der Seite des Rechtspopulisten Jörg Haider groß geworden, hat mit ihm gebrochen und tritt nun wieder als Spitzenkandidatin des LIF an. Sie will regieren und der All­gemeinheit einen Gefallen tun.

Der Gefallen besteht darin, die blauen und orangen Volksverhetzer davon abzuhalten, der Öffentlichkeit mit Regierungsarbeit einen Gefallen anzutun. Haselsteiner hat in Kärnten mit dem sozialdemokratischen Bildungswerk Renner-Institut an Zukunftsfragen gearbeitet, Alfred Gusenbauer ist sein Freund. Warum engagiert er sich nicht bei der SPÖ, sondern bei einer Kleinpartei?

Hans-Peter Haselsteiner

Ich bin Liberaler, kein Sozialdemokrat. Meine Affinität zur SPÖ beschränkt sich auf Sachthemen. Die Wahl­empfehlung zugunsten der Sozialdemo­kraten gab es deshalb, weil wir keine Neuauflage der schwarz-blauen Regierungs­koalition wollten. Schüssel hat das nicht glaubhaft ausgeschlossen. Man schenkt seinen Aussagen keinen Glauben mehr, weil er oft genug Versprechen gebrochen hat. Wir glauben nicht, dass er mit der FPÖ von Heinz-Christian Strache nicht in eine Koalition ginge. Wir haben geglaubt, dass die Große Koalition in der Lage wäre, die großen Probeme in diesem Land mit einer Verfassungsmehrheit anzugehen.

Diese Erwartung wurde bitter enttäuscht. Es liegt am Wähler, eine Dreier­koalition mit einer nicht populistischen Partei zu ermöglichen. Erstmals ist eine unserer Meinung nach wesentliche Gruppe der Gesellschaft wählbar. Dieser wahl­strategische Aspekt stand bisher gegen uns.

Wird das LIF nicht den Sozialdemokraten und den Grünen Stimmen wegnehmen, ­also seinen präferierten Regierungspartnern? Ich glaube, dass wir den Großteil unserer Stimmen von Nichtwählern erhalten werden. Das ist auch das Anliegen von Heide Schmidt. Die Politikverdrossenheit muss bekämpft werden, vor allem bei den jungen Menschen, für die bisher kein attraktives Angebot da war. Beide Großparteien wären gut beraten, sich innerhalb einer Dreier­koalition einem Erneuerungsprozess zu unterziehen, inhaltlich und stilmäßig. Mit der SPÖ und mit der ÖVP wird eine Zusammenarbeit möglich sein.

Gusenbauer bezeichnete Bruno Kreisky als sein politisches Vorbild. Der nahm den Konservativen die Mandatsmehrheit weg und sicherte in Österreich mit seiner von der ÖVP als „Schuldenpolitik“ bezeichneten Linie in den Siebzigern den sozialen Frieden und die Vollbeschäftigung.

In erster Linie hat Kreiskys Schuldenpolitik zur Wiederwahl der Sozialisten beigetragen. Sosehr ich den Bundeskanzler Kreisky bewundere, ich habe ihn sogar einmal gewählt: Tatsache ist, dass er eine schuldenfreie Republik übernommen und eine verschuldete übergeben hat. Entschuldigung, aber wenn Ihnen jemand 50 bis 100 Milliarden Schilling im Jahr zur Verfügung stellt, und Sie werden nicht wiedergewählt, dann müssen Sie ein Volltrottel sein. Insofern liegt ein kleiner Schatten auf der Lichtgestalt Kreisky. Auch wenn er zur Öffnung der Gesellschaft beigetragen und viele andere Vorzüge aufgewiesen hat.

Der Großunternehmer Haselsteiner, der dank seines Erfolgs die Vielfalt und ­damit auch einen Teil des Wettbewerbs im österreichischen und europäischen Markt wegkauft, besetzt bis zum Wahltag am 28. September die Rolle des Mahners. Er spricht aus, was viele von Kardinal Christoph Schönborn erwarten würden, aber der predigt lieber Phrasen in der Kronen Zeitung. Die Eliten der politischen Parteien in Europa folgen seit vielen Jahren dem Konsens, dass die Globalisierung quasi ­naturgesetzlich die Löhne drückt und die Wirtschaft neu sortiert. Ein unausgesprochener, für viele Menschen existentiell bedrohlicher Widerspruch zwischen politischen Versprechungen und Leistungen ist die Folge.


Hans-Peter HaselsteinerIch kann es nicht fassen, dass Politiker in Österreich nachweislich lügen dürfen. Sie dürfen jedes Wahlversprechen brechen, ohne dass ihnen irgendetwas passiert. Es ist ein Wahnsinn, dass man öffentlich Sätze sagen kann wie „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“, ohne dass einen die Medien sofort für unhaltbar einstufen. Andreas Khol (ÖVP) schmückte den Bruch des Wahlversprechens von Wolfgang Schüssel, als Dritter in Opposition zu gehen (1999), mit dem von Francis Bacon ausgeliehenen Spruch. Ein für Khol typischer Trick, Lügen als humanistisches Bürgerprivileg zu legitimieren. Warum nutzt Haselsteiner Tricks wie Jersey nicht? Ist ausgerechnet er, der mehr als eine Million Euro pro Jahr verdient, immun ­gegen das Virus der Gier?

Es wäre nicht sehr schön, wenn jemand so reich und privilegiert wäre wie ich, und dann könnte er es nicht genießen. So kann ich im Fabios (einem bekannten Feinschmeckerrestaurant in der Wiener Innenstadt, Anm.) heraußen sitzen und muss keine Angst haben, dass mir jemand ein faules Ei am Schädel schmeißt, mein Auto zerkratzt und sagt: „Du Kapitalistenschwein.“

Die Furcht als Triebfeder der Solidarität und Umverteilung? Nicht Furcht, sondern reine Vernunft. Es hat mich einer heute gefragt: „Wie geht das zusammen, Millionär und ein soziales Gewissen?“ Grad dass ich nicht beleidigt war. Ich kenne viele arme Hunde, die gar nicht wissen, was ein soziales Gewissen ist und die brutal sind. Ein soziales Gewissen korreliert ja nicht mit dem Vermögen. Das hat man oder nicht, weil man so erzogen wurde oder weil man es sich erarbeitet hat. Und ein großer Unternehmer mit Verantwortung für viele Tausend Leute ohne soziales Gespür ist in seinem unternehmerischen Erfolg höchst gefährdet.

Der reiche Mann Haselsteiner mit seinem europäischen Musterkonzern und seinem betriebseigenen Sozialfonds gegen unverschuldete Armut (derzeit mit rund 50 Millionen Euro dotiert) wäre der Prototyp des von der ÖVP idealisierten Bürgers. Sozial engagiert (Haselsteiner sponsert Pater Georg Sporschills „Stadt der Kinder“ in Moldawien), weltoffen, humanistisch und politisch gebildet und aktiv, an der europäischen Idee interessiert und an ihrer Verwirklichung beteiligt.

Doch statt die ÖVP zu unterstützen, hält Haselsteiner ihr deren Lebenslügen vor. Froh sei er, sagt er in Zeitungsinterviews, dass der smarte Knabe Karl-Heinz Grasser nicht mehr Politik treibe, sondern sein Domizil in Kitzbühel genieße. Immer wieder auftauchende Fragen nach dem Hintergrund von Deripaskas Vermögen schmettert Haselsteiner ab. Er könne einem Mann, der sich als schneller und klüger als die Konkurrenten erwiesen habe, keinen Vorwurf machen. Sind Haselsteiners politischer Liberalismus und seine Marktbeherrschungsstrategie vereinbar? 2012 will er in Russland den Großteil der STRABAG-Geschäfte machen.

Vielleicht schon ein Jahr früher. Kommt darauf an, wann der große Investitionsschub kommt. 2014 steigen in Wladimir Putins liebstem Urlaubsort Sotschi die Olympischen Winterspiele. Die Stadt liegt am Schwarzen Meer, das ist Deripaska-Land. Mit dessen Geld wird die Gegend aus dem langen russischen Winterschlaf geweckt und von Haselsteiner infrastruk­turell in die heutige Welt betoniert. Politische Kontrahenten wie der EU-Abgeordnete Hans-Peter Martin und Peter Pilz (Grüne) kritisieren Haselsteiners Engagement und Konzernstrategie.

Hans-Peter Haselsteiner

In seinem Buch „Das Kartell“ hat Peter Pilz die Geschichte des Wiener Baukartellskandals 1998 erzählt. Der Oberste Gerichtshof untersagte Pilz damals, der TEERAG ASDAG vorzuwerfen, sie sei an illegalen Preisabsprachen beteiligt gewesen. Auch später von Haselsteiner erworbene Firmen (STUAG, ERA-BAU, STRABAG – die frühere, kleine) wurden darin von Pilz gewürdigt.

Weder Martin noch der Abgeordnete Pilz haben die Qualifikation, über das LIF zu urteilen. Und da das LIF keine Steuer­gelder bekommt, weil es keine Parlaments­partei ist, muss es andere Geldquellen ansprechen. Weil ich ein Liberaler bin und über Geld verfüge, ist klar, dass ich es für ­einen Wahlkampf zur Verfügung stelle. Natürlich haben die Grünen keine Freude mit unserem Antreten, daher wird es zu den entsprechenden Angriffen kommen. Ich brauche mich aber über diese nicht zu äußern.

Kann Haselsteiner garantieren, dass in seinem Konzern alles mit rechten Dingen zugeht, und Absprachen ausschließen? Es gibt keine Absprachen innerhalb der STRABAG. Es gibt eine Strategie, wer was anbietet, wie in jedem Konzern. Ausschließen kann jemand, der 70.000 Arbeitnehmer hat, gar nichts. Wir können uns nur bemühen, das, was wir wollen, zu fördern und das, was wir nicht wollen, zu unterbinden. Dazu schulen wir unsere Mitarbeiter. Wie sich das der Herr Pilz vorstellt, eine Haftung des Herrn Haselsteiner, so nach dem Motto: „Wenn irgendwo im STRABAG-Reich einer eine Absprache macht, wird der Haselsteiner am Ballhausplatz öffentlich gehenkt“, das wird es nicht spielen. Ich goutiere die Methoden des Herrn Pilz und der Herren Haider und Strache nicht. Weil ich es nicht für zulässig halte, dass in der Politik, wie ­alle drei Herren glauben, der Zweck die Mittel heiligt.


haselsteiner-250Die Gier der Manager gilt als Triebfeder und Ausdruck wirtschaftlicher Fehlentwicklungen. Sind das individuelle oder systematische Probleme?
Jemandem Aktienoptionen zu gewähren ist nach meinem Dafürhalten nahe bei der Anstiftung zum Betrug, wenn nicht gar tatsächlich Betrug, und müsste strafrechtlich geahndet werden. In Österreich aber ist dieser Vorgang steuerbegünstigt. Aktien­optionen zu gewähren ist nichts anderes, als dass der Aktionär seinem Vorstand sagt: „Wahre meine Interessen, dafür schmiere ich dich.“ Im Aktiengesetz steht aber, dass die Funktionäre einer Aktiengesellschaft in erster Linie die Interessen der Gesellschaft zu wahren haben und erst dann die Interessen der Aktionäre.

Das geschieht doch nach dem Vorbild der US-Wirtschaft. Taugt die noch als Vorbild? Ich habe Amerika in vielen Bereichen nie als Vorbild betrachtet und in dieser ­Sache schon gar nicht. Die Doppelmoral in Amerika ist ja sprichwörtlich. Sein und Schein, nicht nur in der Weltpolitik, auch im Land selbst. Das ist keine Erscheinung der Bush-Zeit, das war schon unter John F. Kennedy so. In Amerika findet ja auch ein Umdenken statt. Was nach dem Fall Enron (Der Energiekonzern zählte bis 2002 zu den zehn größten Firmen der USA, aufgrund fortgesetzter Bilanzfälschung er­lebte er einen der größten Unternehmensskandale der US-Wirtschafts­ge­schichte, Anm.) und anderen Skandalen kein Wunder ist, weil sie durch Aktien­optionen, also erfolgreiche Bestechung des Vorstandes, induziert wurden. Übrig geblieben sind die Kleinen.

Das Schlagwort „mehr privat, weniger Staat“ galt im Argumentationssetzkasten der Industriellenvereinigung und im Journalismus viele Jahre lang als Dogma. Würde Haselsteiner die AUA privatisieren? Die AUA hätte man vor drei Jahren privatisieren sollen. Die Idee eines Kernaktionärs mit 26 Prozent oder eines qualifizierten Minderheitsaktionärs ist eine Fiktion, ein blöder Schmäh. Ein Kernaktionär hat bei ­einem Börsengang mit einem großen ­Aktionär und Streubesitz Sinn. Wenn man einen strategischen Partner haben will, hat es überhaupt keinen Sinn, im Gegenteil. Weil der müsste sich ja dann mit dem strategischen Partner streiten, weil der Partner gestalten will, damit das Vehikel funktioniert.

Unvereinbar ist wohl auch die Liberalisierung der Wirtschaft und die in Österreich in den Verfassungsrang gehobene Zwangsmitgliedschaft bei der Wirtschaftskammer. Die STRABAG wird eine Beschwerde bei der EU-Kommission dagegen einreichen. Das LIF begrüßt die Beschwerde. Wir sind mit dieser Gängelung groß geworden. Wir kennen es gar nicht anders.

Staat und Unternehmer, das sollte sich zumindest in Haselsteiners Person demnächst vertragen, wenn das LIF ins Parlament oder gar in die Regierung kommt und er dort Posten erhält. Das Finanz­ministerium würde mich interessieren, das werde ich nicht kriegen. Das Sozialministerium interessiert mich auch. Aber vor allem möchte ich einmal in meinem Leben Koalitionsverhandlungen führen. Ich möchte ­sehen, ob in der Politik der Grundsatz „pacta sunt servanda“ gilt. Oder ob es in der Politik immanent ist, dass man am nächsten Tag sagt, das interessiert mich nicht mehr, was wir gestern vereinbart haben.




mys_2Frage an die Maus: Wer ist Hans-Peter Haselsteiner?

Geboren wird Hans-Peter Haselsteiner am 1. Februar 1944 in Wörgl, Tirol. Mutter (Lehrerin) und Vater (Innenarchitekt in Stuttgart) sind nicht miteinander verheiratet. Als Haselsteiner 14 ist, stirbt sein Vater. Mit 16 wird er wegen „Aufmüpfigkeit“ aus dem Bundeskonvikt Lienz hinausge­schmissen und wechselt in ein privates Schülerheim in Klagenfurt. Nach Matura (1963) und Präsenzdienst (1964) inskribiert Haselsteiner an der Wirtschaftsuniversität Wien (damals Hochschule für Welthandel) Handelswissenschaften. Er promoviert 1970 und steigt anschließend bei der Wiener Wirtschaftskanzlei Dr. Okrouhly ein.

Zwei Jahre später fängt er in der Kärntner Bau­firma Isola&Lerchbaumer an, wo er die Tochter des Hauses, Ulrike, heiratet. Mit ihr hat er drei Söhne, aus ­einer anderen Beziehung stammt ein weiterer Sohn. Als 1974 sein Schwiegervater Anton Lerchbaumer stirbt, übernimmt er die Leitung des in Spittal an der Drau ansässigen Unternehmens. Nach Jahren rasanter Expansion, zahlreichen Übernahmen im In- und Ausland und ­etlichen Namensänderungen zimmert Haselsteiner aus dem regionalen Bauunternehmen den internationalen STRABAG-Konzern (63.000 Mitarbeiter, 500 weltweite Standorte, 12,4 Milliarden Euro Umsatz). Die Aktien der seit Oktober 2007 wieder börsenotierten STRABAG SE (Societas Europaea) werden zu je einem Viertel von Privatstiftungen, Raiffeisen und dem russischen Industriellen Oleg Deripaska kontrolliert. Der Rest befindet sich in Streubesitz.

1994 zieht der heute 64-Jährige erstmals für die Blassblauen in den Nationalrat ein. Von 1996 bis 1998 ist er Klubobmann-Stellvertreter, außerdem fungiert er als Finanzsprecher und „Sanierungsexperte“ des damals finanziell angeschlagenen LIF. Bei der Nationalratswahl 1999 schafft es das LIF nicht mehr ins Parlament, drei Jahre später zieht sich Haselsteiner aus der Politik zurück. Vor der Nationalratswahl 2006 begrüßt er das Bündnis der Liberalen mit der SPÖ, danach gibt er eine Wahlempfehlung für die Sozialdemokraten ab. Anfang des Jahres 2008 übernimmt der Wahlkärntner für die SPÖ Kärnten die Leitung des ­Arbeitskreises „Arbeit, Einkommen, Wirtschaft und Tourismus“.

xy (Gast) - 18. Dez, 21:05

uiuiui



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page

zum Inhalt