Der vom Monopol
Der Verleger Eugen Russ gilt als Meister seines Fachs. In Vorarlberg hat er ein mächtiges Medienmonopol aufgebaut. Er könnte sich seinen nächsten Landeshauptmann praktisch aussuchen. Das interessiert Russ aber nicht.
Text und Fotografie: Nikolaus Jilch

Über Eugen A. Russ ist wenig bekannt und das ist Eugen A. Russ nur recht so. Der Verleger Vorarlbergs redet nicht gerne über Privates. „Da bekommen Sie von mir keine bis fast keine Antworten“, sagt er zu Beginn des Interviews. Nur so viel: „Ich wollte nicht als Junior in die Firmenhistorie eingehen und hab mir einfach den Beinamen A. zugelegt“, erzählt er. Eugen A. Russ heißt laut Taufschein nur Eugen Russ. Und weil es so gut funktioniert hat, weil er nie der Junior war, hat er diese Tradition bei der Taufe des ältesten seiner drei Kinder, Eugen B. Russ, einfach fortgesetzt.
Wenn die Vorarlberger am 20. September ein neues Landesparlament wählen, geht es nicht um viel. Weil die ÖVP zwar um ihre absolute Mehrheit fürchten muss, nicht aber um die Macht im Land. Und weil Eugen Russ, der mächtigste Mann Vorarlbergs, sowieso nicht im Landtag in Bregenz sitzt, sondern in der Gemeinde Schwarzach. Im Medienhaus, einem Palast aus Glas, Stahl, Beton und noch mehr Glas, den er neben die Hauptstraße pflanzen ließ. Im sogenannten „Ländle“, Österreichs westlichstem Bundesland, unterhält er ein Medienmonopol. Auch wenn Russ das M-Wort weder gerne hört noch gerne ausspricht. Seinen Vorarlberger Nachrichten (VN) gelingt sogar das Kunststück, die für ihre absurd hohe Reichweite berühmte Kronen Zeitung auf Abstand zu halten (in Vorarlberg kommt die Krone lediglich auf 5,5 Prozent Reichweite, die VN auf 71).
Rund um dieses Flaggschiff hat Russ in den vergangenen Jahrzehnten eine Flotte aus Gratis- und Anzeigenblättern sowie Websites aufgebaut, die nicht nur in Österreich einzigartig ist. Nur Antenne Vorarlberg, sein Radiosender, muss sich noch dem Lokalsender des ORF geschlagen geben. Eugen Russ könnte praktisch den nächsten Landeshauptmann küren. Tut er aber nicht. Er hat andere Interessen. Ihm geht es am Schluss fast nur um eines: ums Geld.
„Ich glaube, du kannst dich zwischen Macht und Marktanteil entscheiden“, sagt Russ. „Ich habe mich schon sehr früh für Letzteres entschieden.“ Die politische Klasse im Ländle sieht das ähnlich. Die Berichterstattung der Russ-Medien sei immer objektiv, sagt ÖVP-Landesgeschäftsführer Dietmar Wetz. Sein SPÖ-Kollege Franz Lutz sieht seine Partei zwar fair behandelt, würde sich aber schärfere Kritik an der regierenden Volkspartei wünschen: „Dass die ÖVP den Landeshauptmann stellt, ändert sich sowieso nie hier.“ Wenn überhaupt, dann mache Russ Politik gegen alle Politiker, sagt Mario Lechner, der Geschäftsführer der Grünen. „Nach dem Motto: ‚Politiker sind faule Hunde und die Bürger sollen sich doch an die VN wenden.‘“
Eugen Russ ist 48 Jahre alt, aber schon seit fast drei Jahrzehnten der Verleger Vorarlbergs. Als sein Vater Toni 1969 starb, überließ er seinem damals achtjährigen Sohn die Vorarlberger Nachrichten, die Toni Russ nur sieben Jahre zuvor von seinem eigenen Vater (Eugen Russ senior) übernommen hatte. Da waren die VN schon unumstrittener Marktführer in jenem Bundesland, dessen Bewohner sich vor 90 Jahren noch der Schweiz anschließen wollten. Rosa Russ, die Witwe von Toni und Mutter von Eugen, verwaltete die Zeitung länger als ein Jahrzehnt, bis ihr Sohn 1981 im zarten Alter von 19 Jahren den Laden übernahm. „Alle wichtigen Entscheidungen waren bis dahin gebremst“, sagt Eugen Russ. Franz Ortner, der Interimschefredakteur, hatte die Linie von Toni Russ fortgeführt und aus den VN eine konservative Kampfpostille gemacht: Für Vorarlberg, gegen den Rest der Welt.
Das führte 1972, als Eugen Russ ein Schulbub war, zur Gründung der Neuen Vorarlberger Tageszeitung, einer Anti-VN, von jungen Vorarlbergern für junge Vorarlberger. „Das war ein Phänomen damals“, sagt Eugen Russ. „Da haben sich die Bürger zusammengetan und aufgelehnt gegen die offensichtliche Macht einer Zeitung.“ Als frischgebackener Geschäftsführer flog Eugen Russ im Jahr 1981 in die Vereinigten Staaten, um sich „McPaper“ anzusehen, wie die Amerikaner die bunte Tageszeitung USA Today bis heute nennen. „Für mich war es unheimlich faszinierend zu sehen, was Al Neuharth, der Gründer von USA Today, da machte“, erzählt Russ. So sollte seine VN auch werden: Vierfarbendruck, viele Fotos, Infografiken und auch mal eine positive Meldung zwischen all den Schreckensnachrichten. Russ findet es erstaunlich, dass viele amerikanische Verleger bis heute nicht erkannt haben, was er schon damals sah: „Viele drucken bis heute in schwarz-weiß, beim Lesen holt man sich dreckige Finger. Menschen kommen in den Zeitungen nicht mehr vor. Und am Morgen werfen sie die Zeitung aus dem Auto in den Vorgarten. Was kann man den Lesern noch alles antun?“ Bis heute fliegt Eugen Russ zumindest einmal pro Jahr in die USA, um sich inspirieren zu lassen – von Internet-Startups im kalifornischen Silicon Valley. Die Zeitungsverlage hat er längst abgeschrieben. Nach neun Jahren als Geschäftsführer hatte Russ den Kampf gegen die Neue gewonnen. „Das hat nur funktioniert, weil wir unsere Redaktion zu allen gesellschaftlichen Lagern hin geöffnet haben“, sagt Russ. 1990 kaufte er die Neue. Seitdem ist Vorarlberg Russ-Land.
Seit Ende der Neunziger kommt die härteste Konkurrenz für VN und Neue auch aus dem Medienhaus und heißt Vorarlberg Online (VOL). Das lokale Portal ist heute das eigentliche Flaggschiff der Russ-Gruppe, die in Österreich, Deutschland, Ungarn und Rumänien rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Seine Websites (in Österreich betreibt er auch salzburg24.at und vienna.at) multiplizieren schlicht das Prinzip der VN: Fotos, Fotos, Fotos. Dazu viele Meldungen aus der Region, ein paar aus Wien und wenige aus dem Rest der Welt. „Ich erfahre dort alles, was um mich herum geschieht“, sagt Eugen Russ: „Und sollte die Welt untergehen, auch das.“ „Hyperlokal“ nennt Russ seine Strategie. Im Idealfall berichten Bürger über Mitbürger. Für jede der 96 Gemeinden Vorarlbergs ließ Russ ein eigenes Portal einrichten. Diese werden oft von sogenannten Bürgerreportern gefüllt. „Wenn ein Nachbar etwas baut, interessiert das die Menschen natürlich“, sagt Russ. Sein Ziel ist es, Nachrichten aus jeder Straße Vorarlbergs zu bringen. „Da stehen wir erst am Anfang. Ich kann mir vorstellen, dass Leserinteresse und Reichweite sich so verdoppeln.“
Am liebsten wäre es ihm, wenn jeder Vorarlberger morgens beim Frühstück sein eigenes Bild sehen könnte. In der Zeitung oder im Internet. Nur ein Vorarlberger kommt sicher nicht vor in den Russ-Medien: Eugen Russ. Am Gesellschaftsleben im Ländle nimmt er kaum Teil. Über besondere Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen im Land ist nichts bekannt. (Mit der Ausnahme seiner Schwester Gabriele Nussbaumer, die als erste Vizepräsidentin für die ÖVP im Landtag sitzt.) „Ich versuche Seilschaften zu vermeiden“, sagt Russ. Dann legt er eine Pause ein. Russ (besondere Merkmale: hohe Stirn, rahmenlose Brille, Dreitagebart) ist einer, der zuerst denkt und dann erst redet: „Ich glaube zutiefst daran, der Redaktion Freiheit zu geben. Die erste Loyalität gehört immer dem Leser.“ Dagegen kann auch seine Schwester, die Politikerin, nichts machen: „Wenn wir eine Pressekonferenz machen, berichten VN und ORF. Sehr oft aber auch niemand“, sagt Gabriele Nussbaumer.
Trotz aller Innovationsfreude und Redaktionsfreiheit: Die wichtigste Waffe der Russ-Medien ist das Monopol. Seine Markt- und Meinungsmacht ist so drückend, dass sich niemand in Vorarlberg mit Eugen Russ anlegen möchte. Das System Russ funktioniere durch vorauseilenden Gehorsam in den Redaktionen und außerhalb, sagt Arno Miller, Journalistengewerkschafter und ehemaliger Redakteur der Neuen: „Friede durch Angst ist das.“
Für Journalisten ist der Fall klar: Fallen sie bei Russ in Ungnade, müssen sie entweder das Bundesland verlassen, oder es rettet sie: Eugen Russ. „Wir kämpfen auch intern enorm um Leser und Anzeigenkunden“, sagt Russ. So kommt es bisweilen vor, dass VOL die Titelgeschichte der VN als Falschmeldung entlarvt. Oder dass eine Moderatorin von Antenne Vorarlberg zu VOL wechselt. Aber das sind Ausnahmen. „Viele wechseln die Branche, gehen in die Werbung oder in die PR“, sagt Arno Miller, heute selbst freier Journalist.
Wenn ihm tatsächlich jemand in seinen Markt pfuschen will, kann er die wahre Macht des Eugen Russ zu spüren bekommen. Als die ehemaligen Medienhaus-Manager Anton Willam, Bernhard Dürr, Fritz Nussbaumer (war mit Russ’ Schwester verheiratet) und Arno Riedmann im Juni 2005 ankündigten, das Gratismagazin weekend nach Vorarlberg bringen zu wollen, reagierte Russ sofort. Binnen Wochen lancierte er sein eigenes Hochglanzmagazin: weekend vorarlberg. Es folgte ein Rechtsstreit um den Titel, den Russ verlor. Heute heißt sein Magazin nur noch week.
„Noch immer rufen die Anzeigenverkäufer des Medienhauses jeden Kunden an, der bei uns schaltet, und versuchen, ihn abzuwerben“, sagt Willam. Aber nach fast vier Jahren ist er sich in einem sicher: „Wir haben bewiesen, dass es möglich ist, das Monopol zu brechen. Zumindest im Anzeigenmarkt.“ Auch wenn weekend bis heute mit der Post zugestellt wird, weil nur Russ ein Netz an Hauszustellern zur Verfügung hat. Über seine Ex-Mitarbeiter, von denen einige mehrere Jahrzehnte in seinem Haus tätig gewesen sind, sagt Russ heute: „Wir haben uns auseinandergelebt. Aus meiner Sicht sind wir im Frieden geschieden und koexistieren jetzt auch am Markt.“
Es gehört zu den Regeln des Geschäftsmannes Eugen Russ, dass jedes Jahr bis zu vier Prozent der Belegschaft gekündigt werden. Die sogenannten „Minderperformer“. „Wir sagen bewusst, dass niemand bei uns eine lebenslange Stellung hat“, sagt Russ. Die Entfernung der Minderperformer soll die Effizienz steigern. Und Effizienz gehört zu den Lieblingswörtern von Eugen Russ. Morgens, wenn er auf seinem Ergometer sitzt und radelt, beantwortet er gleichzeitig E-Mails und liest Zeitungen auf einem eigens montierten 24-Zoll-Monitor.
„Integrierte Redaktionen, Sparsamkeit, höchste Effizienz. Eugen Russ ist einer der fortschrittlichsten Verleger, die es in Europa gibt“, sagt Michael Grabner, Wiener Medienunternehmer und seit 20 Jahren ein Freund von Russ. In Vorarlberg hat er sie nicht nötig, aber ganz ohne Seilschaften kommt auch ein Eugen Russ nicht aus. Seit Juni sitzt er im Aufsichtsrat der ehrwürdigen Wochenzeitung Die Zeit. Georg-Dieter von Holtzbrinck, ein weiterer Verlegerfreund von Russ, hat ihn dorthin geholt. Michael Grabner hat einen Beratervertrag erhalten. Oscar Bronner, der Österreich profil, trend und den Standard gegeben hat, sagt, dass Russ „der beste professionelle Zeitungsverleger ist, den ich in Österreich kenne“.
Bronner hat jene Zeitungen gegründet, die ihm persönlich gefehlt haben. Russ gründet solche, die dem Markt fehlen. Als Bronner dem Vorarlberger 1994 eine Minderheitsbeteiligung am Standard anbot, winkte dieser ab. „Zwei Qualitätszeitungen sind aus meiner Sicht eine zu viel“, sagt Russ auch heute über die Konkurrenz von Standard und Presse: „Es ist absehbar, dass es irgendwann nur noch eine geben wird.“
Seine Strategie, nur freie Märkte zu besetzen, hat Russ auch in Ungarn, Rumänien und der Ukraine umgesetzt. Dort betreibt er heute in verschiedenen Regionalmärkten neun Tageszeitungen, neun Gratis-Wochenzeitungen, acht Anzeigenblätter und 31 Onlineportale. Seine Zeitungen und Websites in Osteuropa sehen genauso aus wie die in Vorarlberg.
„Welcher regionale Verleger kann sich 70 Mitarbeiter in der Softwareentwicklung leisten?“, fragt Russ. Und gibt sich selbst die Antwort: „Wir können es, weil wir Neues auf alle Betätigungsfelder umlegen können.“ So wird die Bildbearbeitung für die VN inzwischen in der westrumänischen Stadt Oradea erledigt. Die Krise macht aber auch vor Eugen Russ nicht halt. Zwei von vier Regionalzeitungen in Rumänien wurden bereits eingestellt. Eine weitere Einstellung soll bald folgen. „In Ungarn haben wir die Krise schon vor über einem Jahr gespürt. Jetzt müssen wir auch in Rumänien massiv Personal abbauen“, sagt Russ. Die Wirtschaftskrise, sagt Russ, könne man durchtauchen. Die Strukturkrise der Tageszeitungen nicht. Das Geschäft mit Kleinanzeigen wandert immer mehr ins Internet. Deswegen hat er 2005 den ostdeutschen Quoka-Verlag gekauft, der auf Kleinanzeigen spezialisiert ist. Und deswegen hat er mit VM Digital eine Art Risikokapitalfirma geschaffen, die in Onlineportale für Pferdeliebhaber und ähnliches investiert. Mit seinen Websites würde die Medienhaus-Gruppe heute rund zehn Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften, sagt Russ.
Das ist aber auch schon alles, was die Öffentlichkeit über den finanziellen Erfolg des Eugen Russ erfährt. Zwar dürfte der Bentley-Fahrer zu den reichsten Menschen in Vorarlberg gehören. „Umsatzzahlen erfahren Sie von mir aber keine“, sagt Vorarlbergs Verleger. Denn Geld ist für Eugen Russ eine Privatsache. Und über solche spricht er nicht.
frage an die maus: wie tickt vorarlberg politisch?
Am 20. September werden in Vorarlberg die Mitglieder des Landtages gewählt. Dafür wird das Land, den vier politischen Bezirken entsprechend, in vier Wahlkreise eingeteilt. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl werden die 36 Mandate vergeben. Das heißt konkret, dass in Bludenz sechs Abgeordnete gewählt werden, in Bregenz zwölf, in Dornbirn acht und in Feldkirch zehn. Sie werden für fünf Jahre gewählt und haben zu Beginn der Legislaturperiode die Aufgabe, aus ihrer Mitte einen Landtagspräsidenten und zwei Stellvertreter zu wählen. Den Landeshauptmann stellt die stimmenstärkste Partei. Die ÖVP stellte seit 1945 bisher alle vier Landeshauptmänner sowie alle acht Landtagspräsidenten. Seit der letzten Landtagswahl hält sie mit Landeshauptmann Herbert Sausgruber, der seit 1997 im Amt ist, die absolute Mehrheit. Neben der ÖVP sind die SPÖ mit sechs, die FPÖ mit fünf und die Grünen mit vier Abgeordneten im Landtag vertreten. Ein Sieg der ÖVP gilt als sicher, ob Sausgruber die absolute Mehrheit halten kann, ist jedoch fraglich. Im Falle eines zweistelligen Verlustes will er zurücktreten. Für die SPÖ, seit mehr als dreißig Jahren in der Opposition, kämpft Spitzenkandidat Michael Ritsch um einen Platz in der Landesregierung. Die FPÖ, die 1999 noch 27,4 Prozent Stimmenanteil verzeichnen konnte und 2004 auf 12,9 Prozent abgestürzt war, rittert mit der SPÖ um Platz zwei. Für die Grünen, die bei der letzten Wahl mit 10,2 Prozent Platz vier belegten, geht es darum, ihren Stimmenanteil zu steigern. Ohne ihren prominentesten Kandidaten, den früheren Vizekanzler Hubert Gorbach, tritt das BZÖ an. Ziel der ersten Kandidatur überhaupt ist es, in den Landtag einzuziehen. Um das zu erreichen, gilt es, die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden. Wahlberechtigt ist, wer spätestens am Wahltag das 16. Lebensjahr vollendet. Insgesamt können am 20. September 263.000 Vorarlberger von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, auch per Briefwahl.















