Frischzellenkur am Zentralfriedhof
Früher bescherte er der Musikindustrie sechsstellige Verkaufszahlen und versöhnte österreichische Undergroundbands mit Udo Jürgens. Jetzt plant er die Revitalisierung eines verschmähten Genres. Der Wiener Jimmy Deix und sein aktuelles Projekt „Austropops“.
Text: Andreas Kump
Fotografie: Andreas Balon

Wenn es Nacht wird über Simmering, kommt Leben in Jimmy Deix. Der Eintritt in sein Musikzimmer ist dann ausnahmslos verboten. Nichts soll den hier Arbeitenden stören, schließlich feilt er in nächtlichen Sessions gerade an der optimalen Kompilierung einer Serie von CD-Samplern. Seit gut 16 Monaten geht das schon so. Seit der 43-jährige Deix den Beschluss fasste, seinem schlingernden Lebenslauf als – ja, was eigentlich? – Journalist, Musiker und Musikproduzent eine neue Facette hinzuzufügen.
In Kleinarbeit begann er die heimischen Seiten des Internets zu durchforsten, um Künstler aufzuspüren, an denen hierzulande bislang weder Szene, Musikbranche noch sonst wer groß Interesse zeigten. Nicht deshalb, weil diese Künstler noch unerfahren, jung an Jahren oder begnadet untalentiert wären. Sondern weil sie mit ihrem Œuvre ein Erbe verwalten, dem trotz durchaus intakter Verehrung der Hauch des artistischen und kommerziellen Moders anhaftet. Ihr musikalisches täglich Brot ist der Austropop. Heute! 2009! In Zeiten des schlechtesten Wolfgang Ambros, den wir je hatten! Was einiges heißt, denn bekanntlich gab es seit 1980 und dem Album „Weiß wie Schnee“ keine einzige Platte des Austropop-Urvaters, die auch nur entfernt an die Wucht früherer Veröffentlichungen heranreichte.
Martin Locher, Hannes Hager, Dietz, Da Guzi und der Band Graz scheint das egal zu sein. Sie zählen zur mittlerweile stattlichen Anzahl an Austropop-Wiedergängern alter Schule, die Deix in den vergangenen Monaten zutage gegoogelt und in der Folge kontaktiert hat. Wie ungefähr 200 weitere über das ganze Land verstreute Einzelinterpreten und Gruppen erfüllen sie alle Kriterien, die ihn bei seinem aktuellen CD-Projekt beschäftigen. Er will nicht weniger als den Kanon eines Genres schaffen, das bis dato noch nicht existiert. Eine neue alte Schule des klassischen Austropop. Mittels einer auf mehrere CDs ausgelegten Anthologie voller Austropop-Beschwörungen neueren Datums. Alles was auf Ö3 heute verboten ist, ist hier erlaubt: Dialekthadern, Schmachtfetzen, Protestlieder, aus dem Leben gegriffene Texte, erdrückende Anlehnungen an die besseren Tage von Ambros, Fendrich, Danzer.

Auf „Austropops“, so der doppeldeutige Titel der geplanten Reihe, soll zusammenfließen, was für Deix zusammengehört: der kritische, oft ins Rebellische schwankende Unterton alter Austropop-Hits, die geschmeidige Selbstverständlichkeit des Dialektgesangs, das daraus resultierende Mitsingpotenzial. Alles in Verbindung mit der hochprozentigen Melancholie des Alkohols. Ein Soundtrack für Provinz- und Vorstadtlokale mit Dart-Automaten, wo Menschen ihren Roten am Samstagabend nicht zum Essen trinken, sondern mit Cola.
Noch ahnt man im Land der Pubs, Tankstellentreffs und Skihütten freilich nichts davon, dass anstatt „Fürstenfeld“ von S.T.S. bald „Kollegenschwein“ von Horst Klimstein zum friedlichen Mitgrölen einladen soll. Aber Deix ist fest davon überzeugt, mit seinen Samplern beim Publikum in ein Vakuum vorzustoßen. „Ich habe das Gejammer in der Branche nicht mehr ertragen, die Musik würde in einer Krise stecken. Es mag die Musikwirtschaft in einer Krise stecken, aber sicher nicht die Szene. Die ist lebendiger und vielfältiger denn je“, behauptet er. Nur würden etliche dieser Interpreten weder eine MySpace-Seite betreiben noch Kontakte zu dem pflegen, was sich in Österreich Musikbranche nennt. Wobei sich Deix bewusst ist, hier etwas gefunden, aber nicht erfunden zu haben.
Klimstein, Dietz und wie sie alle heißen drangen und drängen immer wieder auch mit eigenen, gefällig produzierten CDs an die Öffentlichkeit. Der größere Durchbruch gelang trotz Achtungserfolgen und Airplay auf Regionalsendern trotzdem nie.
Selbst der Tiroler Martin Locher, immerhin Dauergast auf diversen deutschen Fernsehsendern, singt sein „A so a Tag im Lebm“ weiterhin nur im Gemeindesaal Kolsass im Tiroler Unterland oder der Disco No.1 in Waidring am Fuße der Loferer Steinberge. Für Deix ist das leicht erklärbar: „Musik braucht immer ein Umfeld, um als Lebensgefühl verstanden zu werden. Und dieses Umfeld gebe ich dem Ganzen. ,Austropops‘ ist wie eine Studie der heimischen Musiklandschaft, die im Verborgenen liegt, weil das Medienmonopol über sie hinwegsieht und sie missachtet.“
Journalist, Musiker und Musikproduzent. Jeder auf Distinktion bedachte Vertreter dieser Berufsstände wird wohl empört abwinken, wolle man ihm Jimmy Deix als Kollegen unterjubeln. Dabei ist Deix genau das. Aber erstens in großzügiger Auslegung der Begriffe. Und zweitens durch enorme Sprunghaftigkeit innerhalb der Disziplinen, selbst für Freunde, Eingeweihte und Vorgewarnte schwer fassbar. Gemacht und geleistet hat er sich dabei vieles. Freier Mitarbeiter bei Ö3, Societyreporter beim Kurzgastspiel des deutschen Stadtmagazins Prinz in Wien („Ich habe damals den Partyjournalismus in Österreich begründet“), Reporter für News, Promoter für ferngesteuerte Werbezeppeline bei ATP-Tennisturnieren; während er allein beim Wiener in drei verschiedenen Phasen mit pointierten Artikeln wie „Mozart und die Illuminaten“ oder „Traumjob Samenspender“ seine journalistischen Experimente vorantrieb.
Seinem Ruf als chronischer Adabei und Freigeist hat das alles nur genutzt. Als „Connaisseur und Lebenskünstler“ beschreibt ihn etwa der Ex-Ö3-Mann und nunmehrige Monkey-Music-Entrepreneur Walter Gröbchen. Der muss es wissen. Schließlich bescherte ihm Deix 1994 einen echten Verkaufshit. Gröbchen werkte damals bei GiG Records und Deix lieferte ihm die Idee und die Rechte zur „Flieger“-CD-Reihe. Von dieser Sammlung österreichischer New-Wave-Titel aus den Achtzigerjahren sollte GiG in den nächsten Jahren sechs Ausgaben heraus- und Verkaufszahlen „jenseits der 100.000“ (Gröbchen) zustande bringen.
Auf den „Flieger“-CDs war neben Falco, Blümchen Blau oder Minisex auch die Wiener Band Chuzpe vertreten, bei der Deix selbst ab 1987 für fünf Jahre Bass spielte. Ein im Onlinearchiv der Datenbank österreichischer Populärmusik (www.sra.at) zu sehendes Chuzpe-Foto aus jener Zeit weist ihn per Bildunterschrift als „Karies Porsche“ aus.
Dahinter mag jene „lustige Beziehung zu den Dingen“ stecken, die Gröbchen bei Deix gegeben sieht, während aber Deix Gröbchens Songauswahl für die letzten zwei „Flieger“-CDs bis heute nicht lustig findet. „Das hat mit meiner Idee nichts mehr zu tun gehabt. Da wurde New Wave fundamental nicht verstanden.“ Der falsch verstandene New Wave der Achtziger war Mitte der Neunziger aber nicht das einzige Großprojekt des Kleinimpresarios Deix. Ein anderes betraf ein mutig gedachtes Tuning von Österreichs Edelschlagerikone Udo Jürgens. Deix wollte Jürgens Coverversionen seiner Erfolgstitel zum 60. Geburtstag schenken, eingespielt von den damals angesagtesten heimischen Undergroundbands.
Die Aufnahmen dazu fanden in den Wiener Cosmix Studios von Bernd Jungmair und Cornelius Dix statt, die gemeinsam mit Deix dafür das Plattenlabel „Cheval Blanc – Vienna Music Entertainment“ aus der Taufe hoben. Während die Vorab-Single „Wien“, gesungen von niemand geringerem als dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk und seiner Frau Dagmar Koller, in Anwesenheit von Udo Jürgens, Kurt Waldheim und Marcel Prawy im eigens angemieteten Kursalon Hübner über die Bühne ging, versandete die Veröffentlichung des Albums leider wegen ausbleibender Geldflüsse. „Wir sind deswegen aber immer noch Freunde“, sagt Bernd Jungmair heute und streut dem ehemaligen Geschäftspartner mit einem Lachen weiterhin Rosen: „Jimmy schrieb zur richtigen Zeit für den Wiener und wurde in der Szene bekannt, als er als Flitzer über die Kärntner Straße lief. Jede vernünftige Stadt braucht ein paar Typen und Freigeister wie ihn.“
15 Jahre nach Falco, Blümchen Blau, Udo Jürgens und Dagmar Koller also nun „Austropops“. Ein in bester Deix-Manier groß gedachter Wurf. Nicht eine CD, sondern gleich eine ganze Serie muss es sein. Nach dem Motto: Man soll den Leuten geben, was sie wollen – auch wenn sie heute noch nicht wissen, dass sie es überhaupt brauchen. Die ersten zwei Alben der „Austropops“ sollen noch diesen Winter für Furore sorgen. Teil eins trägt den Titel „Des darf ned wahr sein …“, Teil zwei „… wo samma daham“. Die Coverentwürfe sind bereits druckfertig, einige wenige Songrechte harren in der sommerlichen Urlaubszeit noch der Abklärung, während sich das anvisierte Zielpublikum in Kitzbühel bei der von Jimmy Deix organisierten Konzertreihe „Austropop am Hahnenkamm“ bereits auf den neuen Sound einschwört.
Mit dabei in Tirol ist auch der Innsbrucker Liedermacher Dietz. Musiklehrer im Brotberuf, hat er seit Jugendjahren eine für österreichische Musiker nicht ungewöhnliche Karriere in Coverbands mit englischem Idiom verfolgt, ehe er sich Ende der Neunziger der Wandergitarre und Mundarttexten zuwandte. Zwei CDs sind seither in Eigenregie entstanden, 2003 das Album „Oan hebm“ und 2007 die Single „Der beste Winter“. Letztere spiegelt das komödiantische Element des 45-jährigen Liedermachers, der darin vom besten, weil schneelosen Winter seines Lebens singt. In seiner Tiroler Heimat ein Sakrileg. Textauszug: „I brauch kane zwa Brettl, brauch kann gfierigen Schnee, weil Schifoan is des Deppertste, da tuat ma si lei weh.“ Dass sein Winter-Abgesang auch auf den „Austropops“ zu hören sein wird, freut Dietz: „Sobald man ‚Austropop‘ erwähnt, ist man ja normalerweise stigmatisiert. Wenn das jetzt auf einer anderen Ebene weitergeht, finde ich das gut. Auch aus dem einfachen Grund der Vernetzung untereinander. Ich bin gespannt, was rund um die CDs passieren wird.“
„s’Lebm“, so der Titel seiner ersten CD, beschäftigt hingegen Martin Locher, einen weiteren Vorzeigevertreter von „Austropops“, derzeit einmal mehr über Gebühr. Sein langjähriger Produzent Teddy Dorfhuber ist überraschend verstorben und Locher, wie Dietz Tiroler, trauert nicht nur um einen Freund, sondern auch um den Wegfall eines wesentlichen Bausteins seines bisherigen Erfolges. Wie bereits erwähnt gelang Locher bislang das Kunststück, im deutschen Fernsehen in Sendungen wie „Musikantendampfer“ (ARD) oder „Fernsehgarten“ (ZDF) präsent zu sein, ohne dass ihn das für heimische Veranstalter, Radios oder auch Plattenfirmen interessant gemacht hätte. Was einen angesichts eines Gassenhauers wie „A so a Tag im Lebm“, vorgetragen in bester Cornelius’scher Manier, ein wenig an den Glaubensvorstellungen österreichischer Artist&Repertoire-Manager zweifeln lässt.
Der Plan, über den deutschen Markt auch in Österreich Fuß zu fassen, ist durch Dorfhubers Ableben etwas durcheinandergeraten. Deswegen rückt Locher weiterhin jeden Morgen zur Firma Swarovski aus, um pünktlich um 4.45 Uhr seinen Dienst in der Abteilung Contemporary Lighting & Project Business anzutreten. „Ich bin froh, dass du diese Bezeichnung aussprichst“, sagt er in hartem, aber herzlichem Tiroler Dialekt, „ich hätte das gar nicht so gekonnt.“ In solchen Augenblicken klingt Locher zwar überhaupt nicht nach Peter Cornelius, Ambros & Co, was aber andersrum betrachtet deren stilbildende Erwirkung eines überösterreichischen Dialekts bezeugt.
„Wenn di der Alltag frustet, dann trinkst du holt a Bier. Und wenn der Stress dann immer größer wird, werdn’s a schon manchmal vier“, singt Da Guzi in seinem Samplerbeitrag „Heile Welt“. Jimmy Deix meint dazu: „Das sind Textzeilen, die runtergehen. Wo kriegst du denn so etwas bei Silbermond?“ Als besonderes Bonmot kommt im Fall von Da Guzi, 46, mit bürgerlichem Namen Franz Guzelnig, dessen Profession dazu. Da Guzi ist Pastor in Villach und ebendort auch Leiter der Christlichen Initiative. Das hindert ihn nicht, mit belegter Stimme und Wiener Touch in der Betonung seiner zweiten Berufung nachzugehen. „Die belegte Stimme kommt aber nicht vom Saufen“, stellt er klar.
Dass er dabei obendrein mehr nach Wiener als nach Klagenfurter Becken klingt, führt er auf seine musikalische Sozialisation mit Ambros und Danzer zurück. Zumindest in Regionalradios wird Da Guzi gerne gespielt, meist nächtens, aber in Vorarlberg schaute in der Schlagerparade auch schon einmal ein erster Platz in den Charts heraus. Tagsüber. Dabei fühlt sich Da Guzi dem Schlager gar nicht so zugehörig. Der Austropop ist es auch in seinem Fall, der ihn umtreibt. Deix’ Gedanke eines gemeinsamen Daches für die vielen unterschiedlichen Stützen einer neuen Austropop-Generation gefällt dem Pastor. Vielleicht würde das wieder dazu führen, dass mehr österreichische Musik im Radio gespielt wird? Zur Prime-Time auf Ö3. Und nicht nur um halb vier Uhr morgens auf einem Regionalradiosender.
frage an die maus: was ist austropop?
Der Begriff Austropop wird vor allem verwendet, um die Musik von Interpreten wie Wolfgang Ambros, Georg Danzer oder Rainhard Fendrich zu beschreiben. Populärmusik österreichischen Ursprungs gibt es schon viel länger. An der Frage, wo genau Austropop beginnt beziehungsweise welche Künstler dazu gezählt werden dürfen, scheiden sich bis heute die Geister. Was landläufig als Austropop bezeichnet wird, hatte seine Anfänge mit der Worried Men Skiffle Group („I bin a Weh“) im Wien der Sechzigerjahre. Sie gelten als die Gründer der sogenannten Dialektwelle. Marianne Mendt etablierte mit dem von Gerhard Bronner verfassten Lied „Wia a Glock'n“ den Wiener Dialekt Anfang der Siebziger endgültig in der Popmusik. 1971 folgte „Da Hofa” von Wolfgang Ambros, kurz darauf ließ Georg Danzer mit „Der Tschik” aufhorchen. Unterstützt von Radiomachern beim 1967 gegründeten Radiosender Ö3, erreichten Danzer und Ambros ab Mitte der Siebziger ein größeres Publikum – der Austropop war seitdem auch kommerziell erfolgreich. Abseits des Mainstreams formierte sich um Willi Resetarits, der später den Ostbahn Kurti verkörperte, die Gruppe Schmetterlinge. Bei diesen lag das Hauptaugenmerk vor allem auf kritischen Polit-Texten („Proletenpassion“). Im darauffolgenden Jahrzehnt wurde Hans Hölzel alias Falco, der seine Anfänge bei Hallucination Company und Drahdiwaberl gemacht hatte, mit „Rock Me Amadeus” zum Weltstar (Nummer 1 der US-Billboard-Charts). Auch Opus und Bilgeri landeten mit „Live is Life” beziehungsweise „Some Girls Are Ladies” Hits und wurden kurz weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt. Neben den genannten trugen vor allem die Steirer von S.T.S. und die Erste Allgemeine Verunsicherung dazu bei, dass der Austropop in den Achtzigern seinen kommerziellen Höhepunkt erreichte.
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