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Die besten Weblogeinträge des Monats, präsentiert in Kooperation mit twoday.net

Jeden Tag
by broggdingnagg, 21. September 2005

Jeden Tag der gleiche Zug mit der gleichen Verspätung, jeden Tag dieselben paar Menschen, die verschlafen in den Sitzen hocken, jeden Tag die beiden lauten Dampfplauderer, die reden und reden, als hätten sie sich schon jahrelang nicht gesehen und sich trotzdem nichts zu sagen.
Jeden Tag die geschmackloseste Frau der Welt mit jeden Tag grotesk geschmacklosen Kleidungsstücken, jeden Tag der bärtige Mann, der bis zur Tür raucht und beim Aussteigen sofort in der Tür wieder eine anzündet. Jeden Tag der gleiche Weg, über die Straße, durch die Allee, wieder über die Straße, jeden Tag der dicke Typ im Trainingsanzug, der dem Dackel beim Scheißen zuschaut. Jeden Tag über den Parkplatz, an Thujen entlang, jeden Tag Schüler, die aus den Häusern kommen, aufeinander warten und sich dann auf den Weg machen, der Kapperlträger, der aus der Tiefgarage kommt und jeden Tag zu schnell die Gasse entlangfährt. Jeden Tag über den Zebrastreifen, jeden Tag die gleiche Angst, von einem telefonierenden Lkw-Fahrer überfahren zu werden, dann jeden Tag das letzte windige Wegstück. Und jeden Tag das Flugzeug, das immer höher steigt und in den Wolken verschwindet. Es ist die OS511 nach Mailand. Jeden Tag.

http://brogdingnagg.twoday.net/



antivegetariermelancholie
by DerBaron, 6. Oktober 2005

Gezeichnet von des langen Tages Müh’n durchfährt Frau A. die Stadt, die grad beschließt, dem Tage zu entgleiten und ihre Straßen von der Dämmerung in Besitz zu nehmen lassen. Gleich einem Schiff auf ruhiger See das Meer, verschiebt hierbei sie sanft mit ihrem Pkw die leise vor sich hinherbstelnden Nebelschwaden und wird gewahr der sie ergreifenden Befröstelung, die ausgelöst von einem kalten Luftzug wird, der den vor ihr im Armaturenbrett versenkten Düsen zu entweichen stets beliebt. Dazu gesellt der Eindruck von beschlag’nen Scheiben sich, die nicht nur ihrer Sicht ein wenig Einhalt trachten zu gebieten, nein, selbst ein leichtes Schauern an ihr selbst zur Geltung kommen lassen.

Sie dreht den Heizungsknopf auf lau und gibt den einfühlsamen Harmonien Rebekka Bakkens sich nun hin, bereit, die Welt ringsum dem Nichts anheim fallen zu lassen und Platz zu schaffen für ein innewohnendes Gefühl, das als Melancholie sofort den Raum erfüllt und, der Verinnerlichung so entraubt, von Kopf bis Fuß sie intensivst durchdringt. Nichts stört den solcherart heraufbeschworenen Moment, die Welt ist schaurig-schön und doch zugleich so trüb. So fährt sie nun dahin, als unvermittelt ihr ein dissonanter Klang entgegendringt. Sie lauscht genauer nach, und ja, fürwahr, es scheint, als ob ihr Magen rebelliert. Er knurrt und dröhnt, er brüllt und stöhnt, ihm ist egal, dass der Moment von Schöngeist grad durchdrungen möge sein, er mahnt zu Recht, die Grundbedürfnisse des Lebens gleichfalls anzudenken und selbigen zu füllen, auf dass erspart ihm bleibt, sich selber zu verrenken. Beraubt des Lebens zarter Poesie, rollt sie auf eine rote Ampel zu, bremst sanft, bleibt stehen, um sich sofort ringsumzusehen. Sie muss nicht lang im Kreis ihr Köpfchen drehen, denn es gelingt ihr unversehens, ein Steakhaus zu erspähen. Sie parkt und eilt hinein, und während sie anhand der Karte auszuwählen sucht die Speise, welche ihren Körper gleich befüllt, läuft Wasser ihr im Mund zusammen ob des vorhersehbaren fleischlichen Gewinns.

Sie will ein Steak, ein dickes, fettes, eines, das zeigt, dass Rinder wohl vermögens sind, zu fressen, was, von der Natur bereitgestellt zum Nutzen für die Menschheit, dieses Rind als solches selbst befüllt. Ein Rind, das während seines Lebens stets ohne Pause vollgestopft mit Grünzeug selbst sich hat, auf dass es nun, zerteilt am Teller liegend, präsentiert sein festes Fleisch, umringt von Fett und aufgepeppt durch Saft. Der Kellner bringt herbei das Mahl, jedoch Frau A. wird tief enttäuscht, denn was sie vor sich stehen sieht, ist nichts von dem, was sie erwartet hat. Ein kleines Stückchen trockenes Fleisch, garniert mit scharfem Senf und Pommes, auf einem Teller präsentiert, dem keine Wölbung innewohnt, wozu auch, wenn nicht Fett noch Saft vorhanden sind, die hier zu schützen wären davor, dass sie den Tellerrand verlassen, um sich am Esstisch zu verprassen.

Ein Beilagensalat jedoch, der macht am Tisch sich breit, ein großer Berg, der niemals seinen Weg wird finden zur Gänze in das Innere von A., denn diese wollte Fleischeslust und nicht, was eigentlich dafür gedacht, in Rindermägen zu verenden oder zumindest als Kompost die Basis für viel neues Gras für Rinderfutter selbst sich aufzuwenden.
Wie Schuppen fällt ihr von den Augen, dass Grund für diese Narretei ganz schlicht und einfach eine Modetorheit sei, die sich, scheint’s, auzubreiten droht. Ganz schnell wird sie von A. benannt, deren Fans sind wohlbekannt, sie werden Vegetarier genannt. Vertreter dieser Glaubensrichtung sind’s, die ihrem Essen nachvollziehbar und bewusst das Essen selber vorenthalten, indem dem Rind sie’s selbst wegfressen, sodass niemals ranwachsen kann ein saft’ges Rind. Sondern nur trock’nes Fleisch entsteht, für winzige Portionen. Ob dieser Einsicht bereichert, sucht Frau A. das Weite, blickt auf den Tag zurück und merkt, dass ihr nun innewohnen zugleich Melancholie und Depression – und Hunger hat sie immer noch.

http://derBaron.twoday.net/



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