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Ich, der Selbstmordattentäter

couv_228Am 16. Mai 2003 verübten 14 Selbstmordattentäter in Casablanca den blutigsten Terroranschlag in der Geschichte Marokkos. Zwei Terroristen überlebten. Einer davon erzählte jetzt seine Geschichte.

Text: Stefan Kaltenbrunner
Interview: Ahmed R. Benchemsi
Fotografie: Telquel
Die Körper seiner Brüder hat er nicht explodieren sehen. Erinnern kann er sich an eine Feuerkugel, viel Rauch und wie er seinen Sprengstoffgürtel auf den Boden schmiss und wegrannte. Nur wenige Stunden vor den blutigsten Terroranschlägen in der Geschichte Marokkos mit 41 Toten und über 100 Verletzten will er erfahren haben, dass er als Selbstmordattentäter auserwählt war: Rashid Jalil, 31 Jahre alt, der 14. Attentäter vom 16. Mai 2003, erzählte dem marokkanischen Wochenmagazin TelQuel seine Geschichte. Eine Lebensgeschichte, die in den Slums von Casablanca ihren Anfang nimmt und in der Todeszelle des Zentralgefängnisses von Kenitra ihr Ende gefunden hat.

Jalil gilt als gutgläubiger Kerl. Er ist wenig gebildet, er drückt sich schlecht aus, spricht langsam: „Ich kannte die Pläne nicht. Ich wusste nicht, dass meine Brüder töten werden.“ Geboren ist er in al Karian. In den aufgelassenen Steinbrüchen des ehemaligen Industriegürtels von Casablanca hausen die Menschen in Bretterbuden und Kartonhütten – in Vierteln, die keine Namen tragen. Ihre Bewohner werden im Volksmund abfällig „Tschetschenen“ genannt. Fast alle Attentäter stammen aus dieser Gegend. Hier finden radikal-fundamentalistische Strömungen ihren Nährboden.

Jalils Lebenslauf ist austauschbar. Junge Männer wie ihn, die sich wie der Prophet einen Bart wachsen lassen, gibt es zu Millionen auch in den Slums von Kairo, Bagdad und Jakarta. Die Schule musste er früh verlassen. Arbeit gab es nur wenig. In den Moscheen fand er Halt und Freunde. Sie sprachen mit ihm über den Jihad, über den 11. September 2001 und über den Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan. Jalil schloss sich der Gruppe „Ahl sounna wal jamaâ“ an, die für die Attentate vom 16. Mai verantwortlich gemacht wird.

Beeindruckt haben ihn die Prediger, die eine buchstabengetreue Auslegung des Korans vertraten. Die Gotteshüter, von denen, wie der marokkanische Journalist Abedlelatif Agnouche schreibt, kaum einer über eine elementare Schulbildung verfügt und die eine Mischung aus Sektenführern und Banditen darstellen, hätten ihn aber nie zu etwas gezwungen. Auch Videos über den Jihad in Bosnien und Tschetschenien habe er sich oft angesehen. Mit den Brüdern hat er auch darüber diskutiert, wie man die Welt dazu zwingen kann, den Islam zu respektieren. „Aber da war nichts Böses dabei“, glaubt er noch heute.

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Vielleicht stimmt seine Version. Vielleicht war er in seiner Einfältigkeit für die Chefs des Terrorkommandos nur ein leichtes Opfer, das auf Befehl als Märtyrer jederzeit abrufbar ist. Jalil war aber nicht so weit und zweifelte: „Ich war dagegen, dass Muslime sich gegenseitig töten.“ Dennoch schnallte er sich am 16. Mai kurz vor 22.00 Uhr den Sprengstoffgürtel um den Bauch: „Wäre ich zurückgeblieben, hätten sie mich getötet.“

Als seine Gruppe vor dem jüdischen Gemeindezentrum in der Innenstadt von Casablanca ankam, hörte Jalil die ersten Explosionen. Drei der Brüder sprengten sich ein paar Straßen weiter vor dem Restaurant Positano in die Luft. Danach explodierten in der Lobby des Fünfsternhotels Farah weitere Bomben. Vorher schnitt ein Attentäter dem Wächter die Kehle durch. „Dann ging alles sehr schnell. Mohammad Mhanni und Khalid Taib liefen zum Eingang und zündeten ihre Sprengsätze. Bruder Abderrahim schrie: Jetzt sind wir dran! Ich sagte nein, schmiss meinen Gürtel weg und lief davon.“

Jalil wurde im Nachbarhaus seiner Familie nur einen Tag später verhaftet. Was folgte, waren Folterungen und Demütigungen. Sie ketteten ihn nackt an eine Eisenstange und schlugen auf ihn ein. Stunden, vielleicht auch Tage. In einem Schnellverfahren wurde er zum Tod verurteilt. Einen Rechtsanwalt bekam er nie zu Gesicht. Vor Gericht wollte niemand seine Version hören. Nach dem Todesurteil fühlte er sich befreit: „Ich rief im Gerichtssaal Gott an.“ Bereuen will er nichts: „Ich unterstütze den Jihad, wenn es darum geht, den Islam gegen Feinde zu verteidigen. Aber es tut mir Leid, dass meine Brüder getötet haben.“ Rashid Jalil soll gehängt werden.

Vielleicht wird sein Todesurteil in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt. Die Prediger aus seinem Viertel, die man nach den Attentaten verhafteten ließ, sind hingegen längst wieder auf freiem Fuß. Die wahren Hintermänner der Anschläge konnten bis heute nicht gefasst werden. Der gutgläubige Jalil aber wird büßen – für ein Blutbad, an dem er wahrscheinlich nur indirekt beteiligt war.

Rashid JalilRashid Jalil im Interview mit Ahmed R. Benchemsi, dem Chefredakteur des marokkanischen Wochenmagazins TelQuel, über seine Jugend, seinen ersten Kontakt mit den Islamisten, die Minuten vor den Attentaten, die Folter und seine Verurteilung zum Tod.

Sie wurden in den Slums von Casablanca, in al Karian, geboren. Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit.


Ich habe sieben Brüder und Schwestern. Wir lebten gemeinsam in einer kleinen Hütte. Mein Vater arbeitete auf einem Schrottplatz. Das war ein sicherer Job, er konnte die Familie ernähren. Später ist er krank geworden. Meine Brüder und ich mussten die Schule verlassen.

Was machten Sie nach der Schule?

Ich habe in einer Garage als Schweißerlehrling gearbeitet. Dann bin ich zu einer Firma gekommen, die Karosserien für Busse herstellte. Später habe ich versucht, mich selbstständig zu machen. Ich reparierte Türen, Fenster … aber das funktionierte alles nicht.

Im Jahr 2000 wurden Sie wegen Diebstahls für einen Monat eingesperrt …

Ich habe nichts gestohlen. Es gab in unserem Viertel keinen Strom mehr. Wir hatten kein Licht, wir konnten nicht kochen. Mit ein paar Freunden haben wir einen öffentlichen Strommasten angezapft. Das ging ein paar Tage gut. Dann wurde der Draht kaputt. Ich habe versucht, das zu reparieren. Da hat mich die Polizei erwischt.

Wann hatten Sie zum ersten Mal Kontakt zu „Islamisten“?

Ungefähr im Jahr 2002. Ich war schon vorher gläubig. Nachdem ich dann in der Moschee mit Leuten zu diskutieren begonnen hatte (insbesondere mit Adil Taïa und Khalid Benmoussa, zwei der Selbstmordattentäter vom 16. Mai, Anm. d. Red.), wollte ich keine Predigt mehr in der Moschee verpassen und habe beschlossen, ein Gläubiger zu werden. Stark beeinflusst haben mich aber der 11. September und die US-Invasion in Afghanistan. Ich machte mir viele Gedanken über die weltweite Unterdrückung von Muslimen. Es wurde mir immer mehr bewusst, dass der Islam der richtige Weg für mich ist.

War das allein Ihre Entscheidung?

Die Prediger, vor allem Abderrazak Rtioui (derzeit in Haft, Anm.), haben mich sehr beeindruckt. Aber ich wurde von niemandem zu etwas gezwungen. In meinem Viertel gab es Mitglieder von Adl Wal Ihsane und sogar von der PJD (Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung, Anm.), aber ich war nie Mitglied einer dieser Gruppen. Mein Ziel war es, die religiösen Gebote zu befolgen und zu lernen.

Später wurden Sie aber Mitglied der Gruppe „Ahl sounna wal jamaâ“, die für die Attentate vom 16. Mai 2003 verantwortlich gemacht wird.

Ja, aber ich wusste nicht, dass es eine Vereinigung war und dass die Gruppe diesen Namen trug. Für mich waren das einfach nur Brüder. Wir haben uns oft getroffen, wir studierten den Koran, wir trugen alle einen Bart, wir lasen Bücher über den Propheten, wir diskutierten über den Jihad … so wie es alle Muslime auf dieser Welt tun. Aber da war nichts Böses dran. Auch heute glaube ich das noch immer.

Dennoch planten Ihre Freunde Attentate. Die Vorbereitungen fingen angeblich schon im Jahr 2000 an.

Ich bin erst 2002 zur Gruppe gestoßen. Und auch dann habe ich einige Treffen versäumt, weil ich in der Stadtmitte arbeitete. Ich hatte oft keine Zeit. Natürlich gab es viele Diskussionen über den Jihad und wie wir es schaffen können, die Menschen zu zwingen, den Islam zu respektieren. Aber ich war mit vielem nicht einverstanden. Marokkaner sind Muslime, und man darf sich an den eigenen Brüdern nicht versündigen. Ich unterstützte den Jihad, das tue ich noch immer, wenn es darum geht, den Islam gegen Feinde zu verteidigen. Muslime würde ich aber nie töten. Auch die Prediger wie zum Beispiel Rtioui sprachen sich dagegen aus.

Was denken Sie über die Takfiristen? („Takfir“ heißt „für ungläubig erklären“. Takfiristen sind radikal-fundamentalistische Gruppierungen, die sich nicht nur gegen die USA und Israel richten, sondern auch den eigenen arabischen Regierungen den Kampf ansagen, die Führungen für ungläubig erklären und die gewaltsame Einführung von reinen islamischen Gottesstaaten forcieren, Anm.)

Ich halte nichts von diesen Leuten. Die Marokkaner sind dank Gottes Hilfe Muslime. Jene, die sagen, dass die Gesellschaft abtrünnig ist, sind selber Abtrünnige. Nur Gott, der Allmächtige, allein kann entscheiden, wen er bestraft.

Darf man auf die Gesellschaft Druck oder Zwang ausüben?

Meine eigenen Brüder und Schwestern haben nicht einmal ihre täglichen Gebete verrichtet, trotzdem würde ich sie deswegen nicht töten. Nur Gott kann über den Einzelnen richten.

Aber wurden bei Ihnen nicht Videokassetten mit den Botschaften der Takfiristen gefunden?

In den Videos ging es um den Jihad in Tschetschenien und in Bosnien.

Ging es in diesen Videos nicht auch um Marokko?

Bitte stellen Sie mir diese Frage nicht.



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Sie sagten bei Ihrer Vernehmung, dass Sie von den Attentatsplänen bis zum Vorabend des 16. Mai nichts gewusst haben. Die Gruppe musste sich aber Monate, wenn nicht Jahre auf diesen Tag vorbereitet haben. Haben Sie nie etwas mitbekommen?

Nein, ich war ein Neuling innerhalb der Gruppe. Niemand hat mit mir über die Pläne gesprochen. Sie behielten das Geheimnis für sich.

Wann hat man Ihnen gesagt, dass Sie ausgewählt wurden, bei den Selbstmordattentaten mitzumachen?

Sie haben nicht sofort mit mir über die Attentate gesprochen. Man hat mir gesagt, dass ich am Abend ins Haus von Bruder Omari kommen soll. Dort kam ich ungefähr um Mitternacht an. Es war eine seltsame Stimmung. Alle im Raum wirkten angespannt. Ich konnte mir das zuerst nicht erklären. Später zeigten sie mir dann das „Material“. Ich wusste sofort, dass es sich um Sprengstoff handelt.

Und dann?

Ich stellte mir viele Fragen. Ich überlegte, wer die Bomben gebaut hat. Keiner von den Brüdern war dazu in der Lage.

Was ist dann später passiert?

Ich traute mich nicht zu fragen, was sie mit den Bomben vorhatten. Ich stellte mir viele Fragen – aber ich habe bis zum nächsten Tag nichts gesagt.

Konnten Sie in dieser Nacht schlafen?

(Lacht) Ich hatte nie Probleme mit dem Schlafen. Wenn man wie ich von klein auf gewohnt ist, mit vier, fünf Leuten in einem Zimmer zu schlafen, vergisst man alles, man lernt einfach zu schlafen.

Was ist dann am nächsten Morgen passiert?

Ich habe mit Bruder Youssef Koutari darüber gesprochen. Auch er wusste nicht, was vor sich geht.

Wussten alle anderen von den Plänen?

Ja. Alle Brüder wussten, was passieren wird.

Was ist dann am Morgen weiter geschehen? Haben Sie Fragen gestellt?

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer als Erster über die Ziele und den Verlauf der Angriffe gesprochen hat. Für alle war jetzt klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Gegen Mittag habe ich dann mit Bruder Abdelfettah (der Chef des Terroristenkommandos, Anm.) gesprochen.

Ich habe ihm gesagt, dass ich Angst habe und dass dort, wo wir hingehen, auch Marokkaner leben. Ich habe ihm gesagt: Selbst wenn sie trinken und Unzucht treiben, vielleicht beten sie genauso wie wir. Das ist möglich.


Was hat er geantwortet?

Er herrschte mich an: Wenn du nicht gehen willst, ist das nicht gut für dich. Er hat sich dann zu Bruder Mhanni gedreht und ihm gesagt, dass ich mich weigere mitzumachen. Mhanni hat geantwortet: Er soll hierbleiben, bis es vorbei ist. Nachher kann er gehen, wohin er will. Als sie mir das sagten, fixierten sie mich mit ihren Blicken. Ich bekam Angst.

Wie war die Stimmung im Haus in diesem Moment?

Sehr angespannt. Nichts war mehr normal, alle Brüder waren bereit zu sterben.

Waren alle überzeugt von ihrem Vorhaben?

Ja. Insbesondere Abdelfettah, der Chef der Gruppe. Khalid Benmoussa und Adil Taïa waren ebenfalls überzeugt. Die anderen wirkten abwesend, blass und verstört.


Aber sie mussten doch glücklich sein, dass sie dabei waren, als Märtyrer ins Paradies zu kommen.

Es ist schwer, die Psyche eines Mannes zu begreifen, der bald sterben wird, was auch immer der Grund ist.

Sie haben dann um 21.30 Uhr das Haus verlassen. Warum hat Ihnen Abdelfettah doch erlaubt mitzukommen?

Sie konnten mich nicht zurücklassen, da ich die Polizei verständigen konnte. Jeder wurde mit einem Messer bewaffnet. Ich wusste, dass sie mich töten werden. Ich habe aber schon am Nachmittag beschlossen, dass ich sie begleiten werde und bei der ersten Gelegenheit flüchten werde.

Ich bin mit der ersten Gruppe, die von Bruder Mhanni geführt wurde, losgefahren. Wir hatten alle einen Bombengürtel umgeschnallt, den wir vor dem jüdischen Gemeindezentrum zünden sollten.


Und danach?

Wir sind zuerst mit dem Taxi in Richtung Marschallplatz gefahren und dann zu Fuß zum Gemeindezentrum gegangen. Als wir dort angekommen sind, haben wir die Explosion des Restaurants Positano gehört, das ein paar Straßen weiter lag.

Mohammad Mhanni und Khalid Taib sagten, sie gehen vor und wir sollen ihnen folgen. Es ging alles sehr schnell. Sie liefen los und vor dem Eingang zündeten sie ihre Bomben.


Sie sahen ihre Körper explodieren?

Ich sah eine Feuerkugel und Rauch. Das ist alles, woran ich mich erinnere.


Was haben Sie dann gemacht?

Abderrahim sagte zu mir, dass wir jetzt dran sind. Ich sagte nein, schmiss meinen Bombengürtel auf den Boden und rannte, ohne eine Antwort abzuwarten, die Straße hinunter.

Und Abderrahim?

Ich habe nichts mehr gesehen von ihm. Ich bin gerannt. Die Polizei hat mir später erzählt, er ist in Richtung jüdischer Friedhof gelaufen und hat sich dort in die Luft gesprengt.

Was hat sich nach Ihrer Flucht ereignet?

Ich habe ein Taxi bis zum Viertel von Bernoussi genommen. Ich ging zu Scheikh Abderrazak Rtioui. Er war immer dagegen, dass Muslime Muslime töten. Ich habe ihm alles erzählt. Nachher sind wir zusammen zum Wadistaudamm El Maleh gegangen, wo ich bis zum nächsten Morgen geblieben bin.

In der Früh ist dann der Vater von Mhanni gekommen. Er wollte wissen, wo sein Sohn ist. Ich konnte ihm nicht sagen, dass Mhanni tot war. Später bin ich dann nach Karian Toma gefahren.


Hatten Sie keine Angst, dass man sie dort gleich verhaftet?

Doch, denn fast alle Selbstmordattentäter kamen aus dieser Gegend. Aber ich musste meine Familie beruhigen. Ich habe ihnen alles erzählt. Die Polizei hat das Viertel aber schon durchkämmt und hunderte Männer verhaftet. Ich wurde im Haus des Nachbarn gefasst.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als man Ihnen die Handschellen anlegte?

Ich dachte ans Gefängnis, die Folter und die Verurteilung zum Tod. Ich wusste von vielen Brüdern, was mich dort erwarten wird.

Was hat sich danach ereignet?

Sie haben mich auf das Kommissariat Maârif gebracht. Sie haben sofort begonnen, mich zu foltern. Sie haben mich ausgezogen und an eine Eisenstange gekettet. Sie haben mir die Augen verbunden und mich geschlagen, ich weiß nicht mehr, wie lange; es waren Stunden, vielleicht Tage.

Wurden Ihnen keine Fragen gestellt?

Nein, am Anfang nicht. Einer hat gesagt, ich werde das erleben, was ich den anderen angetan habe. Das ging drei Tage so. Erst dann haben sie mich verhört. Danach wurde ich nach Témara gebracht. Dort blieb ich für weitere drei Tage.

Wurden Sie dort auch gefoltert?

Ja, aber nicht mehr so viel. Sie haben aufgehört, als sie merkten, dass sich meine Aussagen nicht widersprechen. Sie haben eingesehen, dass ich ihnen die Wahrheit sage. Von diesem Zeitpunkt an haben sie mich nicht mehr berührt.

Galt das für alle Gefangenen?

Nein. Viele, die sie verhafteten, konnten zu den Anschlägen nichts sagen, da sie nicht dabei gewesen waren und nichts wussten. Aber sie trugen einen Bart und gingen zur Moschee, also waren sie verdächtig. Aber sie wussten nichts. Ich konnte ihnen alles erzählen, ich war dabei.

Die anderen wurden weiter gefoltert, die Beamten glaubten, die anderen sind Schläfer und planen weitere Attentate. Nur ich kannte die Brüder, ich lebte mit ihnen zusammen. Ich konnte ihnen sagen, dass niemand von den Brüdern Muslime töten würde.


Und Juden? Darf man Juden töten?

Bei all jenen, die den Islam bekämpfen, ist es unsere Pflicht, sie zu bekämpfen. Schauen Sie nach Palästina, was sie dort mit den Frauen und Kindern machen.

Glauben Sie, dass jeder Jude dafür verantwortlich ist, was sich in Palästina ereignet, auch wenn er woanders lebt?

Ich bin kein islamischer Gelehrter, um diese Frage beantworten zu können.

Wenn aber ein Gelehrter der Meinung ist, dass man alle Juden töten müsste, würden Sie es dann tun?

Ich würde seine Ansichten respektieren. Aber wenn ich davon nicht überzeugt bin, würde ich es nicht machen.

Und Sie sind davon nicht überzeugt?

Wenn ich überzeugt gewesen wäre, dann hätte ich vor der jüdischen Gemeinde die Bombe gezündet.

Was ist nach Ihrem Aufenthalt in Témara weiter mit Ihnen passiert?

Wir wurden ins Gefängnis Salé überstellt. Dort wurden wir nicht gefoltert, sondern täglich erniedrigt. Sie gaben uns ohne Grund Ohrfeigen, schlugen uns auf den Kopf. Das ging zwei Monate so, erst dann haben sie erneut begonnen, mich zu verhören. Sie haben mir nicht gesagt, dass ich von einem Untersuchungsrichter befragt werde.

Ich bekam auch keinen Anwalt. Der Richter versuchte alles, um mich einzuschüchtern; er ließ mich nicht antworten, er hat sich alles selbst zusammengereimt. Nach den Verhören wurden alle in die Strafanstalt Aïn Borja in Casablanca überstellt. Dort wurde uns dann sehr schnell der Prozess gemacht. Auch vor Gericht durften wir uns nicht verteidigen.


Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie Ihr Todesurteil hörten?

Ich habe mich Gott zugewandt. Ich sagte mit lauter Stimme: La hawla wa la quwwata illa billah (Es gibt keine Macht, die stärker ist als Gott). Dann haben sie uns in die Zelle zurückgebracht. Ich fühlte mich befreit und erlöst. Ich hatte ein ruhiges Gewissen. Mein Leben lag in Gottes Hand.

Tut Ihnen heute etwas Leid?

Nein. Es gibt nichts, was ich bedauern müsste.

Tut es Ihnen nicht Leid, dass Sie bei einem Anschlag dabei waren, wo Menschen getötet und verletzt wurden?

Ich wusste nichts davon. Aber es tut mir Leid, dass meine Brüder getötet haben.



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