Online Special: Zum Tod eines Politikers. Jörg Haider 1950-2008

Unter den politischen Eliten Österreichs stand Jörg Haider zurecht im Ruf einer Ausnahmeerscheinung. So sehr ihn die politischen Konkurrenten bekämpften - allen voran die Repräsentanten der ehemaligen Großparteien -, so gern hätten sie einen wie ihn in den eigenen Reihen gewusst.
Jörg Haiders Rolle lag bis zuletzt in der eines Spiegelbildes einer gesellschaftlichen Wirklichkeit in diesem Land, das in der politischen Debatte verlässlich, weil mit gutem Grund, negiert wird, weil es keiner sehen will.
In der Art, in der er das politische Geschäft betrieb, fanden sich viele Österreicher wieder: Jederzeit bereit, seine Prinzipien aufzugeben, wenn er sich davon einen persönlichen Vorteil versprach; opportunistisch im Auftreten nach außen, reaktionär im Kern; stets bereit, auch die niedersten Instinkte anzusprechen, wenn sich dadurch die Zustimmung mehren ließ; und das alles angetrieben von einem auf mangelnder Selbstsicherheit beruhenden gerüttelt Maß an Egozentrik, die er wie kein anderer heimischer Politiker durch ein Übermaß an Leutseligkeit und teils grenzwertigem Populismus zu kompensieren wusste.
Vom Beginn bis zum Ende seiner politischen Karriere verstand es Jörg Haider, sich jene tief in der österreichischen Seele verankerten Reflexe zunutze zu machen, die man nach dem – politisch bedingten - gesellschaftlichen Aufbruch der Siebziger und frühen Achtziger verschütt gegangen glaubte. Am Ende bleibt dies die einzige politische Strategie, welcher der Politiker Haider zeit seines Lebens treu geblieben ist.
SPÖ und ÖVP, die sich nunmehr anschicken, erneut eine Regierung zu bilden, haben in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ihren Teil zum Aufstieg und Wiederaufstieg Jörg Haiders beigetragen. In ihrer Hilflosigkeit ihm gegenüber findet sich aber nicht der Schlüssel zu seinem Erfolg. Den hatte immer nur er, und nur er, in der Hand. Wenn er Konzentrationslager„Straflager“ nannte, die Beschäftigungspolitik Hitlers und ehemalige SS-Schergen für ihr Wirken lobte, wenn er sich weigerte, zweisprachige Ortstafeln aufzustellen: Jörg Haider wusste immer, was er tat.
In Österreich konnte sich so einer Fehler erlauben, die ihn anderorts – zurecht - sofort den Job gekostet hätten. So aber haben wegen alledem - und nicht trotzdem - hunderttausende Österreicher Jörg Haider und seinem BZÖ bei der vergangenen Nationalratswahl (wieder) ihre Stimme gegeben. Das mögen viele von uns - aus vielen guten Gründen - für bedauerlich halten. Aber das ist Demokratie und wir wir haben nur diese. Am Ende hatte Österreich Jörg Haider immer verdient. Und Jörg Haider dieses, sein Österreich.
Klaus Stimeder
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