Berlinlos
Keine andere europäische Metropole gilt als so hip, cool und angesagt wie die deutsche Hauptstadt. Aber wie gerechtfertigt ist der Hype um die Spreemetropole wirklich? Eine Polemik.
Text: Patrick Wagner • Illustration: Anja Moritz

Berlin liebt dich nicht. Es sei denn, man besitzt eine Eigentumswohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat circa 2,4 Kinder (die Geburtenrate in Berlins „Greenwich Village“ entspricht etwa der einer deutschen Kleinstadt vor dem Pillenknick in den Siebzigerjahren) und bezieht ein Jahresgehalt von mindestens 100.000 Euro netto. Mit den Kröten schickt man seine Brut auf die aktienfinanzierte Phorms-Schule und seine im gleichen Maße gelangweilte wie überforderte Frau zum Psychotherapeuten oder zumindest zum Bikram-Yoga – einer nicht nur in Berlin boomenden Yogarichtung, bei der sich rund 30 Leute in einen überhitzten Raum quetschen und sich dabei unter Anleitung einer ehemaligen Angestellten aus der Medienbranche, die gerade noch den Absprung geschafft hat, synchron verbiegen. Damit tankt die halbe Mitte Berlins, der Nabel der Stadt, fernöstliche Weisheit und nimmt gleichzeitig ab. Programme wie diese sind nötig. Schließlich muss man die Zeit totschlagen, die die lieben Kleinen beim Ergotherapeuten verbringen müssen, gestresst von Mandarin-Kurs, Gitarrenunterricht und Fußballtraining. Richtig, diese neue Berliner Elterngeneration fordert und fördert seine Liebsten.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass jüngst ausgerechnet im Stadtteil Prenzlauer Berg – nach amerikanischem Wohngetto-Vorbild – die erste Wohnstraße mit Schlagbaum errichtet wurde. Ein eloquenter Sicherheitsbeamter sorgt dafür, dass keine anarchistischen Sprayer die Kleinstadtidylle inmitten des Großstadtdschungels stören und die Kinder ungestört auf der Straße spielen können. Tun sie natürlich nicht – keine Zeit. Vater und Mutter, eher spät zu Kindesfreuden gekommen und demnach bei der Einschulung um die 40, kämpfen nun mit Betablockern, Prozac und professioneller psychologischer Hilfe gegen die sich mit aller Macht ins Bewusstsein drängende Midlife-Crisis. Die, die es nicht mal zu Nachwuchs geschafft haben oder selbigen in ausgeklügelten Patchworksystemen großziehen oder gar Single sind, trifft man nicht selten in exklusiven Mitte-Nachtclubs wie der „Bar Tausend“. Extrem geschmackvoll wird dort ein Achtzigerjahre-Schwabing-Klischee zelebriert, inklusive unnachgiebigem Türsteher, grauenvoller Musik (trotz Überdruss freut man sich, wenn der gefeierte DJ auf vielfache Nachfrage endlich Michael Jackson auflegt), ebenso guten wie teuren Drinks und Toiletten-Sessions zu dritt. „Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sie dreht sich ausschließlich um zwei zentrale Fragen: Geld und Schönheit“, wie ein Besuch aus Amsterdam unlängst bemerkte. Und zumindest eine davon kann unser frustrierter, inzwischen auch nicht mehr jung gebliebener Mitte-Man mit Ja beantworten. Du Glücklicher: Berlin liebt dich.
Viel, viel schwerer hat es da schon die Generation der Mittzwanziger. Hoffnungsfroh zog man aus Castrop-Rauxel in die „Arm aber sexy“-Metropole, wie sie von unserem partyfrohen Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) visionär getauft wurde. Wowereit ist der erste Berliner Regent, der verstanden hat, dass Berlin nie das wirtschaftliche Zentrum des Maschinenbaus, der Gentechnikforschung und der Informationstechnologie und schon gar nicht der Automobilbranche werden wird. Er war schlau genug, auf Partytourismus und auf die Medienbranche zu setzen, die dann auch prompt seinem wohlsubventionierten Ruf folgte.

Bitter nur, dass die meisten dieser Unternehmen weder Jobs noch ein innovatives Klima schaffen, das unser Herr Bürgermeister herbeizitieren wollte. So verharrt unser Twen ausm Kaff, gut ausgebildet mit HTML- und Photoshop-Qualitäten, im Oberholz und hängt, knapp über dem Hartz-IV-Satz bezahlt, gefühlte 22 Stunden am Tag auf Sinnlos-Portalen wie Face-MySpace-Twitter-Book rum – im festen Glauben, Kommunikation sei Arbeit. Und leider befindet er sich nicht in der Underground-Post-Mauerfall-alles-ist-möglich-heute-macht-schon-wieder-ein-neuer-Laden-auf-und-nur-du-weißt-davon-Stadt, in der er sich wähnt und von der seit Jahren alle sprechen. Er kann sich die Miete in Prenzlauer Berg, ja sogar die in Kreuzberg nicht leisten und muss nach Friedrichshain (das gute Gewissen des Prenzlauer Bergs). Dieses hat gar nicht erst den Umweg von Kunst zu Kommerz genommen, sondern von vornherein Lloret-de-Mar-Stimmung im Simon-Dach-Kiez eingeläutet, Studentenflatrate-Saufangebote inbegriffen.
Kann er nicht mal auf ein reiches Elternhaus zurückgreifen oder meint es gar ernst mit Kunst, Musik oder Nichtstun, weicht er in Berlins Armenhaus Neukölln aus. Dort ist er noch zu spüren, der Hauch von Gründertum, ungezügelt sinnlosem Wachstum und Möglichkeit statt Geld. Leider kann man dort aber als Frau schwerlich nachts auf die Straße gehen, ohne auf dem 300 Meter langen Weg von der U-Bahn zur Wohnung nicht mindestens zweimal doof angemacht zu werden.
Berlin hat es bisher nicht geschafft, diese Lücken zu schließen, zwischen vergangenem Raum für Kreativität und sich anbahnender mittelständischer Lebensqualität, wie man sie aus München oder Hamburg kennt. Berlin steht dazwischen und kann weder das eine noch das andere bieten. In puncto Lebensqualität hinkt die Stadt oben genannten weitgehend hinterher. Zwar kann man im Gegensatz zu den Neunzigern mehr als Döner essen, aber allein die Wochenendausflüge ins Umland bieten (außer ein paar schwer zugänglichen Seen) eher Brandenburger Ostblockflair als Erholung.
Auch auf dem Weg zur Musikhauptstadt tut sich Berlin schwer. Gut, die Stadt ist nach Jahrzehnten aus dem Schatten von Medienmetropolen wie Hamburg, München und Köln herausgetreten, und wer auch immer mit und durch Musik in Deutschland etwas reißen will, kommt an Berlin nicht mehr vorbei. Doch am Beispiel der Popkomm lässt sich herrlich dokumentieren, wie schwer sich die Spreemetropole in ihre neue Rolle fügt. Das Projekt Berliner Popkomm war zumindest von Köln aus, ihrem traditionellen Veranstaltungsort, als Totgeburt geplant – zu groß die Stadt, zu überlaufen die Clubs auch an den 360 Tagen ohne Popkomm und zu verdrossen und verwöhnt der coole Berliner, als dass er die ehedem größte Musikmesse der Welt überhaupt registriert hätte. Die Musikindustrie, inzwischen pleite (wie die meisten, die ihr Glück in Berlin suchen), konnte längst keine internationalen Stars mehr zur Messe locken, um zumindest wahrgenommen zu werden und sich vom schnöden Berliner Konzertalltag abzusetzen. Am Ende blies man die Sache gleich ganz ab.
Was übrig bleibt, ist ein Heer von Künstlern, inzwischen aus der ganzen Welt. Es hat sich mittlerweile bis ins krisengeschüttelte New York herumgesprochen, dass es sich in Berlin durchaus besser musizieren und vor allem leben lässt als in Williamsburg, Brooklyn. Diese neue Internationalität treibt zwar wundervolle kreative Blüten wie im Fall von The Boggs, Kissogram oder den kürzlich vollends von London nach Berlin umgesiedelten Grönland Records – bleibt aber sowohl in Berlin wie im Rest der Republik eher ungehört. Von einer Berliner Welle oder gar von Acts, die den internationalen Durchbruch schaffen könnten, ganz zu schweigen. Ansonsten gilt der Satz: „Jede E-Mail-Adresse eine Band.“ Und weit und breit, außer auf Rupert Murdochs „MySpace“, keine Struktur in Sicht, die die unzähligen Künstler und ihre Blogs in irgendeiner Form lesbar machen könnte.Umso nachhaltiger und dringlicher werden die wenigen verbliebenen Berliner Plattenfirmen mit neuer Musik bedrängt, vor allem seit sich Fixgrößen wie Aggro Berlin, Kitty-Yo, EMI, Virgin und BMG quasi – man muss fast sagen, rechtzeitig – aus dem operativen Geschäft verabschiedet haben und ihr Heil zumeist in der Rechteverwaltung suchen.
So bleibt neben traditionell aktiven Indies wie City Slang, (hüstel) Louisville Records oder anspruchsvollen Dancelabels wie Get Physical, Boys Noize Records, Bpitch Control (alle sichern ihr Überleben eher durch internationale Strukturen als durch Berliner Hypekonzepte) – nur noch der Branchenprimus Universal. Der hat sich schlauerweise ausschließlich auf die Vermarktung von Popmusik beschränkt und lässt die Finger vom guten Geschmack, flankiert von den um Anschluss bemühten Sonys.
Lustigerweise nehmen in genau dem Maße, in dem Anzahl wie Qualität der Plattenfirmen abnehmen, die Consulter, Schnittstellen-Gurus und Manager zu (meist ehemalige Plattenfirmenmitarbeiter, die, nachdem sie ihren Job verloren haben, nun endgültig alles besser machen wollen).
Im steten Glauben, irgendwer werde doch dafür bezahlen. Pustekuchen. Geld, vor allem in Kombination mit Kompetenz und Arbeit, nimmt keiner mehr in die Hand. Schon gar nicht für neue oder Albumkünstler. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Peter Fox oder Polarkreis 18 und die Humpe Sisters mit ihren erfolgreichen Schlagerprojekten 2raumwohnung und Ich&Ich, die durchaus verdeutlichen, dass Berliner Musik, zumindest im innerdeutschen Vergleich, die Nase vorne hat. Aber unter uns: Cool ist das alles nicht.
Dafür standen die Stadt und ihre Musiker, seit die Einstürzenden Neubauten in den Achtzigerjahren ihre Bohrmaschinen anwarfen und auf Blech schlugen. Und natürlich sind sie noch da, die aufregenden Künstler, die freilich nicht in Mitte-Etablissements wie „Lido“ oder „Magnet Club“ zu finden sind, sondern unter so widrigen wie freien Bedingungen im Friedrichshainer „Rosi’s“ oder „Antje Øklesund“, oder gar im tiefsten Neukölln im „Ä“ oder im „Raum 18“ ihre Arbeit zur Schau stellen. Die Namen der Lokale allein verraten schon, dass es sich bei ihnen eher um kreative Freiräume als um kommerzielle Projekte handelt.
In Mitte bleibt der einzige relevante Ort, an dem man „neue Musik“ hören kann, die einen nicht sofort aus der Tür treibt, der „Schokoladen“. Der natürlich leidet seit Jahren unter dem üblichen großstädtischen Verdrängungsprozess und kämpft ums Überleben. Auch Kreuzberg hat durch das großartige Booking des Festsaals den Bezirk wiederbelebt. Die Künstler, die diese umtriebige – man kann seit Langem mal wieder von „Szene“ sprechen – Szene vorantreiben: Warren Suicide, Hans Unstern, Jolly Goods oder Yaneq. Fast alle ohne Plattenvertrag, dafür aber mit einer illustren und aufgeweckten Anhängerschaft, die losgelöst von Medienrummel die Konzerte füllt.
So besteht durchaus Hoffnung, dass man seinem Besuch aus Wien oder Barcelona wieder mehr zeigen kann als – Ehre, wem Ehre gebührt – die besten Bumsclubs der Welt („Panorama Bar“ und „Bar 25“). Wenn man von einer musikalischen Grundstimmung sprechen will, scheinen sich, wie überall auf der Welt, auch in Berlin alle Menschen nach Bekanntem zu sehnen. Was dem Mainstream die „Hit Giganten“ auf Sat.1 sind, ist dem Clubgänger die Engtanzparty im „Picknick“ und dem Indierocker ein Abend mit The Velvet Underground und Joy Division aus den schrillen Boxen des „8mm“. Es ist, als hielte die (Musik-)Welt den Atem an und wollte sich mal kurz vom Tempo der vergangenen Jahre erholen.
Zu alledem – auch wenn jede Berliner Wirtschaftsbroschüre das Gegenteil behauptet – hat die Krise inzwischen auch die Berliner Kreativwirtschaft heimgesucht. Die gut 300 Galerien der Stadt sind zwar gut besucht – bei den Vernissagen. Dort wird man das Gefühl nicht los, dass es dabei mehr um den Umsonst-Billigsekt geht als um den Kauf und Hype eines neuen Sterns am Kunsthimmel. So verwundert es auch nicht, dass ein etablierter Galerist kürzlich auf einer seiner Partys im Nach-dem-Essen-kann-ich-meine-Sekretärin-flachlegen-Restaurant „Grill Royal“ gänzlich auf Umsonst-Verköstigung verzichtete und selbst dem Immer-und-Überall Daniel Brühl („Good bye, Lenin!“, „Inglorious Basterds“) die Bezahlung seiner überteuerten Drinks überließ. Die Zeiten, in denen allwöchentlich ein neuer Jonathan Meese in der altehrwürdigen „Paris Bar“ gefeiert wurde, scheinen vorbei – zumindest, was die Käufer angeht.
Wie gut es um den Berliner Film steht mit seinen Babelsberger Studios und dem vermeintlich unbegrenzt starken Output, lässt sich am ehesten daraus ablesen, dass sämtliche Berliner Stadtmagazine ein Jahr lang im Zweiwochentakt darüber berichteten, dass Quentin Tarantino erst in der Stadt ist, dann wohl einen Film hier drehen will, dann hier Casting macht, dann hier dreht, dann hier gedreht hat, dann hier nachdreht … bis eben der verdammte Film endlich in die Kinos kam. Immer-und-Überall Daniel Brühl war auch bei der Premiere. Kurz, allzu groß kann auch hier die Berliner Filmherrlichkeit nicht sein, wenn ein zugegebenermaßen großer Hollywood-Regisseur über gefühlte drei Jahre die Gazetten damit füllt, dass er in der Mitte-Bar „Alt-Berlin“ gesehen worden sei.
Aber es könnte Hoffnung geben. Zum Beispiel, wenn der FC Union aus Köpenick in die erste Bundesliga aufstiege. Dann gäbe es wenigstens einen Fußballclub, mit dem man sich identifizieren könnte. Der Stadtprimus Hertha BSC verfügt über die Strahlkraft eines Seniorenheims – selbst mein sechsjähriger Sohn feuert grundsätzlich das gegnerische Team an. Ein anderer Funke für Berlin könnte aus einem der unzähligen Projekte resultieren, die der gemeine Berliner immer in Kopf und Laptop mit sich herumträgt, aber wohl nie in die Tat umsetzt. Als ich Anfang der Neunziger unter dem Vorwand eines Jurastudiums nach Berlin zog, gab mir mein Vater folgende aufbauende Worte mit auf den Weg: „Diese Stadt verbrennt dich für nichts und wieder nichts.“ Er hatte recht. Und so ist es wohl immer noch. Eigentlich tröstlich.
Frage an die Maus: Wie wird Berlin regiert?
1237 als Doppelstadt Berlin-Cölln erstmals urkundlich erwähnt, wird Berlin im Laufe der Jahrhunderte mehrmals Hauptstadt deutscher Staaten – des Königreichs Preußen (1701-1918), des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918), der Weimarer Republik (1918-1933) und des „Dritten Reichs“ (1933-1945). Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Berlin, von den Besatzungsmächten USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion verwaltet, in vier Sektoren aufgeteilt. 1949 erfolgte die Staatsgründung der Bundesrepublik Deutschland – der West-Berlin formal nicht angehörte. Im selben Jahr wird Ost-Berlin Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik (DDR, 1949-1990). Im August 1961 beginnt die DDR mit dem Bau einer 165,7 Kilometer langen Mauer. Am 9. November 1989 fällt die Mauer; ein Jahr später wird Berlin Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland. Mit rund 3,4 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 892 Quadratkilometern ist Berlin die größte Stadt Deutschlands. Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wurde nach dem Bruch der großen Koalition unter CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen 2001 mit den Stimmen der SPD, der Grünen und der PDS zum neuen Bürgermeister gewählt. Die SPD gewann die vorgezogene Wahl 2002 und bildete eine Koalition mit der Linkspartei.PDS, die auch nach der Wahl im Jahr 2006 fortgesetzt wurde. Die Berliner Landesregierung besteht aus dem Bürgermeister und acht Senatoren, von denen zwei Bürgermeister-Stellvertreter sind. Das Stadtparlament besteht aus 149 Abgeordneten. Die SPD ist darin mit 53 (30,8 Prozent der Stimmen), die CDU mit 37 (21,3%), die Linke (13,4%) und Bündnis 90/Die Grünen (13,1%) mit jeweils 23 und die FDP mit 13 Sitzen (7,6%) vertreten. Berlin besteht aus zwölf Bezirken, denen jeweils ein Bezirksbürgermeister vorsteht. Gemeinsam mit Wowereit und seinen zwei Stellvertretern bilden sie den Rat der Bürgermeister, der dem Senat Vorschläge für Gesetze machen kann.















