Inhalt

zur Navigation

Online special: Nachruf auf einen „Unwichtigen“

Holger Fürst, 1975-2009

Holger_Fuerst

„Yearbooks with their autographs,
from friends you might have had
but these are your important years,
you better make them last“

Hüsker Dü, „These important years“



Wir müssen um die 13 gewesen sein, als wir dieses Stück, das erste vom „Warehouse: Songs and stories“-Album, zum ersten Mal gemeinsam gehört haben. Beide Produkte einer, so würde man es später einordnen, „typischen“ Kindheit an der oberösterreichischen Peripherie, der wir schon früh entfliehen wollten. Jeder auf seine Art: zuerst mit Sport, später mit Sex, Alkohol und anderen Drogen. Vor allem aber durch Musik. Während andere Gleichaltrige Bravo lasen, war unsere Bibel in der zweiten Hälfte der Achtziger das deutsche Musikmagazin Spex. Das lange, bevor wir zum ersten Mal eine Disco oder einen Club von innen zu sehen bekommen würden. Jeden Monat bestellte Holger nach der Lektüre per Mailorder musikalischen Nachschub aus dem deutschen und angelsächsischen Untergrund. Einen wesentlichen Teil meiner musikalischen Sozialisation haben ich und meine Freunde von damals einem zu verdanken, der es später gern hörte, wenn er ein „Konservativer“ geheißen wurde.

Aber first things first; zuerst der Grund für diese Zeilen, die einen öffentlichen Nachruf quasi legitimieren, weil es kann ja nicht jeder einfach so hergehen und einen öffentlichen Nachruf auf einen Verstorbenen verfassen. Eine Rechtfertigung für einen öffentlichen Nachruf besteht in Österreich immer noch zuerst in der „Wichtigkeit“ des Menschen, die ihm zu Lebzeiten zugestanden wurde. Für die breite Öffentlichkeit war Holger Fürst kein „Wichtiger“; und er wäre bei allem Gepose selbst der letzte gewesen, der diesen Stempel für sich beansprucht hätte.

Holger gehörte zu jener Klasse im politischen Betrieb der Republik, deren Protagonisten jeder Journalist, der über sie berichtet, mindestens dem Namen nach kennt, aber selten nennt. Ein Rädchen im System, Teil eines überschaubaren Zirkels von Leuten, die ihr tägliches Werk im Verborgenen verrichten, um die so genannte „große Politik“ am Laufen zu halten: Kabinettsmitarbeiter, Sprecher, politische Sekretäre, persönliche Referenten, Politikberater, Meinungsforscher. In seiner letzten Funktion diente Holger Reinhold Lopatka (ÖVP) als Büroleiter, einem der beiden Staatssekretäre im Finanzministerium. Zuvor hatte der diplomierte Wirtschaftsingenieur vier Jahre als Sprecher und Kabinettschef von ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein gearbeitet. Begonnen hatte Holgers Laufbahn aber im Journalismus.

Als wir zu studieren begannen – dafür kam nur Wien in Frage, von der Enge des Dorfs in jene der Kleinstädte zu übersiedeln, auch wenn sie Universitäten beherbergten, stand nicht zur Debatte – inskribierte jeder das, was ihm am nächsten war; für Holger kam nur Wirtschaft in Frage. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns längst aus den Augen verloren, nicht zur Gänze, aber doch in jenem Maße, dass es nur mehr alle heiligen Zeiten für ein gemeinsames Bier reichte. Erst ein paar kleine und große private Zusammenbrüche – es war die Zeit, als Douglas Coupland diese Phänomene unter dem Namen „mid-twenties-breakdown“ zusammenfasste – führten uns wieder zusammen (und wieder auseinander).

Und die Arbeit. Den Weg in den Journalismus fand Holger über einen Redaktionslehrgang beim damals noch jungen Wirtschaftsblatt. Aber so richtig Blut leckte er erst als Innenpolitikjournalist beim damaligen Nachrichtenmagazin Format. Andreas Weber, damals Innenpolitikressortleiter, war eines Morgens zu mir gekommen, dem selber gerade erst frisch g’fangten Außenpolitikredakteur, mit einer klaren Ansage: „Stimeder, i brauch an Sklaven. Kennst du wen? Die, die was mir von den Kollegen empfohlen werden, san alles Flaschen.“ Ich rief sofort Holger an, weil ich wusste, dass er zu denen zählte, die a) die job description „Sklave“ nicht als Beleidigung, sondern als Chance begreifen würde und b) weil ich wusste, dass er vieles, aber sicher keine Flasche war.

Holger enttäuschte seinen neuen Chef nicht; wie er auch später keinen von denen enttäuschte, für die er arbeitete. Er ging an die Aufgabe beim Format so heran wie an alle seine Jobs: mit Leidenschaft, Konsequenz und nicht zuletzt mit jenem gerüttelt Maß an Gretznhaftigkeit und (Selbst-) Ironie, die in der Berichterstattung über die heimische Innenpolitik nötig, ja unabdingbar ist, in einem Land, das von sich selber derart fasziniert ist, dass es glaubt, die Welt drehe sich um das, was sich im ersten Wiener Gemeindebezirk abspielt.

Holger musste man das nicht erzählen. Er kannte die Welt, hatte vor seinem Format-Engagement seine Praktika und Weiterbildungen nicht bei KronaKurierRundschauKleinerMediamil usw. absolviert, sondern bei einem deutschsprachigen Blatt in Santiago de Chile, in Guatemala City und/oder in den USA.

Auch wenn wir in Fragen der journalistischen Ethik nicht nur einmal heftig aneinandergerieten, respektierte ich ihn doch – wie die meisten seiner Kollegen – ob seiner Leidenschaft für den Job und für den gesunden inneren Abstand zum innenpolitischen Alltag. Sein Wechsel in die Politik, als Sprecher Bartensteins, erschien nur logisch: Mit seiner bürgerlichen Haltung hatte der Sohn eines Architekten und einer Fabrikantenerbin schon als Teenager nie hinterm Berg gehalten. Im Guten wie im Bösen.

Wenn wir uns in jener Zeit sahen, stritten wir regelmäßig über die Legitimität einer Regierungsbeteiligung der FPÖ - schließlich galt sein damaliger Chef als einer der Architekten des schwarz-blauen Bündnisses. Einig waren wir uns nur in einem: Dass wir uns nicht vor einem „neuen Faschismus“ fürchten müssen, weil man damit den meisten dieser „Kaschperl“ (das einzige Wort, das uns für das Gros der freiheitlichen Politiker einfiel, Ausnahmen bestätigten die Regel) etwas zugestanden hätten, was aus unserer Sicht nicht in Frage kam: Angst vor diesen Leuten und ihrer Politik zu haben.

In dieser Argumentation offenbarte sich auch, für was der Mensch und die politische Person Holger Fürst standen. Eine in jeder Hinsicht furchtlose Mischung, die in Österreich zu selten vorkommt: der BoBo ohne Glaubensbekenntnis, der in der katholischsten aller katholischen Volksparteien seinen Weg macht; der Wirtschaftskonservative, der Leute wie den schwulen Singer/Songwriter und linken Politaktivisten Bob Mould und den ultimativen Pop-Außenseiter Roky Erickson verehrt; der bekennende Karrierist aus der Provinz, dem jede Form von Dogmatismus fremd ist und der keine Berührungsängste mit politisch anders gepolten Menschen kennt.

So sehr er sich dadurch von jenen seiner Kollegen abhob, die wie er im politischen Alltagsgeschäft im Hintergrund arbeiten und deshalb umso energischer ihre angebliche Unabdingbarkeit behaupten zu müssen glauben: Holger hat alle seine Jobs bis zur Selbstaufgabe ernst genommen. Sogar den Fußball, seine große private Leidenschaft - und der letzte Ausgleich für Kopf und Körper, dem ganz normalen Alltagsstress etwas entgegenzusetzen - hatte er in den vergangenen Jahren aufgegeben. Am Ende konnte sein Körper den Belastungen nicht mehr standhalten.

Das private Glück - gute Freunde (in Jochen D. wohl den besten, den er sich wünschen konnte), ein intaktes Elternhaus, eine coole Schwester, eine tolle Frau, die gemeinsamen Kinder: nicht von Dauer. Das berufliche Fortkommen, das noch viele Versprechen bereit hielt: vorbei. Egal, was noch aus ihm geworden wäre oder nicht: Holger hätte in seinem Leben noch viele Freunde gewonnen und sein Name wäre noch in vielen Jahrbüchern gestanden.

Expectations only mean you really seem to know what’s coming next, but you don’t. Bye, Holger. Du warst wichtig. (KS)


Weitere Nachrufe auf Holger:

von Florian Novak

von Jacqueline Godany

Öffentliche Reaktionen zu Holgers Tod:

APA OTS


PS. NACHDEM DIE SITUATION FÜR HOLGERS KINDER UND SEINE LEBENSGEFÄHRTIN ENTSPRECHEND SCHWIERIG IST, BITTEN WIR UM HILFE.
FÜR JENE, WELCHE HOLGERS FAMILIE JETZT UNTERSTÜTZEN WOLLEN, HABEN SEINE FREUNDE FOLGENDES SPENDENKONTO EINGERICHTET:


ERSTE BANK
BLZ: 20111
KONTONUMMER: 292 638 184 00

IBAN: AT552011129263818400
BIC: GIBAATWWXXX

lautend auf: Mag. Jochen Danninger
Spendenkonto DI Holger Fürst

ein freund (Gast) - 7. Okt, 18:10

unser mitgefühl gehört seiner lebensgefährtin und seinen beiden wunderbaren kindern.

danke für so vieles.

Kalinka (Gast) - 9. Okt, 18:15

Tiefe Trauer!

...habe Holger und Jochen in Saalbach kennen lernen dürfen. Dies war eine richtig "Geile" Zeit, wo wir alle ein unbeschwertes Leben mit viel Lebensfreude und dem Klischee eines Schilehrers verkörpern konnten. Ich erinnerne mich immer wieder gerne an diese schöne Zeit mit Holger! Besonders die Hüttenrallys, Apre Ski Partys beim "Bauers "waren einfach genial. Wir waren alle wie eine kleine "Famile" für einenader da, und nun ist einer von unseren "Familie" gegangen (worden). Ich bin tief bestürzt und kann es gar noch nicht glauben was da geschen ist. Kann meine Trauer kaum in Worte fassen. Mein großes Beileid an die ganze Famile und den Hinterbliebeben...besonders den Kindern und seiner Lebensgefährtin! Holger wie gerne wäre ich mit dir noch mal den Kohlmais runtergefahren.....In tiefer Trauer, Martin alias Kalinka

christian leitner (Gast) - 20. Okt, 10:43

aus den augen verloren und doch so nah...

holger fürst: mein schilehrerkollege und hausgenosse im schilehrerhaus.
ich habe seine karriere nie verfolgt, seine beruflichen erfolge sind mir fremd.
ich verlor mit holger jemanden, den ich mittlerweile 10 jahre nicht gesehen habe.
und dennoch oder gerade deswegen tut es sehr weh.
ich verlor den `twen` holger, den spaßigen, den immer lachenden, den extrovertierten holger. den holger, der richtig gas gegeben hat, jung, mit voller kraft voraus.
den holger, der mich beim skilehrertraining beinahe in den rollstuhl brachte; ein crash wo wir beide unseren schutzengel auf der schulter sitzen hatten.
nun. diese zeit, diese wunderbare zeit ist vergangen und nun doch wieder so nah.
ich werde dich sehr vermissen, obwohl du in den letzten jahren nicht mehr da warst.



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page
  • xml version of this page (with comments)

zum Inhalt