Echte Österreicher
Die FPÖ findet längst auch dort Anhänger, wo man sie am wenigsten vermuten würde: unter Ausländern und Neo-Österreichern. Was passiert da?
Text: Saskia Jungnikl
Fotografie: Martin Fuchs
Ich sehe mich als Österreicher“, sagt Sascha Brkic. Ein Bekenntnis, das sich durch einen Blick in seinen Reisepass faktisch nicht bestätigen lässt. Dort steht, dass Brkic Ausländer ist. Serbe, um genau zu sein. Geboren 1968 in Belgrad, verheiratet und Vater einer sechs Monate alten Tochter. Ein Zuwandererkind, das sich Sorgen um seine neue Heimat macht. „Was da im Moment alles ins Land kommt, darf nicht wahr sein“, sagt Brkic und macht seiner Empörung über das Luft, was er „wilde Zuwanderung“ nennt. Brkic sitzt im schicken 24-Stunden-Café Mokador in der Reinprechtsdorfer Straße im fünften Wiener Gemeindebezirk, und über einem Cola redet er sich langsam, aber sicher in Rage. Es gibt heute einfach zu viel, worüber man sich aufregen muss. „Sie wissen eh, was ich meine“, sagt Brkic. Nein, wissen wir nicht.„Stell dir vor, du siehst auf der Straße eine junge Türkin. Und wie kommt die daher? Links und rechts zwei Kinder, zwei im Wagerl und vielleicht noch eines am Buckel. Und die Österreicherin? Links und rechts zwei Hunde. Es ist doch so: Die weiße Pest geht um.“ Mit der „weißen Pest“ meint Brkic nicht die Infektionskrankheit Tuberkulose. Er benutzt die Krankheit als Metapher: So wie die weißen Blutkörperchen im Zuge der Krankheit immer weniger werden, würden die Österreicher immer weniger im eigenen Land.
Die Folge, die Brkic fürchtet, beschreibt er so: „Was da droht, ist, dass die Nationalität abfällt.“ Als Beispiel für seine gewagte These führt er die Entwicklung im Kosovo an: Dort seien die Albaner einst „über das Land hergefallen. Nichts gegen Albaner; mögen sie tun, was sie wollen. Aber die sind nach Serbien gekommen, haben zehn Kinder oder mehr bekommen, und auf einmal waren sie die Mehrheit. Hier in Österreich laufen wir in genau dieselbe Gefahr.“ Je länger das Gespräch dauert, umso mehr Schweißperlen sammeln sich trotz der herbstlichen Temperaturen auf Brkics Stirn. Aber zum Glück gebe es ja eine Lösung für die Probleme. Eine Partei, die Brkics Ängste ernst nimmt: die Freiheitlichen von Heinz-Christian Strache. „Die sind als Einzige proösterreichisch eingestellt“, sagt Brkic.
Für die anderen Parteien ist es eine unangenehme Wahrheit: Die Freiheitlichen mobilisieren längst auch in jener Klientel Wähler, in der man es am wenigsten vermuten würde – unter den Migranten. Aber wie kommt es, dass ausgerechnet sie mit einer Partei sympathisieren, die mit Slogans wie „Stopp der Überfremdung“ und „Deutsch statt ‚Nix versteh’n‘“ gegen sie Stimmung macht? Mit einer Partei, der die Vertreter sämtlicher Menschenrechtsorganisationen nahezu einhellig Hetze gegen Ausländer, Rassismus und Chauvinismus vorwerfen?
Ein gesunder Nationalstolz ist nichts Schlechtes“, sagt Sascha Brkic. Dass er die FPÖ als serbischer Staatsbürger nicht wählen darf, ist für ihn ein Ärgernis: Schließlich wartet der 39-Jährige schon fünf Jahre auf den positiven Bescheid der Staatsbürgerschaftsbehörde, der ihn auch am Papier zu jenem Österreicher machen soll, als der er sich längst fühlt. Solange der bei einer mittelständischen Speditionsfirma als IT-Leiter beschäftigte Brkic Strache seine Stimme nicht geben darf, unterstützt er die Blauen quasi informell: Er geht zu Sitzungen der Döblinger Bezirkspartei, nimmt an Stammtischen teil, und im Wahlkampf verteilt er Flugblätter.

Wie viele Einwanderer sich heute bei der FPÖ gut aufgehoben fühlen, lässt sich nicht beziffern. „Das kann man überhaupt nicht sagen“, meint Wolfgang Ulram, Abteilungsleiter für Politikforschung beim Meinungsforschungsinstitut Fessel. Tatsächlich wurden die politischen Vorlieben von Migranten in Österreich noch nie empirisch erhoben: 2002 untersuchten die Institute SORA und IFES zwar die „politische Partizipationsbereitschaft“ eingebürgerter Ausländer in Wien – dabei ging es allerdings nur um die Wahlbeteiligung (siehe „Frage an die Maus“). Die berühmte „Sonntagsfrage“ („Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Nationalratswahlen wären?“) ist Migranten hingegen noch nie gestellt worden. Für Christoph Hofinger, Geschäftsführer von SORA, steht lediglich fest, dass „ein Arbeiter mit Migrationshintergrund ähnliche Wahlmotive wie ein in Österreich geborener Arbeiter hat“.
Auch die FPÖ selbst verfügt über keine Daten zu jenen Neo-Österreichern, die sie wählen – ja nicht einmal über Informationen, wie viele bei ihnen ein Mandat innehaben. „Wir wissen aber sicher, dass uns welche wählen und dass es nicht wenige sind. Wir merken das an den positiven Stimmungen, mit denen die Menschen uns begegnen“, sagt ihr Wiener Integrationssprecher Martin Hobek. In der Bundes-FPÖ hat dessen Aufgabe Parteiobmann Heinz-Christian Strache über – eine Stellungnahme blieb er trotz mehrmaliger Anfrage bis zu Redaktionsschluss schuldig. Die „positiven Stimmungen“, die Hobek bemerkt haben will, sind indes nicht so weit hergeholt, wie man meinen möchte.
„Ich fühle mich nicht als Ausländer. Ich bin hier aufgewachsen, ich lebe in dieser Gesellschaft und ich will hierbleiben“, sagt Sascha Brkic. Und zwar nicht, das ist ihm wichtig, „aus wirtschaftlichen Gründen. Ich könnte in Serbien sogar besser verdienen als hier, aber ich mag Österreich lieber.“ Seine Frau, die er 2001 heiratete, hat er vor fünf Jahren nach Österreich geholt. Brkic selbst kam im Jahr 1973 im Alter von fünf Jahren nach Wien. Sein Vater arbeitete am Bau, seine Mutter zuerst in der Fabrik des Traditionsbetriebs Manner, dann bei Alufix, immer am Fließband. Der Vater starb vor drei Jahren, die Mutter lebt jetzt als Pensionistin mit der Familie ihres Sohnes in einem Döblinger Gemeindebau – obwohl sie bis heute keine österreichische Staatsbürger- schaft erhalten hat und Ausländer bis vor rund eineinhalb Jahren kein Recht auf eine Gemeindewohnung hatten.
Wie ist es unter diesen Umständen möglich, dass ihr Sohn ausgerechnet jene Partei unterstützt, die am heftigsten gegen die Öffnung der Gemeindebauten für Ausländer gewettert hat? „Das ist etwas anderes, das ist nicht das Thema. Dazu sage ich nichts“, meint Brkic.
Genau diese seltsame Mischung aus Überidentifizierung mit der neuen Heimat und Doppelmoral ist es auch, die den FPÖ-Werbern laut Integrations- sprecher Hobek auf ihren Wahlkampftouren regelmäßig begegnet. „Wenn wir durch die Bezirke ziehen, gehen wir in alle Lokale. Die Migranten reagieren verschieden auf uns: einerseits Ablehnung, andererseits Zustimmung. Und dann gibt es noch jene, die sagen: ,Ihr wärt die beste Partei für uns. Aber wir können euch nicht wählen, weil wir Migranten sind und Angst haben.‘ Die glauben, wenn andere Parteien das erfahren, sitzen sie gleich im Zug heimwärts. Außerdem nehmen es ihnen die Leute aus der eigenen Volksgruppe übel, wenn sie sich zu uns bekennen.“

Tatsächlich gestaltet sich die Suche nach Neo-Österreichern, die bekennende FPÖ-Anhänger sind, schwierig. Allerdings auch nicht viel schwieriger als die Suche nach gebürtigen Österreichern, die freiheitlich wählen und dazu stehen. „Grundsätzlich bekennen sich nur wenige FPÖ-Wähler zur Partei“, sagt der Politikwissenschaftler Fritz Plasser. In Meinungsumfragen bis eine Woche vor einer Wahl seien es in der Regel nur 50 Prozent. Die Anzahl der Nichtbekenner ist damit doppelt bis dreimal so hoch wie bei den Wählern von SPÖ und ÖVP.
Dass FPÖ-Wähler prinzipiell selten zu ihrer politischen Überzeugung stehen, erklärt Plasser so: „Erstens wegen der Anpassung an das Meinungsklima – die FPÖ wird in der Öffentlichkeit kritisch beurteilt. Zweitens sind die Motive der Wahl vielschichtig. Es ist eine Protestpartei – viele geben ihr die Stimme, um einer anderen Partei zu schaden, und nicht, weil sie mit dem Programm einverstanden sind.“ Für Neo- Österreicher kommt ein weiterer, nicht zu unterschätzender Punkt erschwerend hinzu: „Die Bekannten im Migrationsmilieu reagieren vermutlich mit Entsetzen und Kritik.“
Robert Jakupcic hat diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht. Als sich der gebürtige Kroate mit österreichischem Pass im Freundeskreis als Strache-Fan outete, war die Überraschung groß. Die Reaktion fiel aber eher ungewöhnlich aus. „Viele haben es verstanden. Nur ein paar haben mich gefragt, ob ich jetzt ein Nazi bin.“ Der heute 35-jährige Sohn kroatischer Einwanderer kam 1976 nach Österreich, das in seinem Empfinden „damals noch ganz anders war, besser“. Wenn er heute am Elterleinplatz in seinem Heimatbezirk Ottakring steht, blickt er sich seufzend und ein wenig verloren um. „Gehen wir ins Segafredo. Das ist eines der letzten Lokale in der Gegend, wo man noch hingehen kann. Überall anders hängt schon der Koran drin“, sagt Jakupcic, der im Personalbüro der Handelskette Libro in Guntramsdorf sein Geld verdient. Der Wiener FPÖ-Slogan „Pummerin statt Muezzin“ stellt für ihn alles andere als eine lächerliche Phrase dar.
Als er in den Siebzigern nach Wien kam, sei das mit den Ausländern „noch nicht so arg gewesen“. Wie er das sagen kann, wo er doch selbst Sohn ehemaliger Ausländer ist? „Es ist bei der Integration wichtig, das Gastgeberland zu respektieren. Das fehlt den Ausländern, die heute nach Österreich kommen: Sie haben keinen Respekt vor uns.“ Seine Herkunft sei das eine, seine politische Haltung das andere. Zu Hause spricht er Serbokroatisch, „damit meine vierjährige Tochter ihre Wurzeln nicht vergisst. Es ist wichtig, die Kultur zu pflegen; aber bitte nur in den eigenen vier Wänden.“ Auch seine aus Mazedonien stammende Frau, mit der er seit acht Jahren verheiratet ist, sei seiner Meinung: „Als sie mit 27 Jahren hier angekommen ist, hat sie sich umgeschaut und zu mir gesagt: ,Hier sind ja überall nur Kopftücher und Kebabstände.‘ Wir waren in der Türkei auf Urlaub, und dort sind lange nicht so viele Kopftücher zu sehen wie hier in Wien. Am ehesten noch in irgendwelchen Bergdörfern.“
Außerdem habe er sich dort mit vielen Türken unterhalten, die selbst über die Emigranten geschimpft hätten. „‚Die wandern irgendwohin aus, wo sie besser verdienen‘, haben die gesagt. ‚Dann kommen sie auf Urlaub zurück, führen sich auf und sind laut. Wir hassen sie selber.‘“ Jakupcic fährt heute oft nach Zagorien, wo seine Mutter herstammt. Den gebirgigen Landstrich im Norden Kroatiens liebt er immer noch. Vorwiegend kommt er, wenn Hochzeiten oder Begräbnisse anstehen. „Da kocht dann das Blut“, sagt Jakupcic.
Früher habe er die SPÖ gewählt, wie sein Vater. „Die ÖVP war für die Reichen und die SPÖ für die Arbeiter und die Ausländer. So war das damals.“ Ende der Achtziger fiel ihm erstmals der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider mit seinen deftigen Wortmeldungen gegen Parteienproporz und „Sozialschmarotzer“ auf – und weckte sein Interesse. Einer seiner Arbeitskollegen bei der Post in Ottakring, wo er nach der Matura im Lager arbeitete, war Parteimitglied und lud Jakupcic ein, ihn auf ein Treffen zu begleiten.
„Ich hab mir gedacht: Die Nazis schau ich mir einfach einmal an. Aber dort hab ich bemerkt, dass es gar keine Nazis sind. Die sind konservativ. Und sie sind rechts, aber nicht rechtsextrem“, sagt Jakupcic. Und: „In all der Zeit habe ich nie das Wort ‚Tschusch‘ gehört. Im Gegensatz zu den Treffen der Sozialisten, zu denen mich mein Vater als Teenager manchmal mitgenommen hat.“ Ansonsten gleichen die Motive Jakupcics denen der gebürtigen österreichischen FPÖ-Wähler aufs Haar: Angst vor Kriminalität, Arbeitslosigkeit, „Überbevölkerung“ und Identitätsverlust. Für den Politikwissenschaftler Plasser keine Überraschung.
Hier Integrierte sind stolz auf ihre Leistung, ihre Anstrengungen, und oft auch auf ihre wirtschaftlichen Erfolge“, sagt Plasser. „Neue Einwanderer werden als Konkurrenten gesehen, die diesen Status bedrohen.“ Dazu komme noch das Vorurteil, dass man selbst hart gearbeitet habe, um das zu erreichen, was man besitzt, und die jetzigen Einwanderer nicht so bemüht seien. Iraklis Gabrielidis hält das für alles andere als ein Vorurteil. „Ich sehe das aus der Sicht eines Familienvaters: Ich muss meine Kinder versorgen. Und wenn das, was ich habe, gerade mal für das Notwendigste reicht, aber nicht zu mehr, kann ich die Nachbarskinder nicht unterstützen. Wenn ich mehr habe – und ich bin ein sehr generöser Mensch –, lasse ich andere an meinem Wohlstand teilhaben.“
Der Sohn eines Griechen und einer Österreicherin beschränkt sich im Gegensatz zu Leuten wie Brkic und Jakupcic nicht darauf, Flugblätter zu verteilen oder alle paar Jahre ein Kreuz bei den Freiheitlichen zu machen: Iraklis Gabrielidis hat schon Anfang der Neunziger beschlossen, nicht zuzuschauen, sondern sich einzumischen.
Heute ist der 45-jährige Doppelstaatsbürger FPÖ-Bezirksrat in Wien-Brigittenau. Gäste empfängt er gerne in einem kleinen Büro in der lokalen Parteizentrale. Die FPÖ steht für ihn vor allem für eines: „Heimat“. Gabrielidis wurde im Jänner 1962 in Wien geboren, ein halbes Jahr später erhielt er gemeinsam mit seinem Vater die österreichische Staatsbürgerschaft. Die griechische ist ihm zusätzlich geblieben. „Die kriegt man auch nicht so leicht wie die österreichische, die einem heutzutage ja geradezu nachgeschmissen wird.“ Dass sich nur die wenigsten Migranten, die die FPÖ wählen, auch zur Partei bekennen, gefällt ihm gar nicht. Er erzählt von allerlei türkischen Bekannten, „von denen ich weiß, dass sie FPÖ-nahe sind. Die würden aber nie mit Ihnen reden. Sonst würden die von ihrer Community gleich eins draufkriegen.“
Er verstehe die Sorge dieser Leute, sagt Gabrielidis. Ihm selbst habe manch einer die Freundschaft gekündigt, als er 1996 zum ersten Mal für die Blauen kandidierte. Seine Beweggründe: „In Griechenland darf man alles äußern. Hier darf ich nur in eine Richtung etwas sagen. In Österreich kann ich bekennender Stalinist sein, aber wenn man in die andere Richtung was sagt, wird man eingesperrt.“ Auf welche „Richtung“ er da genau anspielt, will Gabrielidis nicht sagen. Wieso er nicht nach Griechenland zieht, wenn ihm hier zu viele Ausländer sind? „Ich mag an Österreich, dass alles seine Ordnung hat und in geordneten Bahnen abläuft. Allerdings unterwandern diese Zugezogenen diese Ordnung langsam. Ich kann aber hier als eingebürgerter Ausländer leichter Dinge äußern als andere. Zum Beispiel, dass ich gegen Familienzusammen- führungen bin.“
Das Thema bringt Gabrielidis derart in Rage, dass er den Faden verliert und sich plötzlich wild gestikulierend in seinem ledernen Schreibtischsessel aufrichtet. „Das ist ja die ewige Lüge der Grünen, dass Familienzusammenführung ein Menschenrecht ist! Wenn einer das will – in seiner Heimat hindert ihn niemand daran. Mir würde es nie einfallen, meine Familie nachzuholen.“ Dann unterbricht er sich, denkt kurz nach und lächelt: „Außerdem hätte ich dann keinen Grund mehr, nach Griechenland zu fahren.“ Gabrielidis’ Großeltern, Onkel und Tanten väterlicherseits wohnen in einem Dorf eine Autostunde von der Hafenstadt Thessaloniki entfernt.
Auf seine politische Arbeit in Österreich ist der Maschinenbautechniker stolz – auch wenn es ihm die Österreicher nicht vergelten würden. „Wenn einer was Blödes zu mir sagt, kann es mir wurscht sein. Ich kann jederzeit nach Griechenland gehen. Ich kämpfe aber für die Leute hier, dass denen ihre Heimat bleibt. Dabei müsste ich das gar nicht tun.“ Wenn er in Pension ist, will Gabrielidis die Hälfte des Jahres in Griechenland verbringen. Dort schätzt er „das Meer, die Sonne und die lockere Lebensweise“. Andererseits legt er aber Wert auf die „Gründlichkeit und die Ordnung in Österreich. Wenn es zum Beispiel bei uns laut wird, dann liegt das immer nur an den Ausländern. Denen ist es wurscht, ob sie Feste für 10.000 Leute geben, ohne sie angemeldet zu haben.“
In Griechenland hingegen stört ihn das gar nicht. „Das Laute gehört dort zur Kultur. Wenn sich in Griechenland drei Leute auf der Straße treffen, kann es sein, dass fünf Minuten später ein Volksfest im Gang ist. Das gehört dorthin, und dort taugt es mir auch. Aber in Österreich will ich das nicht haben.“ Wieso er, der sich zwei unterschiedlichen Kulturen zugehörig fühlt, anderen diese Freiheit nicht zugesteht? „Das muss man anders sehen. Mein Vater ist ja nicht aus wirtschaftlichen Gründen gekommen, sondern um Medizin zu studieren. Er hat sich verliebt, und seine Frau wollte nicht nach Griechenland. Hätte er seine Familie im Stich lassen sollen?“ Und schon ist Gabrielidis wieder bei seinem Lieblingsthema: der Familienzusammenführung, mit der endlich Schluss sein müsse. Wenn es nach ihm ginge, hätte er freilich mindestens eine Parteifreundin weniger.

Lilia Lunzer hat sich – wie einst Gabrielidis’ Vater – in jemanden aus Österreich verliebt. 1986 lernte sie als 20-Jährige in ihrer bulgarischen Heimat ihren zukünftigen Mann kennen. Jetzt sitzt Lunzer an einem Tisch im CityLight, einem Restaurant im obersten Stock des Einkaufscenters Gerngross an der Shoppingmeile Mariahilfer Straße. Von hier bietet sich ein wunderschöner Panoramablick auf den gegenüber- liegenden Bezirk Mariahilf, wo Lunzer wohnt – und sich bei der FPÖ engagiert. Vor ihr steht ein großes Bier, in der rechten Hand hält sie eine Davidoff Gold. „Das ist wegen der Migräne“, meint Lunzer. „Der Arzt hat gesagt, wenn nichts mehr hilft, dann trink ein Bier.“
Dann lacht sie und erzählt ihre Geschichte: „Es war Liebe auf den ersten Blick. Geheiratet haben wir zwei Jahre später in Bulgarien, weil es damals schwer war, auszureisen. Nur eine kleine, privilegierte Gruppe hatte unter den Kommunisten Reisepässe.“ Sie reichte die nötigen Dokumente ein, um das Land verlassen zu dürfen, und „am 20. Jänner 1989 hab ich erstmals österreichischen Boden betreten“. Nach Abschluss des Gymnasiums hatte sie in Bulgarien eine Krankenpflegeschule besucht, aber keinen Job gefunden: „Dort gibt es leider keinen Schwesternmangel so wie hier.“ Daher arbeitete sie „mal dies, mal das“.
Als Lunzer nach Österreich kam, sprach sie kein Wort Deutsch und kannte außer ihrem Mann niemanden. „Es war eine harte Zeit“, sagt sie heute und macht ein Gesicht, als ob sie gleich weinen würde. Deutsch habe sie „mit Hilfe der Kronen Zeitung und Kinderbüchern“ gelernt. 1992 schließlich ließ Lunzer ihr Zeugnis der bulgarischen Pflegeschule am AKH nostrifizieren und begann dort in der Kinderstation zu arbeiten.
Die Beschwerden einiger Kolleginnen, die beklagt hatten, dass ihre Männer bestimmte Jobs nicht bekommen hätten, weil sie im Besitz des falschen Parteibuchs gewesen seien, hätten ihr zu denken gegeben. „Ich hatte erwartet, dass ich in ein demokratisches Land komme. Dabei besteht der Unterschied zwischen dem Kommunismus in Bulgarien und dem Sozialismus in Österreich bis heute nur in einem Punkt: In Bulgarien hat man nicht reden dürfen, und man hat nicht geredet. Hier darf man alles sagen, aber niemand hört dir zu.“
Deshalb habe sie beschlossen, politisch aktiv zu werden, und ließ sich, „weil ich in keiner Hinsicht vorbelastet war“, von allen Parteien die Programme schicken. „Das der FPÖ hat mir am meisten zugesagt. Die wollten weg von den alten Strukturen. Was ich in den Programmen von SPÖ und ÖVP gefunden habe, hab ich schon über 20 Jahre lang in Bulgarien gehört: Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit.“ Und die Grünen? Ihr Mann habe die damals gewählt, erzählt Lunzer. „Aber da stand nichts drinnen außer Dinge über Umweltschutz, und das war mir zu wenig.“
Weil sie in weiterer Folge gedacht habe, „dass man in einer Partei mitarbeiten müsste, um sie wirklich zu verstehen“, wurde sie 1996 FPÖ-Mitglied. Seit zwei Jahren ist sie Bezirksrätin im sechsten Bezirk. Sie selbst sei innerhalb der Partei nie auf Vorurteile gestoßen, sagt sie. Eher unter Österreichern in einschlägigen Wirtshäusern. „In manchen dieser Stammtischrunden wird schon gerne über Ausländer hergezogen. Und manchmal merken sie, dass ich als ehemalige Ausländerin da mit am Tisch sitze, und sagen: ‚Dich haben wir eh nicht gemeint.‘“ Lunzer lacht. „Da muss ich dann sagen: Natürlich habt ihr mich gemeint.“ Als Neo-Österreicherin in einer Partei aktiv zu sein, der Ausländerfeindlichkeit vorgeworfen wird, ist für sie trotzdem kein Widerspruch.
„Bei allen Diskussionen um die FPÖ verwechselt die Öffentlichkeit Ausländerfeindlich- keit mit gewünschter Integration. Die FPÖ war nie ausländerfeindlich“, sagt Lunzer, und es klingt tatsächlich überzeugt. Die Partei wolle eingewanderten Menschen nur die Möglichkeit geben, sich zu integrieren, weil das „ja in deren Interesse sein muss“. Schließlich hätten viele Österreicher Vorurteile. Und da gelte es eben, möglichst nicht aufzufallen.
Frage an die Maus: Wie sind Migranten in den Parteien vertreten?Von 1946 bis 2006 erhielten laut Statistik Austria 1.093.123 Ausländer die österreichische Staatsbürgerschaft. Wegen des Arbeitskräftemangels nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte die Republik viele neue Bürger (erster Höhepunkt an Einbürgerungen war 1955 mit 40.523). In den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern flachte die Kurve ab – von einem runden Dutzend Ausreißer infolge internationaler Flüchtlingskrisen abgesehen. Erst ab Anfang der Neunziger fand wieder ein stetiger Zuwachs statt, der seinen bisherigen Höhepunkt 2003 mit 45.112 Einbürgerungen hatte. Seitdem sinken die Zahlen – nicht zuletzt aufgrund der unter Schwarz-Blau restriktiver gewordenen Gesetzeslage, die von Rot-Schwarz übernommen wurde. 2006 gab es nur noch 26.259 Einbürgerungen.
Wie nutzen nun die Parteien das neue Wählerpotenzial? Migranten in den roten National- und Bundesratsreihen gibt es laut Büro von SPÖ-Integrationssprecherin Elisabeth Hlavac keine. In Wien haben 25 der 520 SPÖ-Bezirksräte und vier rote Landtagsabgeordnete (von 55) ausländische Wurzeln, Zahlen aus den sonstigen Landtagen gibt es nicht. Keine Migranten im Nationalrat hat die ÖVP. Wegen der „komplexen Struktur“ der Partei könne man laut Pressestelle „keine seriösen Zahlen“ für die Landes- und Gemeindeebene nennen, aber auf „zahlreiche“ Mandatare verweisen, etwa die Wiener Gemeinderätin Sirhan Ekici.
Die Grünen nennen ebenfalls Einzelfälle. Im Nationalrat sei mit Alexander Van der Bellen der Parteichef selbst Migrant – seine Eltern kamen aus Estland. In Wien hat die grüne Landeschefin Maria Vassilakou griechischen, ihre Integrationssprecherin Alev Korun türkischen Familienhintergrund. Die FPÖ führt keine Liste über Migranten unter Mandataren, weil deren Herkunft „keine Rolle“ spiele, sagt ein Mitarbeiter des Parteiarchivs. Unter den sieben BZÖ-Abgeordneten im Nationalrat und jenen im Kärntner Landtag ist niemand ausländischer Herkunft.
















Und dass die kroatische Diaspora streckenweise um einiges radikaler als "Kroaten in Kroatien" sind ist ja nun auch nichts Neues - die Wahlerfolge der HDZ (vor deren Reform sehr FPÖ/BZÖ-ähnlich) bei Flüchtlingen sind legendär.
Plasser scheint auch nichts anderes mehr einzufallen als Haider (im weitesten Sinn) zu zitieren: "Die einen gewinnen die Umfragen, wir gewinnen die Wahlen."...