Heroin war gestern
Sie sind jung und süchtig: Viele Jugendliche lassen sich von blinkenden Automaten zum Zocken verführen. In Wiens Einwandererbezirken ist die Lage besonders verheerend.
Text: Nikolaus Jilch
Fotografie: Jacqueline Godany
Mitarbeit: Moritz Gottsauner-Wolf, Duygu Özkan

Tack-tack-tack-tack, Kirsche, Melone, Orange, Melone; tack-tack-tack-tack, Orange, Orange, Stern, Kirsche; tack-tack-tack-tack, Kirsche, Kirsche, Kirsche, Melone. Musik ertönt, blecherner Klang, euphorische Melodie. Emra und Murat hören bloß das virtuelle Geld klimpern. So klingt Erfolg am Spielautomaten. Emra will weiterspielen, das bisschen Gewinn wieder einsetzen. Noch mehr daraus machen. „Drück drauf, denk nicht nach“, sagt er zu Murat (alle Namen von Jugendlichen wurden geändert, Anm.).
Seit mehr als einer Stunde sitzen die 17-jährigen Wiener schon vor einer Maschine, die man früher einen einarmigen Banditen nannte. Der Arm, also der Hebel an der Seite des Automaten, wurde längst von einem Touchscreen abgelöst. Ein Bandit steckt noch immer in dem piepsenden und blinkenden Monstrum. Das weiß auch Emra: „Es ist alles nur Glück. Und im Endeffekt totaler Blödsinn.“ Emra und Murat sitzen trotzdem mehrmals pro Woche in einer der Kammern rund um den Arthaberpark in Favoriten, dem zehnten Wiener Gemeindebezirk. Zehn solche Kammern mit jeweils zwei Automaten, verklebten Fenstern und eigenen Eingängen gibt es in der unmittelbaren Umgebung des Platzes.
Die beiden Teenager haben vor zwei Jahren angefangen zu spielen. Da waren sie 15. Emra und Murat sind in einer Gegend aufgewachsen, in der sie von Glücksspielautomaten umgeben sind. Und von Legenden über traumhafte Gewinne, plötzliches Glück auf Knopfdruck. So wie Emra und Murat können auch viele ihrer Freunde und Bekannten nicht mehr aufhören mit dem Spielen. „Sie können mir keinen zeigen, der noch nicht beim Automaten war. Alle zocken hier“, sagt Emra und zeigt nach draußen.
Laxenburger Straße, Arthaberpark, Reumannplatz: Das ist die Heimat von Emra, Murat und rund 170.000 anderen. Favoriten ist der größte der 23 Wiener Gemeindebezirke. Hier leben mehr Menschen als in Klagenfurt, Sankt Pölten oder Salzburg. Favoriten ist auch einer der ärmsten Bezirke der Hauptstadt. Was die Gegend besonders attraktiv für Einwanderer macht: Hier leben mehr Serben, Türken, Bosnier, Kroaten, Polen, Rumänen oder Bulgaren als irgendwo sonst in Wien. Rund 35 Prozent der Favoritner haben laut Statistik der Stadt Wien einen sogenannten Migrationshintergrund. Burschen wie Emra und Murat, deren Eltern Zuwanderer sind, die aber in Wien geboren wurden und einen österreichischen Pass besitzen, sind in dieser Zählung nicht mal mehr erfasst.
Die Jugendlichen, die wir in den Parks von Innerfavoriten besuchen, sind hauptsächlich Migranten der zweiten oder dritten Generation“, sagt Ali Gedik, der seit 17 Jahren als Jugendbetreuer im Bezirk unterwegs ist. Auch Gedik ist eingewandert, aus Vorarlberg, wo er als Kind kurdischer Migranten aufwuchs. Heute leitet er „Back on Stage 10“, eine Einrichtung der Wiener Jugendzentren, die von der Stadt finanziert wird. Gediks Büro liegt in der Bürgergasse, unweit vom Reumannplatz, dem Zentrum der Jugendkultur im Bezirk. Wenn er von Integration spricht, meint Gedik schlicht das Zusammenleben. Denn die österreichische Idealgesellschaft, in der Bildung und Arbeit zu den Menschenrechten gehören und alle mitmachen dürfen, wenn sie nur gescheit Deutsch lernen, die gibt es in Innerfavoriten schon lange nicht mehr.

An ihre Stelle ist eine Multikultiunterschicht getreten, deren Kinder vor allem eins verbindet: der Platzkampf. Park, Schule, Arbeitsmarkt, Gesellschaft: In keinem dieser Bereiche ist Österreich auf diese Jugendlichen und ihre Probleme vorbereitet; überall müssen sie sich ihren Platz erst erkämpfen. Die Eltern, sagt Ali Gedik, sind dabei meist keine Hilfe und stehen ihren Kindern oft sogar im Weg: „Die sind im Alltag meist mit materiellen Dingen beschäftigt, damit die Existenz der Familie gesichert ist. Oft üben sie auch Druck auf die Kinder aus, dass diese arbeiten sollen, sobald es möglich ist.“
Viel Zeit von Gedik und seinen Kollegen von „Back on Stage“ fließt in die Vermittlung von Lehrstellen, die Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche und das Verfassen von Lebensläufen. Früheren Generationen wurde zum Vorwurf gemacht, dass sie ihre Zeit vergeuden, ihre Chancen vergeben würden. Dieser Generation geben Staat und Gesellschaft oft gar keine Chance, sagt Gedik. Er redet meist von Burschen, denn zu vielen Mädchen aus Favoriten finden auch die Jugendarbeiter keinen Zugang. „Das Leben der Mädchen wird von den Familien oft viel stärker kontrolliert. Oder aber sie sind mobiler als die Burschen und fahren am Nachmittag auf die Mariahilfer Straße. Da gibt es nicht so ein Platzhirschdenken“, sagt Gedik. Auch für die Zockerei am Automaten würden sich meist nur die Burschen interessieren.
Die kleinen Kammern, die Emra und Murat frequentieren, haben sich in den vergangenen Jahren in Wien verbreitet wie Pickel auf einem Teenagergesicht. „Favoriten ist einer der Hotspots“, sagt Hubert Poppe. Er ist Oberarzt am Anton-Proksch-Institut, einem Sonderkrankenhaus für Suchtkranke im 23. Bezirk Liesing, in dem auch Spielsüchtige behandelt werden. Prinzipiell gebe es „Spieler in jedem Alter und aus jeder sozialen Schicht“, sagt Poppe. Aber Spielerkarrieren wie die von Emra und Murat seien typisch: „Männliche Migranten in der zweiten Generation gehören zur Hochrisikogruppe.“ Ein, zwei Gewinne reichen meist, um einen Prozess auszulösen, der in der Sucht enden kann. Es müssen noch nicht mal hohe sein.
„Wenn der Abend durch gewonnenes Geld gesichert ist, trägt die Gruppe den Spieler auf Händen“, sagt Poppe. „Dann macht es bei sehr vielen ,Klick‘ und das Spielen wird schnell zu einer Regelmäßigkeit. Weil man es nicht verheimlichen muss, weil alle es so machen und weil es cool ist.“ Bis sie bei Poppe in der Therapie landen, sind aus den Burschen längst Männer geworden. Seit einiger Zeit könne man beobachten, dass Automatenlokale sich vor allem in sozial schwachen und Gegenden mit hohem Migrantenanteil verbreiten, sagt Poppe. Weil die Lokalmieten dort niedrig sind. Und weil sich die Bewohner dort leichter verführen lassen würden von der Hoffnung auf schnelles Geld.
Die Kabine, in der Emra und Murat zocken, ist ein trostloser Ort. Zwei Automaten stehen hier auf rund fünf Quadratmetern. Der Boden ist mit grünem Spannteppich überzogen, in der Ecke hängt eine Kamera. Zwischen den Automaten ein Schild: „Zuschauen verboten“. Durch die schwarz getönte Glastür dringt kaum Licht. Neben dieser Kammer ist eine weitere. Weil das Gesetz ein Maximum von zwei Automaten pro Lokal festlegt, hat jede Kammer eine eigene Eingangstür. Darüber prangen Leuchtschriften mit Bezeichnungen wie „magic“ oder „joker“. An einem Lokal steht „Wetten ist geil“ geschrieben. Eine Gegensprechanlage verbindet die Spieler mit einem Aufseher, der meist in einem größeren Wettlokal in der Nähe sitzt. Wenn ein Gewinn ausgezahlt werden soll, wird der Aufseher herbeigerufen.
Emra und Murat zocken und rauchen, rauchen und zocken. Es sei keine zwei Wochen her, erzählen die Freunde, dass sie mit 50 Cent Einsatz 900 Euro gewonnen hätten. Den Knopf auf der Gegensprechanlage haben sie aber trotzdem nicht gedrückt. Sie haben einfach weitergezockt. In der Hoffnung auf einen noch größeren Geldsegen, auf 2.000, 5.000, 10.000 Euro. Am Ende waren sie pleite. Wieder einmal.
„Bei Glücksspielen setzt logisches Denken komplett aus und wird durch magisches Denken ersetzt. Es gibt Leute, die reden mit den Automaten“, sagt Suchttherapeut Hubert Poppe. Zocken aktiviert ähnliche Hirnareale wie Drogen. „Aber während zum Beispiel Alkohol auf alle Menschen wirkt, kann man nicht wissen, wie Glücksspiel sich auf einen Menschen auswirkt.“ Manche fahren auf das Zocken ab wie auf Heroin. Andere lässt die Erfahrung kalt. Das beste, was einem Gefährdeten passieren kann, sei, nicht zu gewinnen, sagt Poppe: „Verlierer werden eher nicht süchtig“.
Bojan ist kein Verlierer. Im Gegenteil. Bojan gilt als einer der legendärsten Gewinner in Favoriten. Hubert Poppe sagt, dass Geschichten wie die von Bojan besonders viele Jugendliche zum Spielen motivieren. Bojan heißt im Viertel auch Sechzehntausendeuro-Bojan. Er ist 17 Jahre alt, sieht aber mit dem Kinnbart, den kurz geschnittenen schwarzen Haaren und seinem schmalen Gesicht aus wie mindestens 25. Der Wiener mit serbischen Eltern hat mit 14 begonnen zu spielen. Und nie wieder aufgehört. „Es macht einfach schnell süchtig“, sagt Bojan. In seiner Hochzeit ging er mehrmals am Tag in eine der dunklen Kojen, in denen die Automaten stehen. Dort verspielte er sein Taschengeld, später den Lohn und überhaupt alles, was er in die Finger bekommen konnte.
Dass Emra, Murat und Bojan regelmäßig zocken ist eigenartig, weil Glücksspiele für Jugendliche eigentlich verboten sind. Dass sie es in Favoriten tun, ist auch eigenartig, weil der Staat eigentlich ein Glücksspielmonopol besitzt und im zehnten Bezirk keines der zwölf großen Casinos steht, in denen Sakko- und Ausweispflicht herrscht. Aber das Glücksspielgesetz definiert eine Ausnahme von der Regel: Die Automaten, die unter dem Begriff „Kleines Glücksspiel“ (siehe auch „Frage an die Maus“) zusammengefasst werden. Dieses „Kleine Glücksspiel“ ist ein großes Geschäft. Laut einer Studie des Wiener Marktanalyseunternehmens Kreutzer Fischer & Partner, das den Glücksspielmarkt seit vier Jahren beobachtet, haben die Österreicher im vergangenen Jahr rund 4,2 Milliarden Euro in die blinkenden Automaten gesteckt. Die Studie geht von rund 15.700 Automaten in Österreich aus. „Von denen ist aber nur rund die Hälfte legal“, sagt Roland Zellhofer, Consultant bei Kreutzer Fischer & Partner.
Das „Kleine Glücksspiel“ ist derzeit nur in Wien, Niederösterreich, Kärnten und der Steiermark erlaubt. Der legale Automatenmarkt wird von der niederösterreichischen Firma Novomatic dominiert, die die Banditen erzeugt wie auch betreibt. Zum Beispiel in den rund 80 Lokalen von „Admiral Sportwetten“ in Wien. Die aus Tschechien operierende Firma Kajot belegt mit gerade mal acht Prozent Marktanteil Platz zwei. Laut Automatenverband, der Lobby von Herstellern und Betreibern, stehen in Wien rund 3.500 legale Automaten. Die Alterskontrolle der Spieler ist den Betreibern überlassen.
„Dass wir keine Minderjährigen haben wollen, ist vollkommen klar“, sagt Hannes Reichmann, Sprecher von Novomatic. „Die Betreiber wissen ganz genau, dass sie dagegen etwas unternehmen müssen.“ Novomatic verweist auf die Praxis in Niederösterreich, wo mehrere Automaten in größeren Salons stehen und der Zugang nur nach Registrierung bei Novomatic möglich ist. In Wien würde für eine Registrierung der Spieler aber die gesetzliche Voraussetzung fehlen. „Außerdem können wir in die Kleinstoperationen kaum Drehkreuze hinmachen“, sagt Reichmann. Er meint die Kammern, in denen höchstens zwei Automaten stehen dürfen. Die Mitarbeiter seien angewiesen, Minderjährige nicht an die Automaten zu lassen, sagt der Novomatic-Sprecher.
In Favoriten sei er noch nie von einem Automaten vertrieben worden, erzählt Emra. „Die Jugendlichen werden höchstens nach dem Ausweis gefragt, wenn sie ihre Gewinne abholen wollen“, erzählt Emra. Was sehr wohl vorkomme, sei aber, dass Automaten-Betreiber gewonnenes Geld an Teenager nicht auszahlen. Mit dem Argument, dass sie noch nicht alt genug zum Zocken seien. „Dabei hab ich schon Zwölfjährige spielen sehen. Solange sie die Automaten füttern, sagt keiner was“, sagt er.
Mit den langen, glatten, schwarzen Haaren, der schwarz eingefassten Brille, schwarzem Hemd und schwarzer Hose würde Emra auch in der Einführungsvorlesung für Architekturstudenten durchgehen. Aber er ist arbeitslos, auf Lehrstellensuche, wie viele seiner Freunde. „Spielen ist okay, aber man muss rechtzeitig aufhören“, sagt er. Diesmal haben Emra und sein Freund Murat wieder nicht rechtzeitig aufgehört. Der Kirsche-Kirsche-Kirsche-Melone-Gewinn ist verzockt, das Geld alle. Emra dämpft seine Zigarette aus, tritt auf die Laxenburger Straße und lässt die Automatenkabine hinter sich. Für heute. Auf der anderen Straßenseite trifft er seine Freunde im Jugendzentrum am Arthaberplatz. Hier spielen sie Poolbillard. Und zwar gratis.
„Das Automatenspielen ist ein echtes Phänomen unter den Jugendlichen“, sagt Peter Weitzer, Jugendarbeiter im Jugendzentrum am Arthaberplatz. Am Boden vor ihm liegt ein Wettschein, eingelöst in einem Irish Pub. Die Internetterminals im Jugendzentrum nutzen manche Burschen, um sich über die aktuellen Wettquoten im Fußball zu informieren.
Weitzer sagt, dass Sportwetten oft den ersten Schritt Richtung Automatenspiel bilden würden. „Das hat auch eine soziale Komponente. Wenn du zum Buchmacher gehst und eine Wette abgibst, bist du ein Fachmann. Und aus zwei Euro werden schnell mal 20, wenn du Glück hast. Und gewinnen ist prinzipiell geil.“ Außerdem gebe es kaum Orte, an denen Minderjährige sich aufhalten können, ohne Geld für Getränke ausgeben zu müssen. Die Jugendzentren sind solche Orte, die Parks auch. Und die anonymen Automatenkojen. Weitzer hat an rund 100 Burschen, die regelmäßig im Jugendzentrum vorbeikommen, Fragebögen über ihr Spielverhalten ausgeteilt. Die Ergebnisse sind noch nicht ausgewertet. „Wir beobachten das schon länger, Glücksspiel nimmt überhand. Die Anzahl an Automatenlokalen hier in Favoriten ist einfach unfassbar.“
Bojan hat seinen großen Gewinn aber nicht in Favoriten gemacht, sondern im zweiten Bezirk. Die Leopoldstadt sei eben auch ein „Gamblerparadies“, sagt Bojan. Eigentlich wollten er und ein Freund an jenem Samstagabend nur ihr Ausgeh-Budget aufbessern. Aber statt in die Disco zu gehen, blieben die damals 15-Jährigen bis in die frühen Morgenstunden am Automaten hängen. Bis sie mit jeweils 8.000 Euro in der Tasche nach Hause gingen. „Am Freitag- oder Samstagabend, am besten am Anfang des Monats, sind die Automaten-Lokale voll mit Jugendlichen, die sich etwas Geld fürs Ausgehen erspielen wollen“, sagt Bojan. Seine 8.000 Euro waren nach einigen Einkaufstouren, einer Party und einer Spritztour in einer Hummer-Limousine aufgebraucht. Insgesamt glaubt er sich leicht im Plus. Aber nur wegen des einen großen Gewinns.
Bevor er mit dem Spielen anfing, war Bojan immer Klassenbester und besuchte mit 15 sogar eine Handelsakademie. Ein Erfolg, den kaum einer seiner Freunde verbuchen konnte. Dort ging es zunächst gut. „Dann haben mich einmal Freunde zum Schwänzen überredet“, erzählt Bojan. „Das hab ich einmal gemacht und gemerkt – hey, da passiert nichts. Und dann ein zweites Mal und wieder ist nichts passiert. Dann ging es immer so weiter. Am Ende hatte ich ein Nicht Genügend und zwei Nicht Beurteilt im Zeugnis.“ Etwa zur selben Zeit kippte Bojan vollständig in die Zockerei. Die Schule brach er ab. Heute macht er eine Lehre zum Kleinhandelskaufmann bei einer Supermarktkette, verdient also Geld. „Ich kann noch immer nicht an einem Automaten vorbeigehen, ohne etwas einzuwerfen“, sagt er.
Die Automaten gelten als Einstiegsdroge in die Glücksspielsucht. Von den rund 600 Menschen, die 2008 von der Wiener Spielsuchthilfe, der ältesten Betreuungseinrichtung in Österreich, betreut wurden, haben mehr als 80 Prozent ihre Spielerkarrieren an Automaten begonnen. „Männer fangen viel früher an als Frauen, die in der Regel erst in gehobenem Alter spielen“, sagt Izabela Horodecki, Psychologin und Leiterin der Spielsuchthilfe.
Jeder dritte Spielsüchtige hat vor seinem 19. Lebensjahr zu zocken begonnen; jeder zweite deswegen den Partner oder die Partnerin verloren. Die durchschnittlichen Schulden von Spielern, die von der Spielsuchthilfe betreut werden, betragen rund 41.000 Euro. Jeder fünfte Spieler verliert seinen Job, jeder zehnte die Wohnung. Ebenso viele sagen, dass sie schon an Selbstmord gedacht haben. Rund vier Prozent der Spielsüchtigen haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Mehr als 16 Prozent sagen, dass sie kriminell gehandelt haben, um die Sucht zu finanzieren.
In Favoriten haben sich Jugendbetreuer und Schüler angesichts der flächendeckenden Verbreitung der Glücksspielautomaten auch schon an die Polizei gewandt, sagt Bezirksinspektor Heinz Singer. Als „Schulpolizist“ hält er regelmäßig Vorträge in Klassenzimmern, klärt über das Jugendschutzgesetz oder den Umgang mit Alkohol und Knallkörpern auf. „Ein Jugendarbeiter hat mir von einem Burschen erzählt, der so verzweifelt war, dass er auf den Automaten eingetreten hat, damit er Hausverbot bekommt“, erzählt Singer. Auf Streife hat der Bezirksinspektor einmal einige Automatenkojen besucht: „Da hab ich keine Jugendlichen gesehen. Aber man müsste schon eine Kontrolle in Form eines Planquadrats durchführen, um festzustellen, wie groß das Problem im Bezirk wirklich ist.“ Um die Wettlokale und Automatenkabinen regelmäßig zu überprüfen, fehle der Exekutive das Personal.
Jugendliche würden der Polizei meist auffallen, wenn sie Handys von anderen Jugendlichen stehlen. „Da handelt es sich ja um enorme Werte, die die Jugendlichen mit sich herumtragen. Ein neues Gerät bringt schnell mal 100 Euro“, sagt Singer. Wofür die jungen Diebe das Geld brauchen würden, weiß der Bezirksinspektor nicht. Probleme mit Drogen gäbe es im Bezirk jedenfalls kaum. „In einer Schule hatten wir vor ein paar Jahren ein Mädchen, das harte Drogen genommen hat. Weder wir noch die Lehrer konnten ihren Verfall aufhalten. Aber sie war ein Einzelfall.“
Er kenne einige Jugendliche, die kriminell handeln, um das Zocken zu finanzieren, sagt ein Jugendarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Es bleibt auch nicht nur bei Handys. Burschen haben deswegen auch Dönerbuden überfallen. Andere Handtaschen geraubt.“
Die meisten Jugendarbeiter im Bezirk sehen nur eine Lösung für das Problem: die Automaten verbieten. Die Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner (SPÖ) unterstützt diese Forderung, obwohl die Stadt Wien jährlich rund 55 Millionen Euro an Steuereinnahmen aus dem „Kleinen Glücksspiel“ lukriert. Auf dieses Geld könne sie verzichten, sagt die Bezirkschefin. „Für mich ist das nicht akzeptabel“, sagt Mospointner, die ihr Amt seit 1996 ausübt. Das ständig verfügbare, legale Glücksspiel verführe nämlich nicht nur Jugendliche, sondern auch deren Eltern. „Zu mir kommen Mütter, die vor dem Nichts stehen, weil ihre Männer deshalb alles verloren haben. Das kann man doch nicht gutheißen.“ Die Bezirksvorsteherin sagt, dass sie nicht wisse, was sie gegen die Automaten unternehmen soll. Ihre Macht sei begrenzt.
Die der Bundesregierung ist es in diesem Fall nicht. Schon unter Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) ließ die Regierung im Jahr 2007 eine Novelle des Bundesglücksspielgesetzes ausarbeiten. Diese sieht zwar eine verbindliche Registrierung der Spieler vor, aber auch die Legalisierung des „Kleinen Glücksspiels“ in allen Bundesländern. „Von diesem Gesetz würde vor allem der Marktführer profitieren“, sagt David Ellensohn (Die Grünen). Der Wiener Stadtrat nennt die Novelle schlicht „Lex Novomatic“. Die Firma hat die Novelle in einer Stellungnahme ausdrücklich gut geheißen.
Ob und wann das neue Gesetz beschlossen werden soll, ist unklar. Die Lobby hat noch Wünsche an den Gesetzgeber, sagt Helmut Kafka, Präsident des Automatenverbandes: „Das Internetglücksspiel ist in der Novelle noch gar nicht geregelt. Die völlig unkontrollierten Online- und Mobilangebote werden uns in den nächsten Jahren überrollen.“
Frage an die Maus: Wie funktioniert Glücksspiel in Österreich?
Glücksspiele waren im Österreich schon im 17. Jahrhundert weit verbreitet, wobei öffentliches Glücksspiel damals noch eher selten war. Erst 1933 wurde ein staatliches Konzessionssystem für Casinos eingeführt. Heute hat nach wie vor der Bund das Glücksspielmonopol inne und vergibt in Form von Konzessionen das Recht, Glücksspiele ausrichten zu dürfen. Über die aktuell zwölf Konzessionen für sogenannte Spielbanken, also Casinos, verfügt in Österreich nur der Glücksspielkonzern Casinos Austria, an dem der Staat mit 33,2 Prozent beteiligt ist. Verschiedene Glücksspielarten sind vom staatlichen Monopol ausgenommen und der Gesetzgebung und dem Konzessionsvergaberecht der Bundesländer unterworfen. Darunter fallen laut Glücksspielgesetz auch Spielautomaten, wenn „die vermögensrechtliche Leistung des Spielers den Betrag oder den Gegenwert von 0,50 Euro nicht übersteigt und der Gewinn den Betrag oder den Gegenwert von 20 Euro nicht übersteigt“. Ebenfalls vom Glücksspielmonopol ausgenommen sind Glücksräder, Tombolas und ähnliches. Das Automatenspiel wird auch als „Kleines Glückspiel“ bezeichnet. Im Bundesglücksspielgesetz kommt der Begriff nicht vor. Spielautomaten sind in Wien, Niederösterreich, Kärnten und der Steiermark zugelassen, das Marktanalyseunternehmen Kreutzer Fischer & Partner geht aktuell von rund 15.700 Automaten in Österreich aus, wobei rund die Hälfte illegal betrieben wird. Insgesamt haben die Österreicher 2008 rund 13,5 Millarden Euro verzockt. Rund 4,2 davon wanderten in Automaten. Die Casinos liegen knapp vorne: 2008 wurden dort noch rund fünf Milliarden eingesetzt. Zuwächse verzeichnet das Onlineglücksspiel, für das die Österreicher 2008 schon 1,8 Millarden Euro eingesetzt haben. Zum Vergleich: für Lotto, Toto, Bingo, Eurolotto, Brieflose und Rubbellose geben die Österreicher jährlich rund eine 1,1 Milliarden Euro aus.
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