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Unizündler

Seit Wochen halten Studenten in ganz Österreich Hörsäle von Universitäten besetzt. Der frühere ÖVP-Wissenschaftsminister Erhard Busek und der grüne Wiener Gemeinderat Christoph Chorherr kommentieren die Krise an den Unis.

Text: Erhard Busek, Christoph Chorherr
Illustration: Tim Lanaca
uni

Erhard Busek:

Die Sprecher der Audimax-Besetzer in Wien und anderswo haben nicht nur auf die mangelnden finanziellen Mittel, sondern auf die generelle Situation des österreichischen Bildungswesens hingewiesen. Dass Geld fehlt, ist nichts Neues und die versprochenen Prozentsätze des BIP für die Hochschulen bis 2020 sind kein Trost – denn zuerst muss das Geld da sein. Dass es fehlt, wusste man seit langem. Dass es nicht da ist, liegt in der Verantwortung der Regierung, aber auch in jener der Opposition.

Die Regierung hat das Geld nicht aufgebracht, aber die Partei von SP-Bundeskanzler Werner Faymann trägt die Hauptverantwortung für jene Beschlüsse im September 2008, die die Misere verschärft haben. Und die Opposition hat bislang auch kaum einen Vorschlag gemacht, woher das Geld kommen soll. Unsinnig sind auch alle Solidaritätserklärungen; wenn sich der ÖGB-Präsident Erich Foglar mit den protestierenden Studentinnen und Studenten „solidarisiert“, könnte er ja vorschlagen, dass weniger Mittel für die Bundesbahnen zur Verfügung stehen und dafür mehr für die Universitäten. Aber dann würden ihn die Eisenbahngewerkschafter sofort abmahnen … Und dass sich der Seniorenbund und der Pensionistenverband „solidarisieren“, ist angesichts der Vorstellungen ihrer Obmänner zu Pensionserhöhungen auch mehr als peinlich! Aber mit Recht wird dauernd gesagt: Es geht nicht allein ums Geld. Die Ursachen der Misere liegen Jahrzehnte zurück, weil es österreichischen Politikern und Interessenvertretern (unter Einschluss der Lehrergewerkschafter) immer gelungen ist, Fragen des Bildungssystems ideologisch darzustellen oder allein organisatorische Lösungen für Probleme anzubieten. Die inhaltliche Diskussion, was, wann und wie gelehrt werden muss, wie die Ausbildung der Lehrer stattzufinden hat, ist unterblieben. Auch der Beitrag der Bildungswissenschaftler hat sich in mehr als bescheidenen Grenzen gehalten.

Dieser Zweig der Hochschulen ist als Folge der 68er-Entwicklung ja überhaupt aus der Diskussion abgemeldet gewesen. Mit Recht wird jetzt langsam klar, dass allein schon die Voraussetzungen für eine Veränderung des Schulwesens gemäß der gesellschaftlichen Situation unterblieben sind. Wo sind die Bauten, in denen Ganztagsschulen überhaupt möglich sind? Die letzte nennenswerte Initiative war wohl die zur Zeit des VP-Ministers Theodor Piffl-Percevic (ÖVP-Unterrichtsminister von 1964 bis 1969), als man für jeden politischen Bezirk in Österreich eine Höhere Schule verlangte. Das hat eine entscheidende Veränderung in den Zugangsmöglichkeiten zum Bildungswesen bedeutet und war wahrscheinlich auch im Bereich des sekundären Schulwesens die letzte große Initiative. Der Rest der Diskussionen ist eine Ansammlung von richtigen, halbrichtigen und falschen Bemerkungen, wobei das Engagement der Politik für mehr Bildung rhetorisch zwar vorhanden war, sich aber offensichtlich nie in Taten niederschlug. Alle Feststellungen betreffend die geringe Akademikerquote, die ungleichen Zugangschancen für bestimmte soziale Schichten et cetera sind völlig richtig – aber die Strategien fehlen und sind auch sicher nicht in der Einführung von Gesamtschulen, der Verhinderung von Eingangsphasen oder Zulassungsprüfungen sowie in der grundsätzlichen Ablehnung von Studiengebühren zu sehen.

Allein der Punkt „Zulassung“ gehörte schon sortiert: Für Pädagogische Hochschulen, Kunstuniversitäten, Fachhochschulen, Medizinische Universitäten et cetera gibt es Eignungstests und begrenzte Studienplätze, und sie funktionieren! Die Finanzierung der Universitäten wird man mit Studiengebühren nicht lösen; dass sie aber pädagogischen Charakter haben und mehrheitlich zur rechtzeitigen Erledigung der Studien führen, ist unbestritten. Außerdem kann man dann für sein Geld auch etwas verlangen. Allein schon die Rückstufung des Bezugs der Familienbeihilfe vom 27. auf das 25. Lebensjahr hat bessere Ergebnisse in meiner Zeit als Minister erbracht. Es darf auch darüber nachgedacht werden, warum die Fachhochschulstudenten zwar nur sieben Prozent der Studierenden ausmachen, aber im vergangenen Jahr 30 Prozent der Absolventen des tertiären Sektors hervorgebracht haben.

Sie verlangen nämlich mehrheitlich Studiengebühren und haben Aufnahmeverfahren. Es ist richtig, dass die „Verschulung“ der Universität nicht möglich ist und die Möglichkeit des Zugangs zur Bildung nicht im strengen Sinn einer beruflichen Ausbildung gegeben sein muss. Es darf aber die Frage gestellt werden, in welcher Form das angeboten wird. Es kann durchaus sein, dass der Bologna-Prozess (der durch die Einführung eines gestuften Studiensystems aus Bachelor und Master zu europaweit vergleichbaren Abschlüssen führen soll, Anm.) für bestimmte Studienrichtungen, vor allem im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich, keine optimale Struktur darstellt. Aber eine Ergebnisorientierung kann kein Fehler sein. In diesem Punkt aber haben die Universitäten zweifellos mehr zu leisten, als sie das bisher signalisieren.

Mittels verklausulierter Wortmeldungen haben einige Rektoren das durchaus zugegeben, sodass es empfehlenswert wäre, wenn neben allen möglichen runden Tischen zum Thema auch solche stattfänden, bei denen es um eine höhere Leistungsfähigkeit geht. Eine innere Revision – also Überprüfung der eigenen Leistung – findet in den Universitäten kaum statt: Die Wirtschaftswissenschaften sollten sich etwa fragen, warum sie bis zum Ausbruch der Finanzkrise nichts von dieser gewusst haben; die Bildungswissenschaften, warum sie keinen Vorschlag zur Lösung des Problems der geringen Durchlässigkeit der Lehrberufe in andere Lebensbereiche machen konnten.

Ebenso müsste man sich langsam von einer Reihe von dienstrechtlichen Regelungen verabschieden. Die politische Koketterie, im Mittelbau möglichst viele Posten zu sichern, ohne jeweils auf die Qualifikation zu achten, wird nicht zu halten sein. An den Medizinischen Universitäten sind wir sehr rasch zum Gegenteil übergegangen, sodass heute die Sorge besteht, dass wir auch Talente zu verlieren drohen – weil schlicht und einfach zu wenig Plätze da sind, um Forschung zu ermöglichen und eine qualitativ hochwertige Lehre zu garantieren. Die Richtung aber stimmt, denn nur so wird auch ein entsprechender internationaler Vergleich möglich sein. Alle uferlos in hoher Zahl studieren zu lassen und gleichzeitig internationale Qualität erreichen wollen, auf Qualifizierungen zu verzichten und gleichzeitig darauf zu hoffen, dass die Akademikerquote steigt, ist intellektuell nicht redlich.

Was ist dem neuen Wissenschaftsminister oder der Ministerin zu raten? Neben der von den Regierungspartnern SPÖ und ÖVP einzufordernden Garantie für dramatisch mehr finanzielle Mittel bindende Aufträge an die Hochschulen: nämlich die Vorlage von Strategien und Plänen zur Erhöhung der Qualifikation und der Effizienz. Die bestehenden, vom Gesetz verlangten Leistungsvereinbarungen geben dazu die Möglichkeit!


Christoph Chorherr

In Umbruchszeiten haben Universitäten immer eine führende Rolle gespielt. Deren Bedeutung – die von Studenten initiierten kulturellen und politischen Umbrüche – wurde oft erst viel später erkannt. Wer hätte im Mai 1968 ahnen können, dass noch fünfzig Jahre später höchst kontroversiell über „die 68er“ und deren tiefgreifende Umwälzungen diskutiert werden würde? Rückt die Frage „Was ist eigentlich die Aufgabe, die Rolle der Universität?“ ins Zentrum der politischen Debatte, wird automatisch und unvermeidbar über die Gesellschaft als Ganzes debattiert. Insofern ist den protestierenden Studenten bereits Wichtiges gelungen: Die Zustände an den Unis sind leidenschaftlicher öffentlicher Streitpunkt geworden.

Herrlich: Wir werden deswegen zum Beispiel davon verschont, vom „traditionellen polit-journalistischen Komplex“ tagelang mit Erörterungen belästigt zu werden, wer denn jetzt gegen Heinz Fischer schon oder auch nicht antritt. Neben der wichtigen Frage, nein, dem empörten Aufschrei, wie erbärmlich die finanzielle Dotierung, die Wertschätzung für unsere Universitäten aussieht, schiebt sich eine weitere, fundamentale ins Zentrum: jene nach dem Zustand und den Möglichkeiten der Demokratie in Österreich. Eins fällt bei den Studenten sofort auf: ihre Ablehnung gegen alles, was nach Institutionen, Parteien, ja grundsätzlich Vertretungskörpern aussieht.

Stattdessen ihr gelebter Slogan „Wir machen es selbst“. Und hier beginnen sich die Geister der Öffentlichkeit zu scheiden. Menschen, die noch nie ein Werkzeug der digitalen sozialen Medien, ob Facebook, Twitter oder Ähnliches, genutzt haben, muss deren Organisations- und Kommunikationsstil völlig unverständlich sein.
Hier gibt es weder einen Redaktionsschluss noch können die „Anderen“ von der Kommunikation ausgeschlossen werden. „Zurückreden“ sowie eigene Ideen und Initiativen einbringen, völlige Transparenz fordern und sich in Sekundenschnelle übers Wesentliche informieren ist jetzt plötzlich Prinzip. Jeder, der dabei sein will, ist sofort mittendrin. Weil es keine zentral steuernde Mitte gibt. Das kann man nicht erklären, da muss man dabei sein, um dieses gewaltige Potenzial zu erahnen. Eigentlich lautet die implizite Botschaft der Studenten, lautstark und kraftvoll vorgetragen und vorgelebt: „Wir brauchen eure verknöcherte, lahme, klüngelzentrierte repräsentative Demokratie nicht mehr! Denn wir haben kaum etwas von ihr, aber auch sonst bringt sie kaum etwas zustande.“

Sie haben recht: Unsere Demokratie liegt auf der Intensivstation. Man frage irgendwen im „traditionellen polit-journalistischen Komplex“: „Glaubst du, diese Demokratie mit diesen Akteuren kann die überall geforderte Bildungsreform, eine notwendige Umgestaltung unseres Gesundheitswesens, ein wirksames Klimaschutzprogramm oder eine wirkliche Erneuerung des ORF ausarbeiten?“ Man wird ein zynisches Lächeln sowie ein klares „Nein“ erhalten. Das Establishment hat sich längst aufgegeben. Die Studenten sind vom Gift des Zynismus noch nicht angesteckt. Aber anstatt „das System“ bloß zu kritisieren, schaffen sie sich höchst effizient und in kürzester Zeit ein eigenes.Und sie agieren transnational. Der Protest ist längst auf dutzende deutsche Universitäten übergesprungen, interaktive Karten (zum Beispiel im wunderbaren Blog von Tom Schaffer, zurpolitik.com) werden stündlich aktualisiert, und es wird gelernt.

Dass Denken vom Handeln nicht zu trennen ist, dass erst neue Wirklichkeiten neue Gedanken ermöglichen, das erproben Tausende jeden Tag im Audimax verschiedenster Hochschulen. Wenn sich kopfschüttelnd nicht nur ältere Semester darüber alterieren, dass zu viel gefeiert wird, dann zeigen sie damit nur, dass sie nichts kapiert haben.

Jede Kultur hat auch ihre Feste, ihre Musik und Filme, das Laute und Wilde. Sonst wäre es blutleer. Auf den europäischen Unis werden derzeit die Grundlagen einer neuen Demokratie gelegt. Denn die alte ist müde und ausgelaugt, sie hat immer weniger Anhänger, löst kaum mehr Probleme, ist mehr erstarrtes Ritual als lebendige Auseinandersetzung. „Postdemokratie“ nannte es vor Jahren Colin Crouch und verwies vor allem auf die Entwicklung in Italien unter Silvio Berlusconi, wo hinter einer scheindemokratischem Fassade dank perfekter „Belustigung“ durch gesteuerte Medien die ökonomisch Mächtigen ihre Strippen ziehen. Es fällt nicht schwer, sich diesen beängstigenden Prozess auch in Österreich vorzustellen. Und dann, ganz plötzlich, scheinbar aus dem Nichts, geht ausgerechnet von Wien diese internationale Demokratiebewegung aus. Während „old politics“ sündteure Spindoktoren dingt, um irgendwelche Botschaften via „old media“ unters Volk zu bringen, beziehungsweise Millionen an Steuergeldern ausgibt, um Inseratenseiten zu buchen, damit „wohlwollende“ Berichterstattung abfällt, entwickeln die Studenten ein unglaublich feines Gespür, wie man Öffentlichkeit herstellt.

Überall sonst auf der Welt hätten sie eine große Bank, ein Ministerium oder eine Zeitungsredaktion besetzt. Und in Wien? Das Burgtheater! Da klatscht und buht das Publikum, hier ist die wirklich große Bühne. Das hatte schon weiland Claus Peymann gewusst. Am Tag danach waren alle Medien voll damit. Und es wäre nicht Wien, wo man jemanden kennt, der jemanden kennt – und so hatten die Studenten, wozu auch unnötiger Wickel, den publikumswirksamen Auftritt mit den Hausherren der Burg abgesprochen.

So macht man das. Aber wie weiter? Wenn dieser (einmal noch!) „traditionell polit-journalistische Komplex“ noch einen Funken Verstand hat, dann nutzt er die Chance, die ihm die Studenten geben. Er greift die Frage auf, welche die Studenten so nachdrücklich stellen: Hinter der Forderung „Bildung statt Ausbildung!“ muss endlich grundsätzlich die Aufgabe, Rolle und Finanzierung (in dieser Reihenfolge) öffentlich und breit diskutiert werden. Eine Parlamentarische Enquete, die dies ein Jahr lang unter Einbeziehung der Studierenden sowie Angehörigen des Hochschulwesens diskutiert und dann auch zu konkreten Ergebnissen kommt, könnte ein Weg sein.

Am Ende käme man wahrscheinlich drauf, dass es einen Unterschied zwischen Fachhochschulen und Universitäten gibt, der ein anderer ist als der derzeitige, wo man sich auf der FH bewirbt und nur dann, wenn man nicht genommen wird, auf die Uni geht. Und man wird sogar einen Konsens darüber erzielen können, deutlich mehr Mittel in die „Infrastruktur“ Universität statt in weitere Straßentunnel zu stecken, die ebenso „deutsche“ Touristen benutzen.

Schließlich werden viele Wege neu zu gehen, Demokratie neu zu erfinden, zu erproben sein. Dass es anders geht, zeigt sich gerade an unseren Universitäten. Denn derzeit haben wir uns weit davon entfernt zu empfinden, dass Demokratie so verstanden wird: „(…) that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth“.



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