Subjektives Statistikgefühl
Ostbanden überschwemmen das Land und rauben alles, was sie in ihre diebischen Osthände bekommen. Wie Politik und Boulevard aus einem kriminologischen Problem einen Abwehrkampf gegen Ausländer machen.
Text: Nikolaus Jilch, Anna Giulia Fink, Moritz Gottsauner-Wolf
Illustration: Thomas Hamann

Schnaps? „Nein danke, wir sind im Dienst“, antwortet Roland F. dem alten Mann mit der Flasche. Geschenke dürfen die Rekruten und Milizsoldaten des Bundesheers nicht annehmen. Auch nicht, wenn sie bloß zum Flanieren abkommandiert wurden. Roland F. hat heute Nachtdienst. Gemeinsam mit einem Kollegen wandert er durch die Straßen von Pamhagen, einem 1.700-Einwohner-Nest im nördlichen Burgenland. Die Grenze zu Ungarn ist nur zwei Kilometer entfernt.
Laut Befehl müssen die Soldaten an sogenannten Meldepunkten jeweils 20 Minuten Wache halten, bevor sie ihre Patrouille fortsetzen. Roland F. und sein Kollege bewachen hintereinander das Gemeindeamt, die Kirche, das Postamt, den Sportplatz und eine Garage. In dieser Nacht bleibt alles ruhig in Pamhagen. „Wir dürfen sowieso niemanden verhaften oder auch nur festhalten. Nur die Polizei rufen“, sagt Roland F. Das Bundesheer hat keinerlei Exekutivbefugnisse. Der Soldat, seine Uniform, das Maschinengewehr und die knallorange Warnweste sind Teile einer großen Inszenierung, die sich Assistenzeinsatz nennt. „Das hat schon etwas Sinnloses“, sagt Roland F. „Aber die Leute lieben es halt.“ Leute wie Marianne H., an deren Haus die Bundesheerpatrouille vier Mal täglich vorbeispaziert. „Man fühlt sich auf jeden Fall sicherer, wenn das Heer hier ist“, sagt die Pamhagener Pensionistin.
Der Gefreite Roland F. kann sie nicht verstehen. Er hat noch keinen Einbrecher ertappt, keinen Autoknacker in die Flucht geschlagen. Dabei war er schon in fast allen Gemeinden des Bezirks im Einsatz. Einmal ist er einen halben Tag lang neben einem Supermarktparkplatz im Gras gelegen. „Das gehört zum Standardprogramm im Burgenland“, sagt Roland F. Rund 700 sogenannte „Wahrnehmungen“, die auf ein Verbrechen hindeuten könnten, hat das Bundesheer im vergangenen Jahr an die Polizei weitergeleitet. Nur 40 davon betrafen strafbare Handlungen.
Fast wäre der Bundesheereinsatz im November auf die Landeshauptstadt Eisenstadt ausgeweitet worden. Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) hätte es sich so gewünscht, ist aber bei Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) vorerst abgeblitzt. Niessl sagt, das Burgenland ist ein „Sicherheitsdienstleister für Österreich und die Europäische Union“ und die Präsenz von Soldaten in Eisenstadt eine „logische Konsequenz“ daraus.
Sein Konzept für die Festung Burgenland besteht aus mehr Polizei, mehr Bundesheer, mehr Wachsamkeit bei den Bürgern. „Die Bevölkerung soll sensibilisiert werden, mit offenen Augen durch die Nachbarschaft zu gehen“, sagt Niessl. Dass 2008 im Burgenland lediglich 241 Einbrüche in Häuser und Wohnungen angezeigt wurden, lässt Niessl nicht als Argument gegen die Sicherheitsoffensive gelten. „Die Leute haben Angst“, sagt Niessl, der sich im kommenden Jahr einer Landtagswahl stellen muss.
Woher er das weiß? Von den Leuten, sagt der Landeshauptmann. Mit denen rede er immer wieder, in den Gasthäusern seiner Heimatgemeinde Frauenkirchen, am Hauptplatz, in der Kirche. „Sie haben Angst davor, dass die Einbrüche steigen. Und das wollen die Leute nicht“, sagt Niessl. Dabei ist das Burgenland laut Fekter nicht weniger als „das sicherste Bundesland, das wir haben“. „Der erste Bezirk in Wien hat um Häuser mehr Delikte als das gesamte Burgenland“, sagte sie bei einer gemeinsam mit Niessl abgehaltenen Pressekonferenz im November. In Vorarlberg wurden 2008 rund hundert Einbrüche mehr angezeigt als im am weitesten östlich gelegenen Bundesland. In Bregenz patrouilliert trotzdem kein einziger Soldat. Warum wollen 86 Prozent der Burgenländer (laut einer Umfrage des Innenministeriums) trotzdem, dass das Bundesheer im Land bleibt? Wovor haben sie so große Angst? Vor den „Ostbanden“.
Organisierte Einbrecherbanden aus Osteuropa haben Drogendealer und jugendliche Gewalttäter aus den Schlagzeilen der Boulevardpresse verdrängt. Seit Ende 2008 jagt eine Schreckensmeldung die nächste. Die Anzahl der Einbrüche steigt angeblich dramatisch, die Täter stammen angeblich immer aus Georgien, Moldawien, Rumänien oder Serbien. Fast entsteht der Eindruck, dass es außer Einbrechern keine Kriminellen mehr gibt. Alle Parteien und Politiker warnen vor der Gefahr aus dem Osten, niemand versucht zu beruhigen oder zu relativieren. Dabei ist die Anzahl der angezeigten Einbrüche seit Jahren rückläufig.

Ein leichter Anstieg im vergangenen Winter scheint Grund genug für einen Bundesheereinsatz zu Friedenszeiten im Inland und die Gründung einer 200 Polizisten starken Sonderkommission. Bis Oktober dieses Jahres wurden rund 17.000 Einbrüche angezeigt. Im Vergleichszeitraum 2007 waren es genauso viele, 2008 ein bisschen weniger. Und selbst diese Zahlen sind wenig aussagekräftig: Die Kriminalstatistik des Innenministeriums zählt nur die Anzeigen, nicht die tatsächlichen Verbrechen. Dazu kommt, dass die Polizei gerade einmal sechs bis neun Prozent der wirklich erfolgten Einbrüche aufklären kann. „Wobei wir uns heuer um rund 1,5 Prozent verbessert haben“, sagt Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamts. Der Großteil der Täter bleibt trotzdem unbekannt. Auf diesem mageren Zahlenmaterial baut der gesamte Diskurs über ausländische Einbrecherbanden in Österreich auf.
Publizistische Instanz in Sachen Ausländerkriminalität ist bisher die Kronen Zeitung. Knapp drei Millionen Leser hat das mächtige Boulevardblatt in Österreich, mit Abstand am erfolgreichsten ist es im Burgenland. Seit 2003 hat die Krone hunderte Artikel über sogenannte „Ostbanden“ veröffentlicht: „Ostbanden haben aufgerüstet“, „Ostbanden planen neuen Coup!“, „Wie Ostbanden organisiert sind“ lauteten einige der Schlagzeilen.
Dass die Zeitung massiven Einfluss auf ihre Leser hat, beweist eine Umfrage, die GfK Austria für den neuen Integrationsbericht des Innenministeriums durchgeführt hat. 42 Prozent der Krone-Leser wollen die Zuwanderung nach Österreich beschränken. Genauso viele Leser meinen, dass schon zu viele Ausländer in Österreich leben würden. Nur 16 Prozent fordern mehr Verständnis für Probleme von Ausländern. 19 Prozent der Krone-Leser stimmen mit folgendem Satz „sehr überein“: „Mit den Ausländern kommt vor allem die Kriminalität.“ Wenn die Wähler auf die Krone hören, müssen die Politiker reagieren. Laut einer Studie, die der Politikwissenschaftler Fritz Plasser (Universität Innsbruck) für sein neues Buch („Politik in der Medienarena“, Facultas) durchgeführt hat, sieht jeder dritte Politiker in Österreich in der Kronen Zeitung das Leitmedium des Landes.
Auf den „Ostbanden“-Begriff hat die Krone aber kein Monopol. Ihn nutzen auch die Autoren von der Boulevard-Konkurrenz Österreich sowie die Politiker von FPÖ und BZÖ. Johann Gudenus, der Sicherheitssprecher der Wiener FPÖ, hat besonders große Angst. Das Wien, in dem er lebt, ist ein grässlicher Ort. „Menschen wollen ihre Wohnungen nicht mehr nach 17 Uhr verlassen. Menschen fürchten sich nach Einbruch der Dunkelheit durch die Strassen und Gassen Wiens zu gehen. Sie fahren auch nur mehr ungern U-Bahn“, ließ er die Welt im vergangenen Jahr per Presseaussendung wissen. Das Grundproblem beschreibt Gudenus so: „Verbrecher bekommen in Wien geradezu eine Einladung, ihre kriminellen Vorlieben in schwungvoller Dynamik in allen Bezirken auszuleben.“
Die „straffällig gewordenen Asylwerber“, schreibt Gudenus, sollen „hinter Gitter“. In den Augen der Rechten sind die Grenzen zwischen organisierter Kriminalität, Asylwerbern und Einwanderern fließend. FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache, der kommendes Jahr Wiener Bürgermeister werden will, ist noch besser informiert. In Wien herrsche „Sicherheitsnotstand“, sagte Strache im April. „In der Regel wissen wir, dass das Täter aus den osteuropäischen Ländern sind, die auch relativ ungehindert wieder zurückfahren in ihre Heimatländer“, sagte Strache bei einer Pressekonferenz im Rathaus. „Traurige Realitäten“ seien das. Seine Lageeinschätzung beruhe auf Zahlen, die ihm von anonymer Seite zugespielt wurden, behauptete Strache.
Trotz mehrmaliger Anfragen waren weder Gudenus noch Strache zu einem Gespräch für diesen Artikel bereit. Ihr ehemaliger Parteikollege Peter Westenthaler, heute Sicherheitssprecher des BZÖ, sagt, welche Maßnahme sich das rechte Lager zur Verbrechensbekämpfung wünscht: „Die Ostgrenzen wieder schließen, zumindest vorläufig. Außerdem brauchen wir mehr Polizisten.“
Grenzen und Polizisten, West und Ost, Drinnen und Draußen. Das sind die Ebenen, auf denen Sicherheitspolitik in Österreich diskutiert wird. Den Ton der Debatte geben Rechtspopulisten und Kronen Zeitung vor. Die Logik ist simpel: Es wird mehr eingebrochen, die Österreicher sind verängstigt und schuld sind die Ausländer. „In den Medien und auch in Aussagen von Polizeibeamten findet oft eine Verallgemeinerung statt“, sagt Heinz Patzelt, Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Österreich. „Am Ende glauben viele, aus Moldawien kommen die Menschen nur, um zu stehlen.“
Die Regierung versucht noch nicht einmal, diesen xenophoben Denkmustern Argumente entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Innenministerin Fekter hatte schon im April vor ausländischen Einbrechern gewarnt, die „wie die Heuschrecken“ über Österreich herfallen würden. Im Oktober verschärfte die Regierung das Fremdenrecht, Asylwerber können jetzt noch schneller abgeschoben werden. Schon im Juli stellte Fekter für die Jagd auf Ostbanden eine eigene Polizeieinheit ab: die Soko Ost. Drei Monate lang war Planquadrat auf den Hauptverkehrsrouten Ostösterreichs. Die Bilanz der Sonderkommission: 76.000 Personenkontrollen, 280 Festnahmen. Geschnappt wurden laut Bundeskriminalamt vor allem Autodiebe, Dokumentenfälscher, Drogendealer, Schlepper und Einbrecher. Alles Delikte, bei denen die Ausländerquote traditionell hoch ist.
Niemand bestreitet, dass organisierte Kriminelle aus Osteuropa für Einbrüche in Österreich verantwortlich sind. „Dass Banden aus Georgien und Moldawien in Österreich aktiv sind, ist aus polizeilichen Ermittlungsergebnissen erkennbar“, sagt Heinz Patzelt. Auch Peter Pilz, der Sicherheitssprecher der Grünen, sagt, dass es „organisierte Kriminalität vor allem aus Serbien, Moldawien und Georgien“ gibt. Weil Polizisten nur für drei Monate zwangsversetzt werden können, wurde die Soko Ost Ende September wieder aufgelöst. Eine der Nachfolgeeinheiten der Sonderkommisson heißt „Intensivtäterermittlung“. Diese Abteilung ist zuständig für die Ermittlungen gegen „Banden aus Serbien, Moldawien und Georgien“, sagt Franz Lang, der Direktor des Bundeskriminalamtes. Die meisten dieser Banden waren freilich schon vor dem Beitritt der östlichen Nachbarländer zum Schengenraum aktiv, also vor der Grenzöffnung Ende 2007. Nicht nur in Österreich. „Manche der Täter, die wir fassen, sind zuvor schon in Spanien oder den Niederlanden festgenommen worden“, sagt Lang.
Einbrüche werden in Österreich fast immer angezeigt. Anders als Gewaltverbrechen, bei denen die Dunkelziffer viel höher ist. Der materielle Schaden durch einen Einbruch wird von Versicherungen ersetzt. Das Unsicherheitsgefühl bleibt. Auch wenn nur beim Nachbarn, bei Kollegen oder bei einer entfernten Tante eingebrochen wurde. „Einbrüche treffen den intimen Bereich“, sagt Lang, „und sie sind besonders brisant aus politischer Sicht.“ Aber wie groß das Problem tatsächlich ist, wie viele Bandenmitglieder wie viele Verbrechen in Österreich begehen, weiß auch im Bundeskriminalamt niemand genau.
Was man weiß ist, dass mehr als zwei Drittel der von der Polizei angezeigten Einbrecher Ausländer sind. Aber mehr als 90 Prozent aller Einbrüche werden nie aufgeklärt. „Bei einer so geringen Aufklärungsquote einfach hochzurechnen, halte ich für sehr kühn“, sagt Arno Pilgram, Kriminologe am Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Der jährliche Kriminalitätsbericht des Innenministeriums bildet die Grundlage aller Diskussionen über Kriminalität in Österreich. „Aber dieser Bericht spiegelt nur die Arbeit der Polizei wider“, sagt Pilgram. Was Politiker gerne als Beweis für steigende Kriminalität nehmen, sind bloß von der Polizei ans Gericht geschickte Anzeigen, die oft abgeschmettert werden. „Nur 17 bis 19 Prozent werden auch verurteilt“, sagt Pilgram. Im weiten Feld der Kriminalität sei es aber notwendig, dass die Polizei Schwerpunkte setze. Pilgrams Logik: Wenn die Polizei gezielt Jagd auf Einbrecher mache, steige die Aufklärungsquote. Wenn sie Jagd auf ausländische Einbrecher mache, steige eben auch der Ausländeranteil in der Statistik.
„Manchmal produziert die Polizei geradezu Kriminalität“, sagt Max Edelbacher, der bis zur unter Ex-Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) durchgezogenen Polizeireform 2002 Chef des damals aufgelösten Wiener Sicherheitsbüros war. Heute ist Edelbacher in Pension. „Es gibt eine enorme Notwendigkeit, Fallzahlen zu produzieren“, sagt er. Das verzerre auch die Statistik. Und die Medien seien daran sicherlich mitschuldig. „Die Zeitungen interessieren sich natürlich für Morde und Einbrüche, nicht für Betrug. Da ist die Polizei oft ein Getriebener“, sagt Edelbacher.
Dass die traditionelle Statistikführung zu Missbrauch und Desinformation führen kann, weiß man auch im Bundeskriminalamt. „Wir überprüfen derzeit, ob wir die richtigen Parameter verwenden“, sagt Direktor Franz Lang. „Vor allem die Opferforschung gehört verstärkt.“ Opferbefragungen, wie sie etwa in den Vereinigten Staaten üblich sind, gab es in Österreich bisher nicht. Dabei zeichnen die Daten aus der bisher letzten, von der EU in Auftrag gegebenen, europaweiten Befragung aus 2005 ein anderes Bild als die meisten Politiker und die Boulevardzeitungen: Die Österreicher fürchten sich im Europavergleich kaum vor Verbrechen; sie halten viel von der Arbeit der Polizei und fühlen sich generell sehr sicher. Nur Schweden, Dänen, Finnen und Holländer fürchten sich noch weniger vor Einbrechern als die Österreicher. Selbst nach hohen Gefängnisstrafen für Einbrecher verlangt nur eine Minderheit. Nur in einem Bereich liegt Österreich weit über dem Durchschnitt: bei sexueller Gewalt gegen Frauen. Dass in Sachen Vergewaltigung, Nötigung und Kindesmissbrauch die Inländer in der Kriminalitätsstatistik dominieren, hat die Kronen Zeitung so noch nie berichtet.
Der Kriminologe Arno Pilgram studiert die Kriminalitätsberichte und ihre mediale Verwertung seit mehr als zwei Jahrzehnten und sagt, dass es „erschreckend ist, wie da die kriminelle Überlegenheit der Ausländer herbeifantasiert wird.“ Die Liste der Gründe, warum sich die Statistik verzerrt darstelle, sei lang. Sie beginne laut Pilgram mit den Ermittlungen der Polizei: „Wenn ein ausländischer Einbrecher geschnappt wird, wird in dessen Umfeld ermittelt.“ So häufe sich die Anzahl der Ausländer in der Statistik quasi automatisch, während andere kriminelle Szenen unaufgedeckt bleiben. Auch gibt es eine Reihe von Delikten, die zu begehen de facto Ausländern vorbehalten ist. Es gibt etwa kaum Österreicher, die gegen das Asylgesetz verstoßen oder mit gefälschten Papieren erwischt werden. Pilgram hat in den Zahlen auch entdeckt, dass Ausländer in Wien durchschnittlich seltener angezeigt werden als in der Provinz. „Oft ist die Fremdheit überhaupt der Grund für eine Anzeige. In der Großstadt dürfte die Toleranz größer sein als anderswo“, sagt Pilgram.
Die Ungleichbehandlung setzt sich in den Gerichten fort. „Ausländer kommen viel schneller in Untersuchungshaft, Asylwerber sowieso“, sagt Andreas Scheil, Professor am Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie der Universität Innsbruck. Oft sei die Strafe des Gerichts auf die bereits abgesessene Zeit in Untersuchungshaft abgestimmt, sagt Scheil: „Damit man nicht sagen kann, dass jemand zu Unrecht in U-Haft gesessen ist.“ Dass 17 Prozent der angezeigten In- und 19 Prozent der Ausländer verurteilt werden, lasse aber auf eine faire Behandlung durch die Polizei schließen. Die Anzeigenstatistik der Polizei nennt Scheil trotzdem „inhaltsleer, weil die Interpretationsmacht der Beamten viel zu groß ist“. Wenn die Polizei jemanden wegen Mordes bei Gericht anzeigt, wird ein Mord in der Statistik gezählt. Egal, ob das Gericht den Verdächtigen nur wegen Totschlag verurteilt oder gar freilässt. Die Daten seien einfach zu dünn, um ernsthaft In- und Ausländer vergleichen zu können, sagt auch Scheil. „Asylwerber etwa sind in der Regel junge Männer, die nicht arbeiten dürfen und nichts zu tun haben. Da kommt man schnell auf blöde Ideen.“
Man müsste sie also mit Österreichern in einer ähnlichen Situation vergleichen, um eine gültige Aussage treffen zu können. „Es wird in Österreich aber keine Wissenschaft betrieben, um den sozialen Status der Verdächtigen aufzuklären“, sagt Scheil. Auch die Bezugsgröße fehlt. Der Anteil der Ausländer in der Wohnbevölkerung beträgt offiziell rund zehn Prozent. Wie viele Ausländer tatsächlich in Österreich leben, weiß aber niemand. Dazu kommen jedes Jahr viele Millionen Touristen. „Im Winter ist doch halb Bayern in Tirol zum Skifahren“, sagt Scheil.
Tatsächlich sind rund 45 Prozent der Gefängnispopulation in Österreich ausländischer Herkunft. Der hohe Anteil habe auch mit der Verurteilungsphilosophie der Gerichte zu tun, sagt Kriminologe Arno Pilgram. „Bei Österreichern wird auf unbedingte Haft eher verzichtet. Ausländer müssen dagegen in der Regel auch kurze Strafen absitzen.“ Unter den Lebenslänglichen und den geistig abnormen Rechtsbrechern im Maßnahmenvollzug, die gemeinsam rund 15 Prozent der Häftlinge ausmachen, finde man hingegen fast nur Österreicher.
Die FPÖ lässt sich von solchen Argumenten ungern ablenken. Es gehört geradezu zur Tradition der Partei, vier Mal jährlich eine einschlägige parlamentarische Anfrage ans Innenministerium zu richten. Die Frage lautet stets gleich: Wie viele Ausländer wurden in den vergangenen Monaten angezeigt und woher kommen sie? Wenn das Ministerium die Zahlen nach Ablauf der achtwöchigen Frist herausrückt, nutzen die freiheitlichen Politiker diese, um gegen Ausländer zu hetzen. Höchst selektiv. In seinem Videoblog sagt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, dass „Fremdenkriminalität eines der Hauptprobleme in Österreich“ sei. Zum Beweis zitiert er aus der Anzeigenstatistik. Er erzählt von den Bosniern, Rumänen und Türken, die in Österreich angezeigt wurden. Es folgen die Anzeigen gegen Asylwerber aus Georgien, Moldawien, Nigeria und Marokko. Dann fordert Strache Abschiebungen und Grenzschließungen. Welche Nation sich die Anzeigen-Goldmedaille für das erste Halbjahr 2009 gesichert hat, verschweigt er. Es waren die Deutschen.
Die Innenministerin sieht trotzdem keinen Grund, nach der Soko Ost auch eine Soko West einzuführen: „Bei den Anzeigen gegen Deutsche handelt es sich meist um kleinere Vergehen wie zum Beispiel Verkehrsstrafen“, sagt Maria Fekter. Das Argument, dass die Aufklärungsquote zu gering sei, um schlüssig sagen zu können, wie viele Einbrecher aus dem Ausland kommen, lässt Fekter nicht gelten. „Aufgrund unserer modernen Fahndungsmethoden, wie der DNA-Analyse, können wir das schon hochrechnen“. Bei Einbrüchen in Wohnungen, Häuser und Autos gehe „ein Großteil der kriminellen Energie“ von Ausländern aus, sagt Fekter.
Man müsse auch darauf schauen, was gestohlen wird, sagt Hansjörg Schlechter. Der Wiener ist seit mehr als drei Jahrzehnten in der Bewährungshilfe tätig und verfolgt als Sozialarbeiter beim Verein „Neustart“ die Kriminalitätsentwicklung mit eigenen Augen. „Computer, Fernseher und andere Konsumwaren, für die es nur in armen Gesellschaften überhaupt noch einen Markt gibt“, sagt Schlechter: „Ein österreichischer Einbrecher, der einen PC stiehlt, ist entweder drogensüchtig oder dumm.“ Einbrechen zahle sich für österreichische Kriminelle meist nicht aus. „Außerdem fehlt oft das handwerkliche Geschick“, sagt Schlechter. Und die Einheimischen, die das Geschick haben, spezialisieren sich auf lukrativere Formen der Kriminalität.
Peter Pilz, der Sicherheitssprecher der Grünen, sagt: „Wenn es dort, wo die Banden herkommen, etwas zu stehlen gibt, werden sie auch dort stehlen.“ Die Bandenkriminalität sei in erster Linie ein Armutsproblem. Das Wohlstandsgefälle sei schuld, nicht die „kriminelle Energie“. Aber Pilz, Schlechter, der Polizist Franz Lang, der Kriminologe Arno Pilgram und der Jurist Andreas Scheil sagen genauso wie Niessl, Fekter, Strache und Westenthaler, dass es immer um das „subjektive Sicherheitsgefühl“ in der Bevölkerung geht. Die Marktanalyseagentur Kreutzer Fischer & Partner berichtet, dass die Nachfrage nach Alarmanlagen jährlich um etwa sechs Prozent steigt, bei Sicherheitstüren um fast zehn Prozent. Als Grund für die Aufrüstung von Eigenheimen wird nicht etwa die Kriminalstatistik zitiert, sondern die Entwicklung der Berichterstattung über Diebesbanden.
Das wird in den Medien überbewertet. Nicht alles ist auf organisierte Kriminalität zurückzuführen. Es gibt auch viele aus- und inländische Einzeltäter“, sagt Andreas Kohs, Bezirkspolizeikommandant von Neusiedl am See, wo laut Landeshauptmann Hans Niessl zu wenige Polizisten zur Einbrecherabwehr stationiert sind. „Vor zwei Jahren hat es in den Zeitungen noch geheißen, die Russen und Ukrainer kommen in Massen, um hier etwas anzustellen. Was ist passiert? Gar nichts. Es sind sogar weniger geworden“, sagt Kohs. Trotzdem patrouilliert weiter das Bundesheer durch den Bezirk, um das „subjektive Sicherheitsgefühl“ der Bevölkerung zu heben. Dass ein Militäreinsatz in Friedenszeiten ein falsches Signal an die Bevölkerung senden könnte, glaubt Kohs nicht. „Der Großteil der Bevölkerung sieht das positiv. Aber manchen Menschen aus der Kriegsgeneration wird vielleicht etwas mulmig, wenn sie Soldaten vor der Haustüre sehen.“
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Laut Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Kommission, ist die Zahl der in der EU angezeigten Straftaten seit 2002 rückläufig. Von 1999 bis 2002 war noch ein Anstieg von rund 16,5 Millionen auf rund 17,5 Millionen Straftaten zu verzeichnen. 2007 befand sich die Anzahl der Strafdelikte wieder in etwa auf dem Stand von 1999. Die Wahrscheinlichkeit, gewaltsam zu Tode zu kommen, ist EU-weit in Österreich am niedrigsten. Hier kommen auf 100.000 Einwohner 0,64 Tötungsdelikte. Spitzenreiter ist Litauen mit 9,69. Aufgrund unterschiedlicher Strafverfolgungssysteme und Regelungen, nach denen Straftaten erfasst werden, sind Vergleiche der EU-Länder anhand der Anzeigenstatistik unter Umständen nicht aussagekräftig.
Allerdings lassen sich Trends ablesen. Die Zahl der Wohnungseinbrüche nahm in Europa von 1998 bis 2007 um drei Prozent ab. Für Österreich war aufgrund schwankender Zahlen kein klarer Trend erkennbar. Ein Aufwärtstrend konnte jedoch in keinem EU-Land festgestellt werden. Die meisten Einbrüche (in absoluten Zahlen) fanden 2007 mit 304.881 im Vereinigten Königreich statt, die wenigsten mit 735 auf Malta. Die Zahl der Autodiebstähle von 1998 bis 2007 sank europaweit um sieben Prozent (die größte durchschnittliche Abnahme pro Jahr wurde mit 22 Prozent in Bulgarien verzeichnet). Die Gewaltdelikte in der EU nahmen im selben Zeitraum um drei Prozent zu. Den höchsten erkennbaren jährlichen Anstieg hatte mit acht Prozent Luxemburg. Die Zahl der Häftlinge in Europa blieb indes konstant. Mit durchschnittlich 107 Häftlingen pro 100.000 Einwohnern lag Österreich in der Zeit von 2005 bis 2007 im europäischen Mittelfeld. Mit 367 verzeichnete das Vereinigte Königreich den höchsten Wert, Slowenien mit 60 den niedrigsten. Die Zahl der Polizisten blieb seit 1998 fast unverändert. 2007 versahen in Europa rund 1,5 Millionen ihren Dienst.
















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