Letzte Fragen an ... Karl Merkatz
Interview: Martin Prinz, Klaus Stimeder
Dokumentation: Nicole Bojar
Foto: Gianmaria Gava
„Wir sind heute alle nur mehr Arbeiter“
Karl Merkatz (76), der Sohn eines Feuerwehrmanns lernte zunächst Tischler. Schon bald jedoch entdeckte er seine Liebe zum Schauspiel. Er nahm Unterricht in Salzburg, Wien und Zürich. Bundesweit berühmt wurde Merkatz durch seine Darstellung des Edmund „Mundl“ Sackbauer in der TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter.“ Merkatz’ wohl wichtigste Rolle war aber die des Fleischers Anton Bockerer unter der Regie von Franz Antel: „Der Bockerer“ (1981), „Der Bockerer II – Österreich ist frei“ (1996), „Bockerer III – Die Brücke von Andau“ (1999) und „Bockerer IV – Prager Frühling“ (2003).

Im Laufe seiner Karriere wirkte Merkatz in mehr als 250 Film- und Fernsehproduktionen mit und hatte mehr als 150 Theaterengagements, darunter in Heilbronn, Nürnberg, Salzburg, Mörbisch, Wien, Hamburg und Antwerpen.
Merkatz wurde unter anderem mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Wien ausgezeichnet. Heute lebt er zurückgezogen mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus in Irrsdorf in Salzburg.
Herr Merkatz, wie geht es den Österreichern heute? Was hält uns zusammen?
Wir leben heute in einem Schlamassel. Den Österreichern geht es an und für sich sehr gut. Es gibt zwar eine Menge Arbeitslose, davon eine nicht allzu große Zahl von so genannten Fremdarbeitern. Und eine Menge junge Leute, die gerne Arbeit hätten, aber keine bekommen. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die für einen Cent arbeiten gehen, damit sie die Arbeitslose bekommen. Warum gibt man diesen Leuten nicht einen vollen Job? Das kapier ich nicht.
Wann ist bei Ihnen erstmals so etwas wie ein Österreich-Bewusstsein entstanden?
Ich bin nie so ein glühender Anhänger Österreichs gewesen. Ich bin mit 20 in die Schweiz gegangen, anschließend habe ich mit Unterbrechungen nahezu 20 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. Ich habe nie das bekommen, was man ein spezifisch austriakisches Gefühl nennen würde. Außer vielleicht während internationaler Krisen wie der um den Suezkanal. Da lebten wir gerade in Hamburg und hatten das Gefühl, wir müssen uns schnell einen fixen Wohnsitz in Österreich anschaffen. Meine Generation hat es ja noch erlebt, dass in bestimmten Situationen die so genannten Ausländer interniert wurden oder zumindest Meldepflicht hatten.
Sie sind in den Dreißigern aufgewachsen, einer Zeit, als man die Österreicher noch in Stände unterteilte. Sie selbst haben Tischler gelernt. Haben Sie sich als Teil der Arbeiterklasse gesehen?
Dieses Wort „Arbeiterklasse“ gab es damals, heute nicht mehr. Der Mundl gehörte noch zum Proletariat. Das Proletariat ist ja lange Zeit ein edles Wort gewesen, der Proletarier war ja ein edler Mensch. Das weiß heute nur niemand mehr. Ich bin eher ein Weltbürger. Die Arbeiterklasse ist ja heute nichts anderes mehr als ich, du, er, sie, es. Auch wenn der eine ein Herr Doktor ist oder ein Herr Professor. Wir sind heute alle nur mehr Arbeiter.
Das sagt Frank Stronach auch.
Sehr schön. Dann bin ich mit diesem Gedanken nicht allein.
Mit der Darstellung des Edmund Sackbauer in der ORF-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ haben Sie das Bild des Österreichers – zumindest das des Ostösterreichers – mitgeprägt. Wie sieht der echte Wiener 2006 aus?
Die Wiener sind ein besonderer Menschenschlag. Der Ernst Hinterberger, der Autor der Serie, hat dem Wiener einfach aufs Maul geschaut, und zwar so, wie man einer Kuh oder einem Pferd aufs Maul schaut. Genauso wie es der H.C. Artmann gemacht hat, mit dem ich ein bisschen befreundet war, mit dem hab ich so einiges getrunken. Ich bin ja alles andere als ein echter Wiener. Ich hatte nur einen Onkel, der ein echter Wiener war, aber der sprach noch das Kaiserwienerische. Darin gab es Wörter wie „Arschloch“ oder „Trottel“ noch nicht.
Die Hubritscheks und die Stranitzkys, Leute, deren Vorfahren aus den Staaten der Donaumonarchie kamen, sind alle wie selbstverständlich Österreicher geworden. Die neue Generation an Einwanderern kommt aus anderen Ländern. Deshalb ist es auch ein Kasperltheater, was sich da momentan in Kärnten mit den Ortstafeln abspielt. Aber auch dieses Kasperltheater beschreibt den momentanen Zustand des österreichischen Volkes.
Sie hatten einmal ernsthaft vor, nach Australien auszuwandern. Bereuen Sie es, es nicht getan zu haben?
Nein. Wir sind ja dann doch dageblieben, weil genau an jenem Tag, an dem wir aufs Konsulat gehen wollten, plötzlich ein Engagement gekommen ist. Aber die Sehnsucht ist geblieben. Ich und meine Frau sind dort öfters hingefahren, als meine Töchter schon groß waren
Karl Merkatz (76), der Sohn eines Feuerwehrmanns lernte zunächst Tischler. Schon bald jedoch entdeckte er seine Liebe zum Schauspiel. Er nahm Unterricht in Salzburg, Wien und Zürich. Bundesweit berühmt wurde Merkatz durch seine Darstellung des Edmund „Mundl“ Sackbauer in der TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter.“ Merkatz’ wohl wichtigste Rolle war aber die des Fleischers Anton Bockerer unter der Regie von Franz Antel: „Der Bockerer“ (1981), „Der Bockerer II – Österreich ist frei“ (1996), „Bockerer III – Die Brücke von Andau“ (1999) und „Bockerer IV – Prager Frühling“ (2003).

Im Laufe seiner Karriere wirkte Merkatz in mehr als 250 Film- und Fernsehproduktionen mit und hatte mehr als 150 Theaterengagements, darunter in Heilbronn, Nürnberg, Salzburg, Mörbisch, Wien, Hamburg und Antwerpen.
Merkatz wurde unter anderem mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Wien ausgezeichnet. Heute lebt er zurückgezogen mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus in Irrsdorf in Salzburg.
Herr Merkatz, wie geht es den Österreichern heute? Was hält uns zusammen?
Wir leben heute in einem Schlamassel. Den Österreichern geht es an und für sich sehr gut. Es gibt zwar eine Menge Arbeitslose, davon eine nicht allzu große Zahl von so genannten Fremdarbeitern. Und eine Menge junge Leute, die gerne Arbeit hätten, aber keine bekommen. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die für einen Cent arbeiten gehen, damit sie die Arbeitslose bekommen. Warum gibt man diesen Leuten nicht einen vollen Job? Das kapier ich nicht.
Wann ist bei Ihnen erstmals so etwas wie ein Österreich-Bewusstsein entstanden?
Ich bin nie so ein glühender Anhänger Österreichs gewesen. Ich bin mit 20 in die Schweiz gegangen, anschließend habe ich mit Unterbrechungen nahezu 20 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. Ich habe nie das bekommen, was man ein spezifisch austriakisches Gefühl nennen würde. Außer vielleicht während internationaler Krisen wie der um den Suezkanal. Da lebten wir gerade in Hamburg und hatten das Gefühl, wir müssen uns schnell einen fixen Wohnsitz in Österreich anschaffen. Meine Generation hat es ja noch erlebt, dass in bestimmten Situationen die so genannten Ausländer interniert wurden oder zumindest Meldepflicht hatten.
Sie sind in den Dreißigern aufgewachsen, einer Zeit, als man die Österreicher noch in Stände unterteilte. Sie selbst haben Tischler gelernt. Haben Sie sich als Teil der Arbeiterklasse gesehen?
Dieses Wort „Arbeiterklasse“ gab es damals, heute nicht mehr. Der Mundl gehörte noch zum Proletariat. Das Proletariat ist ja lange Zeit ein edles Wort gewesen, der Proletarier war ja ein edler Mensch. Das weiß heute nur niemand mehr. Ich bin eher ein Weltbürger. Die Arbeiterklasse ist ja heute nichts anderes mehr als ich, du, er, sie, es. Auch wenn der eine ein Herr Doktor ist oder ein Herr Professor. Wir sind heute alle nur mehr Arbeiter.
Das sagt Frank Stronach auch.
Sehr schön. Dann bin ich mit diesem Gedanken nicht allein.
Mit der Darstellung des Edmund Sackbauer in der ORF-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ haben Sie das Bild des Österreichers – zumindest das des Ostösterreichers – mitgeprägt. Wie sieht der echte Wiener 2006 aus?
Die Wiener sind ein besonderer Menschenschlag. Der Ernst Hinterberger, der Autor der Serie, hat dem Wiener einfach aufs Maul geschaut, und zwar so, wie man einer Kuh oder einem Pferd aufs Maul schaut. Genauso wie es der H.C. Artmann gemacht hat, mit dem ich ein bisschen befreundet war, mit dem hab ich so einiges getrunken. Ich bin ja alles andere als ein echter Wiener. Ich hatte nur einen Onkel, der ein echter Wiener war, aber der sprach noch das Kaiserwienerische. Darin gab es Wörter wie „Arschloch“ oder „Trottel“ noch nicht.
Die Hubritscheks und die Stranitzkys, Leute, deren Vorfahren aus den Staaten der Donaumonarchie kamen, sind alle wie selbstverständlich Österreicher geworden. Die neue Generation an Einwanderern kommt aus anderen Ländern. Deshalb ist es auch ein Kasperltheater, was sich da momentan in Kärnten mit den Ortstafeln abspielt. Aber auch dieses Kasperltheater beschreibt den momentanen Zustand des österreichischen Volkes.
Sie hatten einmal ernsthaft vor, nach Australien auszuwandern. Bereuen Sie es, es nicht getan zu haben?
Nein. Wir sind ja dann doch dageblieben, weil genau an jenem Tag, an dem wir aufs Konsulat gehen wollten, plötzlich ein Engagement gekommen ist. Aber die Sehnsucht ist geblieben. Ich und meine Frau sind dort öfters hingefahren, als meine Töchter schon groß waren
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