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Musik aus Österreich

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Kotzen mit Krispel

von Gerhard Stöger
Am Backcover von Bob Dylans „The Times They Are A-Changin’“ befinden sich vier „Outlined Epitaphs“ des Meisters. Eines davon beginnt er mit den Worten: „Woody Guthrie was my last idol/ he was the last idol/ because he was the first idol/ I’d ever met/ that taught me/ face to face/ that men are men/ shattering even himself/ as an idol/ and that men have reasons/ for what they do/ and what they say/ and every action can be questioned.“ Im Gegensatz zu Woody Guthrie war Rainer Krispel nie ein Idol im großen Stil, für den Autor dieser Zeilen war er es aber durchaus.

Gefangen in der tiefsten Kärntner Provinz ließ ich mir die Welt als 17-Jähriger durch Popmusik erklären und landete über den Umweg Fugazi, Nirvana, Hardcore-Punk und Fanzinekultur irgendwann auch bei Target Of Demand aus Linz. Einer schnörkellosen Punkband, die Härte mit prägnanten Melodien verband, vor allem aber diese großartigen Texte hatte, die politischen Aufruhr mit mindestens so dringlichen Herzensangelegenheiten verknüpften; geschrieben und lautstark vorgetragen eben von Rainer Krispel. Target Of Demand waren 1991 bereits Geschichte; von ihrer ebenfalls sehr guten Nachfolgeband Seven Sioux habe ich immerhin das Abschiedskonzert im alten Wiener Flex miterlebt. Nach einer von Schnee, Eis, Bad Religion und den Fahrkünsten meines liebsten Kärntner Jugendfreundes geprägten nächtlichen Rückreise ins Dorf habe ich Rainer am Tag nach dem Konzert einen Fanbrief geschrieben, den er – seinen oftmaligen Umzügen sei Dank – glücklicherweise nie bekommen hat.

Jahre später haben wir uns doch noch kennen gelernt. Und obwohl sich die Idolsache im Prinzip erledigt hatte, verstehe ich ganz gut, was Bob Dylan mit seiner Guthrie-Geschichte meinte. Die Target-Of-Demand-LP „Gruss“ habe ich mir später doch noch signieren lassen – nach Unmengen Rotwein in meinem damaligen WG-Zimmer, wo Rainer und ich die Band Deadzibel fürs inzwischen längst eingestellte Wiener Fanzine Chelsea Chronicle interviewt hatten. Beim Aufwachen stellte sich heraus, dass ich erstens zum einzigen Mal in meinem Leben im Schlaf gekotzt hatte und Rainer zweitens bei mir übernachtet hatte und vom halb verdauten Rotwein nicht verschont geblieben war.

Spätere Krispel-Bands wie Danke und Grant haben mich nie sonderlich angesprochen; als Autor war der seit einer guten Dekade in Wien lebende „Schreib- und Musikarbeiter“ aber immer eine Ausnahmestimme in der österreichischen Kulturkritik (siehe sein Essay über die heimische Populärkultur auf Seite 28). Der heute 38-Jährige ist so viel Österreicher, dass stets irgendwo der Schuh drückt, er ist gleichzeitig aber völlig unösterrreichisch, weil daraus praktisch nie ein Jammern, sondern meist eine fundierte Kritik resultiert. Eine Kritik übrigens, die – auch das eine Seltenheit – kaum je vergisst, „Und ich?“ zu fragen. Neuerdings spricht auch der Musiker Rainer Krispel wieder zu mir.

Er hat seine Band Seven Sioux neu belebt – der Originalschlagzeuger Huckey ist als Mitglied der Linzer HipHopper Texta längst anderswo angekommen, ersetzt wird er ausgerechnet vom einstigen Deadzibel-Drummer Pezzy – und mit ihr ungemein beherzt 14 alte Stücke neu aufgenommen. Unter dem Titel „Argue Again“ sind sie beim Wiener Kleinstlabel Fettkakao (www.fettkakao.com) erschienen, und vermutlich wird Rainer die meisten seiner Hörer auch diesmal früher oder später persönlich kennen lernen. Solange „Argue Again“ diesen Hörern etwas bedeutet, hat das aber auch seine Richtigkeit. Wer wird später schon behaupten können, dass ihm Christina Stürmer bei der Menschwerdung geholfen hat?


Bisher erschienene Kolumnen von Gerhard Stöger finden Sie hier.



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