Günter Brus: Datumsgrenze
Handke, Jelinek und die Mörder
Hilfe, ich bin nicht im Stande, meine Kolumne für DATUM zu verfassen! Soll ich mich krank stellen oder mich zur Wahrheit bekennen und vom Herausgeber kühn eine leere Seite einfordern – ein Einfall, welchen einst schon Mallarmé seinem Verleger umsonst abzuringen vermochte?
Ich, ein geborener Waage-Mensch, wähle den Mittelweg, extra den zwischen Dichtung und Wahrheit, den Peter Handke in Form einer Polit-Poesie zu gehen versucht. Er vermeldete, dass er glücklich sei, neben dem Sarg von Milosevic zu stehen. So manch einer schüttelte den Kopf in seiner Ratlosigkeit. So manch einer fragte sich: Ist er nun verrückt geworden oder hat er sich zu weit vorgewagt in seiner trotzigen Widerspruchsmanie? Hat er die Aussicht auf die Rückbesinnung komplett verbaut? Man ist geneigt zu sagen, dass er seiner Philippika gegen die „Weltpresse“ das Motto voranstellte: Serben bringen Glück!
Handke stützt sich auf längst vergangene Ereignisse, auf die vermutlich gewalttätige Albanisierung urserbischen Gebiets. Ach Gott, immer wieder diese ausgestorbenen Amselfeldzüge. Milosevics Motto aber lautete: Willst du nicht mein Sklave sein, schlag ich dir den Schädel ein. Handke, zur Rechtfertigkeit gedrängt, vermeldete, dass es nicht seine Sache sei zu richten. Aber ein Urteil fällt man nicht nur mit der Sprache.
Seine Anwesenheit beim Begräbnis, abgesehen von seiner „Mini-Rede“ (welch ein Wortfehlgriff eines Sprachkünstlers), war ein Urteilsspruch, wenn auch ein „poetisch“ gemeinter. Handke hat sich somit in die Reihe jener Künstler eingereiht, die aus Überzeugung oder bloß aus einem infantilen Querulantentum Diktatoren und Massenmördern ach so poetisch und elfenbeintürmig huldigten.
Die Reihe umfasst zum Beispiel solch respektable Figuren wie Céline, Pound, Weinheber, Hamsun, Sartre und Benn. Aber ein Glied in der Kette war auch Dalí, der Adolf Hitler für ein Genie hielt. Auch die Stalin-Verehrung von Pablo Neruda bis zur französischen Avantgarde wäre hier zu nennen und die Ho-Tschi-Minh- und Mao-Tse-tung-Schreier der Kinderladen-Sozialisten rund um 1968. Das Glück, ihm nahe zu sein, müsste auch Frau Jelinek zu denken geben, abgesehen von der makabren Tatsache, an der Seite einer Leiche glücklich zu sein. Elfriede Jelinek, der gelenken Frauenkämpferin, muss man absurderweise „Burschenschaftstreue“ vorwerfen. Sie, die der jungen Wessely Nazismus vorwarf, verteidigt nun einen erwachsenen Handke, der einem Massenmörder die Hand reichte. Die Nobelpreisträgerin wäscht mit Schmutz die Wäsche.
Wenn Herr Peymann meint, die Affäre könne nur mit dem Nobelpreis an Handke gutgemacht werden, so ist hier in der Tat von Burschenschaftstreue zu reden. Meiner Meinung nach sollte man im Fall von Jugoslawien mehr von tiefster Trauer singen als von Schuldzuweisungen. Aber Handke hatte schon bei seinen Aussagen mitten im Konflikt keine glückliche Hand, bezogen auf Slowenien. Warum sollte dieser Landstrich nicht auf seiner Eigenart bestehen und nicht zuletzt hin zu Europa streben?
Aber Handke hielt den Slowenen Verrat an Jugoslawien, dem Unrettbaren, vor. Er baute, längerfristig gesehen, auf einen antiquierten Panslawismus
Bisher erschienene „Datumsgrenzen“ finden Sie hier.
Ich, ein geborener Waage-Mensch, wähle den Mittelweg, extra den zwischen Dichtung und Wahrheit, den Peter Handke in Form einer Polit-Poesie zu gehen versucht. Er vermeldete, dass er glücklich sei, neben dem Sarg von Milosevic zu stehen. So manch einer schüttelte den Kopf in seiner Ratlosigkeit. So manch einer fragte sich: Ist er nun verrückt geworden oder hat er sich zu weit vorgewagt in seiner trotzigen Widerspruchsmanie? Hat er die Aussicht auf die Rückbesinnung komplett verbaut? Man ist geneigt zu sagen, dass er seiner Philippika gegen die „Weltpresse“ das Motto voranstellte: Serben bringen Glück!
Handke stützt sich auf längst vergangene Ereignisse, auf die vermutlich gewalttätige Albanisierung urserbischen Gebiets. Ach Gott, immer wieder diese ausgestorbenen Amselfeldzüge. Milosevics Motto aber lautete: Willst du nicht mein Sklave sein, schlag ich dir den Schädel ein. Handke, zur Rechtfertigkeit gedrängt, vermeldete, dass es nicht seine Sache sei zu richten. Aber ein Urteil fällt man nicht nur mit der Sprache.
Seine Anwesenheit beim Begräbnis, abgesehen von seiner „Mini-Rede“ (welch ein Wortfehlgriff eines Sprachkünstlers), war ein Urteilsspruch, wenn auch ein „poetisch“ gemeinter. Handke hat sich somit in die Reihe jener Künstler eingereiht, die aus Überzeugung oder bloß aus einem infantilen Querulantentum Diktatoren und Massenmördern ach so poetisch und elfenbeintürmig huldigten.
Die Reihe umfasst zum Beispiel solch respektable Figuren wie Céline, Pound, Weinheber, Hamsun, Sartre und Benn. Aber ein Glied in der Kette war auch Dalí, der Adolf Hitler für ein Genie hielt. Auch die Stalin-Verehrung von Pablo Neruda bis zur französischen Avantgarde wäre hier zu nennen und die Ho-Tschi-Minh- und Mao-Tse-tung-Schreier der Kinderladen-Sozialisten rund um 1968. Das Glück, ihm nahe zu sein, müsste auch Frau Jelinek zu denken geben, abgesehen von der makabren Tatsache, an der Seite einer Leiche glücklich zu sein. Elfriede Jelinek, der gelenken Frauenkämpferin, muss man absurderweise „Burschenschaftstreue“ vorwerfen. Sie, die der jungen Wessely Nazismus vorwarf, verteidigt nun einen erwachsenen Handke, der einem Massenmörder die Hand reichte. Die Nobelpreisträgerin wäscht mit Schmutz die Wäsche.
Wenn Herr Peymann meint, die Affäre könne nur mit dem Nobelpreis an Handke gutgemacht werden, so ist hier in der Tat von Burschenschaftstreue zu reden. Meiner Meinung nach sollte man im Fall von Jugoslawien mehr von tiefster Trauer singen als von Schuldzuweisungen. Aber Handke hatte schon bei seinen Aussagen mitten im Konflikt keine glückliche Hand, bezogen auf Slowenien. Warum sollte dieser Landstrich nicht auf seiner Eigenart bestehen und nicht zuletzt hin zu Europa streben?
Aber Handke hielt den Slowenen Verrat an Jugoslawien, dem Unrettbaren, vor. Er baute, längerfristig gesehen, auf einen antiquierten Panslawismus
Bisher erschienene „Datumsgrenzen“ finden Sie hier.
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