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Feder und Schwert

Nachruf auf Hubertus Czernin, 1956-2006

Text und Fotografie: Jacqueline godany
Er war ein Aristokrat durch und durch. Und doch begegnete man kaum einem liberaleren, demokratischeren Menschen. Er hatte vollendete Manieren und konnte trotzdem die Füße auf den Schreibtisch legen, ohne dabei arrogant zu wirken. Jedenfalls habe ich ihn so kennen gelernt. Damals, bei meinem Einstellungsgepräch in der profil-Chefredaktion in der Wiener Marc-Aurel-Straße im ersten Bezirk. Beim Runterhandeln meines Monatssalärs als pauschalierte Fotografin nahm er die Füße vom Tisch. Auch ohne Pose. „Ich muss sparen“, sagte er und deutete auf die andere Seite des Donaukanals zum Raiffeisen-Haus.

hubertus czernin

Für einen Journalisten war er ungewöhnlich scheu und uneitel. Die Bussi-Bussi-Seitenblicke-Gesellschaft konnte ihm gestohlen bleiben. Daran änderte auch der Trubel um seine Person nichts, als er 1986 die Waldheim-Affäre durch Recherchen in der Vergangenheit des Präsidentschaftskandidaten anstieß. Sein Kampf gegen Haider, sein Zorn auf die österreichische Restitutionspolitik, das alles war ihm selbstverständliches und glaubwürdiges Anliegen. Er ließ uns arbeiten, ließ einen jeden sein, wie er oder sie eben war, forderte und förderte, ohne viel einzugreifen. Welch Seltenheit im Medienbetrieb.

Irgendwann einmal, als mir beim Herumexperimentieren etwas danebenging, hörte ich später von seiner besorgten Nachfrage: „Sollte man ihr nicht doch sagen, sie soll sich einen Blitz zulegen?“

Dass der Zeremonienmeister der österreichischen Jagd- und Schießgesellschaft, Raiffeisen-General Christian Konrad, ausgerechnet einen Mann mit dem Namen eines Jagdheiligen vom profil-Herausgebersessel geschossen hat, ist Ironie am Rande. Anlass war ein Cover, das eine Fotomontage zeigte, auf der der Kopf des damaligen Kanzlers Franz Vranitzky auf einen nackten Korpus gesetzt war. Das hat den Kanzler gewiss mehr gestört als Konrad. Es war nur der Auslöser. Einen offiziellen Grund für seine Entlassung hat Czernin nie erfahren.

Die eher unbekümmerte Geschäftsgebarung wird wohl ausschlaggebend gewesen sein. Kurz nachdem Hubertus Czernin mit seinen damals 36 Jahren ein recht junger profil-Herausgeber geworden war, begannen die Brüder Fellner mit ihrem bunten Info-Häppchen-Blatt News den Anzeigen- und Lesermarkt auf den Kopf zu stellen. Diese Marketingschlacht, wie sie Österreich noch nicht gesehen hatte, nagte sicher an der Goldschatulle des Verlages. Mein Pauschalistenvertrag wird es nicht gewesen sein. Da hat er ja gespart. Qualität war ihm immer wichtiger als Kosten-Nutzen-Rechnungen. Auch später in seinem eigenen Verlag, den er 1999 gründete. In der Stallburggasse, mit erweitertem „Besprechungszimmer“ im Café Bräunerhof. Wie stolz er mir seine ersten Bücher zeigte. Mit Fadenbindung und einem Stofffaden als Lesezeichen. Richtige Bücher eben.

Überhaupt seine Liebe zu den schönen Details. Ganz stolz war er auch auf sein Logo, das er für den Czernin Verlag entwerfen ließ: Feder und Schwert. Und mit diesem Federschwert ging er auf alles los, was mit Nationalsozialismus zu tun hatte. Vor allem auf die Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten bei der Rückgabe von Nazi-Raubgut. Seine Verlagsreihe „Bibliothek des Raubes“ wird noch lange als Zeugnis der Schande wirken. Hoffentlich. Im Sommer 2002 die Frage, ob ich nicht ein Fotobuch über das Hochwasser in Europa herausgeben wolle. Auch hier wieder sein Zulassenkönnen. Ich hatte völlig freie Hand. Nur ein markanter Einspruch: „Keine Politiker in Gummistiefeln, bitte!“

Czernins langjährige Krankheit, eine extrem seltene Form der Zellerkrankung Mastozytose, machte aus dem schlaksigen, großen Mann einen Schatten seiner selbst, der am Stock gehen musste. Sie war ihm jedoch nie Vorwand, besondere Rechte oder Rücksichten zu beanspruchen. Höchstens Ausrede, nicht mit dem Rauchen aufhören zu müssen. Seine krankheitsbedingte Entrücktheit trug dazu bei, dass er vielen schon zu Lebzeiten zum Monument journalistischer Redlichkeit wurde. Seine Hartnäckigkeit und Akribie behielt er, und sie gipfelten gerechterweise in der Restitution der Klimt-Gemälde an Maria Altmann. Fast scheint es, als sei er jetzt beruhigt gestorben.

Will man wissen, was Hubertus Czernin angetrieben hat, genügt ein Blick in sein Buch „Die Auslöschung. Der Fall Thorsch“: „Was der Sekretär des Finanzministers nicht verstanden hat: Im Fall Thorsch geht es nicht bloß um die Wiederverleihung einer Bankkonzession. Es geht um Gerechtigkeit, es geht um Moral und um die Tatsache, dass sich Österreich jahrzehntelang hinter dem eigenen Opferstatus versteckt hat, um so an vielen, die unter den Nazis Leib und Leben, aber auch Hab und Gut verloren haben, nicht Wiedergutmachung leisten zu müssen …“ Ministerin Elisabeth Gehrer, der er anfangs zumindest noch für ihren Mut, die Archive zu öffnen, Respekt zollte, bezeichnete er später als „größte Enttäuschung“, und er lieferte sich mit ihr in der Tageszeitung Der Standard einen historischen offenen Briefwechsel.

Mittwochnachmittag, vier Tage nach seinem Tod am 10. Juni, erhielt der Czernin Verlag einen Anruf aus ihrem Ministerbüro: Wohin man denn die Beileidserklärung schicken solle.



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