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Stein auf Stein

Jüdisches Leben in Österreich vor und nach der Schoah. Davon erzählen der Journalist Andreas Feiertag und der Kunstfotograf Heinz Schmidt – an Hand von Gräbern.

Andreas FeiertagAndreas Feiertag, Jahrgang 1968, Wissenschaftsredakteur beim „Standard“ und Buchautor (zuletzt „Das neue bürgerliche Lager“, Molden) Mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Claus-Gatterer-Preis für sozialkritischen Journalismus und dem European Junior Science Award.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs markierte auch das Ende der größten ideologisch begründeten Massenvernichtungen in der Geschichte der Menschheit: des Holocausts. Dieser bedeutete neben der systematischen Ermordung von sechs Millionen Juden auch den Bruch der Kontinuität der jüdischen Gemeinden und ihrer weit reichenden intellektuellen, soziokulturellen und politischen Bedeutung für die Gesellschaft. Dieser Bruch wurde im österreichischen Geschichtsbild bis heute nicht überwunden. Im Schulunterricht, im öffentlichen Diskurs und in Gedenkveranstaltungen bleibt die jüdische Historie meist auf die Jahre 1938 bis 1945 begrenzt. Was aber war davor, was danach?

Neben den Kultusgemeinden und den wiederbelebten jüdischen Gemeinden stellen einige heimische Universitäten und Forschungseinrichtungen seit nunmehr etwa zehn Jahren – seit der „Opfermythos“ nicht mehr aufrechterhalten werden kann – endlich auch Studien über die Zeit vor der Schoah an. Primäre Quellen dafür sind während der Nazi-Herrschaft nicht vernichtete Dokumente im In- und Ausland. Eine ganz andere Quelle und damit gleichsam stumme Zeugen des jahrhundertelangen regen jüdischen Lebens vor dem Holocaust und danach sind Grabsteine auf zahlreichen israelitischen Friedhöfen Österreichs.

Steine erzählen individuelle Schicksale, und nur ihre Gesamtheit kann ein Bild der wechselhaften Geschichte der Juden vermitteln. Einer Geschichte, deren Spuren sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lassen und die in Österreich wie in den meisten Ländern Europas stark vom christlichen Antisemitismus geprägt war. Und heute?

Eine von der Universität Innsbruck durchgeführte repräsentative Studie kam zu dem Ergebnis, dass nur knapp die Hälfte der 15- bis 75-jährigen Österreicherinnen und Österreicher nicht oder zumindest nur leicht antisemitisch ist. Ein Drittel aber muss laut der Untersuchung als „moderat antisemitisch“ bezeichnet werden. Und jeder fünfte Österreicher ist den Ergebnissen der Studie zufolge stark (14 Prozent) oder sehr stark (sechs Prozent) antisemitisch.

Heinz SchmidtDie jüdische Historie in Österreich also wie üblich auf das Zeitfenster zwischen 1938 und 1945 zu reduzieren, greift viel zu kurz und wird auch der soziokulturellen Entwicklungsgeschichte dieses Staates nicht gerecht.

Der Vorarlberger Fotograf Heinz Schmidt und der Wiener Journalist Andreas Feiertag versuchen in ihrem derzeit im Wiener Jüdischen Museum ausgestellten Projekt „Stein auf Stein“ Blitzlichter auf eine jahrhundertelange Geschichte zu werfen. In Bildern und Texten von Friedhöfen und ihren Toten skizzieren sie das Leben in jüdischen Gemeinden vom Neusiedler- bis zum Bodensee vom 14. Jahrhundert bis heute. DATUM bringt auf den folgenden Seiten Ausschnitte der Bilder und Kurzfassungen der Texte. Die Ausstellung „Stein auf Stein“ ist bis 22. Oktober im Museum Judenplatz, Judenplatz 8, 1010 Wien zu sehen.




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Wien, Rossau. Samuel Oppenheimer, gestorben 1703

Das Haus Habsburg hat seine liebe Not. Kriege, Hochzeiten, Misswirtschaft und Lebensstil sind zu teuer. Und die Türken stehen wieder vor der Tür. Des Kaisers Armee braucht Geld. Zu dumm nur, dass Leopold I., die Gebete seiner antisemitischen Gattin Margarita erhörend, 1670 mit der Vertreibung aller Juden auch den Gutteil der Finanzkraft aus dem Land gejagt hat. Doch zum Glück hat der Kaiser Samuel Oppenheimer noch nicht umbringen lassen.

Der 1630 geborene Wormser Bankier sitzt im Gefängnis. Wie kann es ein Jude auch wagen, trotz Verbots seinen Fuß auf Wiener Boden zu setzen – noch dazu mit dem Ziel, des Gekrönten Schulden für bisherige Lieferungen an das Heer einzufordern? Egal: Der von den Osmanen bedrängte Hof braucht Mittel, der verhasste Jud soll sie aufbringen. Jeder hat sein Kreuz zu tragen in diesen Zeiten. Samuel Oppenheimer wird enthaftet, Hofjude und kaiserlicher Oberhoffaktor.

Das Finanzgenie muss nach Wien übersiedeln und das Heer mit allem, was dieses gegen die Besatzer braucht, versorgen. Was selbst dem Entsatzer Prinz Eugen Bewunderung abringt, der Oppenheimer 1683 als den eigentlichen „Retter aus der Türkennot“ preist. Bald erhält der zur Geldbeschaffung genötigte Mann Unterstützung: Ein Jahr nach der Befreiung, 1684, kommt Samson Wertheimer aus Deutschland nach Wien, wird Geschäftspartner Oppenheimers.

Langsam etabliert sich in Wien wieder eine jüdische Gemeinde. Zweckgebunden, von Kaisers Gnaden. Wer zahlen kann, wird widerwillig geduldet. 1697 kann Oppenheimer nicht mehr. Erneut landet er im Gefängnis. Von dort aus gelingt es ihm, den Geldfluss wieder herzustellen. Er kommt frei. Auch Wien ist frei. Kein fremdes Heer ist mehr da. Dafür aber Juden, die anscheinend Geld haben. Bei antisemitischen Ausschreitungen wird zerstört und geplündert. 1703 stirbt Samuel Oppenheimer, das Haus Habsburg schuldet ihm sechs Millionen Gulden. Seine Familie ist ruiniert. Neuer Oberhoffaktor wird Wertheimer. Der hat noch Geld.




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Eisenstadt. Mein ben Isak Eisenstadt, gestorben 1744

Ich segne den Ewigen zu jeder Zeit, meine Seele ist voll Dank gegenüber seinem heiligen Namen. Er führte mich in einen Ort von Gelehrsamkeit und setzte mich auf den Lehrstuhl und den Richterstuhl in der heiligen Gemeinde Eisenstadt, wo ich unter vornehmen und edlen Männern sein durfte.“ Zufrieden blickt Rabbi Meir ben Isak Eisenstadt zurück auf sein Leben in der jüdischen Gemeinde, deren Geschicke der fromme Mann mit eiserner Hand lenkt.

Verglichen mit anderen Gemeinden haben es Juden im Burgenland, besonders in Eisenstadt, recht gut. Das Land gehört schon lange nicht mehr zum antisemitischen Niederösterreich, sondern zu Ungarn. Burgenländische Juden stehen unter dem Schutz der Fürstenfamilie Esterházy. Handel und Handwerk florieren. Und dafür, dass auch das Leben im Glauben nicht zu kurz kommt, sorgt der 1670 in Litauen geborene Meir ben Isak. Der konservative Denker nimmt zum Zeichen seiner tiefen Verbundenheit mit der Gemeinde den Namen Eisenstadt an.

Dem 1717 als erster Rabbiner in die Gemeinde berufenen Lehrer, Richter und religiösen Leiter verdankt Eisenstadt nun also seinen weit über die Landesgrenzen hinaus klingenden Ruf als religiöses Zentrum. Des Rabbiners Jeschiwa ist eine der bedeutendsten Talmudschulen der Zeit. Aus dem In- und Ausland strömen wissbegierige Schüler nach „Klein Jerusalem“, wie die jüdische Gemeinde bald anerkennend geheißen wird. Meir ben Isak Eisenstadt unterhält Briefwechsel mit Gelehrten aus der ganzen Welt, verfasst Bibelkommentare und wagt sich an Novellen zum Talmud. Er schreibt Gutachten, und es werden dem Geistlichen von vielen Seiten rituelle und zivilrechtliche Fragen zur Entscheidung vorgelegt.

Schnell leuchtet der gestrenge Mann als rechtliches, sittliches und spirituelles Licht in der jüdischen Gemeinde. Nur eines will sie Meir ben Isak Eisenstadt nicht so recht verzeihen: Über das geliebte Kartenspiel sprach er doch tatsächlich den Bann aus. Mit Ausnahme an Chanukka und Purim, versteht sich.




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<Hohenems. Jeanette Landauer, gestorben 1867

ohenems ist anders. Ein seltsames Zwielicht aus Tradition und Moderne verleiht der Ortschaft in diesem Land der Bauern, Handwerker und Herrgottschnitzer einen frühen Glanz von Intellektualität und Industrialismus. Und in diesem flackert ein kleines, in seiner Bedeutung aber umso größeres Lichtlein: jenes der Jeanette Landauer. Den Aufstieg zum Handelsstädtchen verdankt Hohenems der Geschäftstüchtigkeit jüdischer Familien. Banken entstehen, die Textilindustrie schafft Arbeitsplätze.

Damit auch soziale Probleme. Darüber disputieren Intellektuelle des Literatur-, Kunst- und Wissenschaftsvereins Concordia in der „Kaffeeausschank nebst Billard“: Dieses 1819 von dem Juden Jakob Kitzinger gegründete Café ist das erste in Vorarlberg überhaupt. Treffpunkt der Arbeiter hingegen ist Landauers „Gasthaus zur Frohen Aussicht“. Die Landauers gehören wie fast alle Hohenemser Juden zu einem assimilierten liberalen Landbürgertum. Gebete werden in deutscher Sprache gesprochen, Geschäfte halten am Sabbat offen, jüdische Metzger verkaufen Schweinefleisch und die jüdische Schule hat einen derart guten Ruf, dass sich selbst Christen getrauen, ihre Sprösslinge dort unterrichten zu lassen. Die jüdische Gemeinde steht materiell und kulturell in ihrer Hochblüte. Zu sprießen begann sie 1617 mit einem Schutzbrief des Grafen Kaspar von Hohenems. Dort also gedeiht das Leben der Minderheit und der Mehrheit weniger getrennt in Getto und Stadt als vielmehr in einem gemeinsamen Raum.

Zum Beispiel in der „Schanett“, wie Landauers Gasthaus genannt wird. Dort werden Juden und Christen gleichermaßen ausgespeist. Dort spendet Landauer dem einen Trost, dem anderen Mut, diesem sozialen Halt und jenem, wenn es denn sein muss, auch eine Mahlzeit. Leben, ist Landauer mit nachtwandlerischer Sicherheit überzeugt, funktioniert nur gemeinsam. Ausgrenzung gibt es nicht, nicht in der „Frohen Aussicht“. Da sind der Wirtin Gäste alle gleich. Jude oder Christ. Was sich bald ändern sollte.




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Graz. Antonio Bienenstock, gestorben 1905

us einer Wohnung dringen Kinderstimmen auf die Grazer Annenstraße. Die meisten klingen ausgelassen. Ab und zu Rufe Erwachsener. Gütig ermahnende mit jiddischem Akzent, schroff befehlende im Grazer Dialekt. In der Wohnung lebt Antonie Bienenstock mit Familie. Sie ist schwanger. Im Oktober 1885 wird das Kind zur Welt kommen. Ihr elftes. Ihr geliebter Mann Jakob ist zwar fleißig, doch als Graveur verdient er kaum genug. Also gibt Antonie Bienenstock eines der Zimmer in Untermiete weiter. An einen unbekannten Rechtspraktikanten aus Wien, der in Graz sein Gerichtsjahr beenden will.

Als Binjamin Zeev stellt sich der junge Mann vor, der seine juristische Karriere nicht fortsetzen, dafür aber als Theodor Herzl Geschichte schreiben wird. Antonie Bienenstocks Kinder müssen enger zusammenrücken. Dann wird es schon gehen mit dem Zimmer für den Herrn. Aber leise müssen sie sein. Wegen der Nachbarn. Die mögen die Kinder nicht. Die Judenkinder. Regina, die Zehnjährige, zieht daraus Schlüsse: Wenn sie groß sei, heirate sie sicher keinen Juden; dann werde sie es besser haben. Das wird sie zehn Jahre später tatsächlich tun. Weitere fünfzig Jahre später wird ihr Sohn aus dieser Ehe zu Tode gebracht. In Buchenwald. Noch müssen Regina und ihre Familie nur den ganz normalen christlichen Antisemitismus ertragen.

Die Bienenstocks kommen 1860 aus Galizien nach Graz. Das Elend in ihrer Heimat ist so groß, dass ihnen selbst das Leben in der judenfeindlichen Stadt als geringeres Übel vorkommt. Immerhin ist es Juden seit 1861 wieder erlaubt, sich niederzulassen. 1397 wurden viele von den „Judenhauern“ erschlagen, 1438 erstmals alle vertrieben. Ob der Finanznot wurden zahlungskräftige Juden 1447 wieder zurückgeholt, nach ihrer Ausbeutung 1496 erneut vertrieben. Antonie Bienenstock hat wegen der Jahre der Schwangerschaften und Obsorge kaum Kontakt zur Bevölkerung. Aber ihre Kinder werden es einmal besser haben, ist sie überzeugt. So ist die mütterliche Aufopferung zu ertragen. Sie weiß nicht, was kommen wird.




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Linz. Ludwig Hatschek, gestorben 1914

892 ist ein verdammt gutes Jahr für Linz und seine Juden. Die Stadt hat die Metamorphose von einem Agrar- zu einem Industriezentrum vollzogen. Arbeitsplätze gibt es zuhauf, viele davon werden von jüdischen Familien angeboten. Textilunternehmen, Lebensmittelhersteller, Seifenproduzenten, Maschinenindustrie und Brauereien prägen das Erscheinungsbild. Das kulturelle und intellektuelle Leben spielt sich in neuen Bibliotheken, Theatern, Konzertsälen, Kaffeehäusern und in den noblen Salons des liberalen Bürgertums ab. Zu diesem zählt auch Ludwig Hatschek.
Der gelernte Braumeister, Spross einer 1866 aus Mähren eingewanderten Brauereifamilie, hat sich vor drei Jahren selbstständig gemacht. 100.000 Gulden zahlte ihm die Familie für seinen Brauereianteil aus.

Dann wurden Hunderte Zeitungsinserate durchforstet. Nach irgendetwas Interessantem. Da endlich: Maschinen aus England. Zur Asbestverarbeitung. Was aber war Asbest? Ludwig Hatschek fand bald heraus, dass dieses in Linz noch unbekannte Zeug verwertbare Eigenschaften besitzt: feuerfest und zugfest wie Stahl. Also wurde gekauft. Jetzt endlich ist Hatschek Unternehmer. Mit einer Firma, die aus Asbest Dachplatten erzeugen will. In diesem Gründungsjahr 1892 will es noch nicht so richtig funktionieren. Aber es wird schon werden. Hauptsache, er kann endlich seinen Weg gehen. Und es ist ja auch noch genug Geld vom Brauereianteil da. Er muss eben probieren, zuversichtlich sein.

Hatschek baut in Vöcklabruck eine Produktions- und Experimentieranstalt. Mit irgendwelchen Bindemitteln will er Asbest härten, um ihn endlich auf die Dächer pappen zu können. Noch ahnt der 33-Jährige nicht, dass er dem Asbest in sieben Jahren Portlandzement beimengen wird: ein Gemisch, das als „Eternit“ Baustoffgeschichte schreiben, Hatschek und seine Eternit-Werke weltberühmt machen wird. Auch ahnt er noch nichts von der gesundheitsschädigenden Wirkung des Asbests. Nach langem, qualvollem Leiden wird Hatschek im Alter von 57 Jahren sterben.




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Baden. Otto Rausnitz, Gestorben 1937

aden ist ein guter Platz für Juden. Die bisher letzte Vertreibung 1683 ist schon lange her. Seit 1799 dürfen Juden Gewerbe betreiben und seit 1868 sind vor dem Gesetz alle Badener gleich. Der Kurort läuft Bad Ischl den Rang ab. Aus aller Welt strömen Sommerfrischler nach Baden, darunter viele Juden. Diese schätzen besonders die koschere Kost im Restaurant von Otto Rausnitz. Dort macht das Gekochte die Kurgäste dick und den Wirt wohlhabend. Der aber ist angefressen. Denn ihm gegenüber ist das „Schey“. Und das tut dasselbe: koscher kochen. Noch dazu ebenso gut, was zwar den Gästen, nicht aber dem Rausnitz schmeckt. Dass darob der Rausnitz den Schey nicht einmal mehr im Tempel grüßt, ist der Beginn des Badener Küchenkriegs koscherer Köche.

In diesen mischt sich das „Tonello“ ein, das bekannte jüdische Restaurant in Wien. Es eröffnet in Baden eine Filiale, nur wenige Schritte vom „Rausnitz“ und vom „Schey“ entfernt. Nun möchte man meinen, dass die vielen völlernden Kurgäste alle drei Köche satt machen könnten. Doch sich gegenseitig in die Suppe zu spucken gehört bald zum Badener kulinarischen Alltagsdisput. Der dichtet diesem zu wenig saures Sauerkraut an, diesem stößt die Tischkultur jenes auf und jener hat ebenso wenig wie die anderen die Rechnung mit Theodor Herzl gemacht. Dieser hält nämlich, gastropolitisch völlig blind, die Vorbesprechung zum zionistischen Kongress in Baden ab. Und die Vorbesprecher wollen koscher verköstigt werden. Allein – welche der drei streitenden Küchen ist die bessere? Der Küchenkrieg droht zu eskalieren. Der weise Herzl schlichtet: Das unparteiische Restaurant im Kursalon speist aus.

Und zwar koscher Gekochtes vom „Rausnitz“, vom „Schey“ und vom „Tonello“, die gemeinsam derart kulinarisch verwöhnen, wie sie es einzeln nie im Stande gewesen wären. Otto Rausnitz verköstigt Kurgäste noch bis zu seinem natürlichen Tod im Jahr 1937. Mit ihm stirbt auch sein Restaurant. Ein Jahr später stirbt die gesamte jüdische Gemeinde in Baden. Gewaltsam.




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Innsbruck. Robert Schüller, vergast 1943

uden leben keine mehr in Innsbruck. Sie sind geflohen oder deportiert worden. Groß war die jüdische Gemeinde in Tirol nie. Als die Pest wütete, wurden Juden von Christen dafür verantwortlich gemacht und verbrannt. Danach immer wieder vertrieben, geduldet, vertrieben. Die letzte Beisetzung auf dem israelitischen Friedhof ist schon viele Jahre her. Und bis zur nächsten werden noch mehr Jahre vergehen. Auch Robert Schüller wird dort nicht ruhen. Doch in diesem Sommer 1942 denkt der Mittvierziger noch nicht an seinen Tod. Nicht einmal hier, in der erniedrigenden Gestapo-Haft. Ja, schon, seine Mutter und Brüder wurden kürzlich mit 1.000 jüdischen Männern, Frauen und Kindern nach Minsk deportiert und dort erschossen. Aber er doch nicht. Er, ein glühender Nationalsozialist.

Er, der ehemalige Gärtner von Göring. Er, der treue Innsbrucker Gaupresseamtsleiter. Er, der seine jüdische Herkunft jahrzehntelang so sehr verschwieg und verleugnete, dass er an den Arier in sich glaubt. Und nun zeigt ihn ein Neider aus der eigenen Partei an. Ihn, Robert Schüller. Aber ihm wird der geliebte Führer nichts tun. Zu dumm nur, dass der Staatsanwalt seiner Mutter nicht glauben wollte. Sie sei nicht die Tochter eines Juden, sondern aus einem Seitensprung ihrer Mutter mit einem Arier geboren. Also sei sie selbst Arierin, ihre Söhne mit einem Juden seien demnach keine Volljuden. Nur Halbjuden. Nazi-Ärzte erstellten ein anthropologisches Gutachten. Das kam zu einem anderen Schluss. Die Familie war zum Töten freigegeben.

Aus seiner Innsbrucker Haft schreibt Robert Israel Schüller einen leidenschaftlichen Brief nach Berlin: „Was habe ich nun gefehlt oder verbrochen? Ich habe das entsetzliche Unglück, nicht voll von deutschblütigen Eltern abzustammen. Was das für mich bedeutet, kann der ermessen, der sich genau in der gleichen Lage befindet wie ich. Ich war, bin und bleibe ein Nationalsozialist.“
Auschwitz. Der Rassenwahn macht nicht einmal vor diesem längstgedienten Funktionär der Tiroler NSDAP Halt.




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Salzburg. Robert Jungk, gestorben 1994

n der Wohnung in der Salzburger Steingasse kehrt wieder Ruhe ein. Die Bundespräsidentenwahl ist für Robert Jungk, 1992 Kandidat der Grünen, geschlagen. Auf sechs Prozent kommt der Träger des Alternativen Nobelpreises. Also widmet sich der Intellektuelle wieder seinem Alltag in Salzburg. In jener Stadt, deren Geschichte wie kaum eine andere in Österreich den Antisemitismus spiegelt. 1349 Pestpogrome: Die jüdische Gemeinde wird zum ersten Mal vernichtet. 1404 angebliche Hostienschändung: Die Juden werden verbrannt. 1498 wird am Rathaus jene Tafel angebracht, auf der ein jüdische Kinder säugendes Mutterschwein dargestellt ist – die „Judensau“. Ausweisung.

Erst ab 1867 dürfen Juden wieder nach Salzburg. Kaum hat sich die jüdische Gemeinde erholt, wird sie von den marschierenden braunen Massen zertreten. Robert Jungk lebt. Doch warum ausgerechnet in Salzburg? „Ein starkes Heimatgefühl.“ 1913 als Sohn österreichischer Eltern in Berlin geboren. Seit seinem 16. Lebensjahr verkehrt er in Künstlerkreisen und intellektuellen Zirkeln des liberalen jüdischen Bürgertums. Flexibilität ergibt sich da von selbst. Die braucht er. 1933 wird der Philosophiestudent verhaftet, weil er Nazi-Plakate von Wänden reißt. Ausweisung. Ab nach Paris, Studium der Psychologie und Soziologie an der Sorbonne. Illegale Rückkehr nach Berlin. Untergrundaktivität. Flucht nach Prag, dann in die Schweiz. Publizist für die Weltwoche und den Londoner Observer. Nach Kriegsende in die USA. Dort erlebt er die ersten Debatten über Atombomben und Kernenergie. Der Kampf gegen die zerstörerische Technik bestimmt sein Handeln. 1957 kommt Jungk nach Wien, gründet sein Institut für Zukunftsfragen, übersiedelt 1970 nach Salzburg.

„Mein allerwichtigster Antrieb ist das Erlebnis der Tyrannei“, sagt er auf seine jüdische Herkunft verweisend. Jungk geht an die Wurzeln. So tief, wie nur ein Überlebender der Schoah gehen kann. 1994 wird er sterben. Zuvor hinterlässt er sein Vermächtnis: „Weil ich schon so lange lebe, habe ich gesehen, dass sich Dinge verändern können.“




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Klagenfurt. Esther, lebt

sther steht auf dem israelitischen Friedhof in Klagenfurt, legt ein Steinchen auf einen Grabstein. Hier, glaubt die Studentin, wird auch sie einmal ihre Ruhe finden. „Es ist meine Heimat.“ Jüdische Spuren in Kärnten lassen sich weit ins Mittelalter zurückverfolgen. Mythen und Lügen schüren den christlichen Antijudaismus. Mit Pesterregern vergiftete Brunnen, Hostienschändungen, rituelle Kindsmorde. Demütigung, Folter, Verbrennung, Vertreibung. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert sich in Klagenfurt wieder eine jüdische Gemeinde.

Mit der Konkursmasse der Habsburger übernimmt die Erste Republik einen Antisemitismus, der um rassisch-ideologische Facetten verschärft ist. Weil Deutsche nicht mehr um Vormachtstellung in der Monarchie kämpfen müssen, konzentrieren sich die nationalen Kräfte auf Angriffe gegen die übrig gebliebene Minderheit: die Juden. Nur das deutschnationale Kärnten macht eine kleine Ausnahme. Dort überlagert der Hass auf die Slowenen jenen auf die Juden. Zumindest bis 1938. Schon Esthers Mutter wurde in Klagenfurt geboren, kurz nachdem ihre Großeltern aus der Emigration zurückgekehrt waren. Dass Esther Jüdin ist, wusste sie lange nicht. Warum sollte sie auch? Oma und Opa starben früh, Mama und Papa sprachen nicht darüber. Esther wuchs unbekümmert mit anderen Kindern auf. In der Schule war sie vom Religionsunterricht befreit. Andere auch. Esthers Eltern sind ohne Bekenntnis. Andere auch. Und dass es Juden geben könnte, die den mosaischen Glauben nicht leben, passte nicht zu dem, was man in Klagenfurt laut dachte. Falsch gedacht, wie Esther erst spät erfuhr. Was aber sollen dann die Unterschiede zwischen Juden und Christen sein? Gibt es Menschen unter Menschen?

Nach der Matura ging Esther nach Israel. In einen Kibbuz. Ein Jahr lang arbeitete sie dort, lernte Leben, Glauben und Kultur kennen. „Schön und aufschlussreich“, erinnert sich Esther. Aber ihren Wissensdrang nicht befriedigend. Also studiert sie heute Geschichte und Soziologie. Sie will verstehen.



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