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Die Kunst des Schmerzes

In seinen Werken bewegt sich der Schriftsteller Ludwig Fels in Extremen der Sprache und des Seins. Er kann nicht anders.

Text: Helmut Neundlinger
Fotografie: Jacqueline Godany
Ludwig FelsEr habe ein sanftes Buch schreiben wollen, sagt Ludwig Fels über die im Frühjahr erschienene „Reise zum Mittelpunkt des Herzens“. Nicht noch ein wütendes, in die Leibhaftigkeit menschlicher Abgründe eindringendes. Er habe selber genug von drastischen Beschreibungen und obendrein das Gefühl gehabt, dass er bei einer neuerlichen Ausreizung der Schmerzgrenzen die Leser in ihrer alltäglichen Ausgeliefertheit direkter oder medial vermittelter Leidenserfahrung nicht mehr erreichen könne.


Die leise, tiefe Stimme des 59-jährigen Autors brächte einen nicht auf den Gedanken, dass Romane wie „Bleeding Heart“ (1993) und „Mister Joe“ (1997) auf Grund ihrer schonungslosen Genauigkeit wilde Ablehnung bei Lesern und Kritikern hervorriefen. Vielleicht sind es gerade die von dieser Stimme getragenen, sanft dahinrollenden fränkischen Laute und die stets fragenden, für alles ihn Umgebende offenen Augen, die einen lebendigen, verletzlichen Widerspruch zu seiner wuchtigen Gestalt und den ihr eingeschriebenen Erfahrungen erlittener wie ausgeteilter Härte bilden. Sein Händedruck scheint die Qualität seiner Sätze noch körperlich zuzuspitzen: packend, lange nachhaltend und die ungeteilte Aufmerksamkeit dessen fordernd, der sich davon berühren lässt.

Wie ein roter Faden zieht sich die Geschichte des Versehrens und Versehrtwerdens durch die Arbeiten von Fels und erzeugt poetische Echos eines Schmerzes, der in tieferen Schichten liegt als in banalen, lebens-umständlichen Kränkungen. Durch all ihre ästhetischen und stofflichen Transformationen hindurch entwickelt seine Literatur eine seismografische Dokumentation psychischer, physischer und sozialer Bedingungen der Grausamkeit, des Leidens und der unwillkürlichen ebenso wie der nackten Gewalt im Lebensraum Gesellschaft.

Fels ist ohne Zweifel einer, der viel erlebt hat. Ebenso tief wie das Erlebte hat sich ihm allerdings die Erkenntnis eingeprägt, dass in den zeitlebens gesammelten Erfahrungen der Stoff, jedoch noch nicht notwendigerweise die Befähigung zum Schreiben liegt. Nicht noch einmal möchte er zum „Bürgerschreck“ gemacht werden, entfährt es ihm, und man erhält ein Gefühl dafür, welche Kränkung darin liegt, immer nur auf die Anekdoten aus dem „wilden Leben“ reduziert zu werden. Entsprechend zurückhaltend ist er, was das Biografische betrifft.

Die Suche nach einer radikal persönlichen Befreiung im Schreiben, das überragende Interesse am Wirklichen, das seine Texte antreibt, der zeitweise völlige Verzicht auf Fiktion: Die Arbeit mit und an der Sprache muss gerade bei einem Autor wie Ludwig Fels als das notwendig Andere der Wirklichkeit ernst genommen werden.

In seiner Empfindlichkeit spiegelt sich auch ein kritischer Reflex auf die Art, wie in der Öffentlichkeit mit einem Autor umgegangen wird, der buchstäblich von „unten“ kommt und sich Sprache, Aufmerksamkeit und Anerkennung unter erheblich größeren Mühen erringen musste als andere. Das Etikett vom „deutschen Bukowski“ erhält einer wie Fels bei weitem schneller, als er es wieder loswird. Verdeckte Bedingung für eine solche Zuschreibung ist scheinbar immer noch ein Leben, in dem zunächst gar nichts einfach gegeben war.

Ohne Vater wuchs der 1946 im fränkischen Treuchtlingen geborene Ludwig Fels auf, großgezogen von einer einfachen Magd in einem für ärmlich-kleinbürgerliche Verhältnisse typischen Existenzkampf. Den daraus erwachsenden Demütigungen versucht er durch eine möglichst frühe Flucht in die Selbstständigkeit zu entkommen. Nach der Hauptschule beginnt er eine Lehre als Maler, die er allerdings nicht abschließt. Gelegenheits- und Hilfsarbeiterjobs als Packer, Stanzer und Maschinist folgen.

Der allzu frühe Abbruch des Bildungwegs und die Tristesse seiner Arbeits- und Lebensumstände scheinen schon früh jegliche Perspektiven auf einen sozialen Aufstieg zu vernichten. Einzig das wilde, ungerichtete Lesen von Büchern bietet ihm eine Möglichkeit, die Aussichtslosigkeit seiner Existenz hinter sich zu lassen. „Wo ich herkam, wie ich aufgewachsen bin, hatte ich keine Möglichkeit, mir eine Form von Legalität zu erwerben“, bekennt er einmal in einem Interview. „Ich war schwer gefährdet und dachte: Das Einzige, was ich kann, ist lesen, denken und es ausdrücken. Und schreiben.“ Fels profitiert bei seinem Sprung in die Literatur vom wachsenden Selbstbewusstsein proletarischen Kulturschaffens zu Beginn der Siebzigerjahre. Er wird Mitglied in einem „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ und entwickelt erste Ansätze einer eigenständigen poetischen Sprache. Von Anfang an überzeugt diese durch eine ungewöhnliche Mischung aus Knappheit und Expressivität: Die Kurzprosa ist in ihrem Bilderreichtum nahe am Gedicht, seine Lyrik hat keine Scheu, Zustände, Räume und Ereignisse zu erzählen.

Durch die Berührung mit den Werken von Ödön von Horvath und Oskar Maria Graf schärft sich Fels’ Blick für die ideologisch-sozialen Umstände des Lebens in der fränkischen Provinz in und um Nürnberg, wo er ab 1970 lebt. In zahlreichen Miniaturen und Gedichten schafft er proletarische Kalendergeschichten, die in pointiert-sarkastischen Wendungen die Abgründigkeit der sozialen Räume schildern, in denen er sich bewegt. Er wird zum Chronisten einer Welt, die in der nachkriegszeitlichen Anstrengung des Verdrängens auf fatal selbstvergessene Weise allein mit sich selbst beschäftigt scheint.

Nach Jahren erstaunlicher Produktivität und erster größerer Anerkennung wie etwa durch den 1979 überreichten Leonce-und-Lena-Preis zieht es Fels weg aus der Enge Nürnbergs. Ein Zufall führt ihn 1983 nach Wien. „Zunächst war geplant, ein paar Monate bei Freunden zu Gast zu bleiben“, erzählt er. Aus diesen Monaten wurden Jahre und, als seine Frau 1986 eine Hospitanz beim gerade neu installierten Burgtheaterdirektor Claus Peymann erhält, beinahe eine Endgültigkeit.

„Am Anfang hab ich noch versucht, mich ins literarische Leben zu integrieren, dabei allerdings eine große Reserviertheit bei den hiesigen Schriftstellern gespürt“, resümiert Fels seine Versuche einer Kontaktaufnahme zur Wiener Literatenszene. „Als mir dann ein Kollege im Rausch mal gestand, dass es die Wiener immer als Kränkung empfänden, wenn ein Deutscher sich hier niederlasse, da sie doch selber eigentlich am liebsten immer nur wegwollten, habe ich begonnen, mich zurückzuziehen.“ Seinem Schreiben schadet Wien jedoch nicht.

ludwig fels

In der Zurückgezogenheit des Stadtlebens entstehen nach dem bislang größten Erfolg mit dem Roman „Ein Unding der Liebe“ Romane wie „Rosen für Afrika“, „Bleeding Heart“ und vor allem „Der Himmel war eine große Gegenwart“ (1990), sein wohl persönlichstes Buch, handelt es doch vom Krebstod seiner Mutter. Er begann zunächst noch ohne literarische Absichten aufzuschreiben, was er sah und fühlte. Fünf Jahre seien die Aufzeichnungen gelegen, bevor er begonnen habe, sie literarisch zu gestalten. „Dabei hat mir meine Erfahrung als Lyriker sehr geholfen“, sagt Fels, der mehr als skeptisch bleibt, was die Möglichkeiten einer erfolgreichen Publikation von Gedichten betrifft. „Natürlich haben Leute wie Durs Grünbein mit ihren Veröffentlichungen in den Neunzigern erneut einen kurzfristigen Boom der Lyrik verursacht. Generell aber läuft ein Verleger heutzutage Gefahr, bei einem Lyrikband mit Ach und Krach die Produktionskosten einzuspielen.“

Auch wenn er seine Gedichtproduktion als persönliche „Schreib- und Herzensübung“ verstanden wissen will, die eine Frequenz von zehn Stück pro Jahr kaum überschreitet, gäbe es den Schriftsteller Fels vielleicht gar nicht mehr, hätte er in einem Augenblick tiefster Krise nicht auf die Möglichkeit des Dichtens zurückgreifen können. „Nachdem mein ,Mister Joe‘ einen so gewaltigen Flop hingelegt hatte, verbrachte ich ein ganzes Jahr damit, Tag für Tag ein Gedicht zu schreiben, um meinem Alltag und meinem Schreiben einen von aller Öffentlichkeit unabhängigen Halt zu geben“, sagt er. 1997 war der Thriller erschienen, beruhend auf einer wahren Geschichte. Ein oberösterreichischer Arzt hatte als Sextourist in Manila eine Minderjährige mit einem Vibrator so stark verletzt, dass sie in der Folge qualvoll zu Grunde gegangen war. Der Mann war unter dubiosen Umständen freigesprochen worden, ein Faktum, das Fels noch heute wütend macht.

„Nach dem Erscheinen passierte etwas vollkommen Absurdes: Ein Teil der Rezensenten verfasste Hymnen, andere verurteilten mich wegen der drastischen Darstellung der Penetration mit tödlichen Folgen. Nicht der Täter stand da plötzlich vor Gericht, sondern der Bote.“ Das Buch wurde ein kommerzieller Misserfolg, nicht zuletzt auf Grund eines unausgesprochenen Boykotts durch die Buchhändler. Zum doppelten Schaden für Autor und Leser: Während Ersterer sich noch heute über das Missverständnis ärgert, das Dargestellte mit der Darstellung zu identifizieren, wurde Letzteren die Möglichkeit genommen, buchstäblich unverstellt einem Roman zu begegnen, der für die deutschsprachige Literatur vollkommen neue Formen des Erzählens aufnimmt.

„Mister Joe“ nähert sich den im Sextourismus virulenten globalen Abhängigkeits- und Gewaltverhältnissen mit den Mitteln des Thrillers und der „pulp fiction“. Schilderungen und Dialoge nehmen die Sprache von B-Movies auf und offenbaren darin einen Blick auf eine immer seelen- und ortloser werdende Welt. Auf dramaturgischer Ebene bedient sich Fels einer komplexen Montage von mehreren über- und ineinander laufenden Erzählsträngen, die die Geschichten von drei Männern in ihren sichtbaren und unsichtbaren Verknüpfungen zu einem rasanten Finale zusammenführen: Täter, Zeuge und Bulle begegnen sich, ohne es immer zu wissen oder gar zu wollen, in einer albtraumhaften Spirale von Flucht, Verfolgung, Versteck und Kidnapping.

Zwischen den düster-schockierenden Bildern gelingt es Fels, von den tiefer liegenden Wurzeln der Gewalt und der Verachtung zu erzählen: Auf allen Seiten, durch alle Milieus hindurch klafft die Wunde einer zerbrochenen Normalität, einer allemal verlorenen Unschuld auf und verbindet die Geschichten von Jägern und Gejagten zu einem aufwühlenden Tableau männlicher Obsession und Schuldverstrickung. Darin blitzt die Hommage an einen Autor auf, den Fels neben Cormac McCarthy zu den wichtigsten Einflüssen auf „Mister Joe“ zählt: James Ellroy.

Dieser lässt in Romanen wie „Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“ und „L.A. Confidential“ die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld, Täter und Opfer, Polizei und Kriminalität verschwimmen. In der amoralischen Drastik seiner Schilderungen liegt jedoch keine Verherrlichung von Gewalt, sondern eine nüchtern-narrative Diagnose über den Zustand einer Gesellschaft, die buchstäblich in allen ihren Gliedern von Gewalt beherrscht wird. Wie Ellroy kennt Fels das Leben „ganz unten“ aus eigener Anschauung. Beide stehen auf ihre Weise in der Tradition eines Schreibens, das den Formen souveränen Sprechens bürgerlicher Literatur ein Bild vom wirklichen Schrecken des Daseins entgegenhält. Im Zentrum steht dabei der (männliche) Körper, den die Zurichtungen der Disziplinargesellschaft ebenso bedrängen wie die unheilvolle Kraft der eigenen Bedürfnisse und Triebe.

ludwig fels

Sein neuer Roman „Reise zum Mittelpunkt des Herzens“ erzählt von der allerletzten Grenze, die dieser Körper je erreichen wird: Tom, die Hauptfigur, leidet an einem Gehirntumor. Seine Frau Linda holt ihn für seine vermutlich letzte Lebenszeit aus dem Spital zu sich nach Hause. Dort taucht auch Jack, Fotograf und bester Freund der beiden, auf und beginnt das Leben mit dem Sterben zu fotografieren.

Toms Gedanken kreisen immer öfter nicht mehr nur um sein Ende, sondern um die Möglichkeit einer Affäre zwischen Jack und Linda. Ludwig Fels entwickelt in den lakonisch-zugespitzten Dialogen eine wunderbar indirekte Sprache für das Unsagbare des Begehrens, der Eifersucht und des Sterbens. Die bedingungslose Vitalität, mit der Tom seine Eifersucht lebt, lässt ihn am Abschied zunächst auf eine beinahe tragikomische Weise verzweifeln. Je näher er aber seinem tatsächlichen Sterben kommt, desto mehr häufen sich die Momente einer fraglosen Hingabe, aus denen auch jegliche Scham verschwunden scheint, die man landläufig mit dem Zustand der Hilflosigkeit im Gepflegtwerden verbindet. In dem Ausmaß, in dem die äußere Kraft abnimmt, entwickelt er eine innere, die ihm das Gefühl des Entmanntseins, in der wohl die Wurzel seiner Eifersucht zu finden ist, überwinden und eine Würde empfinden lässt, die auch die Angst und den Ekel vor dem Kommenden nicht ausspart. Und zuweilen erlangt er in diesem Zustand eine geradezu kosmische Hellhörigkeit, in der sich auch ein letztes Mal seine ganze Sehnsucht nach der sinnlichen Welt spiegelt: „Plötzlich hätte er sich am liebsten zur Wand gedreht und von dort aus die Nacht auf der anderen Seite der Welt gehört, hätte ihr Näherkommen durch die Schichten der Erde hindurch wahrgenommen, dieses urmächtige Fauchen der schwarzen Vulkane in der Finsternis gefrorener Asche.“
Am Ende kehrt Tom zurück zum Atem der Geliebten und zu seinem eigenen, in dem sich eine ganze Welt mit wachsender Selbstverständlichkeit der großen Stille nähert, die im Mittelpunkt des Herzens auf ihn wartet.

Der Roman „Reise zum Mittelpunkt des Herzens“ (2006) ist im Verlag Jung und Jung erschienen. „Mister Joe“ (1997) erschien im Luchterhand Verlag, „Der Himmel war eine große Gegenwart“ (1990) bei Piper



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