Pufflandler
Nirgendwo in Österreich boomt das Bordellgeschäft so sehr wie an der Grenze zu Ungarn. Warum gerade dort? Wie das Südburgenland den käuflichen Sex entdeckte.
Text und Fotografie: Saskia Jungnikl
Bordellbesucher sind leiser als Gasthausgeher. Diese Erkenntnis hat Christina Wiesler schnell gemacht. Die 60-Jährige lebt mit ihrem Mann in einem bescheidenen Einfamilienhaus gegenüber der „Flying Lady“. Die dunkelroten Leuchtketten, die die Fassade des ehemaligen Landgasthauses zieren, „ersetzen mir am Abend die Lichter“, sagt die Pensionistin. Anfangs hat sie sogar drüben gearbeitet, „als Putzfrau“. Und war von der „seriösen, lockeren“ Atmosphäre überrascht. Denn „man hört ja viel und erwartet einiges, aber es is ganz normal“. Auch ihr Mann Ernst sieht das so: „I geh öfter rüber auf an Spritzer. Da kommen viele Männer, die einfach nur was trinken wollen und halt a bissl die Hasen anschaun.“

Die „Flying Lady“ liegt in Punitz, einem Ortsteil der südburgenländischen Gemeinde Tobaj, knapp sechs Kilometer von der Bezirkshauptstadt Güssing entfernt. 333 Einwohner, eine Kirche, eine Bushaltestelle, kein einziges Gasthaus. Die Volksschule hat in diesem Jahr nur noch eine einzige Klasse – für alle vier Jahrgänge. Rund 15 Kilometer sind es von hier bis Ungarn. In der südlichsten Ecke des Burgenlandes, wo die Leute mit Uhudler anstoßen und der Sportplatz den Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens bildet, ist seit kurzem ein Phänomen zu beobachten, das sich direkt vor den Augen der Einwohner abspielt, das aber vorderhand so niemand wirklich erklären kann: Die Zahl der Bordelle explodiert.
Über die Ursachen gibt es nur Vermutungen: die nahe der Ostgrenze gelegene A2, die zahlreichen Thermen in der Umgebung und, aus Sicht der Bordellkundschaft am wichtigsten, die Dumpingpreise der Betreiber.
„Die Burgenländer sind immer nach Ungarn rübergefahren. Da hab ich mir gedacht, ich bring das Angebot halt her“, sagt Robert Gross, der Pächter des „Maxim“ in Güssing. Seine Geschäfte in der 4.000-Einwohner-Stadt, die im Sommer mit Festspielen auf der mittelalterlichen Burg Touristen lockt, gehen gut. Auch wenn sich die erste Euphorie bereits gelegt hat. „Als wir vor zwei Jahren eröffnet haben, haben wir ein Supergeschäft gemacht. Heute merkt man die Konkurrenz aus Punitz. Man muss halt schauen, dass ma die richtigen Mädls hat.“
Das Burgenland ist das einzige Bundesland, aus dem es keine von der Polizei verlautbarten Zahlen über die Anzahl der Bordelle gibt. Pressesprecher Wolfgang Boglitsch rät, in jedem Bezirk beziehungsweise in jeder Gemeinde anzurufen. Ergebnis: zwischen 35 und 40 Puffs, aufgeteilt auf sieben Bezirke mit rund 280.000 Einwohnern. Macht bei etwa zehn bis 15 Frauen pro Bordell einen Schnitt von etwa 280 burgenländischen Männern pro Prostituierter. Genau weiß es freilich keiner. Und will es auch nicht wissen.
Hinter der auch nachts geöffneten Tankstelle an der Bundesstraße 57, wo Güssing nach Norden hin ausfranst, steht ein verlassenes Gasthaus. Ein Schild verweist auf das daneben liegende, nach dem Evergreen von Johannes Heesters („Heut geh ich ins Maxim, da bin ich sehr intim …“) benannte Nachtlokal. Gross’ Bordell ist das billigste in der Gegend. Eine halbe Stunde kostet 50 Euro, eine ganze 100.
Äußerlich trägt Robert Gross keine der typischen Insignien seiner Zunft. Die goldene Kette, die um seinen Hals baumelt, ist von bescheidenem Ausmaß. Er hat keine fetten Ringe an den Fingern, kein Flinserl im Ohrloch; die glatten, braunen Haare sind kurz, das blau-weiß gestreifte Polo-Shirt tadellos gebügelt. Das „Maxim“ leitet der 38-Jährige seit zwei Jahren, bis heute führt er auch – gemeinsam mit seiner Frau Brigitta – ein Bordell gleich über der Grenze. Außer ihr haben Frauen keinen Zutritt. „Die sind schlecht fürs Geschäft“, sagt Gross. Er erzählt von Freundinnenrunden, die anfangs den Laden stürmten, um herauszufinden, „wer eigentlich ins Puff geht“. Seitdem nur noch Männer zugelassen sind, haben sich die Wogen geglättet.
Heute amüsieren sich die Leute über die Versuche männlicher Güssinger, ihr Treiben geheim zu halten. An den Autos, die auf dem Nummernschild das Kürzel GS tragen, überkleben die ortsansässigen Freier kurzerhand das S – und glauben sich so als Grazer getarnt. Gross weiß auch von Gästen, die ihr Auto bei der Tankstelle parken und dann schnell die Straße in Richtung „Maxim“ hinauflaufen. Die Polizei hat mit ihm kein Problem. Und er nicht mir ihr. „Die haben am Anfang jede Woche kontrolliert, jetzt jede zweite, immer unerwartet. Das ist aber eh okay, gibt ja nix zu verstecken“, sagt Gross.
In Österreich ist das Bordellwesen Landessache, jedes Bundesland hat seine eigenen Richtlinien. Von Amts wegen gibt es den Namen „Bordell“ gar nicht. Die Betreiber melden dem Gewerbeamt das Öffnen einer Bar oder eines Nachtklubs. Ob in solchen Bars auch Sex zu kriegen ist, erfährt die Gemeinde als Erste. Die Daten leitet sie dann an die Polizei weiter, die für eine regelmäßige Kontrolle der Damen zuständig ist. Außerdem ist es Aufgabe des jeweiligen Polizeipostens, die in seinem Rayon eröffneten Bordelle umgehend der Landeskriminalamtsstelle zu melden.
Was im Südburgenland nur in der Ausnahme passiert. Ein Grund: die rasante Fluktuation in dem Gewerbe. Hinter vorgehaltener Hand spricht man allerdings von „purer Schlampigkeit“ – so ein burgenländischer Polizist, der für diese Erkenntnis freilich nicht namentlich genannt werden möchte. Eine Schlampigkeit, die den Frauen leicht zum Verhängnis werden kann. Die Rechtsanwältin Doris Einwallner, die sich im Verband mit dem Verein lateinamerikanischer emigrierter Frauen in Österreich (LEFÖ) der Nöte ausländischer Prostituierter annimmt, sagt: „Es gibt im Bereich der Bordellregelung einen großen Graubereich, was erlaubt ist und was nicht.“ Wo eine Grauzone existiert, ist die Gefahr des Missbrauchs gegeben.

Im „Maxim“ besteht das, was Robert Gross das „Angebot“ nennt, ausschließlich aus Ausländerinnen. 16 Frauen aus Ungarn, Polen, der Slowakei und Tschechien. Wie viel den Frauen von dem verdienten Geld bleibt, vereinbaren sie mit dem jeweiligen Besitzer. Als selbstständig Erwerbstätige zahlen sie ihm Miete. Dafür stellt er ihnen die Räume zur Verfügung. Konkrete Beträge nennt niemand. Die Betreiber sprechen von „fixen Prozenten“. Üblich sind zwischen 20 und 30 Prozent vom Verdienst. Außerdem müssen die Prostituierten oft auch die Werbung der Lokale mitfinanzieren. Im Gegenzug haben sie ein Recht auf eine Beteiligung an den verkauften Getränken. Vor allem am Sekt.
Mit den Sexarbeiterinnen ins Gespräch zu kommen, fällt schwer. Kaum eine von ihnen spricht verständliches Deutsch. Wenn das Bordell um vier Uhr früh schließt, fahren sie in eines der Gasthäuser in den umliegenden Ortschaften, wo sie schlafen. Aus Angst vor Freiern, die die Sperrstunde nicht anerkennen, wechseln sie regelmäßig die Wohnungen.
Karolina kommt aus Budapest. Seit drei Jahren arbeitet sie im Südburgenland. Zuerst in Litzelsdorf, aber dort ging es der heute 42-Jährigen, die sich trotz ihres Jobs eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt hat, nach eigenem Bekunden „sehr schlecht“. 40 Kilometer weiter in Jennersdorf wurde es auch nicht besser. Warum es weder da noch dort geklappt hat, will sie nicht genau sagen. Jetzt sitzt sie inmitten eines schwarzen Ledercouch-Ensembles in der „Flying Lady“ in Punitz, in der Nachbarschaft der Wieslers. „Hier kann ich mir jeden Tag selber einteilen“, sagt Karolina. Außerdem herrsche in Punitz Kondomzwang. Und nicht zuletzt könne sie hier „mit dem Franz reden, wenn ich Probleme habe“.
Der Franz heißt mit vollem Namen Franz Zöhrer und kennt sich aus im Geschäft. „Das hier ist einer der schwersten Berufe überhaupt. Viele Mädchen bedeutet viel Stress“, sagt er, während ein Kunde – klein, graues Haar, Siebentagebart – an der Theke steht und aufmerksam den Busen seines Gegenübers mustert. Im ganzen Burgenland berühmt wurde Zöhrers Haus durch eine unbeabsichtigte Intervention von höchster Stelle. Die burgenländische ÖVP errichtete Anfang des Jahres genau vor seinem Lokal ein Schild mit der Aufschrift: „Wir sind da. Rund um die Uhr.“ Die SPÖ kam, sah, fotografierte, und „plötzlich hat mi jeder im Burgenland kannt – und woanders a“, sagt Zöhrer und hält sich beim Lachen den gut ausgeformten Bauch.

Für ihn liegen die Gründe für den enormen Zuwachs an Bordellen in der Gegend auf der Hand: „Die Leute glauben, mach ma halt a Puff auf, das is schnell und leicht verdientes Geld. Aber das is harte Arbeit. Einmal nach Russland fahren und dort a Bier trinken, reicht net aus, um a Lokal zu eröffnen. Dafür braucht ma Connections in ganz Europa.“ Das himmelblaue Hemd trägt Zöhrer bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Die offenen obersten Knöpfe offenbaren eine durchschnittliche Brustbehaarung und eine Goldkette, mit der man einen Kampfhund erwürgen könnte. An den Armgelenken baumeln ebenfalls Hochkaräter. Für eine Marlboro braucht Zöhrer gefühlte 30 Sekunden. Als draußen ein Wagen vorfährt, schreit er: „Nicole, geh, mach du das bitte!“
Das „Flying Lady“ hat Zöhrer nach dem angrenzenden kleinen Flugplatz benannt. Vor seinem jetzigen Job führte er ein Lokal in Teneriffa, wo „ich mit meinen Blondinen innerhalb kürzester Zeit alle anderen Bordelle in die Ecke verwiesen hab“. Vor diesem Auslandsaufenthalt hat er ein paar „illegale Dinger“ gedreht, über die er im Detail nicht sprechen will. Im „Flying Lady“ sind die Frauen selbst verantwortlich, dass die Duschen geputzt und die Mistkübel geleert sind. Im Umgang mit dem Personal pflegt Zöhrer seine eigene Philosophie: „Die Mädls brauchen Führung. Die müssen wissen, wo die Grenze ist. Wenn ein Fußballspiel ist oder es regnet, wird auch mal Pause gemacht. Aber dann muss es weitergehen.“ Der Job, sagt die zierliche Karolina, „macht überhaupt keinen Spaß“. Sie verbringt maximal vier Tage pro Woche im Burgenland. Den Rest der Zeit lebt sie in ihrer Heimat.
Seit dem Beitritt Ungarns zur EU vor zwei Jahren arbeiten deutlich mehr Frauen aus Osteuropa als Prostituierte in Österreich. Die sieben Jahre währende Übergangsregelung für Arbeitnehmer aus den Neo-EU-Mitgliedstaaten gilt nur für Unselbstständige. „Top secret und schnell, schnell, schnell“ müsse die Arbeit gehen, sagt sie. Das verdiente Geld spart sie. Wenn sie genug hat, will sie ein kleines Geschäft eröffnen. Vielleicht ein Kaffeehaus. „Bestimmt nix mit Sex“, sagt Karolina und nippt an ihrem Mineralwasser.
Eine halbe Stunde Sex in der „Flying Lady“ kostet 55 Euro, eine Stunde 110. „Nur mit Gummi und ohne Küssen“, sagt Franz Zöhrer. Die Dumpingpreise schreibt er der sich stetig verschärfenden Konkurrenz zu. Fast im Monatstakt eröffnen im Umland neue Bars und Tanzclubs, die jüngsten in Poppendorf, Großpetersdorf und Rust. Am Anfang hat Zöhrer 80 Euro für die halbe Stunde verlangt, aber „da kommt kaner. Dabei zahlst in der Steiermark für a halbe Stund 100 Euro.“
Sein Talent für diese Branche hat „ma mir in die Wiege gelegt“. Schon als Bub träumte der gebürtige Feldbacher den Traum vom Bordellchef: „Das Gold und die großen Autos – das hat mir scho immer gfallen.“ Entgegen diesen Vorlieben legt Zöhrer, was sein Lokal angeht, Wert auf einen gewissen Stil: „Bei uns etabliert sich langsam a seriöses Publikum. Ned wie im ,Maxim‘ in Güssing, wo nur a paar Bundesheerler kommen, a Bier trinken, die Füß am Tisch legen und dann a halbe Stund nehmen.“
Zöhrers Konkurrent Robert Gross hört derlei gar nicht gern: „I glaub, in der Kaserne gibt’s sogar ein Puffgehverbot. Seit einem Jahr jedenfalls ist kaum mehr einer in Uniform da.“ Ein Polizist aus der Gegend bestätigt das: „Im ,Maxim‘ hat’s vor einem Jahr eine Schlägerei gegeben. Jetzt dürfen die dort nicht mehr hingehen.“ Nur bei den derzeitigen Vorlieben der Gäste sind sich die südburgenländischen Bordellbesitzer einig: große Brüste, mollige und ältere Frauen. „Vielleicht weil sie dem Gast das Gefühl einer Ehefrau vermitteln“, sagt Franz Zöhrer. Weniger gern äußern sich die Puffväter über die Zusammensetzung ihrer Kundschaft.
Auch nicht Wolfgang Zyka. Der Wiener hat Ende März in Wörterberg, einem 457-Seelen-Dorf an der Grenze zur Oststeiermark, das „Inkognito“ gepachtet. Das Lokal stellt so etwas wie die Luxusjacht unter den burgenländischen Puffs dar. Für Sex im „Inkognito“ zahlt man pro Viertelstunde 58 Euro, für eine halbe 80, für die ganze 110. „Dafür ist Naturfranzösisch inbegriffen. Bei den anderen Bordellen ist das nicht so – dadurch sind wir vergleichsweise billig.“

Hier hat das Bordell sogar den Spitznamen des Dorfes verändert: Die Leute aus der Umgebung sprechen heute nur noch von „Bad Wörth“ – wegen des Swimmingpools im „Inkognito“. Ein eigener kleiner Feldweg führt zu einem Anwesen, das rund 1.100 Quadratmeter Nutzfläche umfasst. Das Erste, was einem beim Betreten des Hauses entgegenschlägt, sind die drückende Hitze und der beißende Geruch von Chlor, wie in einem kleinen Hallenbad. Leicht bekleidete Mädchen huschen vorbei, alle einen leicht abwesenden Blick im Gesicht und eine Tasse Kaffee in der Hand.
Der erste große Raum hat auf der rechten Seite eine lange Bar, gegenüber davon sind im Halbkreis Sitznischen eingebaut. In der Mitte steht auf einem erhöhten Podium eine Stange für Tanzeinlagen. Die Wände sind voll von handgemalten Bildern, die man hier für erotisch hält: wohlproportionierte Frauen, die sich gegenseitig stimulieren.
„Über die Kundschaft rede ich nicht“, sagt Zyka. Die Leute, die hier wohnen, sind da nicht so diskret. Vor allem die Grenzsoldaten sollen die Nachtklubs finanzieren, heißt es. „Die sind für ein paar Monate an der Grenze stationiert. Da zahlt sich heimfahren nicht aus, also gehen’s halt da weg“, sagt eine Güssingerin. Auch viele Geschäftsleute, die berufshalber die Südautobahn benutzen, kommen angesichts der Vielfalt und der Niedrigpreispolitik der südburgenländischen Etablissements öfters auf einen Abstecher hierher. Im Internet finden sich gut besuchte Seiten mit Rankings der besten und billigsten Bordelle in der Gegend. Ein weiterer Kundenstock speist sich aus den Besuchern der Thermen in der Umgebung. So sorgen die heilenden Quellen von Loipersdorf, Bad Tatzmannsdorf, Blumau und Stegersbach für regen und stetigen Verkehr.
Ein Thermenbetreiber, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt von Gästen, die regelmäßig fragen, „wo man sich in der Gegend am besten amüsieren kann“. Manche bestellen sich eine Frau direkt auf ihr Hotelzimmer. Die Bordellbesitzer tragen dem Rechnung, indem sie seit kurzem auch ein Escort-Service anbieten.
Ein blühendes Geschäft also? „Maxim“-Pate Robert Gross relativiert: „Die Leute glauben immer noch, dass das Geschäft eine Goldgrube ist. Aber dahinter steckt harte Arbeit.“ Vor fünf Jahren sei das noch anders gewesen, sagt Zöhrer: „Da hat ein Mädchen auf der Straße so viel Geld gebracht wie heute fünf im Lokal.“ Für „Inkognito“-Chef Zyka ist der finanzielle Erfolg nicht so wichtig, sagt er: „Ich hab das Bordell als Freizeitspaß. In Wien hab ich noch ein Studio, das deckt meine Zahlungen ab.“ Nach der Übernahme musste der Mann mit der Nickelbrille und dem Dreitagebart umlernen. In einem Studio gibt es keine Bar und kein Schäkern im Separee: Dort geht es nur um Sex, ohne Vorgeplänkel mit Piccolo und Händchenhalten.
Trotzdem glaubt Zyka an eine rosige Zukunft seines Gewerbes im Burgenland, weil: „Ich hab mein eigenes Konzept.“ Erotische Lesungen und Musikaufführungen soll es geben, für die kunstsinnigeren Kunden. Während der Fußball-WM hat er eine Videoleinwand aufgestellt. Zehn Mädchen arbeiten derzeit im „Inkognito“, aber bald schon soll auf 15 aufgestockt werden. Seine Frau Dana, eine zierliche, hübsche Mittzwanzigerin mit langen, schwarzen Haaren, steht zeitweise hinter der Bar.Für Zyka sind „die Mädchen das Wichtigste“, beteuert er. Weil: „Die gehen für mich mit jemandem ins Bett. Das muss man honorieren.“
Frage an die Maus
Prostituierte, die in Österreich in einem Bordell arbeiten, sind selbstständig erwerbstätig.
Sie müssen sich bei der Polizei registrieren, eine Steuernummer haben und eigenständig
Versicherung zahlen. Wie oft sie zur Gesundenuntersuchung müssen, variiert zwischen den einzelnen Bundesländern. Die Amtsärztin händigt ihnen einen Gesundheitspass, den so geannten „Deckel“, aus, den die Polizei kontrolliert. In Österreich sind heute laut Angaben des Bundeskriminalamtes rund 3.500 Prostituierte registriert. Die Zahl der illegal Arbeitenden wird auf 2.000 geschätzt. Die vier wichtigsten Einrichtungen, die sich im Land der Prostituierten annehmen, sind Lefö und Sila in Wien sowie Maiz und Lena in Linz. 70 bis 80 Prozent der Frauen sind laut Lefö Ausländerinnen, die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa.
Die Anzahl der Bordelle in den Ländern variiert in hohem Maße. In Wien gibt es 200, in Vorarlberg kein einziges. Grund dafür ist das dortige Sittenpolizeigesetz, das die Einrichtung eines legalen Bordells verbietet. In Tirol gibt es fünf, in Kärnten 30, Salzburg verzeichnet 37, die Steiermark hält derzeit bei 145 Freudenhäusern. In Niederösterreich gibt es 70 bordellähnliche Betriebe, in Oberösterreich 77, wie die jeweiligen Landeskriminalämter bzw. Sicherheitsdirektionen mitteilen. Alle verlautbarten Zahlen sind allerdings nur grobe Schätzungen. Für das Burgenland gibt es gar keine Zahlen, der Stand dürfte bei etwa 40 liegen.
Adolf Reiter, Leiter der Abteilung Menschenhandel in Salzburg, nennt als Grund: „Gerade im Rotlichtmilieu ist es schwer, konkrete Zahlen zu nennen. Ständig sperrt wo wer auf und dafür ein anderer zu.“ Wo die Bordelle stehen dürfen, ist im jeweiligen Landespolizeigesetz geregelt. Im Burgenland ist die Prostitution im Umkreis von 200 Metern von öffentlichen Orten wie Schulen, Kirchen, Friedhöfen und Krankenanstalten verboten. Von einem Anstieg der Kriminalität durch den Bordellboom der letzten Jahre ist laut Polizei nichts zu merken. Übrigens die einzige konkrete Aussage der amtlichen Stellen.

Die „Flying Lady“ liegt in Punitz, einem Ortsteil der südburgenländischen Gemeinde Tobaj, knapp sechs Kilometer von der Bezirkshauptstadt Güssing entfernt. 333 Einwohner, eine Kirche, eine Bushaltestelle, kein einziges Gasthaus. Die Volksschule hat in diesem Jahr nur noch eine einzige Klasse – für alle vier Jahrgänge. Rund 15 Kilometer sind es von hier bis Ungarn. In der südlichsten Ecke des Burgenlandes, wo die Leute mit Uhudler anstoßen und der Sportplatz den Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens bildet, ist seit kurzem ein Phänomen zu beobachten, das sich direkt vor den Augen der Einwohner abspielt, das aber vorderhand so niemand wirklich erklären kann: Die Zahl der Bordelle explodiert.
Über die Ursachen gibt es nur Vermutungen: die nahe der Ostgrenze gelegene A2, die zahlreichen Thermen in der Umgebung und, aus Sicht der Bordellkundschaft am wichtigsten, die Dumpingpreise der Betreiber.
„Die Burgenländer sind immer nach Ungarn rübergefahren. Da hab ich mir gedacht, ich bring das Angebot halt her“, sagt Robert Gross, der Pächter des „Maxim“ in Güssing. Seine Geschäfte in der 4.000-Einwohner-Stadt, die im Sommer mit Festspielen auf der mittelalterlichen Burg Touristen lockt, gehen gut. Auch wenn sich die erste Euphorie bereits gelegt hat. „Als wir vor zwei Jahren eröffnet haben, haben wir ein Supergeschäft gemacht. Heute merkt man die Konkurrenz aus Punitz. Man muss halt schauen, dass ma die richtigen Mädls hat.“
Das Burgenland ist das einzige Bundesland, aus dem es keine von der Polizei verlautbarten Zahlen über die Anzahl der Bordelle gibt. Pressesprecher Wolfgang Boglitsch rät, in jedem Bezirk beziehungsweise in jeder Gemeinde anzurufen. Ergebnis: zwischen 35 und 40 Puffs, aufgeteilt auf sieben Bezirke mit rund 280.000 Einwohnern. Macht bei etwa zehn bis 15 Frauen pro Bordell einen Schnitt von etwa 280 burgenländischen Männern pro Prostituierter. Genau weiß es freilich keiner. Und will es auch nicht wissen.
Hinter der auch nachts geöffneten Tankstelle an der Bundesstraße 57, wo Güssing nach Norden hin ausfranst, steht ein verlassenes Gasthaus. Ein Schild verweist auf das daneben liegende, nach dem Evergreen von Johannes Heesters („Heut geh ich ins Maxim, da bin ich sehr intim …“) benannte Nachtlokal. Gross’ Bordell ist das billigste in der Gegend. Eine halbe Stunde kostet 50 Euro, eine ganze 100.
Äußerlich trägt Robert Gross keine der typischen Insignien seiner Zunft. Die goldene Kette, die um seinen Hals baumelt, ist von bescheidenem Ausmaß. Er hat keine fetten Ringe an den Fingern, kein Flinserl im Ohrloch; die glatten, braunen Haare sind kurz, das blau-weiß gestreifte Polo-Shirt tadellos gebügelt. Das „Maxim“ leitet der 38-Jährige seit zwei Jahren, bis heute führt er auch – gemeinsam mit seiner Frau Brigitta – ein Bordell gleich über der Grenze. Außer ihr haben Frauen keinen Zutritt. „Die sind schlecht fürs Geschäft“, sagt Gross. Er erzählt von Freundinnenrunden, die anfangs den Laden stürmten, um herauszufinden, „wer eigentlich ins Puff geht“. Seitdem nur noch Männer zugelassen sind, haben sich die Wogen geglättet.
Heute amüsieren sich die Leute über die Versuche männlicher Güssinger, ihr Treiben geheim zu halten. An den Autos, die auf dem Nummernschild das Kürzel GS tragen, überkleben die ortsansässigen Freier kurzerhand das S – und glauben sich so als Grazer getarnt. Gross weiß auch von Gästen, die ihr Auto bei der Tankstelle parken und dann schnell die Straße in Richtung „Maxim“ hinauflaufen. Die Polizei hat mit ihm kein Problem. Und er nicht mir ihr. „Die haben am Anfang jede Woche kontrolliert, jetzt jede zweite, immer unerwartet. Das ist aber eh okay, gibt ja nix zu verstecken“, sagt Gross.
In Österreich ist das Bordellwesen Landessache, jedes Bundesland hat seine eigenen Richtlinien. Von Amts wegen gibt es den Namen „Bordell“ gar nicht. Die Betreiber melden dem Gewerbeamt das Öffnen einer Bar oder eines Nachtklubs. Ob in solchen Bars auch Sex zu kriegen ist, erfährt die Gemeinde als Erste. Die Daten leitet sie dann an die Polizei weiter, die für eine regelmäßige Kontrolle der Damen zuständig ist. Außerdem ist es Aufgabe des jeweiligen Polizeipostens, die in seinem Rayon eröffneten Bordelle umgehend der Landeskriminalamtsstelle zu melden.
Was im Südburgenland nur in der Ausnahme passiert. Ein Grund: die rasante Fluktuation in dem Gewerbe. Hinter vorgehaltener Hand spricht man allerdings von „purer Schlampigkeit“ – so ein burgenländischer Polizist, der für diese Erkenntnis freilich nicht namentlich genannt werden möchte. Eine Schlampigkeit, die den Frauen leicht zum Verhängnis werden kann. Die Rechtsanwältin Doris Einwallner, die sich im Verband mit dem Verein lateinamerikanischer emigrierter Frauen in Österreich (LEFÖ) der Nöte ausländischer Prostituierter annimmt, sagt: „Es gibt im Bereich der Bordellregelung einen großen Graubereich, was erlaubt ist und was nicht.“ Wo eine Grauzone existiert, ist die Gefahr des Missbrauchs gegeben.

Im „Maxim“ besteht das, was Robert Gross das „Angebot“ nennt, ausschließlich aus Ausländerinnen. 16 Frauen aus Ungarn, Polen, der Slowakei und Tschechien. Wie viel den Frauen von dem verdienten Geld bleibt, vereinbaren sie mit dem jeweiligen Besitzer. Als selbstständig Erwerbstätige zahlen sie ihm Miete. Dafür stellt er ihnen die Räume zur Verfügung. Konkrete Beträge nennt niemand. Die Betreiber sprechen von „fixen Prozenten“. Üblich sind zwischen 20 und 30 Prozent vom Verdienst. Außerdem müssen die Prostituierten oft auch die Werbung der Lokale mitfinanzieren. Im Gegenzug haben sie ein Recht auf eine Beteiligung an den verkauften Getränken. Vor allem am Sekt.
Mit den Sexarbeiterinnen ins Gespräch zu kommen, fällt schwer. Kaum eine von ihnen spricht verständliches Deutsch. Wenn das Bordell um vier Uhr früh schließt, fahren sie in eines der Gasthäuser in den umliegenden Ortschaften, wo sie schlafen. Aus Angst vor Freiern, die die Sperrstunde nicht anerkennen, wechseln sie regelmäßig die Wohnungen.
Karolina kommt aus Budapest. Seit drei Jahren arbeitet sie im Südburgenland. Zuerst in Litzelsdorf, aber dort ging es der heute 42-Jährigen, die sich trotz ihres Jobs eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt hat, nach eigenem Bekunden „sehr schlecht“. 40 Kilometer weiter in Jennersdorf wurde es auch nicht besser. Warum es weder da noch dort geklappt hat, will sie nicht genau sagen. Jetzt sitzt sie inmitten eines schwarzen Ledercouch-Ensembles in der „Flying Lady“ in Punitz, in der Nachbarschaft der Wieslers. „Hier kann ich mir jeden Tag selber einteilen“, sagt Karolina. Außerdem herrsche in Punitz Kondomzwang. Und nicht zuletzt könne sie hier „mit dem Franz reden, wenn ich Probleme habe“.
Der Franz heißt mit vollem Namen Franz Zöhrer und kennt sich aus im Geschäft. „Das hier ist einer der schwersten Berufe überhaupt. Viele Mädchen bedeutet viel Stress“, sagt er, während ein Kunde – klein, graues Haar, Siebentagebart – an der Theke steht und aufmerksam den Busen seines Gegenübers mustert. Im ganzen Burgenland berühmt wurde Zöhrers Haus durch eine unbeabsichtigte Intervention von höchster Stelle. Die burgenländische ÖVP errichtete Anfang des Jahres genau vor seinem Lokal ein Schild mit der Aufschrift: „Wir sind da. Rund um die Uhr.“ Die SPÖ kam, sah, fotografierte, und „plötzlich hat mi jeder im Burgenland kannt – und woanders a“, sagt Zöhrer und hält sich beim Lachen den gut ausgeformten Bauch.

Für ihn liegen die Gründe für den enormen Zuwachs an Bordellen in der Gegend auf der Hand: „Die Leute glauben, mach ma halt a Puff auf, das is schnell und leicht verdientes Geld. Aber das is harte Arbeit. Einmal nach Russland fahren und dort a Bier trinken, reicht net aus, um a Lokal zu eröffnen. Dafür braucht ma Connections in ganz Europa.“ Das himmelblaue Hemd trägt Zöhrer bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Die offenen obersten Knöpfe offenbaren eine durchschnittliche Brustbehaarung und eine Goldkette, mit der man einen Kampfhund erwürgen könnte. An den Armgelenken baumeln ebenfalls Hochkaräter. Für eine Marlboro braucht Zöhrer gefühlte 30 Sekunden. Als draußen ein Wagen vorfährt, schreit er: „Nicole, geh, mach du das bitte!“
Das „Flying Lady“ hat Zöhrer nach dem angrenzenden kleinen Flugplatz benannt. Vor seinem jetzigen Job führte er ein Lokal in Teneriffa, wo „ich mit meinen Blondinen innerhalb kürzester Zeit alle anderen Bordelle in die Ecke verwiesen hab“. Vor diesem Auslandsaufenthalt hat er ein paar „illegale Dinger“ gedreht, über die er im Detail nicht sprechen will. Im „Flying Lady“ sind die Frauen selbst verantwortlich, dass die Duschen geputzt und die Mistkübel geleert sind. Im Umgang mit dem Personal pflegt Zöhrer seine eigene Philosophie: „Die Mädls brauchen Führung. Die müssen wissen, wo die Grenze ist. Wenn ein Fußballspiel ist oder es regnet, wird auch mal Pause gemacht. Aber dann muss es weitergehen.“ Der Job, sagt die zierliche Karolina, „macht überhaupt keinen Spaß“. Sie verbringt maximal vier Tage pro Woche im Burgenland. Den Rest der Zeit lebt sie in ihrer Heimat.
Seit dem Beitritt Ungarns zur EU vor zwei Jahren arbeiten deutlich mehr Frauen aus Osteuropa als Prostituierte in Österreich. Die sieben Jahre währende Übergangsregelung für Arbeitnehmer aus den Neo-EU-Mitgliedstaaten gilt nur für Unselbstständige. „Top secret und schnell, schnell, schnell“ müsse die Arbeit gehen, sagt sie. Das verdiente Geld spart sie. Wenn sie genug hat, will sie ein kleines Geschäft eröffnen. Vielleicht ein Kaffeehaus. „Bestimmt nix mit Sex“, sagt Karolina und nippt an ihrem Mineralwasser.
Eine halbe Stunde Sex in der „Flying Lady“ kostet 55 Euro, eine Stunde 110. „Nur mit Gummi und ohne Küssen“, sagt Franz Zöhrer. Die Dumpingpreise schreibt er der sich stetig verschärfenden Konkurrenz zu. Fast im Monatstakt eröffnen im Umland neue Bars und Tanzclubs, die jüngsten in Poppendorf, Großpetersdorf und Rust. Am Anfang hat Zöhrer 80 Euro für die halbe Stunde verlangt, aber „da kommt kaner. Dabei zahlst in der Steiermark für a halbe Stund 100 Euro.“
Sein Talent für diese Branche hat „ma mir in die Wiege gelegt“. Schon als Bub träumte der gebürtige Feldbacher den Traum vom Bordellchef: „Das Gold und die großen Autos – das hat mir scho immer gfallen.“ Entgegen diesen Vorlieben legt Zöhrer, was sein Lokal angeht, Wert auf einen gewissen Stil: „Bei uns etabliert sich langsam a seriöses Publikum. Ned wie im ,Maxim‘ in Güssing, wo nur a paar Bundesheerler kommen, a Bier trinken, die Füß am Tisch legen und dann a halbe Stund nehmen.“
Zöhrers Konkurrent Robert Gross hört derlei gar nicht gern: „I glaub, in der Kaserne gibt’s sogar ein Puffgehverbot. Seit einem Jahr jedenfalls ist kaum mehr einer in Uniform da.“ Ein Polizist aus der Gegend bestätigt das: „Im ,Maxim‘ hat’s vor einem Jahr eine Schlägerei gegeben. Jetzt dürfen die dort nicht mehr hingehen.“ Nur bei den derzeitigen Vorlieben der Gäste sind sich die südburgenländischen Bordellbesitzer einig: große Brüste, mollige und ältere Frauen. „Vielleicht weil sie dem Gast das Gefühl einer Ehefrau vermitteln“, sagt Franz Zöhrer. Weniger gern äußern sich die Puffväter über die Zusammensetzung ihrer Kundschaft.
Auch nicht Wolfgang Zyka. Der Wiener hat Ende März in Wörterberg, einem 457-Seelen-Dorf an der Grenze zur Oststeiermark, das „Inkognito“ gepachtet. Das Lokal stellt so etwas wie die Luxusjacht unter den burgenländischen Puffs dar. Für Sex im „Inkognito“ zahlt man pro Viertelstunde 58 Euro, für eine halbe 80, für die ganze 110. „Dafür ist Naturfranzösisch inbegriffen. Bei den anderen Bordellen ist das nicht so – dadurch sind wir vergleichsweise billig.“

Hier hat das Bordell sogar den Spitznamen des Dorfes verändert: Die Leute aus der Umgebung sprechen heute nur noch von „Bad Wörth“ – wegen des Swimmingpools im „Inkognito“. Ein eigener kleiner Feldweg führt zu einem Anwesen, das rund 1.100 Quadratmeter Nutzfläche umfasst. Das Erste, was einem beim Betreten des Hauses entgegenschlägt, sind die drückende Hitze und der beißende Geruch von Chlor, wie in einem kleinen Hallenbad. Leicht bekleidete Mädchen huschen vorbei, alle einen leicht abwesenden Blick im Gesicht und eine Tasse Kaffee in der Hand.
Der erste große Raum hat auf der rechten Seite eine lange Bar, gegenüber davon sind im Halbkreis Sitznischen eingebaut. In der Mitte steht auf einem erhöhten Podium eine Stange für Tanzeinlagen. Die Wände sind voll von handgemalten Bildern, die man hier für erotisch hält: wohlproportionierte Frauen, die sich gegenseitig stimulieren.
„Über die Kundschaft rede ich nicht“, sagt Zyka. Die Leute, die hier wohnen, sind da nicht so diskret. Vor allem die Grenzsoldaten sollen die Nachtklubs finanzieren, heißt es. „Die sind für ein paar Monate an der Grenze stationiert. Da zahlt sich heimfahren nicht aus, also gehen’s halt da weg“, sagt eine Güssingerin. Auch viele Geschäftsleute, die berufshalber die Südautobahn benutzen, kommen angesichts der Vielfalt und der Niedrigpreispolitik der südburgenländischen Etablissements öfters auf einen Abstecher hierher. Im Internet finden sich gut besuchte Seiten mit Rankings der besten und billigsten Bordelle in der Gegend. Ein weiterer Kundenstock speist sich aus den Besuchern der Thermen in der Umgebung. So sorgen die heilenden Quellen von Loipersdorf, Bad Tatzmannsdorf, Blumau und Stegersbach für regen und stetigen Verkehr.
Ein Thermenbetreiber, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt von Gästen, die regelmäßig fragen, „wo man sich in der Gegend am besten amüsieren kann“. Manche bestellen sich eine Frau direkt auf ihr Hotelzimmer. Die Bordellbesitzer tragen dem Rechnung, indem sie seit kurzem auch ein Escort-Service anbieten.
Ein blühendes Geschäft also? „Maxim“-Pate Robert Gross relativiert: „Die Leute glauben immer noch, dass das Geschäft eine Goldgrube ist. Aber dahinter steckt harte Arbeit.“ Vor fünf Jahren sei das noch anders gewesen, sagt Zöhrer: „Da hat ein Mädchen auf der Straße so viel Geld gebracht wie heute fünf im Lokal.“ Für „Inkognito“-Chef Zyka ist der finanzielle Erfolg nicht so wichtig, sagt er: „Ich hab das Bordell als Freizeitspaß. In Wien hab ich noch ein Studio, das deckt meine Zahlungen ab.“ Nach der Übernahme musste der Mann mit der Nickelbrille und dem Dreitagebart umlernen. In einem Studio gibt es keine Bar und kein Schäkern im Separee: Dort geht es nur um Sex, ohne Vorgeplänkel mit Piccolo und Händchenhalten.
Trotzdem glaubt Zyka an eine rosige Zukunft seines Gewerbes im Burgenland, weil: „Ich hab mein eigenes Konzept.“ Erotische Lesungen und Musikaufführungen soll es geben, für die kunstsinnigeren Kunden. Während der Fußball-WM hat er eine Videoleinwand aufgestellt. Zehn Mädchen arbeiten derzeit im „Inkognito“, aber bald schon soll auf 15 aufgestockt werden. Seine Frau Dana, eine zierliche, hübsche Mittzwanzigerin mit langen, schwarzen Haaren, steht zeitweise hinter der Bar.Für Zyka sind „die Mädchen das Wichtigste“, beteuert er. Weil: „Die gehen für mich mit jemandem ins Bett. Das muss man honorieren.“
Frage an die Maus
Prostituierte, die in Österreich in einem Bordell arbeiten, sind selbstständig erwerbstätig.
Sie müssen sich bei der Polizei registrieren, eine Steuernummer haben und eigenständig
Versicherung zahlen. Wie oft sie zur Gesundenuntersuchung müssen, variiert zwischen den einzelnen Bundesländern. Die Amtsärztin händigt ihnen einen Gesundheitspass, den so geannten „Deckel“, aus, den die Polizei kontrolliert. In Österreich sind heute laut Angaben des Bundeskriminalamtes rund 3.500 Prostituierte registriert. Die Zahl der illegal Arbeitenden wird auf 2.000 geschätzt. Die vier wichtigsten Einrichtungen, die sich im Land der Prostituierten annehmen, sind Lefö und Sila in Wien sowie Maiz und Lena in Linz. 70 bis 80 Prozent der Frauen sind laut Lefö Ausländerinnen, die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa.
Die Anzahl der Bordelle in den Ländern variiert in hohem Maße. In Wien gibt es 200, in Vorarlberg kein einziges. Grund dafür ist das dortige Sittenpolizeigesetz, das die Einrichtung eines legalen Bordells verbietet. In Tirol gibt es fünf, in Kärnten 30, Salzburg verzeichnet 37, die Steiermark hält derzeit bei 145 Freudenhäusern. In Niederösterreich gibt es 70 bordellähnliche Betriebe, in Oberösterreich 77, wie die jeweiligen Landeskriminalämter bzw. Sicherheitsdirektionen mitteilen. Alle verlautbarten Zahlen sind allerdings nur grobe Schätzungen. Für das Burgenland gibt es gar keine Zahlen, der Stand dürfte bei etwa 40 liegen.
Adolf Reiter, Leiter der Abteilung Menschenhandel in Salzburg, nennt als Grund: „Gerade im Rotlichtmilieu ist es schwer, konkrete Zahlen zu nennen. Ständig sperrt wo wer auf und dafür ein anderer zu.“ Wo die Bordelle stehen dürfen, ist im jeweiligen Landespolizeigesetz geregelt. Im Burgenland ist die Prostitution im Umkreis von 200 Metern von öffentlichen Orten wie Schulen, Kirchen, Friedhöfen und Krankenanstalten verboten. Von einem Anstieg der Kriminalität durch den Bordellboom der letzten Jahre ist laut Polizei nichts zu merken. Übrigens die einzige konkrete Aussage der amtlichen Stellen.















