Neue Bärte, alte Werte
Wie die Österreicher zwischen Donaumonarchie und Anschluss tickten und was wir heute davon (nicht mehr) haben. Nirgends steht es so beschrieben wie in einem rund 30 Jahre alten Buch des US-Historikers William Johnston.

TEXT: MATTHIAS KOCH
FOTOGRAFIE: TOM LINECKER
Lange, zu lange diskutierte Österreich über die Rückgabe von fünf Klimt-Bildern an die Erben der Altwiener Familie Bloch-Bauer, die der Enkel des emigrierten Komponisten Arnold Schönberg für Maria Altmann in Kalifornien erstritt. Bei einem seiner letzten Wien-Aufenthalte gab Schönberg seiner Verwunderung Ausdruck, dass er hierzulande immer wieder gehört habe, dass man eben zwischen Recht und Gerechtigkeit unterscheiden müsse. Schönberg wandte ein, dass sich das Recht doch möglichst nahe an der Moral zu orientieren habe.
Damit griff er – bewusst oder unbewusst – einen tief reichenden Zwiespalt in der österreichischen mentalen Verfasstheit auf. Kaum jemand hat diesen so treffend herausgearbeitet wie der amerikanische Autor William M. Johnston in seinem erstmals 1972 erschienenen Buch „The Austrian Mind – An Intellectual and Social History 1848–1938“, welches mit „Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte – Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848–1938“ (Böhlau) artig ins Deutsche übersetzt wurde.
Das Fazit des Geschichtsprofessors von der University of Massachusetts: Für die Österreicher zählte die Vergangenheit schon damals mehr als Gegenwart und Zukunft. Schon damals war in diesem Land wichtiger, wer man ist, nicht, was man tut. Schon damals faszinierte der Tod mehr als das Leben. Schon damals hemmte die Trägheit Reformen, unterdrückte der Schein das Sein.
Johnston fasste in seinem Werk alle großen Innovatoren und Kreativen zusammen, die zu jener Zeit im Donauraum lebten. Nicht wenige österreichische Denker jener Zeit wurden zu Leitsternen: Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Franz Kafka, um nur die Bekanntesten zu nennen. Für den Geschichtswissenschaftler Johnston bildete das Absterben des intellektuellen Wien einen der Hauptgründe dafür, dass Europa nach 1945 so wenige originelle und innovative Denker hervorgebracht hat. Seine These: Der Kontinent hatte mit dem Vorkriegswien einen der wenigen Vorposten nominalistischen Denkens östlich des Rheins verloren. Nirgendwo anders wetteiferten statische Gemeinschaften mit Begriffen wie Gerechtigkeit, Loyalität, Zugehörigkeit und feudalen Strukturen mehr mit dynamischen Zirkeln, deren Werte Recht, Individualität, Nominalismus, Kapitalismus und Leistungsorientierung bildeten.
Es blieb dem Weitblick eines Ausländers vorbehalten, die Verknotungen und Verstrickungen jenes Innengewebes nachzuzeichnen. Das Besondere am Donauraum jener Zeit war, dass hier im Experimentellen kaum etwas ausgelassen wurde, was später woanders entweder aufgegriffen oder verworfen wurde. So als hätte alles schon einmal seine Probe im alten Österreich gehabt. Es scheint, als hätte man erst kürzlich ein über Jahrzehnte abgestelltes Glas neuerlich angegriffen und geschüttelt.
Heute trübt der Ausklang dieser Vibrationen die Sicht auf die Geografie Mitteleuropas. Johnston hatte seinem Buch ein Zitat von Jan Gebser vorangestellt: „Etwas Neues kann man nur finden, wenn man das Alte kennt.“ Der ebenfalls zitierte Walter Brecht bezeichnete es dementsprechend als eine fast unheimliche Fähigkeit des Österreichers, alle Seiten einer Sache auf einmal zu sehen und zu verstehen – aber auch ebenso gut ihr Gegenteil. Lässt man die Jahre nach 1938 Revue passieren, so kann das Gegenteil nur besser als das Erlebte werden.
Die OECD verspricht sich in den nächsten Jahren vom Dreiländereck Wien-Bratislava-Györ die größten wirtschaftlichen Wachstumsimpulse innerhalb der EU. Bezieht man in diesen Radius im geografischen Sinne Prag und Budapest wie auch die Impulsgeber Kultur und Zivilgesellschaft mit ein, könnten diese Erwartungen bald übertroffen werden. Es gibt in Europa keine vergleichbare Schnittstelle zwischen drei bedeutenden so genannten „Kulturlandschaften“ – der germanischen, romanischen und slawischen. Die Geschichte verfügt über genügend Beispiele, was es hervorbringen kann, wenn sich alle drei austauschen und gegenseitig befruchten. Nicht zuletzt galt das für die Zeit zwischen 1848 und 1938.
Bis vor 1800, so Johnston, hatte die Habsburger-Monarchie historisch drei wichtige Aufgaben erfüllt: die Rückführung des süddeutschen Raums zum Katholizismus, die Abwehr des osmanischen Ansturms und die Verbreitung der westlichen Zivilisation gen Osten. Mit deren Erfüllung wurde der Vielvölkerstaat freilich in zunehmendem Maße vermeintlich anachronistisch erlebt. Mit schwer wiegenden Folgen.
Anton Wildgans bezeichnete den Österreicher einst als Menschenkenner, der Toleranz und Höflichkeit gezielt einsetzt, um seine Gesellschaft am Leben zu erhalten. Mit der neuerlichen Begegnung verschiedener Völker ist diese Kunst des Dialogs wieder gefragt. Die reaktivierte Fähigkeit zum integrativen Denken ist die beste Voraussetzung, um im Zeitalter der Globalisierung einen neuen Heimatbezug entwickeln zu können. 1913 sagte Arnold Schönberg im Andenken an den zwei Jahre zuvor verstorbenen Gustav Mahler: „Aber wenn wir die Teile auseinander genommen haben, sind wir meist nicht mehr im Stande, sie wieder genau zusammenzusetzen, und haben verloren, was wir vorher schon besessen hatten. Das Ganze mit allen Details und seiner Seele.“
Ohne Zweifel hilft Johnstons Buch beim Zusammensetzen früherer Details. Heute mehr denn je.
FOTOGRAFIE: TOM LINECKER
Lange, zu lange diskutierte Österreich über die Rückgabe von fünf Klimt-Bildern an die Erben der Altwiener Familie Bloch-Bauer, die der Enkel des emigrierten Komponisten Arnold Schönberg für Maria Altmann in Kalifornien erstritt. Bei einem seiner letzten Wien-Aufenthalte gab Schönberg seiner Verwunderung Ausdruck, dass er hierzulande immer wieder gehört habe, dass man eben zwischen Recht und Gerechtigkeit unterscheiden müsse. Schönberg wandte ein, dass sich das Recht doch möglichst nahe an der Moral zu orientieren habe.
Damit griff er – bewusst oder unbewusst – einen tief reichenden Zwiespalt in der österreichischen mentalen Verfasstheit auf. Kaum jemand hat diesen so treffend herausgearbeitet wie der amerikanische Autor William M. Johnston in seinem erstmals 1972 erschienenen Buch „The Austrian Mind – An Intellectual and Social History 1848–1938“, welches mit „Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte – Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848–1938“ (Böhlau) artig ins Deutsche übersetzt wurde.
Das Fazit des Geschichtsprofessors von der University of Massachusetts: Für die Österreicher zählte die Vergangenheit schon damals mehr als Gegenwart und Zukunft. Schon damals war in diesem Land wichtiger, wer man ist, nicht, was man tut. Schon damals faszinierte der Tod mehr als das Leben. Schon damals hemmte die Trägheit Reformen, unterdrückte der Schein das Sein.
Johnston fasste in seinem Werk alle großen Innovatoren und Kreativen zusammen, die zu jener Zeit im Donauraum lebten. Nicht wenige österreichische Denker jener Zeit wurden zu Leitsternen: Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Franz Kafka, um nur die Bekanntesten zu nennen. Für den Geschichtswissenschaftler Johnston bildete das Absterben des intellektuellen Wien einen der Hauptgründe dafür, dass Europa nach 1945 so wenige originelle und innovative Denker hervorgebracht hat. Seine These: Der Kontinent hatte mit dem Vorkriegswien einen der wenigen Vorposten nominalistischen Denkens östlich des Rheins verloren. Nirgendwo anders wetteiferten statische Gemeinschaften mit Begriffen wie Gerechtigkeit, Loyalität, Zugehörigkeit und feudalen Strukturen mehr mit dynamischen Zirkeln, deren Werte Recht, Individualität, Nominalismus, Kapitalismus und Leistungsorientierung bildeten.
Es blieb dem Weitblick eines Ausländers vorbehalten, die Verknotungen und Verstrickungen jenes Innengewebes nachzuzeichnen. Das Besondere am Donauraum jener Zeit war, dass hier im Experimentellen kaum etwas ausgelassen wurde, was später woanders entweder aufgegriffen oder verworfen wurde. So als hätte alles schon einmal seine Probe im alten Österreich gehabt. Es scheint, als hätte man erst kürzlich ein über Jahrzehnte abgestelltes Glas neuerlich angegriffen und geschüttelt.
Heute trübt der Ausklang dieser Vibrationen die Sicht auf die Geografie Mitteleuropas. Johnston hatte seinem Buch ein Zitat von Jan Gebser vorangestellt: „Etwas Neues kann man nur finden, wenn man das Alte kennt.“ Der ebenfalls zitierte Walter Brecht bezeichnete es dementsprechend als eine fast unheimliche Fähigkeit des Österreichers, alle Seiten einer Sache auf einmal zu sehen und zu verstehen – aber auch ebenso gut ihr Gegenteil. Lässt man die Jahre nach 1938 Revue passieren, so kann das Gegenteil nur besser als das Erlebte werden.
Die OECD verspricht sich in den nächsten Jahren vom Dreiländereck Wien-Bratislava-Györ die größten wirtschaftlichen Wachstumsimpulse innerhalb der EU. Bezieht man in diesen Radius im geografischen Sinne Prag und Budapest wie auch die Impulsgeber Kultur und Zivilgesellschaft mit ein, könnten diese Erwartungen bald übertroffen werden. Es gibt in Europa keine vergleichbare Schnittstelle zwischen drei bedeutenden so genannten „Kulturlandschaften“ – der germanischen, romanischen und slawischen. Die Geschichte verfügt über genügend Beispiele, was es hervorbringen kann, wenn sich alle drei austauschen und gegenseitig befruchten. Nicht zuletzt galt das für die Zeit zwischen 1848 und 1938.
Bis vor 1800, so Johnston, hatte die Habsburger-Monarchie historisch drei wichtige Aufgaben erfüllt: die Rückführung des süddeutschen Raums zum Katholizismus, die Abwehr des osmanischen Ansturms und die Verbreitung der westlichen Zivilisation gen Osten. Mit deren Erfüllung wurde der Vielvölkerstaat freilich in zunehmendem Maße vermeintlich anachronistisch erlebt. Mit schwer wiegenden Folgen.
Anton Wildgans bezeichnete den Österreicher einst als Menschenkenner, der Toleranz und Höflichkeit gezielt einsetzt, um seine Gesellschaft am Leben zu erhalten. Mit der neuerlichen Begegnung verschiedener Völker ist diese Kunst des Dialogs wieder gefragt. Die reaktivierte Fähigkeit zum integrativen Denken ist die beste Voraussetzung, um im Zeitalter der Globalisierung einen neuen Heimatbezug entwickeln zu können. 1913 sagte Arnold Schönberg im Andenken an den zwei Jahre zuvor verstorbenen Gustav Mahler: „Aber wenn wir die Teile auseinander genommen haben, sind wir meist nicht mehr im Stande, sie wieder genau zusammenzusetzen, und haben verloren, was wir vorher schon besessen hatten. Das Ganze mit allen Details und seiner Seele.“
Ohne Zweifel hilft Johnstons Buch beim Zusammensetzen früherer Details. Heute mehr denn je.
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