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Der geraubte Hitler

Die Filmpiraten GmbH: Der Handel mit illegalen DVDs ist in Österreich zum Massenphänomen geworden. Wie das große Geschäft mit den kleinen gebrannten Scheiben funktioniert - und wer dahinter steckt.

Text: Martin Langeder
Illustration: Tom Mackinger
Zaghaft lächelnd klappert sie alle Lokale ab, vom „Mr. Lee“ bis zur „Nordsee“. Tisch für Tisch. Die zierliche Asiatin schlängelt sich durch die Touristen und Genießer, die bei den Standlern das Angebot gustieren. Überall probiert sie ihr Glück. Aber am Wiener Naschmarkt scheint sich niemand für die Schwarzhaarige in der dunkelblauen Kunstlederjacke zu interessieren. Sie drängt sich nicht auf. Ab und zu schüttelt jemand den Kopf, wenn sie ihre Ware präsentiert, ansonsten ignoriert man sie.

Sie lässt sich davon nicht beirren. Schließlich ist sie hier fast jeden Tag unterwegs. Ihre Ware ist absolut frisch – aber verboten. Sie verkauft topaktuelle DVDs: Raubkopien von Filmen, die gerade erst im Kino angelaufen sind. Für das illegale Filmvergnügen zum Immer-wieder-Anschauen verlangt sie sieben Euro. Viel wird ihr davon nicht bleiben. Denn sie ist Teil eines asiatischen Netzwerks mit Mafia-Strukturen.

Ein junger Mann bleibt stehen und blickt interessiert auf den Stapel Filme, den sie in ihrer linken Hand hält. Obenauf ist Bruno Ganz als Adolf Hitler zu sehen. „Is’ gut“, preist sie ihr cineastisches Angebot. Neben „Der Untergang“ hat sie noch „Garfield“, „Darf ich bitten?“ mit Richard Gere und J.Lo., „Sieben Zwerge“, „Terminal“ sowie die „Bourne Verschwörung“ mit Matt Damon griffbereit. In ihrer fahrbaren Einkaufstasche, die auch ältere Damen gerne zum Großeinkauf mit in den Supermarkt nehmen, sind noch Dutzende weitere DVDs geschlichtet: Alle Highlights des Kinoprogramms der vergangenen Monate sind hier versammelt. Sogar für Porno-Freunde hat die Asiatin die richtigen Filme eingepackt.

Der junge Mann ist skeptisch und öffnet die DVD-Hülle. „Is’ gut“, versucht sie ihn erneut zu überzeugen. Das Konterfei von Bruno „Hitler“ Ganz, das auf die Silberscheibe aufgeklebt ist, hat einen Rotstich – dem Drucker scheinen die anderen Farben ausgegangen zu sein. Auf der Rückseite der Verpackung werden als Bonusmaterial unter anderem ein Making-of des Films „Tränen der Sonne“, „Stimmen aus Afrika“ und eine interaktive Afrika-Landkarte angekündigt.

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Folgen einer schlampigen Cover-Produktion. Mit Afrika haben Hitlers letzte Tage sicher nichts zu tun. Egal. Der junge Mann kauft die DVD trotzdem. Handeln ist zwecklos. Die Asiatin deutet zweimal mit sieben Fingern.

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er hätte sein Geld lieber in eine Kinokarte investieren sollen. Denn den Film wird er nicht einmal zur Hälfte sehen. Im Kino dauert er zweieinhalb Stunden. Auf der DVD, die sich bei genauerem Hinsehen als Video-CD entpuppt, ist aber nur Platz für 43 Minuten Film. Das reicht auch. Die Dreiviertelstunde ist anstrengend genug für die Augen. Das Bild ist unscharf und trüb.

Dass die Qualität der Raubkopie den Kunden nicht zufrieden stellt, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Was zählt, ist Masse, nicht Klasse. In den Fälscherwerkstätten wird gebrannt, was das Zeug hält. Einige dieser „Burning Labs“ befinden sich, eine gute Autostunde von Wien entfernt,
im südmährischen Znaim. Vietnamesische Gangs kontrollieren dort wie überall in Tschechien die illegale Filmproduktion.

Sie stehen im Visier der Czech Anti-Piracy Union (CPU), die gegen dieses „organisierte Verbrechen“, wie es Direktorin Markéta Prchalová nennt, kämpft. Die Drahtzieher machen gute Geschäfte. Sie verwenden billige CD-Rohlinge und setzen billige Arbeitskräfte an die Computer. Frauen und Kinder schieben Rohling um Rohling in die Brenner-Laufwerke. Das Filmmaterial kostet sie keinen Heller, das Internet macht’s möglich.

Dass „Der Untergang“ und alle anderen Filme überhaupt den Weg ins weltweite Netz finden, dafür sorgen Mitglieder von so genannten „Release Groups“: die Topleute unter den Filmpiraten. Ihnen gelingt es oft, die Filme noch vor dem offiziellen Kinostart auf einen Server zu stellen oder zu „flashen“, wie das im Fachjargon heißt. Die Mitglieder kennen sich in der Regel nicht persönlich. Sie kommunizieren mit Fantasienamen in streng abgeschotteten Chatrooms. Zugang gibt es nur mit Passwort, und das wiederum erst nach Einladung.

Für die illegale Filmproduktion rücken die Filmpiraten mit Camcordern aus und filmen einfach das Geschehen auf der Kinoleinwand. Die Bildqualität ist schlecht und das Risiko, entdeckt zu werden, hoch. Außerdem lassen sich die Popcorn-Geräusche und die Hustenanfälle des Sitznachbarn schwer wegblenden. Diesen Teil der Arbeit inklusive Nachbearbeitung übernehmen fast immer US-Filmpiraten.

Die zweite Quelle sind Vorab-Screener – noch nicht gänzlich vollendete Kinoversionen – für Filmstudio-Mitarbeiter, Oscar-Juroren und Journalisten. Auch diese landen immer öfter im Internet – und sind dann wie die anderen Filme in Tauschbörsen, Newsgroups und auf FTP-Servern abrufbar. Für den deutschsprachigen Markt stört allerdings die englische Tonspur der geraubten Filme aus Übersee.

Damit beginnt der Wettkampf unter den heimischen „Release Groups“. Wer schafft es, die erste brauchbare deutsche Fassung ins Internet zu stellen? Die Tonspur besorgen sich die Filmpiraten entweder von Komplizen in Synchronisationsstudios und Vorführräumen, oder sie müssen mit einem Aufnahmegerät im Kinosaal mitschneiden. Das machen sie bereits bei einer Voraufführung, spätestens aber bei der Premiere. Danach schneiden die Filmpiraten das vorhandene Bildmaterial mit dem neuen Ton zusammen – und fertig ist die deutsche Version. Die vietnamesischen Bosse müssen sich nur noch um die Vervielfältigung, eine professionell wirkende Verpackung und den Vertrieb kümmern.

Abnehmer für die gefälschten Filme finden sich genug. An den Grenzen zu Deutschland und Österreich floriert das Geschäft. Wie bei Kleinhaugsdorf, wo Vietnamesen dort, wo die Ceská Republika beginnt, die DVD-Filme verramschen. Genauso wie Gartenzwerge, Briefkästen, Jacken, Schuhe und alle anderen Produkte, die am Dauer-Kirtag gleich nach der österreichischen Grenzstelle auf Käufer warten. Bei Kontrollen verstecken sich die Händler oder behaupten, mit der Ware nichts zu tun zu haben. „So läuft das im ganzen Land“, sagt CPU-Direktorin Markéta Prchalová. „Hinzu kommt, dass die tschechischen Gemeinden, die an der Vermietung der Grundstücke mitverdienen, wenig Interesse haben, sich diese Einnahmequelle abzugraben.“

An einem grauen Novembernachmittag ist es ruhig zwischen den 83 Holzhütten am Straßenrand. Mehr Trubel herrscht einige hundert Meter weiter am „Marktplatz’l“ am Gelände der Excalibur City, Ronny Seunigs Duty-Free-Einkaufsparadies mit Billigfriseur und Designer-Outlet. Man hat sich auf die Kundschaft aus Österreich eingestellt. Aus den Lautsprechern des Marktplatz’l plärrt das Hitradio. Christina Stürmer singt davon, dass alles längst vorbei ist. Irgendwo in der provisorischen Dachkonstruktion, die über dem Labyrinth aus Verkaufsständen gespannt ist, zwitschert ein Vogel dem vergangenen Sommer nach.

Im Winter wird es beim Shopping an der frischen Luft sehr kalt. Die vietnamesischen Händler sind schon jetzt dafür gerüstet. Sie tragen Daunenjacken, wärmen ihre Finger bei ihren Reiskochern und trinken Tee. Ein Stand gleicht dem anderen. Nur die Anordnung der Waren macht den Unterschied. Hosen, Handschuhe, Jacken, Uhren, Schuhe und Pullover über Pullover. Jeder freie Zentimeter wird genützt. Zwei mit silbernen Pailletten bestickte Ballkleider wirken wie Schätze im kunterbunten Textillager.

Bei einigen Ständen ist noch Platz für die gefälschten DVDs. Die Besucher scheinen die Qualität der Ware zum Schleuderpreis von drei Euro zu kennen und kaufen fleißig ein: Eine junge Familie will gleich sieben auf einen Streich. Das Töchterchen im Buggy spielt bereits mit der Hülle des Disney-Zeichentrickfilms „Bärenbrüder“. „Wir nehmen für 18 Euro?“, feilscht das Familienoberhaupt. Die pummelige Vietnamesin nickt. Die Lücken am Angebotstisch füllt sie flink wieder auf.

Genauso flink verschwinden sie und ihre Landsleute, wenn die Beamten der Handelsinspektion und der Zollbehörde anrücken. Der 22-Mann-Trupp fährt immer mit mehreren Autos vor. Das fällt auf. Am 31. Oktober 2004 waren die tschechischen Fahnder allerdings schneller. Sie beschlagnahmten bei einer Razzia 3.425 Video-CDs und nahmen drei Vietnamesen fest, darunter den 20-jährigen Vladimir K. Er wurde bereits im Februar von den tschechischen Behörden wegen der Lieferung von 11.300 gefälschten DVDs verhaftet – und aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Er dürfte wie der ebenfalls verhaftete Long Do V. ein Drahtzieher der vietnamesischen Mafia sein. Long Do V. wird verdächtigt, die Raubkopien nach Österreich zu bringen. Er soll außerdem zwei illegale Brennwerkstätten in der Umgebung von Znaim betreiben. Die tschechische Polizei ermittelt weiter.

Drei Tage nach der Razzia läuft das Geschäft wieder normal. Ein Einkaufstourist nach dem anderen fährt auf den Parkplatz. Aus einem Opel mit Wiener Kennzeichen steigt Vater samt Sohn. Zielstrebig steuern sie einen Verkaufsstand in der Mitte des Marktes an. Sie sind nur zum Filmkauf gekommen. Penibel checken sie das Angebot auf dem etwa ein mal ein Meter großen Tisch. Ganz vorne liegt der Hitler-Film, diesmal aber mit zwei Video-CDs, daneben noch fünfunddreißig andere Filme. Viermal greift der Vater zu. Dann kratzt er sich an der Stirn: „Heast, einer fehlt uns noch.“ „30 über Nacht“, schlägt der Blondschopf im Volksschulalter vor. „Na, das war irgendwas anderes“, raunzt sein Vater und kramt einen bekritzelten Zettel aus seiner Hosentasche: die Filmeinkaufsliste. Aber „Die Kühe sind los“ ist bereits ausverkauft. Beim nächsten Mal vielleicht wieder.

Acht Schritte weiter redet eine Pubertierende auf ihre Mutter ein und hält ihr eine DVD von „School of Rock“ vors Gesicht. Dieser Film ist nicht neu. Trotzdem „urgut“, wie sie betont. Die Mutter ist misstrauisch und lässt sich das Teenie-Movie auf dem DVD-Player auf einem Bildschirm in der Größe einer Zigarettenschachtel vorspielen. Mit der Bildqualität scheint sie zufrieden zu sein. Aber: „Wo ist der Ton?“ Der Vietnamese grinst und drückt die Volume-Taste. Einige Filmszenen später steckt er die DVD in ein schwarzes Plastiksackerl und drei Euro in seine Bauchtasche.

Die ersten Vietnamesen sind schon vor Jahrzehnten in Tschechien aufgetaucht, als die damalige kommunistische Tschechoslowakei die Ausbildung Jugendlicher aus Vietnam übernahm und Arbeitskräfte brauchte. Viele sind geblieben. Diese Generation beherrscht heute mehrere Sprachen und hilft ihren Landsleuten bei der Immigration. Heute leben legal 30.400 Vietnamesen in Tschechien, illegal vermutlich noch 10.000 mehr. Markéta Prchalová schätzt, dass jeder zehnte Vietnamese in Tschechien mit den gefälschten DVDs Geschäfte macht. Oft aus Angst. Sie hoffen, dass ihre Bosse sie vor der Abschiebung schützen.

In ihrem Heimatland hat die Filmpiraterie bereits solche Ausmaße angenommen, dass es praktisch keine legalen Filme mehr am Markt gibt. Die dort erhältlichen Raubkopien haben Top-Qualität. Das Filmmaterial wird in Asien nicht mit Brennern vervielfältigt, sondern in Pressanlagen mit hochwertigen DVD-Rohlingen verarbeitet. Die extra angefertigte Menüführung bietet sogar „Deutsch“ an. Damit sind diese DVDs auch für den deutschsprachigen Schwarzmarkt interessant. Österreich wird via Warschau mit den echt wirkenden Raubpressungen „made in Asia“ versorgt. Weitere Hochburgen der illegalen Filmproduktion sind die Philippinen, Indonesien und Thailand.

Die Behörden sind offenbar machtlos. Obwohl im Vorjahr 84 Prozent aller Razzien weltweit gegen illegale Film-Vervielfältigung in der asiatischen Pazifik-Region durchgeführt wurden. In Tschechien fanden heuer bereits 600 Razzien statt, mehr als zwanzig davon in der Gegend um Znaim. „Insgesamt wurden 450.000 Pseudo-DVDs beschlagnahmt“, bilanziert CPU-Direktorin Prchalová.

Für genügend Nachschub ist aber gesorgt. Auch für den österreichischen Markt, der von befreundeten Chinesengruppen kontrolliert wird. Über die Grenze kommt die Ware im Kofferraum, meist unbemerkt von den Grenzgendarmen in Kleinhaugsdorf. Bis zu 3.000 Pkw und 500 Lkw passieren täglich die Grenzstation im Weinviertel. Chefinspektor Alfred Wallig sagt: „Jeder muss mit einer Kontrolle rechnen. Aber Risikofahrzeuge, etwa mit polnischen Kennzeichen, nehmen wir genauer unter die Lupe.“ Wenn verbotene Fracht entdeckt wird, wird das Zollamt verständigt.

Der österreichische Verein für Antipiraterie im Film- und Videobereich (VAP) hat auf Grund der europäischen Produktpiraterie-Verordnung einen Grenzbeschlagnahmebescheid erwirkt. Damit sind die Zollbehörden befugt und beauftragt, Filmraubkopien bereits an den österreichischen Grenzen abzufangen. Bisher wurden 3.500 Stück aus dem Verkehr gezogen.

Innerhalb Österreichs richten die Zollbeamten der mobilen Risikomanagement-Teams ihr Augenmerk auf den Handel mit den Raubkopien. Polizei und Gendarmerie schauen zu. Sie können nicht eingreifen. „Filmpiraterie ist kein Offizialdelikt wie Mord oder Diebstahl“, erklärt Andreas Manak, Rechtsanwalt und VAP-Generalsekretär.

„Die Urheberrechtsverletzung ist zwar ein strafbares Vergehen, aber die Exekutive kann erst nach einer Privatklage des Geschädigten und einem Gerichtsbeschluss einschreiten.“ Letzterer ist streng genommen auch Voraussetzung dafür, dass Internetprovider bekannt geben, wer hinter einer verdächtigen IP-Adresse steckt. Laut Austrian Internet Monitor haben 64 Prozent aller Österreicher Zugang zum Internet. Damit haben im Prinzip 4,3 Millionen Personen ab 14 Jahren die Möglichkeit, sich illegales Filmmaterial aus dem Netz zu besorgen. Ein Informatik-Studium braucht man dazu nicht.

Auf Tauschbörsen wie eMule oder BitTorrent genügen wenige Mausklicks, und der Film wird Byte für Byte auf die Festplatte geladen. Und in Zeiten superschnellen Breitband-Internets sind auch große Dateien kein Problem mehr. Immerhin gibt es in Österreich fast 600.000 solcher Anschlüsse.

Schenkt man einer amerikanischen Studie Glauben, saugt jeder vierte Internetnutzer Filme aus dem Netz. Professionell machen dies hierzulande nach VAP-Schätzungen derzeit 20.000 Filmpiraten. Den Vorwurf, mit Breitband-Anschlüssen der Filmpiraterie Vorschub zu leisten, lässt Kurt Einzinger, Generalsekretär der Internet Service Providers Austria, nicht gelten: „Wir stellen die Verbindung ins Internet, quasi die Straße, zur Verfügung. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, zu überwachen, was auf dieser Straße passiert.“

Diese Aufgabe versucht der Verein für Anti-Piraterie zu übernehmen. Er vertritt nicht nur die Urheberrechte der amerikanischen Filmstudios, sondern zählt auch die heimischen Produzenten, Filmverleiher, Kinos, Elektroketten und Videotheken zu seinen Mitgliedern. Seit kurzem sind außerdem die Fernsehsender ORF und ATVplus mit an Bord. Im Mai 2003 hat der VAP offiziell seinen Kampf gegen Downloader, Raubkopierer und Verkäufer von illegalem Filmmaterial aufgenommen. Bis dato landeten siebzig Österreicher nach Nachforschungen, Hausdurchsuchungen und Razzien vor Gericht.

Zeigen sich die Täter einsichtig, enden die Verfahren meist mit einem Vergleich. Wie zum Beispiel bei einem 17-Jährigen aus Perg in Oberösterreich, der hunderte gefälschte Filme verkauft hatte. Er musste die Gerichtskosten und eine Pönale zahlen – insgesamt 2.800 Euro. „Bei den Prozessen geht es uns nicht um Schadenersatz, sondern in erster Linie darum, zu zeigen, dass Filmpiraterie kein Kavaliersdelikt ist“, sagt Christof Papousek, Vertreter der Filmfirma Constantin im VAP. Auf Vergehen gegen das Urheberrechtsgesetz stehen immerhin bis zu sechs Monate Haft. Wem gewerbsmäßiger Vertrieb, dazu zählt neben dem Verkauf auch der Tausch, nachgewiesen werden kann, drohen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder bis zu 117.000 Euro Geldstrafe.

Wer sind die Täter? „Die sind in allen Bevölkerungs- und Altersgruppen zu finden“, sagt Andreas Manak. Sie vertreiben ihre selbst angefertigten Bootlegs im Bekanntenkreis, auf Flohmärkten oder bei Online-Auktionen. Egal, ob sie den Zuverdienst aus wirtschaftlicher Not oder wegen des Nervenkitzels betreiben, in einem Punkt sind alle Ertappten gleich: Ihr Plan, aus der vermeintlichen Anonymität des Internets Kapital zu schlagen, ist nicht aufgegangen. Filmpiraterie ist auch in Schulen sowie in Firmen Thema. Irgendjemand kennt immer irgendjemanden, der Filmraubkopien besorgen kann. Es fehlt das Bewusstsein, Verbotenes zu tun.

Das möchte der Verein für Anti-Piraterie mit Plakaten (Slogan: „Kopieren – verlieren“) und einem Kinotrailer samt eindringlicher Kernbotschaft „Piracy is a Crime“ ändern. Sogar eine kostenlose Telefonhotline wurde eingerichtet. Dort werden Hinweise über Filmklauer angenommen. Was denen neben einer Verurteilung noch blühen kann, zeigt ein Werbefilmchen der deutschen Filmwirtschaft. Zwei Knackis begutachten im Gefängnis die frisch eingetroffenen jungen Häftlinge: „Mmmh, Raubkopierer.“ – „Noch ein Raubkopierer!“ – „Ja, aber meiner hat den geileren Arsch!“ Wegen großen Erfolges wurde die Kampagne mit dem Titel „Hart, aber gerecht“ soeben um ein Jahr verlängert.

Ob damit das Ruder in der Filmbranche noch einmal herumgerissen werden kann – im Vorjahr sind laut VAP durch Piraterie in Österreich 30 Millionen Euro Schaden entstanden –, ist allerdings fraglich. „Vor allem mittlere Produktionen sind massiv in Gefahr“, sagt Constantinfilm-Finanzchef Christof Papousek. Dazu zählt er Filme, die ein Potenzial von 100.000 Zuschauern haben und für ihre Wirkung nicht unbedingt eine 200-Quadratmeter-Leinwand brauchen. „Eine nette Komödie etwa oder ein Thriller ohne spektakuläre Spezialeffekte.“ So wie zum Beispiel „The Italian Job“, der im Herbst 2003 im Kino zu sehen war. Mit Charlize Theron zwar prominent besetzt, aber kein aufwändiges Leinwand-Spektakel. Wozu also ins Kino, mag sich mancher denken, wenn man sich den Film auch im Internet oder am Naschmarkt besorgen kann?

Genau dort hat am 13. November 2004 der Verein für Anti-Piraterie eine DVD-Verkäuferin in flagranti erwischt. Generalsekretär Andreas Manak: „Wir haben ihr gemeinsam mit zwei Security-Mitarbeitern 150 DVDs abgenommen und ihre Identität festgestellt – das ist als Selbsthilfe rechtlich zulässig.“ Gegen die Asiatin wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Die Bosse der chinesischen Mafia lassen sich davon nicht abschrecken. Dabei wurde es jüngst für einen ihrer Zwischenhändler ziemlich eng.

Im Mai ist der Chinese am Grenzübergang Kleinhaugsdorf mit 1.700 Raubkopien des Hollywood-Streifens „Troja“ aufgeflogen, im Juli fand eine Hausdurchsuchung statt – allerdings ohne Erfolg. Er hatte den Großteil seiner Ware längst woanders gelagert. Im Oktober wurde er dabei beobachtet, wie er auf Flohmärkten gefälschte DVDs verkaufte. Anfang November sollte schließlich die gerichtliche Hauptverhandlung stattfinden. Sollte. Der Chinese zog es vor, unterzutauchen.

Nicht so schnell verschwinden werden Blockbuster à la „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ oder „(T)Raumschiff Surprise“. Sie werden trotz Internetdownload und Raubkopien zum Publikumshit. Allerdings: „Die Zahl der Mehrfachbesucher geht zurück“, sagt Christof Papousek.

Für „Der Untergang“ haben die österreichischen Kinos seit der Premiere am 17. September 230.000 Tickets verkauft. „Das ist für die schwierige Thematik ein ordentlicher Erfolg“, resümiert Christof Papousek. Bis man sich die letzten Tage des NS-Führers legal im Patschenkino ansehen kann, wird freilich noch der Frühling ins Land ziehen: Der offizielle Verkaufsstart der DVD ist am 15. März 2005. Bei Amazon wird sie 22,99 Euro kosten.



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Wie wird man in Österreich zum Filmpiraten?

Wie Werke der Literatur, der bildenden Künste und der Tonkunst sind Filme durch das Urheberrechtsgesetz (UrhG) geschützt. Dieses legt auch die dem Urheber vorbehaltenen Nutzungsarten fest. Dazu gehören die Verwertung (§14), die Vervielfältigung (§15), die Verbreitung (§16), das Vermieten und Verleihen (§16a), die Vorführung (§18) sowie die öffentliche Zurverfügungstellung (§18a). Demnach ist der Kauf einer Film-Raubkopie ebenso wenig rechtswidrig und strafbar wie das bloße Anhören oder Ansehen. Allerdings ist der Käufer einer Raubkopie vom zivilrechtlichen Beseitigungsanspruch nach §82, von der Beschlagnahme nach §93 und der Vernichtung nach §92 des Urheberrechtsgesetzes bedroht – diese Ansprüche richten sich gegen jeden Besitzer illegaler Kopien. Das Kopieren einer Original-DVD ist prinzipiell nur für private Zwecke gestattet, die Kopie darf weder mittelbar noch unmittelbar kommerziellen Zwecken dienen.

Der Einsatz von so genannter Ripping-Software, um damit den Kopierschutz einer Film-DVD zu umgehen, ist verboten. Unter Juristen heftig umstritten ist der Download von Film-Raubkopien aus Peer-to-Peer-Netzwerken wie zum Beispiel eMule. Das Urhebergesetz in Österreich macht diesbezüglich keine Einschränkung. Dazu gibt es zwei Meinungen. Die erste: Der Nutzer müsse wissen, dass die Filme, die dort angeboten werden, illegal sind. Denn aktuelle Spielfilme gibt es legal nur im Kino zu sehen. Meinung zwei: Eine Privatkopie ist erlaubt, darf aber nicht durch Upload erneut der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Das aktive Anbieten in einer Internettauschbörse ist jedenfalls nach §18a UrhG unzulässig und nach §91 UrhG auch strafbar. Filmpiraten, die nicht ins Gefängnis wollen und trotzdem nicht von den Filmen lassen können, bleibt derzeit nur eines: Abwarten. Erst 70 Jahre nach dem Tod des letzten Urhebers endet die Schutzfrist und erst dann werden die Filme zum öffentlichen Kulturgut.

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