Letzte Fragen an … Andreas Unterberger
„Bin kein sehr rauffreudiger Mensch“
Interview: Klaus Stimeder
Andreas Unterberger (56) ist Chefredakteur der Wiener Zeitung und steht seit kurzem unter heftigem Beschuss von SPÖ und Grünen. Die Grünen warfen Unterberger in einer parlamentarischen Anfrage eine „grobe Vernachlässigung seiner journalistischen Sorgfaltspflicht“ vor, weil er im Jänner einen Gastkommentar von Herbert Schaller, dem Verteidiger des britischen Holocaust-Leugners David Irving, veröffentlicht hatte. Florian Wenninger, der Obmann des Vereins Gedenkdienst, der weltweit den Zivildienst an Holocaust-Gedenkstätten organisiert, forderte Unterberger auf, seine „antifaschistische Gesinnung nicht nur in salbungsvollen Sonntagsreden, sondern auch durch konkrete Taten unter Beweis zu stellen“. Unterberger klagte daraufhin den Verein wegen „kreditschädigender Aussagen“. Der SPÖ-Parlamentsklub kündigte an, den Verein zu unterstützen und die Prozesskosten zu übernehmen. Von ÖVP, FPÖ und BZÖ erhielt Unterberger, dessen Vertrag noch bis April 2010 läuft, Rückendeckung.
Das offizielle Amtsblatt Österreichs befindet sich im Eigentum der Republik, der damalige ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hatte Unterberger im Mai 2005 zum Staatsorgan geholt. Dort kommentiert Unterberger in seinem „nicht ganz unpolitischen Tagebuch“ das politische Geschehen. Zuvor war Unterberger bei der Presse, wo er ab 1982 das Ressort Außenpolitik leitete. 1995 wurde er Chefredakteur des konservativen Blattes, wo er 2004 seinen Tisch für Michael Fleischhacker räumen musste. Bis dahin hatte er die Wiener Zeitung hart kritisiert.
Herr Unterberger, in der Boulevardillustrierten News wurde jüngst Ihr Dienstvertrag bei der Wiener Zeitung samt Details veröffentlicht und Ihnen Priviligienrittertum unterstellt. Was war ihre erste Reaktion auf den Bericht?
Ich habe meinen Geschäftsführer angerufen, der mir versichert hat, dass er keine Ahnung habe, wie der Vertrag zu News gekommen ist. Was da passiert ist, ist einfach niederträchtig: In Zeiten, in denen jeder Installateur ein Diensthandy hat, mir diesen Umstand als Privileg auszulegen, da gehört schon einiges dazu. Oder mein Gehalt: Ich arbeite bei einer der kleinsten Tageszeitungen des Landes, und dementsprechend bekomme ich Geld. Ich bin einer der billigsten Chefredakteure des Landes.
Was glauben Sie, wer dahinter steckt? Die Wiener Zeitung ist Eigentum der Republik, der Bundeskanzler der ranghöchste Eigentümervertreter …
Wenn mich mein Arbeitgeber weghaben will, soll er mir dies bitte in zivilisierter Form mitteilen. Die lustigste Erfahrung war jedenfalls, dass ich draufgekommen bin, wie wenig Leute News lesen. Bis auf die Journalisten hat das Thema niemanden interessiert. Vielleicht aber haben die Leute auch durchschaut, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelt.
Ihr Kollege Gerfried Sperl, der soeben die Chefredaktion des Standard abgegeben hat, hat Ihre Stellung in seiner Zeitung unter dem Titel „Unterberger muss bleiben“ verteidigt. Wie fanden Sie das?
Ich war völlig überrascht. Trotz der unter Konkurrenten üblichen und legitimen Seitenhiebe hat es mich gefreut.
Ist vonseiten des Eigentümers Ihres Blattes schon einmal jemand an Sie herangetreten und hat Ihnen gesagt, dass ihm oder ihr etwas an Ihrer Arbeit nicht passt?
Nein, nie. Am ersten Tag des Amtsantritts der neuen Regierung habe ich Bundeskanzler Alfred Gusenbauer einen Brief geschrieben, in dem ich um einen Termin ersucht habe. Er hat bis heute nicht darauf reagiert. Auch sonst ist nie jemand aus dem Bundeskanzleramt zu mir gekommen.
Die News-Story über Sie erschien, kurz nachdem Sie einen Gastkommentar des Anwalts Herbert Schaller veröffentlicht hatten, der den Holocaust-Leugner David Irving verteidigt hatte. War das ein Fehler?
Im Nachinein ärgert mich, dass – wohl vor allem aufgrund der absurden Reaktion – das Ganze jetzt von extrem rechts instrumentalisiert wird. Viele Leute, die sich dazu äußern, haben den Text offensichtlich nicht gelesen und tun so, als ob da die Holocaust-Lüge dringestanden wäre. Ich sah es damals im Zuge einer vom SPÖ-Abgeordneten Hannes Jarolim losgetretenen juristischen Diskussion als legitim an, Herrn Schaller zu Wort kommen zu lassen. Er hatte ja auch schon im ORF und in anderen Medien Stellung nehmen dürfen. Die APA hat ja sogar mit David Irving selbst Interviews geführt. Zudem haben wir aus Gründen der Ausgewogenheit vor und nach Schaller jeweils einen Kommentar Jarolims veröffentlicht.
Genießen Sie es eigentlich, das publizistische Feindbild Nummer eins der linken Reichshälfte zu geben?
Nein, weil ich grundsätzlich kein sehr rauffreudiger Mensch bin. Es kann ja auch noch immer sein, dass sich in der SPÖ die vernünftigen Kräfte gegen diejenigen durchsetzen, die alles, was nicht links ist, nicht tolerieren. Nach dem Motto: Ein liberal-konservativer Chefredakteur darf nicht sein, weg mit ihm.
Es gibt offenbar Kräfte in der Regierung, die an Ihrem Stuhl sägen. Wie lange wollen Sie sich den Job angesichts dessen noch antun?
Solange mein Arbeitgeber zu dem steht, was mir vertraglich zugestanden wurde: dass jede redaktionelle Einflussnahme ausgeschlossen ist. Prinzipiell will ich immer den Job, den ich gerade mache, bis an mein Lebensende machen.
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