Inhalt

zur Navigation

Jugend ohne Glotze

Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen kommen die jungen Seher abhanden. Mit „Polylux“ und „Tracks“ zeigt die Berliner Produktionsfirma Kobalt, dass modernes und intelligentes Fernsehen kein Widerspruch sind.

Tita von Hardenberg

Text: Mathias Huter
Fotografie: Autor, ARD
Rasant geschnittene Bilder, dynamische Kamerafahrten durch Stadtbilder, dazwischen Halbsätze von Medienkritikern. Rund 300 Gäste der Gattung Medienmensch, adrett und in weiße Hemden gesteckt, starren auf die Bilder, die ihnen um die Ohren gehauen werden. Bierbecher, Drinks oder österreichisches Mineralwasser in der Hand, haben sie sich an diesem lauen Sommerabend über den Dächern von Berlin zusammengefunden. Sie schauen sich per Videobeamer auf die Hausmauer projizierte Sequenzen aus dem ARD-Zeitgeistmagazin „Polylux“, den Arte-Sendungen „Tracks“, „Absolut“ und „Chic“ sowie dem 3sat-Theatermagazin „Foyer“ an. Dann erscheint das Gesicht der „Polylux“-Moderatorin Tita von Hardenberg, gleichzeitig Produzentin all dieser Sendungen. „Unser Geheimnis? Freaks! Und der teuerste Anheizer der Welt.“

Eine Anspielung auf Harald Schmidt, der gerne mit Worten wie „Jetzt übt wieder Tita von Hardenberg auf dem Sender“ auf das auf seine Show folgende „Polylux“ überleitet. Besagte von Hardenberg übt in Wahrheit längst nicht mehr. Die groß gewachsene Moderatorin feiert an diesem Abend das zehnjährige Bestehen der von ihr konzipierten und produzierten Magazine „Polylux“ und „Tracks“. Ein Geburtstag, der zeigt, dass junges, intelligentes Fernsehen im deutschsprachigen Raum gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz Bestand haben kann.

Während der ORF über den Sommer an der Reform seiner Programmreform bastelt und weiter mehr oder minder peinliche Versuche unternimmt, wieder eine jüngere Seherschaft an sich zu binden, zeigen von Hardenberg und Co seit Jahren, wie modernes Fernsehen aussehen kann. Freaks kommen bei „Polylux“ tatsächlich vor. Leute etwa, die sich an Fleischerhaken aufhängen lassen, um durch die Malträtierung ihres Körpers eine Bewusstseinserweiterung zu erleben. Jahrelang durfte da der kauzige Berliner Frührentner Manfred Dumke zuhause auf seiner Couch sitzend als Abschluss jeder Sendung in ein paar Sätzen seine Sicht der Welt dahernuscheln. Satire und Musikerporträts haben in der Sendung genauso Platz wie Reportagen über hedonistische G-8-Demonstranten, radikale Atheisten und Hooligans in Ostdeutschland. Das Ganze in einer eigenen Bildsprache: schnelle Schnitte, ungewohnte Bildausschnitte und kuriose Blickwinkel.

„Die Leute wollen ja heute nicht mehr erwachsen werden“, sagt Tita von Hardenberg, selbst 39 und gerade in froher Erwartung ihres dritten Kindes. „Die 30-, 40-Jährigen sehen sich ja auch noch als blutjunges Publikum und interessieren sich für die gleichen Dinge – popkulturelle Themen, Nachtleben, witzige Trends. Und das aber ein bisschen kritisch und ironisch.“ Den Fernsehmachern in ganz Europa droht die Jugend abhanden zu kommen. Besonders gefordert sind die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die Gefahr laufen, nach und nach zu vergreisen. Das Durchschnittsalter der Seher liegt im deutschsprachigen Raum meist jenseits der 60. Anstatt vor dem Fernseher zu sitzen, treibt sich die für Werber besonders interessante Zielgruppe lieber im Internet herum: Filme und Serien sieht man sich online oder auf DVD an.

HofNeben Harald Schmidt erreicht „Polylux“ die jüngste Seherschaft der ARD – der durchschnittliche Zuschauer ist rüstige 51. Niedergelassen hat sich Tita von Hardenberg, die die Produktionsfirma Kobalt zusammen mit ihrem Kompagnon Stefan Mathieu betreibt, in einem Altbau im Berliner Szenebezirk Mitte.

Im Café an der Ecke sieht man keinen Gast ohne Laptop, schräg gegenüber wickelt sich ein riesiges iPod-Transparent um die Fassade des Hauses. Ein paar Meter weiter beginnt das Viertel Prenzlauer Berg, wo eine alternative Klientel zuhause ist. In diesem Spannungsfeld entstehen auch die von Kobalt produzierten Sendungen, die sich irgendwo zwischen urbanem Hedonismus und Hochkultur, Trends und Trash, Punk und Politik bewegen. Hippe Inhalte, die gut aufgemacht sind: „Tracks“ etwa ist ein progressives, angenehm schräges Musikmagazin – das letzte seiner Art im deutschsprachigen Fernsehen, das sich der Underground-Kultur und Musik aus den Clubs in aller Welt ernsthaft nähert und dabei auch gesellschaftspolitische Entwicklungen mitnimmt.

Im lichtdurchfluteten Großraumbüro von Kobalt herrscht indes keine Spur von kreativem Chaos. Junge Menschen in T-Shirts und Converse sitzen an ihren Macs, arbeiten an Beiträgen, sehen sich aufgezeichnete Sendungen an oder blättern in zerfledderten Bravos. Rund 30 fixe Mitarbeiter werken hier, dazu kommen freie Autoren. Eine klare Trennung zwischen den Redaktionen gibt es nicht. Beide Sendungen fristen mehr oder weniger ein Nischendasein.

In Deutschland kommt „Polylux“ Donnerstagabend auf sechs bis acht Prozent Marktanteil. In Österreich schafft die Sendung in der ARD trotz der jugendaffinen „Donnerstag Nacht“ im ORF rund vier Prozent Marktanteil bei den Zwölf- bis 49-jährigen Zuschauern. Bis vergangenen Herbst produzierte Kobalt vier Jahre lang für Arte auch das wöchentliche Politmagazin „Absolut“, in dem politische und wirtschaftliche Themen aus der Perspektive junger Erwachsener dargestellt wurden. Die teure Produktion wurde schließlich eingestellt.

„Trotzdem hat die Idee funktioniert“, sagt von Hardenberg heute. „Das bestärkt mich auch so in meiner Meinung, dass man den Jugendlichen knallharte Themen liefern soll. Sämtliche Weltkonflikte hatten wir da aus Sicht der Jüngeren aufgearbeitet. Das wollen die Leute sehen! Es traut sich nur keiner, das zu machen.“ So setzt man auch mit dem neuen Sendeformat, dem „Polylux“-Ableger „Monolux“, der im Sommer erstmals in der ARD ausgestrahlt wird, weiter auf Reportagen, die ein Thema von mehreren Seiten beleuchten.

„Der Anspruch an die Intelligenz der Zuschauer kann gar nicht hoch genug sein, denen kann man ruhig mal was zumuten“, sagt von Hardenberg. Man müsse permanent mit den Sehgewohnheiten brechen, doppeldeutig sein, eben nicht eins zu eins abbilden, sondern hinterfragen und ironisieren. „Da gibt es ja keine Altersgrenze, dafür ist man ja nicht erst mit 40 Jahren reif.“ Doch wie erreicht man nun jüngere Zuschauer? „Indem wir ihre Lebenswelten abbilden“, sagt Volker Heimann, Chef vom Dienst von „Polylux“. „Aber das wäre vielleicht zu einfach. Ich glaube, wenn man nur so rangeht, dann macht man viele Fehler und verhakt sich in Klischees.“

Die Mitarbeiter der Redaktion sind zwischen 20 und 40 und kennen die Szenen, über die in der Sendung berichtet wird. „Das sind Dinge, die uns selbst interessieren, vielleicht merkt man das der Sendung auch an. Vielleicht ist das der Schlüssel.“ Junge Leute seien heute nicht mehr nur über das Fernsehen zu erreichen, sagt Heimann. „Wenn wir gerade die Zielgruppen erreichen wollen zwischen 17 und meinetwegen 35, die extrem Internet-affin sind, gleichzeitig das Fernsehen aber nicht komplett neu erfinden wollen, müssen wir ins Internet gehen.“ Mit der Plattform Polylog.tv versucht man seit einem halben Jahr, in der Sendung angestoßene Themen im Internet weiterzuführen.

So soll die „Polylux“-Rubrik „Fightclub“ zum Diskutieren animieren, in der kontroverse Themen wie millionenschwere Managergehälter, Überwachungsstaat und das Recht homosexueller Paare, Kinder zu adoptieren, durch einen Pro- und einen Contra- Beitrag beleuchtet werden. Alle Beiträge der Sendungen können online angesehen und kommentiert werden. Von Benutzern produzierte Kurzfilme werden ebenfalls in die Plattform eingebunden. Auch wenn die Plattform bislang von Sehern eher zurückhaltend angenommen wird: Das Konzept ist zumindest eine Antwort auf die Abwanderung junger Seher ins Web. Ende Juni wurde Polylog.tv deshalb mit dem Grimme Online Award in der Rubrik Kultur und Unterhaltung ausgezeichnet.

Auch Petra Schmitz, für „Polylux“ verantwortliche Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), glaubt, dass junge Seher über das Internet wieder zum Fernsehen gebracht werden können. „Wenn sich das Fernsehen im Internet widerspiegelt, dann kucken sie sich auch irgendwann die ‚Tagesschau‘ dort an.“

Viele Sender sehen das mittlerweile ähnlich. So stellen US-amerikanische Stationen wie NBC, CBS und Comedy Central ihre Serien und Shows längst online – und verdienen an zwischengeschalteter Werbung. Sogar das ansonsten biedere Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) führt einen großen Teil seiner Programme online. Der ORF macht diese für die Anstalten kostspielige Entwicklung bislang nur zögerlich mit: Lediglich die „ZIB“- und „Bundesland heute“-Sendungen sind im Web abrufbar. Der Druck auf Sender, im Internet aktiv zu werden, dürfte bald noch größer werden. In den kommenden Monaten werden Internet-Fernsehanbieter wie Joost und Babelgum ihren regulären Betrieb aufnehmen. Mit der entsprechenden Software soll es dem Nutzer möglich sein, beispielsweise von Endemol und Viacom (MTV, Comedy Central, Paramount Studios) produzierte Shows, Filme und Serien in hoher Auflösung kostenlos am PC zu konsumieren, was mittelfristig zu einem weiteren Rückgang des Fernsehkonsums führen könnte.

Indes wirken Versuche der Öffentlich-Rechtlichen, junge Seher anzusprechen, beinahe panisch. Der ORF musste seine tägliche Soap „Mitten im Achten“ einstellen, weil sie weit hinter den erhofften Zuschauerzahlen zurückgeblieben war. Andere Formate wie etwa „szene ;)“ ziehen die Quote ebenfalls nach unten. Der in Köln beheimatete Westdeutsche Rundfunk lancierte unter dem Label „echt“ im Juni mehrere Jugendformate, die anbiedernd und gezwungen wirken: Beim Politmagazin „echtzeit“ etwa moderieren jugendliche Journalisten Beiträge in einer nachgestellten Redaktionskonferenz ein. Und die ARD stellt als Reaktion auf die niedrigen Quoten von Harald Schmidt dem schwächelnden Großmeister ab Oktober den vom Privatsender Pro7 kommenden „Comedian“ Oliver Pocher zur Seite, bekannt durch öde Späße unter der Gürtellinie.

Tita von Hardenberg sieht es positiv: „Eine Frischzellenkur kann Harald Schmidt durchaus gebrauchen. Ich finde es eigentlich ganz erfrischend, dass jetzt so ein bisschen der Proll-Humor da mit reinkommt.“ Uneigennützig ist diese Argumentation freilich nicht: Je höher Schmidts Quoten liegen, umso mehr Zuseher wird auch „Polylux“ mitnehmen.



Navigation

zum Inhalt

  • Aktuelle Ausgabe
  • Bisher erschienen
  • Über Datum
  • Events
  • Wo gibts Datum
  • Lesergalerie
  • Kontakt
  • Hajek Blog
  • Godany Blog
  • Best of Datum 50
  • Trotzdem

Abonnements

Abonnements

Podcast

Start Podcast-Player

MIT iTUNES ABONNIEREN

RSS 2.0 Feed

Archivsuche

Credits

twoday.net
  • xml version of this page

zum Inhalt