Leichen, Lügen und ein Video
Nach der Tsunamikatastrophe von 2004 schickten 32 Nationen Kriminologen und Mediziner ins Krisengebiet. Die Österreicher wurden ausgeschlossen, weil sie Leichen Hände und Kiefer abschnitten.
Text: Florian Skrabal, Christoph Zotter
Fotografie: Tomm Wilgaard Christiansen

Ernst Fischer würde lieber gar nicht reden. Vor allem, wenn es um den Einsatz vor rund viereinhalb Jahren geht. „Mich interessieren diese alten Geschichten nicht mehr“, sagt der 47-jährige Brigadier des Innenministeriums, der in seinem Büro am Minoritenplatz sitzt. Doch Fischer muss reden. Er wird sagen, dass vor viereinhalb Jahren in Thailand alles anders gewesen sei. Dass seine Truppe, bestehend aus Gerichtsmedizinern, Zahnärzten und Kriminalbeamten, insgesamt 25 Spezialisten, nicht von den dortigen Leichensammelplätzen ausgeschlossen worden sei. Dass sie keine Leichen geschändet hätten.
Der Wat-Yan-Yao-Tempel, kurz nach Weihnachten 2004: Tausende Leichen liegen auf dem Boden. In Schutzanzügen und mit Atemfiltern versprühen die Helfer Desinfektionsmittel über die rund 1.700 Opfer des Tsunamis in der südwest-thailändischen Region Phuket. Beinahe 300.000 sind insgesamt in der Flutwelle umgekommen. Nur zwei Tage nach dem Tsunami beginnt in Leichensammelstellen wie dem Wan-Yan-Yao-Tempel der größte rechtsmedizinische Einsatz der Geschichte. 32 Nationen schicken Disaster Victim Identification Teams (DVI-Teams) ins Krisengebiet. Die Gerichtsmediziner, Zahnärzte und Kriminologen sollen die Tausenden Toten identifizieren. Auch ein österreichisches Team landet in Phuket, wo ihm dann von der australischen Federal Police ein Einsatzort zugeteilt wird. Den Oberbefehl hat die Royal Thai Police. Sie alle nennen den Tempel von Wan Yan Yao „Site 1A“.
Site 1A, Mitte Jänner 2005: Bei einer Inventur taucht eine unbekannte Zahl an Leichensäcken auf. Ihr Inhalt: abgetrennte Hände und Kiefer. Ein DVI-Team muss sie den Toten abgeschnitten haben. Vielleicht, weil es so einfacher war, Fingerabdrücke zu nehmen und Zahndaten zu erfassen. Vielleicht, weil es zu mühsam gewesen wäre, die Körper aus der 30 Grad heißen Luft in klimatisierte Zelte zu tragen. „Es war für mich unverständlich, wie man solche Methoden anwenden konnte. Für mich hat das primitiven Charakter und ist unethisch.“ So beschreibt Reidar Nilsen seine ersten Gedanken, als er erfuhr, was seine Kollegen gefunden hatten. Der Norweger war in diesen Tagen Deputy Joint Commander of Staff, also stellvertretender Leiter der internationalen Identifizierungsmission.
Heute sitzt Nilsen in der DVI-Kommission der International Criminal Police Organization (INTERPOL) als Vorsitzender und legt mitunter die ethischen Standards für Einsätze fest. Wer tut so etwas? Wer schneidet Toten die Hände ab, entfernt den Leichen die Kiefer? Die Österreicher. Noch dazu horteten sie Interpol-Formulare mit Informationen zu Todesopfern in ihren Hotelzimmern, die laut Nilsen nur zentral verwaltet hätten werden dürfen und fliegen Leichenteile ins Ausland, obwohl das nach thailändischem Recht verboten ist.
Die Konsequenz: Knapp drei Wochen nach dem Tsunami verbieten die thailändischen Behörden den österreichischen Experten, an den Leichen zu arbeiten. Darunter auch jene drei Gerichtsmediziner, die noch im März 2006 von der damaligen ÖVP-Innenministerin Liese Prokop für ihren „besonderen und persönlichen“ Einsatz geehrt wurden.
Dass man den Leichen Hände und Kiefer abgenommen hat, bestreitet der ranghöchste Einsatzkoordinator Ernst Fischer nicht. Aber: „Das haben die Deutschen auch so gemacht. Das war damals Standard.“ Warum wurde dann aber nur das heimische Team ausgeschlossen? „Wir sind zu keinem Zeitpunkt ausgeschlossen worden. Wir haben uns freiwillig zurückgezogen.“ Grund seien laut Fischer Konflikte mit der „recht chaotischen“ Einsatzleitung der thailändischen und australischen Polizei gewesen. Darunter eben auch, dass man Leichenteile wie Muskelgewebe und Knochenreste ins gerichtsmedizinische Institut nach Innsbruck zur DNA-Analyse geflogen hat, obwohl das verboten war.
„Das ist ein Blödsinn“, sagt der Norweger Reidar Nilsen. „Zu sagen, dass man es nur wie die Deutschen gemacht habe, heißt, die Verantwortung zu leugnen. Es gibt keine Berichte, dass andere Teams so gearbeitet hätten.“ Außerdem gibt es laut Nilsen ein Sitzungsprotokoll der Internationalen Identifizierungsmission über den Ausschluss der Österreicher. Ernst Fischer bleibt bei seiner Version der Geschichte: „Nilsen sagt das, weil er ein persönliches Problem mit einem unserer Leute gehabt hat.“
Fischer hätte früher über die Probleme in Thailand reden können. Bereits 2006 strahlte der norwegische öffentlich-rechtliche Fernsehsender NRK die Dokumentation „Tsunami: Der harte Job“ aus. In einem Interview über den Ausschluss der Österreicher gibt dort der damalige Einsatzleiter in Thailand, Christoph Hundertpfund, zu, dass sein Team Leichen Hände und Kiefer abgeschnitten hat. Auf der Website von NRK hatte später plakativ der Satz gestanden: „Identifikationsteam wegen Leichenschändung ausgeschlossen.“ Die österreichische Öffentlichkeit hat davon bis heute nichts mitbekommen. „Warum sollen wir so etwas denn nach außen tragen?“, fragt Ernst Fischer.
















Interessant
Ich denke keiner würde sich wünschen Leichtenteile seiner Angehörigen quer durch die Welt verschifft zu sehen - eine wirklich merkwürdige Vorgehensweise - schade, dass hier nicht mehr Aufklärungsarbeit (auch innerhalb Österreichs) vorgenommen wurde.