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Ende der Euphorie: Im arabischen Ghetto New Yorks sind die Menschen skeptisch, was den Wandel in ihren Heimatländern betrifft.
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Queens, Anfang August, in Zeiten der Unruhe. Klein-Ägypten fängt dort an, wo der Schaffner die letzte Haltestelle der U-Bahn-Linien N und Q ausruft. Die Endstation entlässt den Besucher in amerikanische Vorstadtstraßen aus dem Bilderbuch: Boulevards, in denen sich Geschäft an Geschäft reiht, Restaurant an Bar, Rekrutierungsbüros der Army an Filialen von Fast-Food-Ketten; ein sauberes, lebendiges und doch geordnetes Stück New York, in dem alles an seinem Platz steht. Nur die Menschen, die hier leben, entsprechen nicht dem Klischee, das sich der Besucher von einer Trabantenidylle made in America macht. „Little Egypt“ nennen die Einheimischen dieses Viertel im Herzen von Queens, es ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich wohnen hier nicht nur Ägypter, sondern tausende arabischstämmige Menschen aus allen Teilen der Welt. 

Seit dem Ausbruch der Aufstände in vielen ihrer Heimatländer, im Maghreb und auf der Arabischen Halbinsel, hat sich hier äußerlich nicht viel verändert, und doch ist nichts mehr so, wie es zu Jahresbeginn noch war. Seitdem als unveränderlich geltende Verhältnisse, scheinbar ewig gültige politische Wirklichkeiten ins Wanken geraten sind, zeigt sich der Revolutionsgeist auch auf den Straßen der Exilanten. „We won“: ein kleiner Aufkleber mit wahlweise ägyptischer oder tunesischer Flagge, darunter dieser Satz. Entlang der Steinway Street, dem Zentrum der arabischen Welt in der größten Stadt der USA, findet er sich heute auf Heckscheiben, an Hauseingängen, in den Fenstern der Restaurants, auf den Sitzbänken der Cafés, in den Schaufenstern der Schuhgeschäfte. An dem Tag, an dem Hosni Mubarak zurücktrat, der als Präsident Ägypten rund drei Jahrzehnte lang mit eiserner Faust regiert hatte, fand in der Steinway Street ein Volksfest statt. „Sie brannten Feuerwerke ab, sangen die Nationalhymne und schrien Parolen, von deren Bedeutung sie wenig bis keine Ahnung haben“, sagt Milad Salama. Der 54-Jährige ist Besitzer der „Hookah Bar“, einer Mischung aus Restaurant, Café und Nachtlokal, die rund um die Uhr geöffnet hat. 

In dem am nördlichen Ende der Steinway Street gelegenen Etablissement lassen sich tagsüber ausschließlich Männer nieder, die sich zu Tee, arabischem Kaffee und ein paar Zügen aus der Wasserpfeife treffen. Salama wuchs im Zentrum von Kairo auf und diente in der ägyptischen Armee unter Anwar al-Sadat, den er bis heute verehrt, „wie die meisten aus meiner Generation“. Die Ermordung des Mubarak-Vorgängers durch islamische Fundamentalisten im Jahr 1981 hält er für „eines der schlimmsten Ereignisse der Geschichte“. Es sei nicht zuletzt der Tod seines ehemaligen Oberbefehlshabers gewesen, weshalb er sich als junger Mann entschloss, nach Amerika auszuwandern. Über die genauen Umstände, unter denen er an der Ostküste landete, will der US-Staatsbürger nichts erzählen. Seit rund einem Vierteljahrhundert lebt er in Little Egypt, er kennt seine Kunden, ihre Herkunft, ihre privaten Verhältnisse, ihre Kontostände und ihre politischen Einstellungen. Was die derzeitigen Vorgänge in seiner Heimat und dem Rest der arabischen Welt angeht, fällt sein Urteil so überraschend wie eindeutig aus. „Die Euphorie ist schon wieder vorbei. Das Problem liegt in der Mentalität der meisten Araber. Die Menschen in Ländern wie meinem oder in Libyen oder in Tunesien haben in den vergangenen Jahrzehnten unter Regimen gelebt, denen es nur um eines ging: Geld, Geld, Geld und noch mehr Geld. So etwas färbt ab. Die anderen wandten sich der Religion zu, was im Grunde nur die andere Seite der Medaille ist. Demokratie? Die Leute kennen das Wort. Aber sie haben keine Ahnung davon, was es wirklich bedeutet.“ 

Salaam ist sicher, mit diesem harten Urteil innerhalb seiner Exilgemeinschaft nicht alleine dazustehen. 3,5 Millionen Menschen arabischer Herkunft leben laut der bisher letzten, im vergangenen Jahr durchgeführten Volkszählung in den USA; rund 1,14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Mehrheit davon lebt in den großen Städten des Landes. Im Bundesstaat New York leben laut den Zahlen des Arab American Institute rund 154.000, gut die Hälfte davon verteilen sich auf die fünf Bezirke der Stadt, Brooklyn, Staten Island, die Bronx, Manhattan und Queens. Die Mehrheit der Exil-Araber im Empire State ist trotz aller zur Schau gestellten Euphorie rund um den Sturz der Mubaraks und Ben Alis skeptisch, was die Zukunft ihrer Heimatländer angeht. Fünf Straßenblocks von der Hookah Bar Salams weiter die Steinway Street hinunter liegt die Al-Iman-Moschee, eines von einem runden Dutzend muslimischer Gebetshäuser im Viertel. Die meisten ihrer Besucher erzählen so bereitwillig wie ausladend, wie sie über die derzeitige Situation denken. Ihren Namen wollen trotzdem die wenigsten nennen, weniger aus religiösen denn aus politischen Gründen. Die Angst, bei der nächsten Einreise in Marokko, Algerien, dem Jemen, Syrien, Bahrain oder dem Libanon Schwierigkeiten zu bekommen, sitzt tief, und die Tatsache, dass fast alle von ihnen die US-Staatsbürgerschaft haben, scheint daran nichts zu ändern. Ihre Vorsicht hat aber noch einen anderen Grund. 

Es gilt als offenes Geheimnis, dass die muslimischen Geistlichen von Little Egypt seit dem 11. September 2001 regelmäßig Besuch von Mitarbeitern der Bundespolizei FBI, des Inlandsgeheimdiensts NSA und der New Yorker Kriminalpolizei bekommen. Die Exekutive will auf dem Laufenden darüber sein, was sich auf den Straßen der arabischen Welt New Yorks abspielt, und ihre Bewohner sind sich dessen bewusst. Ihre Meinungen zum Status quo stellen sich indes so vielfältig dar wie die politische Situation in ihren jeweiligen Heimatländern. „Alles hängt von Gott allein ab. Wir können nichts tun außer beten. Es ist gut, dass die Tyrannen verjagt werden, aber alles, was geschieht, geschieht dank Allah, dem Allmächtigen. Und deshalb ist es gut.“ Der fromme Mittvierziger mit dem ausgeprägten Kinnbart, der in der Al-Iman-Moschee den Torwächter spielt, stammt aus dem Jemen. Er und seine Familie seien gerade im Begriff gewesen, wieder nach Sanaa zurückzuziehen, erzählt er. 

Was jetzt dort passiert, lässt sie aber zögern: „Die Situation ist eine andere als in Tunesien, Ägypten oder Libyen. Derzeit kann alles passieren. Ich höre nur, dass es plötzlich möglich sein soll, Dinge öffentlich zu sagen, die bis vor kurzem noch nicht möglich gewesen wären.“ Der Algerier, der sich ins Gespräch einmischt und ebenfalls seinen Namen nicht nennen will, nickt. „Das gilt auch für mein Land. Bouteflika (der autokratisch regierende Präsident Algeriens, Anm.) hat den Ausnahmezustand aufgehoben, das ist ein erster Schritt zur Freiheit. Aber wenn das, was jetzt passiert, nicht dem Willen Allahs entspricht, wird sich gar nichts ändern. Alle neuen Gesetze, die jetzt beschlossen werden, sollten auf dem Koran beruhen.“ Eine Einführung der Scharia, der islamischen Rechtsprechung, als Lösung der Probleme? Mit einem Schlag verstummen die beiden. Nach einer kurzen Unterhaltung untereinander auf Arabisch verabschieden sie sich, höflich, aber ohne Erklärung.

Ein paar Schritte weiter, im namenlosen Café gegenüber einer Boutique, die „Islam Fashion“ verkauft – das Angebot geht von der Burka mit Vollvisier bis zum dezenten Schleier –, läuft auf einem halben Dutzend Flachbildschirmen ein und derselbe Kanal. Al-Jazeera berichtet live aus Bengasi, der von den Truppen Muammar Gaddafis befreiten Stadt im Osten Libyens. Es folgen ver­wackelte Bilder aus der syrischen Stadt Hama, wo Präsident Baschar al-Assad Panzer gegen Demonstranten in Bewegung setzt, danach eine Analyse des ersten Tages des Prozesses gegen Hosni Mubarak und seine Gefolgsleute. Frauen bekommt der Besucher hier nur in der Begleitung ihrer Ehemänner oder ihrer Väter zu sehen. „Die Araber in den USA sind nicht skeptisch, was die Entwicklung in ihren Heimatländern angeht“, sagt Mohammad Oummiah und zieht an seiner Wasserpfeife. Der 65-jährige pensionierte Bauingenieur aus dem marokkanischen Rabat zählt hier zu den Stamm­gästen. „Sie sind nur Realisten. Sie haben in ihrer Geschichte schon zu viel erlebt, als dass sie sich noch große Hoffnungen auf einen wirklichen Wandel machen würden.“ 

Eine pessimistische Perspektive, das sei ihm klar, aber: „Man darf eines nicht vergessen. Die Araber, die heute in den USA leben, sind fast allesamt aus den gleichen Gründen hierher gekommen: um ein besseres Leben zu führen, in Freiheit. Das Bild, das sie heute von ihrem ehemaligen Zuhause haben, beruht nur auf gelegentlichen Besuchen dort. Und dieser Eindruck kann oft täuschen.“