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Am Beginn: Zwei Nachrufe // Gone for a Burton

 

Am 30. August hatte der britische Bierautor Michael Jackson seinen vierten Todestag. Es ist seither Tradition geworden, zu diesem Anlass ein Bier auf ihn zu trinken. Immerhin war er derjenige, der Bier auf die Landkarte setzte back in the seventies. Damals fand ich selbst erst zaghaft auf die Karte der Welt, aber als ich des Lesens und Biergenießens fähig war, war mein erstes Buch eines von Michael Jackson, „Grote Belgische Bieren“ („The Great Beers of Belgium“). Ich entdeckte es in einer flämischen Trafik und begann, Niederländisch zu studieren. Und als der Mann mit der ewig seltsamen Krawatte starb, hatte ich Tränen in den Augen und las die britischen und amerikanischen Blogs, in denen jeder ein Taschentuch brauchte. Denn er konnte einfach schreiben, und was er sagte, war kein Kitsch.

Ich ging an diesem warmen Spätsommertag in das Café Ravna Gora im fünften Wiener Gemeindebezirk. Dort gibt es zwar nur Gösser und Wieselburger aus der Flasche, aber manchmal ist es mein Lieblingslokal. Hier stehen die schönsten Resopaltische, die man sich vorstellen kann, die Holzbank ist wunderbar schlank in die Wandverkleidung eingelassen, überhaupt viel Holz, an der Decke etwas zu viel (und auch erst nachträglich eingebaut), und als die Sonne am späten Nachmittag durch die Fenster auf die serbischen Ikonen fiel, konnte ich den Rauchschwaden minutenlang auf ihrem Weg durch den Schankraum zuschauen. Es waren allein meine Rauchschwaden, ich war der einzige Gast. Für Unterhaltung sorgte der Sender RTV1, der im Fernseher über der Eingangstür lief. Es war offenbar so beruhigend, dass der Wirt darüber im Sitzen eingeschlafen war.

Ich musste ihn wecken, um auch mit dem zweiten Bier des Lokals mit Michael Jackson anstoßen zu können. Denn ich hatte inzwischen begonnen, Nachrufe auf Bierwebseiten zu lesen. Der britische Bierhistoriker Martyn Cornell meldete, dass einer seiner Kollegen, der Heimbrauer Ant Hayes aus Kent im Südosten des Landes, Anfang Mai gestorben war. Er nahm sich im Alter von 41 Jahren das Leben. Zusammen hatten Hayes und Cornell ein Jahr zuvor einen Artikel für das amerikanische Heimbrauer-Fachmagazin „Zymurgy“ über einen heute beinahe verschwundenen Bierstil geschrieben: Burton Ale. Das Bier aus der 60.000-Einwohner-Stadt Burton-upon-Trent in Mittelengland war einst das teuerste und eines der stärksten Biere Großbritanniens und neben dem heute vor allem in den USA populären India Pale Ale (IPA) das zweite Aushängeschild der Stadt, die im 19. Jahrhundert über den Fluss Trent bis nach Russland und in die indischen Kolonien lieferte.

Hayes hatte sein eigenes Bier „Absent Friends Burton Ale“ genannt und dazu in seinem Artikel erklärt: „Wer ein Burton Ale braut, sollte sich am besten an die Dinge erinnern, die ihn als Kind am meisten trösteten, seinen Teddybär oder seine Decke vielleicht, und dann ein Bier zu brauen versuchen, das vergleichbare Gefühle hervorruft. Der Genuss eines Burton Ale sollte einen zurückbringen an einen sicheren, tröstlichen Ort, nicht um sich in Kummer zu ertränken, sondern als Hilfe, um mit den kleinen Schlägen des Lebens fertig zu werden. Es ist ein persönliches Bier und sollte am besten für den Braumeister selbst gebraut werden. Wenn auch andere etwas davon haben – umso besser.“

Heute ein Burton Ale ausfindig zu machen ist gar nicht so leicht. Martyn Cornell empfiehlt in seinem zukünftigen Klassiker, dem 2010 erschienenen „Amber, Gold & Black. The History of Britain's Great Beers“, das 1845 von Fuller's, das die Londoner Brauerei 1995 anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Zusammenarbeit der Herren Fuller, Smith und Turner erstmals braute. Es ist in Österreich etwa über Ammersin erhältlich – ein starkes, schweres, sehr süßliches Bier.

Bleibt noch die Frage, wie Ant Hayes zu dem Namen „Absent Friends“ für sein Burton Ale kam. In einem Kommentar zu Martyn Cornells Nachruf liefert der User „Craig“ ein historisches Gedicht, das einen Hinweis gibt (Ant Hayes starb kurz vor dem Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai):


„Remember those not here today,
| and those unwell or far away,


And those who never lived to see,
| the end of war and Victory,


And every friend who’ve lost our way,
| Remembered of as yesterday,

It’s absent friends we miss the most,
| To all, let’s drink a loving toast.“


Der Zusammenhang von Burton Ale und Zweitem Weltkrieg ist tatsächlich nicht weit hergeholt. In „Amber, Gold & Black“ berichtet Martyn Cornell, dass Piloten der britischen Royal Air Force nach der Rückkehr von ihren Einsätzen über abgeschossene Kameraden sagten, diese seien „gone for a Burton“.