• Facebook
  • Twitter
  • RSS

ÖNORM

Wie das intransparente Normenwesen unseren Alltag prägt.

Gemeindefusion

Weshalb ein steirischer Ort wider Willen aufgelöst wird.

Islamischer Staat

Wie Bewohner im irakischen Mossul die IS-Terrorherrschaft erleben. 

Republik

Auf dünnem Eis

Der Kanadier Duncan MacPherson fuhr zum Snowboarden auf einen Tiroler Gletscher und kam nie zurück. Nach 14 Jahren taut seine Leiche auf einer Piste aus dem Eis. Ein Unfall, sagen die Behörden. Seine Eltern glauben, eine Vertuschung beweisen zu können.
Bild 1 von 4
Bild 2 von 4
Bild 3 von 4
Bild 4 von 4

Es ist etwa drei Uhr früh, als das Telefon läutet und Lynda MacPherson aus dem Schlaf reißt. Ihr Tiroler Freund Martin Bär ist am Apparat. Er überbringt die Nachricht, auf die sie und ihr Mann Robert seit 14 Jahren warten – und vor der sie sich ebenso lange gefürchtet haben. Lebte bis dahin in ihren Köpfen noch die Hoffnung, ihr Sohn Duncan sei nicht tot; hatte vielleicht doch den Job beim amerikanischen Geheimdienst, der Central Intelligence Agency (CIA), angenommen, von dem er seiner Mutter damals in der Küche so betont beiläufig erzählt hatte.

„Sie haben Duncan gefunden“, erinnert sich Lynda MacPherson an Bärs Worte. Irgendwie sei die Nachricht aber auch eine Erleichterung gewesen, sagt die 66-Jährige heute. Endlich würden sie um ihren Sohn, der im August 1989 im Alter von 23 Jahren während eines Urlaubs in Österreich verschwunden war, trauern können. So rasch wie möglich wollen die MacPhersons ihr Kind sehen, sich überzeugen, dass es wirklich seine Leiche ist, die am Tag vor dem nächtlichen Anruf, dem 18. Juli 2003, auf dem Stubaier Gletscher aus dem Eis getaut war.

Von der kanadischen Kleinstadt Saskatoon aus, die in der Provinz Saskatchewan liegt, fast genau in der Mitte zwischen Kanadas Ost- und Westküste, machen sie sich auf nach Tirol. Sieben Mal waren die MacPhersons in den vergangenen Jahren bereits hier, haben seit dem Verschwinden ihres Sohnes fast jeden Urlaub hier verbracht, an die 250 Tage. Über 100.000 Euro, ihre komplette Pensionsvorsorge, haben sie in Flüge, Hotels und Tiroler Liftfahrten gesteckt, um ihren Erstgeborenen zu finden.

Vier Tage nach dem Anruf Martin Bärs, einem Rezeptionisten, den sie bei ihrer ersten Suche nach Duncan im Innsbrucker Austrotel kennengelernt hatten, treffen die MacPhersons erneut in Innsbruck ein. Ihr erster Weg führt sie ins Tiroler Landespolizeikommando in der Innrainstraße 34. Dort erwartet sie der Kriminalpolizist Willi Krappinger, der mit den Ermittlungen vertraut ist.

Er verweist das Paar auf das rund zehn Gehminuten entfernte gerichtsmedizinische Institut. Da liegt Duncan auf dem Seziertisch, bis zur Brust mit einem Tuch bedeckt. Der Leichnam ist gut erhalten, durch die Zeit im Eis wie mumifiziert. „Ich habe ihn sofort erkannt“, sagt Lynda MacPherson. Am 4. August 1989 hatte sie ihn das letzte Mal gesprochen. Fünf Tage später wurde er zuletzt auf dem Stubaier Gletscher beim Snowboarden gesehen. Am 21 . August meldeten die Eltern ihren Sohn bei der kanadischen Polizei als vermisst. Nun, nach 14 Jahren, ist es offiziell: Die Suche ist vorbei, Duncan ist tot.

Sein amtliches Ende findet der Fall im Abschlussbericht von Willi Krappinger und der Entscheidung der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen einzustellen. Für die Behörden ist es ein bedauerlicher Alpinunfall ohne Fremdverschulden, so wie viele andere auch. Doch wie sich für die ehemalige Volksschullehrerin und den pensionierten Piloten bald herausstellen sollte, bildet die Bestätigung von Duncans Tod nur den Anfang einer neuen Suche: die nach der Wahrheit. Sie wird ihr Leben bis zum heutigen Tag bestimmen.

Erst Monate, nachdem ihr Sohn in Innsbruck eingeäschert worden war, weil die Eltern kein Geld mehr hatten, um seine Leiche nach Kanada überstellen zu lassen, wird ihnen klar, dass die Tiroler Polizei im Todesfall Duncan MacPherson nicht korrekt gearbeitet hat; dass sich ein Ermittlungsfehler an den anderen reiht – angefangen von offensichtlicher Schlamperei bei der Bergung der Leiche über die mangelhafte Totenbeschau bis zur nicht vorgenommenen Obduktion.

Seit sechs Jahren versuchen die MacPhersons, die österreichischen Behörden auf die zahlreichen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Tod ihres Sohnes aufmerksam zu machen, schreiben Hunderte E-Mails und Briefe. „Und trotz alldem sind wir bisher gegen eine Mauer gelaufen“, sagt Lynda MacPherson. Drei Jahre dauert es, bis sie und ihr Mann im Jahr 2006 ihre mühsam zusammengetragenen Indizien, mit denen sie ihre schweren Vorwürfe untermauern wollen, zusammenpacken, sie in drei prall gefüllte Ordner stecken und an die damalige BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger (2004–2006) schicken. Aus dem Ministerium bekommen sie einen negativen Bescheid: In diesem Fall sei nichts zu beanstanden.

Lynda MacPherson wendet sich daraufhin 2007 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. „Wenn jemand unter unnatürlichen und ungeklärten Umständen zu Tode kommt, muss das untersucht werden. Das ist ein Menschenrecht“, sagt sie. Im April 2009 wird die Eingabe der MacPhersons mit der Begründung, dass der Fall „keine Verletzung der Rechte und Freiheiten der Menschenrechtskonvention und seiner Protokolle aufweist“, abgewiesen. Ihre Hoffnungen setzen die MacPhersons jetzt auf Peter Pilz. 2008 nehmen sie über die österreichische Anwältin Nicole Schabus, die in Vancouver lebt und praktiziert, Kontakt mit dem Grünen Nationalratsabgeordneten auf.

Der nimmt sich der Sache an und kommt zum Schluss, dass „dieser tragische Fall ein Paradebeispiel dafür ist, wie Polizeiarbeit nicht laufen darf: Schlampereien ohne Ende, Nichteinhaltung vorgeschriebener Abläufe, mögliche Verdächtige als Hauptzeugen, und dann werden die Berichte zurechtgebogen, damit die Behörden gut wegkommen.“ Noch vor der Sommerpause des Parlaments, die heuer am 13. Juli beginnt, will Pilz eine parlamentarische Anfrage an Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (parteilos) und ÖVP-Innenministerin Maria Fekter einbringen. Dabei soll es nicht nur um das mögliche Versagen der Behörden im Fall MacPherson gehen, sondern auch darum, wie sicher Österreichs Gletscher-Skipisten wirklich sind.

Am 2. August 1989 verlässt der Eishockeyprofi Duncan MacPherson seine Heimatstadt Saskatoon Richtung Europa. Bei den Springfield Indians war er von 1986 bis 1989 als Verteidiger unter Vertrag; einem unabhängigen Ausbildungsteam („Farmteam“), das damals in der zweitklassigen nordamerikanischen AHL (American Hockey League) spielte. Für die neue Saison hatte er ein Angebot als Spielertrainer beim schottischen Klub Dundee Tigers angenommen, der seine Spiele in der knapp 150 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Glasgow gelegenen Kleinstadt austrägt.

„Vor seinem Engagement in Schottland wollte er noch ein wenig ausspannen“, erzählt Duncans Mutter. Über London fliegt er nach Frankfurt am Main und nimmt dort den Schnellzug nach Nürnberg. Duncan besucht George Pesut, einen kanadischen Eishockeyspieler, der damals in Deutschland als Legionär spielt. Wie immer auf Reisen, meldet sich Duncan nach seiner Ankunft in Franken bei seinen Eltern per Telefon. „Mir geht es gut, die Reise war anstrengend. Ich werde bald schlafen gehen“, erzählt seine Mutter über das letzte Gespräch mit ihrem Sohn. Weil George Pesut mit seinem Team ins Trainingslager muss, borgt er Duncan seinen roten Opel Corsa.

„Duncan hat noch vor seiner Abreise gesagt, dass er nach Italien fahren will. Unterwegs wollte er noch ein paar Freunde treffen. Von Tirol hat er nichts erzählt“, sagt George Pesut. Am 7. August trifft Duncan bei Roger Kortko, einem weiteren Freund aus der kanadischen Profi-Eishockey-Community, in der südbayrischen Kleinstadt Füßen ein. Die beiden spielen Tennis, gehen Abendessen. „Weil er kein Deutsch konnte, hat Duncan den ‚Chicken Dance‘ aufgeführt“, erinnert sich Kortko an die Tanzeinlage, mit der Duncan der Kellnerin zu vermitteln versucht habe, dass er ein Brathendl wolle. Am nächsten Morgen verabschiedet sich Duncan von Roger Kortko und fährt nach Innsbruck, wo er in einer Jugendherberge im Stadtzentrum absteigt.

Am 9. August 1989 muss er sein letztes Quartier gegen halb neun Uhr morgens verlassen haben. Kurz darauf stellt er den roten Corsa am Parkplatz der Stubaier Gletscherbahn ab; von Innsbruck eine Fahrzeit von rund 40 Minuten. Um circa halb elf trifft Duncan im Skischulbüro oben auf dem Gletscher auf Walter Hinterhölzl. Er ist vermutlich der letzte Mensch, mit dem der Kanadier spricht. „Er wollte Snowboardstunden nehmen“, sagt Hinterhölzl.

Duncan ist gut ausgerüstet: Er hat sich schon Handschuhe, Skischuhe, Gamaschen für die Füße und ein Snowboard ausgeborgt. Doch weil Hinterhölzl meint, dass Duncan für das Snowboard zu viel bezahlt habe, gehen die beiden zurück in den Sport Shop 3000, den damals einzigen Skiverleih am Berg. Der Snowboardlehrer möchte eine niedrigere Gebühr für das Brett nachverhandeln. Ohne Erfolg. Dann gibt Hinterhölzl, der von 2001 bis 2006 Cheftrainer des ÖSV-Damen- Snowboardteams sein wird, Duncan zwei Stunden Unterricht.

„Er war wirklich talentiert. Mittags waren wir noch gemeinsam im Bergrestaurant essen, dann habe ich mich verabschiedet. Duncan wollte am Nachmittag noch alleine weiterüben“, sagt Hinterhölzl. Der Polizei wird er später zu Protokoll geben: „Meine Lebensgefährtin Daniela Widi hat MacPherson um 14.30 Uhr noch auf dem Hang gesehen.“ Dann ist Duncan weg. Spurlos verschwunden. Niemandem auf dem Gletscher fällt etwas auf. Nicht dem Pistenpersonal, das seine Kontrollfahrten mit dem Lift und den Pistenraupen macht. Nicht dem Snowboardlehrer, der Duncan eigentlich für eine weitere Stunde am darauffolgenden Tag erwartet. Und auch nicht den Angestellten im Sport Shop 3000, denen das ausgeliehene Snowboard eigentlich abgehen müsste.

Fünf Tage sind vergangen, seit die MacPhersons die Leiche ihres Sohnes in der Gerichtsmedizin gesehen haben. Nun wollen sie die Stelle aufsuchen, an der Duncan aus dem Eis getaut war. Die Eltern steigen in eine Gondel der Gletscherbahnen. Es ist das erste Mal in 14 Jahren, dass sie nicht für die Bergfahrt bezahlen müssen. Im hintersten Eck des Stubaitals, wo man in alle Richtungen Berge sieht, geht es über kahle Felsen und abgewetzte Hänge hinauf auf knapp 3.000 Meter Höhe. Hinauf in ein Industriegebiet unter Gipfelkreuzen: Rund 700 Hektar ist das Skigebiet groß, fast 110 Kilometer Pisten sind im Idealfall befahrbar.

Die letzten Meter von der Bergstation führen zwei Pistenarbeiter, die bei der Bergung der Leiche dabei waren, die Familie MacPherson mit einer Pistenraupe den Hang hinauf. Dorthin, wo vier Mitarbeiter der Gletscherbahnen eineinhalb Wochen zuvor die Leiche mit Pickeln aus dem Eis geschlagen hatten. Nur 25 Meter von dem Schlepplift entfernt, der damals, als das Eis der Gletscher noch mächtig war, auch im Hochsommer die Wintersportler Richtung Gipfel zog. 14 Jahre lang sind die Skifahrer quasi über Duncans Leiche gefahren – die mitten auf, oder, besser gesagt, unter einer regulierten Piste, dem sogenannten Schaufelschuss, lag.

Die MacPhersons stehen neben Duncans eisigem Grab. Mehrmals waren sie in den Jahren zuvor schon an der Stelle vorbeigegangen. „Wir wollten innehalten, den Moment für uns haben“, erzählt Robert MacPherson. Das ändert sich plötzlich, als der Vater etwas im Eis entdeckt: Es sind Knochenreste, die bei der Bergung übersehen wurden – und ein Stück des Snowboards.

Nicht irgendein Teil davon liegt vor des Vaters Füßen. Es ist der Teil mit der Seriennummer 165 52277, der bei der Bergung offensichtlich übersehen wurde. Zum ersten Mal seit dem Fund ihres Sohnes gesellt sich zur Trauer Wut – und Unbehagen. Würden die Polizisten wieder so stümperhaft ihre Arbeit machen, wie damals, als es die MacPhersons und nicht die Beamten waren, die nach sieben Wochen den roten Opel am Parkplatz der Talstation fanden? Sollten die Behörden den Spuren mit demselben Eifer nachgehen wie damals, als es die Eltern und nicht die Tiroler Kripo war, die herausfanden, wo Duncan seine letzte Nacht verbracht hatte? Würden die Beamten Widersprüchen wieder nicht nachgehen, wie zum Beispiel die mit diesem Fund bewiesene Falschaussage des Snowboardverleihers?

„Wir haben nie ein Snowboard an Duncan MacPherson verliehen“, sagt Josef „Seppi“ Repetschnig, der Manager des Skiverleihs heute wie damals. Duncans Snowboardlehrer Walter Hinterhölzl hält jedoch an seiner Aussage fest: „Er hat sich das Brett dort ausgeborgt.“ Wer hier nicht die Wahrheit sagt und vielleicht Alarm hätte schlagen können und müssen, spielt für die Tiroler Behörden in den Ermittlungen aber zu keinem Zeitpunkt eine Rolle. Auch dann nicht, als Duncan MacPherson 14 Jahre später mit einem Snowboard gefunden wird – und er eine Gamasche mit der Aufschrift „Rental 3000“ an den Füßen trägt.

Monate nach dem Fund von Duncans Leiche sollten sich die Befürchtungen der MacPhersons bewahrheiten. Sie finden heraus, dass der Fall bereits am nächsten Werktag als „aufgeklärt“ abgelegt wurde. Und das, obwohl die Leiche mitten auf der Piste aus dem Eis gekommen war. Obwohl eine Hand scharf abgetrennt und ein Bein zermalmt worden war. Und obwohl sich die Skischuhe und Socken nicht mehr an den Füßen des Leichnams befunden hatten und neben der Leiche das bereits im Jahr 1989 umstrittene Snowboard auftauchte.

Am 21. Juli 2003 notiert der kanadische Vizekonsul in Wien nach einem Telefonat mit Inspektor Willi Krappinger von der Tiroler Kripo: „Der Tod wird wie ein Unfall behandelt. Da Fremdverschulden nicht angenommen wird, benötigen die österreichischen Behörden nicht automatisch eine Obduktion.“ Weil der Fall als geklärt gilt, wird Duncans Leichnam nicht am gerichtsmedizinischen Institut obduziert, sondern lediglich anhand einer DNA-Analyse identifiziert. „Es gab keinen Auftrag für eine Obduktion. Für den Totenbeschauarzt war offensichtlich alles klar“, sagt Gerichtsmediziner Walter Rabl, auf dessen Seziertisch in Innsbruck Duncan MacPherson 2003 landet.

Noch heute fühlt sich Rabl, der seit 2004 Präsident der österreichischen Gesellschaft für Gerichtsmedizin ist, „für andere Beteiligte in dem Fall schuldig. Grundsätzlich wäre es in einem solchen Fall mit längerer Abgängigkeit, einem Fall, in dem der Abgängige unter unklaren Umständen verschwunden war, eine Sache für den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter gewesen. Die hätten alles genau klären und untersuchen müssen“, sagt Rabl heute. Aus seiner Sicht ist es deshalb auch falsch gewesen, auf eine Obduktion zu verzichten.

Untersucht wurde Duncan MacPhersons Leiche noch am Tag der Bergung von Kurt Somavilla, praktischer Arzt in Fulpmes, einem Skiort im Stubaital. Im Totenschein hält er fest, dass sehr wohl eine Obduktion vorgenommen worden sei. „Das ist falsch, die wurde nie gemacht“, sagt Rabl dazu. Somavilla, der nebenbei Vorsitzender der Sektion Stubai des österreichischen Alpenvereins (ÖAV) ist, will es außerdem tatsächlich geschafft haben, die Todesursache noch am selben Tag festzustellen.
„Polytrauma aufgrund von Sturz in eine Gletscherspalte“, also Tod nach mehreren lebensgefährlichen Verletzungen, notiert der Arzt. „So wie man sich ein Polytrauma mit knöchernen Verletzungen, also mit Schädel-, Rippen- und Beckenbruch vorstellt, lag das sicher nicht vor“, sagt Rabl. „Aufgrund der äußeren Besichtigung war es unmöglich, irgendetwas über die Todesursache zu sagen. Polytrauma ist ein Allgemeinsatz, wie Herzversagen.“

Als der Gerichtsmediziner Duncan Macpherson damals überstellt bekommt, muss selbst er noch einen Tag warten, bevor er die Leiche identifizieren kann. Immerhin ist diese nach 14 Jahren im Eis tiefgefroren. Somavilla hätte also gar keine Todesursache feststellen können. Der praktische Arzt will heute zu den Vorwürfen nichts sagen. Außer: „Lassen Sie mich damit in Ruhe. Gletscherleichen haben wir viele hier. Die Eltern wollen den Tod ihres Sohnes nicht wahrhaben und daraus einen Mordfall machen.“ Dass sich die Eltern längst mit dem Unfall abgefunden haben und lediglich über die genauen Umstände des Todes ihres Sohns Bescheid wissen wollen, spielt für ihn keine Rolle.

14 Jahre lang war Duncan MacPhersons Verschwinden für die Tiroler Behörden ein ungeklärter Kriminalfall. Eine Situation, die Platz für Spekulationen bietet. Hatte Duncan sich abgesetzt? War er mit einem schönen, reichen Mädchen durchgebrannt, wie Tiroler Gendarmen den Eltern kurz nach Duncans Verschwinden weismachen wollen? „Sie haben uns gesagt: Bei uns in Tirol kann nichts passieren. Da muss er schon nach Italien“, erinnert sich Lynda an die Reaktion der Beamten. „Natürlich haben wir auch daran gedacht, dass Duncan ermordet worden sein könnte“, erzählt sie. „Aber heute wissen wir, dass es ein Unfall war. Das einzige Verbrechen ist für uns die Art und Weise, wie in diesem Fall ermittelt wurde. Hier wurde fahrlässig gehandelt und das Leben von Skifahrern aufs Spiel gesetzt“, sagt Lynda MacPherson.
„Über die eigentliche Unfallursache können nur Spekulationen angestellt werden, und so könnte Duncan Alvin MacPherson möglicherweise als Anfänger während der Liftfahrt mit dem ‚Eisjoch II Lift‘ auf Höhe der Stütze 7, bei den dortigen Gletscherspalten, zu Sturz gekommen sein bzw. aus dem Lift gefallen sein“, schreibt Willi Krappinger im September 2003 in seinen Abschlussbericht. Zu den Vorwürfen, unseriös ermittelt zu haben, will er keine Stellungnahme abgeben. Auf Anfrage äußert sich dafür der stellvertretende Leiter des Tiroler Landespolizeikommandos Christoph Hundertpfund schriftlich: „Bergunfälle, vorwiegend Spaltenstürze oder Eisbrüche im Gletschergebiet, passieren regelmäßig. Ein Aufenthalt auf dem Gletscher außerhalb des gesicherten Skiraums ohne entsprechende Sicherungseinrichtung birgt unter anderem die hohe Gefahr eines Spaltensturzes. Derartige Unfälle sind fast immer auf unvorsichtiges Verhalten der Betroffenen zurückzuführen.“

Krappinger hält in seinem Bericht weiter fest: „Da dort ein Abfahren entlang der Lifttrasse nicht möglich ist und ein Aufstieg nach oben wohl zu beschwerlich schien, nahm er vermutlich zu Fuß die Abkürzung quer über den abgesperrten Bereich der Gletscherspalten zur Piste hin und fiel dabei in eine der Spalten.“ Als Lynda MacPherson nach mehrmaligen Ansuchen endlich den vollständigen Polizeibericht in Händen hält, kann sie es nicht fassen.

Es sind die kleinen, aber offensichtlichen Widersprüche, die ihr auffallen. Zu beschwerlich soll der Aufstieg für ihren Sohn, den 23-jährigen, austrainierten Eishockeyspieler, gewesen sein? Schon mit 18 war Duncan von den New Yorker Islanders, dem vierfachen Gewinner der nordamerikanischen National Hockey League (NHL), ins Profi-Hockey geholt worden. Weil er es nicht in den A-Kader schaffte, spielte er für deren Farmteam, die Springfield Indians. Seit seinem 13. Lebensjahr trainierte der ein Meter fünfundachtzig große und neunzig Kilo schwere Kanadier jeden Tag. Angesichts all dessen soll es für ihn „zu beschwerlich“ gewesen sein, ein paar Meter hinaufzugehen, um ein möglicherweise tödliches Hindernis zu umgehen?
Für die Eltern stellt Krappingers Bericht einen Schlag ins Gesicht dar, „eine Beleidigung unserer Intelligenz“ und allen voran ein „entscheidendes Glied“, in der, wie sie sagen, „Vertuschung der wahren Umstände“. Eine Wahrnehmung, die an jenes Bild anschließt, das die heimischen Medien über den Tod ihres Sohnes zeichnen. So berichtet die österreichische Presseagentur APA am Tag nach dem Fund, Duncan MacPhersons Leiche sei „120 Meter östlich des Schlepplifts“ „im freien Skiraum“ gefunden worden. Was schlichtweg falsch ist.

Die Meldung der APA, die ungeprüft von den meisten Tageszeitungen übernommen wird, war „nicht vor Ort recherchiert. Die Quelle muss auf jeden Fall aber eine seriöse, also entweder die Bergrettung oder die Polizei gewesen sein“, sagt jener APA-Journalist, der die Meldung damals verfasst hatte und seinen Namen heute nicht in der Zeitung lesen will. Würde man nur diese Meldung kennen, man könnte meinen, hier hätte sich jemand nicht an die Schilder, nicht an die Absperrungen gehalten und sein Leben leichtsinnig aufs Spiel gesetzt.

„Dazu erscheint erwähnenswert, dass ein Jahr zuvor etwa an derselben Stelle ein Japaner ums Leben kam, weil er aus besagtem Lift stürzte und die Abkürzung über den abgesperrten Bereich der Gletscherspalten zur Piste hin nahm“, ist weiter in Krappingers Bericht zu lesen. Abgesehen davon, dass der erwähnte Japaner in Wirklichkeit ein Brite chinesischer Abstammung war, hatte weder gegenüber den MacPhersons noch gegenüber den Mitgliedern des kanadischen Such- und Rettungsteams, das 1989 extra aus Kanada angereist war, um bei der Suche nach Duncan zu helfen, jemand den anderen Unfall erwähnt. Tatsächlich stürzte Chin Chiu ein Jahr zuvor, am 4. August 1988, ungefähr im selben Bereich ab, in dem auch Duncan in eine Gletscherspalte fallen sollte. Zwar konnte der Student der britischen Loughborough-Universität nach ein paar Stunden aus der Spalte gerettet werden, weil ein Freund den Pistenrettungsdienst alarmiert hatte, als Chiu nicht zu einem zuvor abgemachten Zeitpunkt aufgetaucht war.

Doch obwohl man ihn fand, erlag Chiu fünf Tage später seinen Verletzungen. Auf den Tag genau ein Jahr vor Duncans Verschwinden, an den Folgen der starken Unterkühlung. Noch ein Unfall, noch ein Toter, und niemand hatte in all den Jahren auch nur ein Wort darüber verloren? Was sollte das?, dachten die Eltern. Kann es sein, dass der Hang gar nicht so sicher war, wie es die Polizei anhand der Aussagen des Liftpersonals immer dargestellt hatte? „Man hat die Pistenmitarbeiter und sonst niemanden befragt. Sie sind die einzige Quelle dafür, dass alles sachgemäß abgesperrt wurde und Lift wie Piste sicher waren“, sagt Robert MacPherson. „Den Betreibern der Gletscherbahnen wurde von der Polizei gestattet, die Leiche zu bergen, ohne dass die ganze Zeit über ein Beamter anwesend war, zweitens die Unfalltheorie zu entwickeln. Und drittens gleich alle Fakten dafür mitzuliefern, dass es ein Unfall ohne Fremdverschulden war. Dass es also Duncan war, der schuld war.“ Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, schreibt der Mediensprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft Wilfried Siegele: „Ausdrücklich weise ich darauf hin, dass ein erfahrener Alpingendarm bei der Bergung der Leiche vor Ort war, auf dessen Bericht die Staatsanwaltschaft angewiesen war.“ Ein weiterer Punkt, der wie der Bericht des angesprochenen Alpingendarms Stefan Jungmann zeigt, so nicht ganz richtig ist. Jungmann ist nur wenige Minuten vor Ort, knipst Fotos und muss – wie aus seinem Bericht hervorgeht – wegen eines anderen Einsatzes wieder zu Such- und Mannschaftsflügen.

Der Gendarm erteilt den Liftangestellten den „Auftrag zum Freilegen der Leiche. Sie wurden weiters ersucht, die Leiche und sämtliche Gegenstände im Leichentuch und dann im Leichensack zu verpacken, zum Landeplatz beim Restaurant zu bringen und zum Abtransport vorzubereiten“. Dann steigt Jungmann wieder in den Hubschrauber und fliegt zum nächsten Einsatz. Das Verfahren sei, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, eingestellt worden, weil die Erhebungen des Landesgendarmeriekommandos Tirol „zweifelsfrei ergaben, dass Duncan MacPherson beim Snowboarden in eine Gletscherspalte gestürzt und ohne Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden zu Tode gekommen war“.

Die MacPhersons glauben, das Gegenteil beweisen zu können: So war aus ihrer Sicht der Bereich, in dem sich die Gletscherspalten befanden, nicht, wie in Krappingers Bericht steht, „großräumig mit Maschenzaun abgesichert“. Die These der Familie wird durch die Aussage des damaligen Pistenchefs Helmut Tanzer gestützt. Am 8. August seien laut Tanzer, der mittlerweile in Pension ist, Markierungen aufgestellt und die Spalten kontrolliert worden. Danach soll die Piste zwar für den Skibetrieb „hundertprozentig“ sicher gewesen sein.

Aber einen Zaun, wie in Krappingers Bericht vermerkt, habe es laut Tanzer erst fünf Tage später gegegeben: „Die nächste Aufzeichnung einer im Pistenbereich durchgeführten Arbeit geht aus dem Tagesprotokoll vom 13.8.1989 hervor, wo angeführt ist, dass an diesem Tag Spalten bei der Liftstütze 7 zugeschoben wurden und dass zusätzlich noch ein Maschenzaun aufgestellt wurde.“

2006 kommen die MacPhersons durch Zufall an Fotos einer kanadischen Urlauberin. Judy Wigmore aus dem westlichsten kanadischen Bundesstaat British Columbia fährt mit ihren vier Kindern genau an dem Tag auf der Piste Schaufelschuss Ski, an dem Duncan verschwindet. Wigmore sieht im Jahr 2006 eine Dokumentation des kanadischen Fernsehsenders, der Canadian Broadcasting Corporation (CBC). Das investigative Fernsehformat „The Fifth Estate“ berichtet in einer 50-minütigen Dokumentation über den Fall Duncan MacPherson, den „Iceman“, wie sie ihn nennen.
Judy Wigmore setzt sich über die Journalisten der CBC mit den Eltern in Verbindung und schickt diesen die Fotos zu. Auf den Bildern ist kein Zaun zu sehen. Wigmore, die damals Tagebuch führte, kann sich auch „nicht daran erinnern, Gefahrenschilder, Absperrungen oder Zäune gesehen zu haben. „Wenn ich dort oben irgendeine Gefahr gesehen hätte, hätte ich die Kinder sicher nicht frei fahren lassen“, sagt sie heute.

Die MacPhersons selbst werden im Sommer 1990 Zeugen, als eine Wanderin auf dem vermeintlich sicheren Wanderweg, der seitlich am Rand der Piste Schaufelschuss auf den Gipfel des 3.333 Meter hohen Schaufelspitz führt, fast in eine Spalte fällt; als plötzlich Eis und Schnee des Gletschers unter den Füßen der Wanderin nachgeben und diese beinahe abstürzt. Ihr Begleiter kann sie festhalten. Was die MacPhersons dann beobachten, wird ihnen bis heute nicht aus dem Kopf gehen. Es ist ein seltsamer Vorgang, den sie mit Fotos dokumentieren: Ein Pistengerät nähert sich der Stelle, an der eben das Eis unter den Füßen der Wanderin nachgegeben hat. „Der Fahrer hat, ohne nachzusehen, die Spalte einfach mit Schnee zu stopfen begonnen und danach die Fläche präpariert“, sagt Lynda MacPherson. Und da ist es schon wieder. Dieses mulmige Gefühl, das in den Eltern hochkommt, wenn sie daran denken: Was ist, wenn Duncan in eine Spalte gefallen war, den Sturz überlebt hatte und dann von einem Pistengerät verschüttet worden war?

„Die scharfkantigen Verletzungen an Duncans linker Hand und seinem linken Bein können nicht von der Gletscherbewegung stammen, wie der Betreiber der Gletscherbahnen immer behauptet. Auch dass die Skischuhe nicht mehr an seinen Füßen waren, passt in dieses Bild“, sagt Robert MacPherson. „Duncan ist vielleicht in die Spalte gestürzt, hat den Sturz überlebt und versucht, von selbst hinauszusteigen. Als er mit einer Hand und dem Bein oben am Rand der Spalte hängt, fährt ein Ratrak über ihn hinweg und begräbt ihn im Eis.“

Für die Mitarbeiter des „Königreichs des Schnees“, wie das Skigebiet am Stubaier Gletscher den Gästen verkauft wird, gilt es als ausgeschlossen, dass sich der Unfall je so zugetragen haben kann. So legt Heinrich Klier, der Gründer, heutige Aufsichtsratsvorsitzende und Miteigentümer der Wintersport Tirol AG, Wert auf die Feststellung, dass „wir seit unserem Bestehen seit dem Anfang der Siebzigerjahre zwischen 20 und 30 Millionen Gäste befördert haben und im Nahbereich des kontrollierten Skiraumes nur den einen tödlichen Unfall hatten.“ Der heute 83-Jährige ist einer der Pioniere des Gletschertourismus, dessen Unternehmen alle Lifte, Hotels und Betten im Tal gehören.

„Der arme Kerl“, sagt Klier und erläutert die Unfalltheorie der Gletscherbahnen. „Der ist offenbar beim Schleppliftfahren gestürzt. Der Unglücksrabe schnallt das Snowboard ab, steigt über die Absperrung, geht zu Fuß bei Nebel spazieren und rumpelt irgendwo runter. Alle bösen Geister, die es auf der Welt gibt, müssen zusammengespielt haben, damit das passieren hat können.“ Monatelang stehen Klier und seine beiden Unternehmensvorstände, Sohn Reinhard Klier und Franz Wegscheider, mit den MacPhersons in Kontakt; noch im Jahr 2003 bietet der König im Königreich des Schnees den Eltern an, als Andenken ein Foto von Duncan MacPherson aufzuhängen. Im Jahr 2006, als sich der Ton im Briefwechsel zwischen den MacPhersons und den Liftbetreibern verschärft und die Eltern überlegen, zivilrechtlich gegen die Gletscherbahnen vorzugehen, hängt das Foto noch immer nicht. Die Gletscherbahnen haben die Sache inzwischen an ihren Versicherer abgegeben.

„Sie können sich darauf verlassen, dass damals links und rechts des Liftes abgesperrt war“, sagt Klier, während er mit seinem heutigen Pistenchef Walter Müller am Handy telefoniert. Als dieser Klier kurz zuvor zurückgerufen hatte, witzelte der Chef: „Jetzt habe ich schon geglaubt, du bist auch in eine Spalte gefallen.“ Während Müller am Telefon souffliert, zeichnet Klier eine Skizze des Hangs und des Lifts. Gemäß dieser führte der Schlepplift 1989 mitten durch ein Gebiet mit Gletscherspalten, die den Liftbetreibern auch bekannt waren.

„Auf der Piste wurden aber alle Spalten zugeschoben und präpariert“, sagt Klier und zeichnet mehrere Spalten mitten auf der Piste ein. „Es gab polizeiliche Einvernahmen. Da wurde festgestellt, dass wir den Pistenbereich vollkommen abgesperrt hatten. Auch auf den Fotos der Polizei sind die Absperrungen sichtbar. Das war ein wichtiger Punkt in der ganzen Vernehmung“, sagt Klier. Dass diese Fotos wirklich existieren, kann Klier – genauso wenig wie die Polizei – beweisen. Trotz mehrfacher Nachfrage.
„Wenn es Fotos von der Absperrung gibt, soll er sie uns zeigen“, sagt Lynda MacPherson deshalb nicht umsonst. Für die Eltern ist die Suche nach der Wahrheit nicht vorbei. „Wir wurden oft gefragt: Warum macht ihr das?“, sagt die 66-Jährige. „Wenn man davon überzeugt ist, im Recht zu sein, und sich einem so ein System entgegenstellt, darf man nicht aufgeben – sonst verliert man.“

Lynda MacPherson sitzt im Esszimmer ihres Wohnhauses in Saskatoon. Sie zündet sich eine Zigarette an. An der Wand steht ein Holzregal mit gerahmten Bildern von Duncan und seinem um eineinhalb Jahre jüngeren Bruder Derrick. Dazwischen ein brauner Würfel mit einer grauen Metallplatte, auf der die Umrisse einer Landschaft zu erkennen sind: die Urne ihres Sohnes Duncan MacPherson.