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Kommentar: Ägypten und der Islam

Biene, schwirr ab!

Die Ägypter formen in den kommenden Wochen das neue Fundament für ihr Land. Das könnte für uns unangenehm werden. Denn die Menschen halten derzeit wenig von westlichen Idealen. Das aber hat nichts mit dem Islam zu tun.

Ich habe unzählige Male versucht, meinem Arabischlehrer in Ägypten zu erklären, warum es in Deutschland einen schwulen Außenminister gibt, warum wir mit Hunden zusammen in der Wohnung leben und was ein kompostierbares Biomüll-Papiersackerl ist. Ich tat das gerne: für westliche Werte eintreten und sie erklären.

Doch dann kam dieser Vormittag im März. Mein Lehrer war wütend und klebte anklagend eine Zeitungsseite an die Tafel. Er las vor: Eine Firma mit Sitz in München habe der ägyptischen Stasi für mehrere hunderttausend Euro eine Software geliefert, die den E-Mail-Verkehr von Gmail, Yahoo und Hotmail überwachen kann und sogar Skype-Gespräche mitschneidet. Der Lehrer wollte wissen, was ich dazu sage. Doch was soll man dazu sagen? Vielleicht nicht unbedingt das, was die deutsche Bundesregierung in solchen Fällen gern ausrichten lässt: Falls gegen die Gesetze verstoßen worden sei, würden sich die Gerichte darum kümmern.

Ich schämte mich. Mit diesem Hilfsmittel „Made in Germany“ wurden Blogger und Regimekritiker detektiert, um sie dann in unterirdischen Räumen zu foltern und tot oder zumindest mundtot zu machen. Noch bevor ich mich dafür entschuldigen konnte, zitierte der Lehrer ein arabisches Sprichwort: „Oh, du Biene, ich möchte weder deinen Stich noch deinen Honig!“

Was auf Deutsch etwa so viel heißt wie: Westen, schwirr ab! Es ist ja auch absurd. Wir verbieten den Import von Hunde- und Katzenfellen, weil wir Mitleid mit den Tieren haben, und als klar wurde, dass der EHEC-Erreger aus Ägypten kam, machten wir sofort die Grenzen dicht. Den Handel mit Spionagesoftware aber, die gegen so ziemlich alles verstößt, wofür wir stehen, den lassen wir bis heute zu – und verlieren damit jegliche Glaubwürdigkeit.

Wir benehmen uns schon seit Jahren so und müssen uns deshalb nicht wundern, dass auf dem Kairoer Tahrir-Platz gerufen wurde: „Ich sterbe lieber durch ägyptische Kugeln, als mich vom Westen beschützen zu lassen!“ Die meisten Menschen in den arabischen Staaten können uns nicht leiden. Und das liegt nicht daran, dass sie unsere liberale Lebensform ablehnen, die gelegentlich mit dem Islam kollidiert. Die Leute sind genervt, dass wir je nach Land mal unsere Werte regelrecht einklagen und mal ganz einfach vergessen.

Beispiele dafür gibt es zuhauf: Westliche Geheimdienste ließen Beschuldigte nach Libyen und Ägypten verfrachten, um mit ihnen dort das zu machen, was auf eigenem Boden strengstens verboten wäre. Wir schauten zu, wie saudische Streitkräfte in Bahrain auf friedliche Demonstranten losgingen, weil wir keinen Ärger mit Saudi-Arabien wollten. Und wir lassen seit Monaten die Menschen im Jemen allein, die sich von einem Tyrannen befreien wollen, der für westliches Geld US-Drohnen über sein Land fliegen lässt, die Menschen töten, die uns Böses wollen.

Was wir aber vergessen: Die arabischen Nachrichtensender berichten nach wie vor live aus Bahrain und dem Jemen und zeigen furchtbare Bilder. Sie erinnern regelmäßig an Guantanamo und das Versprechen Obamas, das Gefangenenlager zu schließen. Sie berichten über die WikiLeaks-Depesche, die neulich auftauchte und belegte, dass US-Diplomaten den Sender Al-Jazeera zwingen wollten, verstörende Aufnahmen aus dem Irak nicht zu zeigen. Und kommentieren den Bericht von Amnesty International, der im Oktober belegte, dass ausgerechnet das neutrale Österreich zu den „wichtigsten Waffenlieferanten“ des Jemen zählt. Das alles nagt an der Glaubwürdigkeit des Westens.

So sieht das auch Abdallah, 23, ein Webdesigner aus Alexandria, der jeden Freitag auf der Straße ist, um für ein neues Ägypten zu kämpfen. „Während der Revolution hat uns die EU im Stich gelassen, okay, das haben wir verstanden, weil ihr Mubarak wolltet“, sagt er. Aber dass die europäischen Staaten nach der Revolution nicht mehr zu ihrem Wort stünden, damit sei das Vertrauen nun „endgültig weg“.

Denn als der ägyptische Präsident zurücktrat, gelobten die meisten Regierungschefs der EU Unterstützung. Die Gelder korrupter Geschäftsleute werde man einfrieren und zurückgeben. Und bei der Aufklärung der Verbrechen werde man helfen. Den Ägyptern muss es deshalb wie Hohn vorgekommen sein, als die Richter in Kairo den früheren Finanzminister Youssef Boutros-Ghali in Abwesenheit zu 30 Jahren Haft verurteilten und eine britische Zeitung im Juni berichtete, wie der Neffe des ehemaligen UNO-Generalsekretärs unbehelligt in London spazieren ging.

Ähnliches passierte im Fall Hussein Salem. Der 77-jährige Unternehmer ist Ägyptens meistgesuchter Mann, weil er mit Mubaraks Gnaden spottbilliges Erdgas bekam und es ausgerechnet an Israel zu einem Freundschaftspreis weiterverkaufte. Unfassbare zwei Milliarden Dollar, so die niedrigste Schätzung, soll er mit Geldwäsche und Betrug angehäuft haben. Mitte Juni wurde Hussein Salem in seiner Villa in einem Madrider Vorort festgenommen. Doch trotz Bitten wurde er damals nicht nach Kairo überstellt. Denn der Ägypter hat seit 2008 einen spanischen Reisepass.

Gewiss: Solche Fälle sind rechtlich und diplomatisch nicht einfach zu lösen. Nur sollte der Westen dann auch besser schweigen, wenn es darum geht, andere Länder zu brandmarken, die Verbrechern Unterschlupf gewähren. Denn das machen wir im Prinzip jetzt auch.

Deutsche und österreichische Politiker sollten auch mehr aufpassen, wenn sie im Nahen Osten von „historischer Verantwortung“ sprechen. Denn damit meinen sie mit Sicherheit nicht die 17,5 Millionen Landminen, die während des Zweiten Weltkriegs in der Wüste Ägyptens vergraben wurden. „Garten des Teufels“ nennen die Einheimischen den Todesabschnitt zwischen der Kleinstadt Al-Alamein und Libyen, in dem der deutsche Panzergeneral Erwin Rommel besonders viele Sprengkörper verstecken ließ. Mehr als 8.000 Menschen wurden durch die deutschen, britischen und italienischen Minen schwer verletzt oder getötet – und das nach dem Zweiten Weltkrieg.

Doch statt diese wieder auszugraben, mauert das offizielle Deutschland seit Jahren, schickt Metalldetektoren nach Ägypten und warnt sicherheitshalber jene Bürger, die nach Ägypten reisen wollen, auf der Homepage vor „unzureichend gekennzeichneten Minenfeldern“. Das mag juristisch in Ordnung sein, moralisch korrekt ist es aber nicht.

Die Menschen in Ägypten fühlen sich deshalb von der übrigen Welt im Stich gelassen und vertrauen nur noch einem: Gott. Denn der Westen, der sich beim Aufbau einer Demokratie nun regelrecht aufdrängt, ist schließlich auch jener Westen, der im Nahen Osten jahrzehntelang die Autokratie einer Demokratie vorgezogen hatte. Als die ägyptische Regierung nach der Revolution einen Kredit des Internationalen Währungsfonds ablehnte, bekam sie viel Lob dafür in den hiesigen Zeitungen. Denn dieses Geld sei mit „ausländischen Zielsetzungen“ verbunden.

An der heruntergekommenen Strandpromenade von Alexandria hat ein Sprayer einen arabischen Satz auf eine Mauer gesprüht, den man so übersetzen könnte: „Amerika, wir hassen dich nicht wegen deiner Freiheit. Wir hassen dich, weil du uns deine Freiheit nicht geben willst.“ Es ist so etwas wie eine Zusammenfassung der jahrzehntelangen Nahost-Politik, die von Europa mitgetragen wurde – und die Anfang des Jahres wie ein Luftballon zerplatzte.

Die jungen Ägypter, die von einem neuen Land träumen, sprechen oft besser Englisch als der deutsche Außenminister. Sie haben studiert und wissen schon, was sie wollen: ein neues Land schaffen, nach eigenen Regeln – und keines, das so konstruiert ist, dass es dem Westen passt. Diese jungen Ägypter kämpfen seit Monaten auch gegen die Salafisten, die plötzlich politisch mitmischen wollen. Jene Fundamentalisten, die von den Saudis inspiriert werden und deren Frauen unter viel Textil versteckt werden. Die in Talkshows predigen, dass das ägyptische Frühlingsfest zu verbieten sei, weil es aus der Pharaonenzeit stammt. Dass Frauen kein Recht auf Arbeit hätten und Demokratie selbstverständlich abzulehnen sei. So wie es die Saudis eben vorleben – und worüber sich der Westen echauffieren müsste, wenn er denn zu seinen Werten stünde. Die Ägypter werden schließlich auch ständig ermahnt, nur bitte ja nicht zu fundamentalistisch zu werden.

Deshalb sollten wir schleunigst darüber nachdenken, ob Saudi-Arabien „einer der wichtigsten Stabilitätsanker in der Region“ ist, wie der deutsche Verteidigungsminister sagt. Oder „ein weltweit agierendes Franchise-Unternehmen für Koranschulen und Moscheen, in denen islamischer Fanatismus gelehrt wird“, wie es Abdallah sieht, der Webdesigner aus Alexandria.

Für die Menschen im Nahen Osten ist es nicht nachvollziehbar, dass der Westen als Antwort auf 9/11 in Afghanistan einfiel und später den Irak kaputtschlug, obwohl doch 15 der 19 Terroristen saudische Pässe hatten. Waheed, ein befreundeter Journalist aus Karatschi in Pakistan, leidet schon seit Jahren unter den saudischen Kulturimporten. Er sagt, dass „die Taliban in Wahrheit ein Nebenprodukt Saudi-Arabiens“ seien. Sie würden zwar von Leuten in Pakistan gesponsert; die Gehirnwäsche bekämen sie aber in Koranschulen, von Saudis gegründet und bezuschusst, an denen nach saudischem Lehrplan unterrichtet werde. „Der Feind im Kampf gegen islamischen Terrorismus ist Saudi-Arabien, aber das zu sagen, dafür seid ihr zu feige“, sagt Waheed.

Jedenfalls sieht es nicht so aus, als ob der Westen dieses Problem an der Wurzel packt, um es im Politikerdeutsch zu sagen. Vermutlich werden weltweit derzeit mehr Gebetsräume mit saudischen Öldollars gegründet als McDonald’s- und Starbucks-Filialen zusammen. Das kommt jedenfalls mir so vor, wenn ich in der Region reise oder Verfassungsschutzberichte lese.

Saudi-Arabien mag nicht viel von unserer Verfassung halten. Dafür ist man sich bei einem anderen Thema sehr einig: dem Iran. Der ist nämlich bis ins Mark schiitisch und wird deshalb vom sunnitischen Saudi-Arabien regelrecht gehasst. Es geht bei diesem Konflikt auch darum, wer künftig das Sagen in der Region hat. Also ist da ein übermächtiges Land, das den Iran klein halten will und sich praktischerweise auch noch um den Jemen kümmert. Denn dort wollen die schiitischen Huthi-Rebellen an die Macht – und das mögen die Saudis gar nicht.

Falls es zum Ernstfall käme, könnten sich die Saudis auf deutsche Markenware verlassen, denn das Königreich soll 200 Leopard-Panzer bestellt haben. Das ist höchst brisant und unangenehm, weshalb die deutschen Politiker natürlich nichts dazu sagen. Im Nahen Osten haben die Menschen verstanden, dass der Westen die Saudis zu einer militärischen Großmacht hochrüsten will. Und das macht sie wütend, könnte es doch künftig das einzige undemokratische Land der Region sein.

Doch was können wir tun, damit die Leute wieder unseren Honig wollen, um bei dem arabischen Sprichwort zu bleiben? So banal und naiv es auch sein mag: unsere Werte leben und glaubhaft vertreten. Wir sind immer schnell dabei, wenn es darum geht, die Religionsfreiheit in Ägypten einzumahnen. Das ist auch gut. Nur sollten wir dann auch eine schlüssige Erklärung finden, warum uns das Kopftuch stört und die Schweizer die Minarette verbieten. Denn mit westlicher Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung hat das alles wenig zu tun, auch wenn wir das immer betonen.

In einer Diskussion sagte mein Arabischlehrer neulich, dass wir in Europa endlich verstehen sollten, dass nicht jeder auf der Welt so leben wolle, wie es der Westen vormache. „Wir Muslime haben etwas gegen Bikinis, weil sie gegen die Würde der Frau sind“, sagte er. „Wir finden hingegen, dass gerade ein Kopftuch einer Frau Würde und Respekt geben kann.“

Das zu verstehen fällt uns schwer, und akzeptieren wollen wir es schon gar nicht. Wir sind überzeugt davon, dass der westliche Lebensentwurf der beste und einzig richtige ist. Das aber kommt bei einer muslimischen Gesellschaft, die von sich behauptet, die beste Religion zu haben, nicht gut an. Dabei sind wir doch gerade hierzulande sehr stolz darauf, dass Menschen so leben dürfen, wie sie wollen.

Der deutsche Außenminister sprach neulich davon, dass der „arabische Frühling mit der Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und Mitbestimmung“ begonnen habe. Das ist richtig. Ob das auch heißt, dass die Ägypter so wählen dürfen, wie sie es vermutlich tun werden, wird sich erweisen. Denn stimmen die Prognosen, werden sie zuhauf für jene Kandidaten stimmen, die ein islamischeres Land und Leben fordern.

Das wäre für uns unangenehm, aber zu respektieren. Die Reaktion des Westens wird deshalb zeigen, ob die Ägypter uns für glaubwürdig halten. Oder ob wir, wie mir mein Arabischlehrer zu verstehen gab, doch bitte möglichst schnell abschwirren sollen.