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US-Kultautor Mark Z. Danielewski lässt in „Only Revolutions“ zwei Teenager aufeinanderprallen. Wen das Buch kaltlässt, der ist tot oder ein Snob.
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„Samsationell! Samara! Großartig! Ich kann alles hinter mir lassen. Alle lieben den Traum, doch ich töte ihn. Die Atlaszedern peitschen: – Auf geht’s. Boogaloo! Mit einem Sprung befreie ich mich. Bin Feuer und Flamme. Wie sich mein Haar lockt. Ich werde die Welt vernichten. Aus, basta. Alles ringsum in Trümmer legen. Mit Arschgewackel. Rumgezappel. Einer Drehung. Allmächtige sechzehn Jahre alt und freiiiiii. Freudensprüng mit bloßen Füßen. Die Zitterpappeln sind hier wunderschön: – Hast nichts zu verlieren. Also los. Bedien dich!“

Na, wenn das mal kein Einstieg ist. Der amerikanische Schriftsteller Mark Z. Danielewski, Jahrgang 1966, der 2000 mit seinem Erstling „House of Leaves“ („Das Haus“, 2007) den bislang eigensinnigsten und waghalsigsten Roman des 21. Jahrhunderts, ja, das erste veritable Kultbuch des gerade angebrochenen Jahrtausends vorlegte (es gibt Leute, die Textausschnitte aus dem Buch auf ihren Körper tätowiert haben, andere schreiben Dissertationen darüber), wärmt sich in seinem neuen Roman nicht lange auf, sondern steigt mit 180 km/h ein.

„Only Revolutions“ ist immer in Bewegung. Es ist laut, hat nichts von der Betulichkeit der meisten Erzählprosa heute. Und der Ton, den Danielewski anschlägt, lässt sowieso nur zwei Reaktionen zu: maßlose Begeisterung für die Emphase und das dreckig-lyrische Pathos des Textes oder komplette Ablehnung à la „Hä, was soll das denn sein?“. Wen dieses Buch kaltlässt, der muss entweder tot oder aber ein besonders überspannter Snob sein.

Worum es geht, wäre an sich schnell erzählt – als Leser braucht man allerdings locker 30, 40 Seiten, um auch nur einigermaßen einen Überblick zu erlangen, wo man sich befindet, wer spricht und was zum Teufel eigentlich los ist. Um noch einmal die ersten paar Sätze aufzugreifen: Da prescht ein junger Mensch ohne Maß und Ziel drauflos, 16 Jahre alt und zu allem bereit. Er (oder sie?) pflegt ein Naheverhältnis zu Bäumen (die im Text durchlaufend fett gesetzt sind) und generell Pflanzen – hört sie reden, ihm Befehle einflüstern. Neben der Orientierungslosigkeit, die man als Leser mit der Figur teilt, irritiert zu Beginn vor allem die merkwürdige, teils sehr harte, teils auch bewusst gestelzte Sprache. Will Danielewski etwa eine Liebesgeschichte erzählen?

Siehe da, es taucht noch eine zweite Person auf. Und die klingt so: „Haileylujah! Haleskarth! Endlich entsprungen! Ich kann alles hinter mir lassen. Alle lieben den Traum, doch ich töte ihn. Weißkopfseeadler schweben über mir: – Reveille Rebell! Ich befreie mich aus dieser Tretmühle. Voll Feuer. Entflamme eine Brise. Ich werde die Welt verwüsten. Kein Problem. Neue Meuterei überall ringsum. Mit einer Drehung. Einem Lächeln. Einem Stirnrunzeln. Allmächtige sechzehn Jahre alt und freiiiiii. Freudensprünge, mit nicht mal einer Kappe auf. Braunbären verbeugen sich an meinen Knien: – Vorwärts, Generalleutnant. Siegen Sie.“

„Alle lieben den Traum, doch ich töte ihn“, „Allmächtige sechzehn Jahre alt und freiiiii“ – Danielewski schickt einen weiteren Sturm-und-Drang-Helden ins Rennen, dessen Vokabular sich streckenweise mit dem des ersten deckt. Der Clou: Man muss das Buch umdrehen – fast jede Bedeutung des englischen Wortes „revolution“ lässt sich auf Danielewskis Werk anwenden – und am anderen Ende zu lesen beginnen, um seine Version der Geschichte zu hören. „Only Revolutions“ lässt sich von zwei Seiten angehen: Wenn man mit der einen Fassung beginnt, steht die andere Kopf – und vice versa. Das stellt einen vor die Qual der Wahl, wo man beginnt und wie man sich in dem Textgewebe bewegt. Man kann das Buch alle paar Seiten umdrehen und sich die gerade gelesene Szene auch aus der Sicht der anderen Figur schildern lassen (was häufig eine komplett andere Sicht der Dinge bringt), oder man folgt einer Erzählperspektive über die ganze Länge, dreht das Buch erst am Schluss um – und ist somit wieder am Anfang.

Noch im Bild? Gut. Die zwei Versionen heben mit dem Wort „Samsationell“ bzw. „Haileylujah“ an. Das wiederum bringt die Helden ins Spiel. Sam und Hailey heißen die beiden, die sich irgendwo in den USA als Tramps über den Weg laufen, gemeinsam weiterziehen – zuerst zu Fuß, später rasanter mit gestohlenen Autos – und sich in eine irre Leidenschaft und in einen Zorn hineinsteigern, die sie unmöglich dauerhaft überstehen können: Live fast, die young, könnte ihr Motto lauten. „Immer sechzehn“ wollen sie bleiben, das kann am Ende nur fatale Folgen haben.