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Streitgespräch

Bundespräsident Heinz Fischer über Streitkultur, Liberalismus und Sozialismus.

In 24 Stunden um die Welt

Einmal um den Globus in 24 Geschichten aus aller Welt, von Mumbai über Tokio nach Sarajevo.

Schuld und Sühne

Das Gefängnis ist gescheitert. Justizminister Brandstetter verspricht längst notwendige Reformen, an die kaum wer glaubt.

Lebensarten

Buchstaben- dribbler

Ferdinand Schmatz verzichtete auf eine Fußballerkarriere und studierte die Kunst im Wirtshaus bei den Aktionisten. Diesen Monat erhält er den Ernst-Jandl-Lyrikpreis und träumt weiter von einer Einberufung ins Nationalteam.
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Ein Gespräch mit Ferdinand Schmatz könnte leicht in eine Zeitzeugen-Plauderstunde münden. Tut es aber nicht. Der 1953 im niederösterreichischen Korneuburg geborene Schriftsteller gehört einer Künstlergeneration an, die die Gnade der späten Geburt mit der Bürde bezahlte, sich im Schatten übermächtiger Vaterfiguren auf eigene Füße stellen zu müssen. Bereits mit 19 bewegte sich Schmatz im Umkreis der Maler und Schriftsteller Hermann Nitsch, Günter Brus, Oswald Wiener und Gerhard Rühm – allesamt abgründig funkelnde Planeten, deren faszinierende Sogkraft wenig Platz für die Entfaltung abweichender Umlaufbahnen ließ. „Ohne heroisch klingen zu wollen: Wir hatten es schwer“, resümiert Schmatz die Zeit künstlerischen und menschlichen Lernens und Reifens.

Sein weitgehender Verzicht, polemisch zu werden oder seine Erlebnisse mit den mittlerweile von Kunst- und Literaturgeschichte sanktionierten Kunstpartisanen anekdotisch auszuwälzen, und seine Bescheidenheit im Umgang mit Kollegen haben aus ihm – im Gegensatz zu den stark polarisierenden Altvorderen der österreichischen Avantgarde – eine zutiefst integrative Persönlichkeit geformt, ohne dass seiner Literatur dadurch auch nur im Mindesten etwas Konsensuales oder gar Harmloses anhaften würde. Wenn Ferdinand Schmatz am 12. Juni von Kunstministerin Claudia Schmied (SPÖ) im steirischen Neuberg an der Mürz der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik verliehen wird, schließt sich nicht bloß symbolisch einer von vielen Kreisen der radikalen österreichischen Nachkriegskunst samt ihrem ambivalenten Verhältnis zur nationalstaatlichen Identität.

Mit scheinbar unverrückbarer Regelmäßigkeit wird gewürdigt, was früh ignoriert oder gar bekämpft wurde, weil es nicht ins Bild einer selbstzufriedenen Gesellschaft passte. Ferdinand Schmatz, der bereits im Jahr 2006 von der Stadt Wien mit dem H.C.-Artmann-Preis ausgezeichnet wurde, fungiert in der österreichischen Literatur als Protagonist des Übergangs: Während nicht wenige seiner Generationskollegen in den Siebzigern den Weg der realistischen Literatur einschlugen und Erich Fried mit seiner politischen Lyrik allmählich zum Poesie-Star avancierte, verpflichtete sich Schmatz in seiner Arbeit auf die „Weitergabe des Feuers“ der Avantgarde beziehungsweise der experimentellen Poesie, die im Nachkriegswien durch die legendäre Wiener Gruppe und ihr Umfeld zu einzigartiger Blüte getrieben war.

Innerhalb weniger Jahre war es einem kleinen Kreis um den Dichter H.C. Artmann gelungen, die Lücke zur künstlerischen Moderne, die der Nationalsozialismus durch Vertreibung und Vernichtung verursacht hatte, zu schließen und vollkommen neue sprachliche, bildnerische und filmische Ausdrucksmittel zu entwickeln.

Was lange nur in geschlossenen Zirkeln stattfinden konnte, stieß im Zuge der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung der späten Sechzigerjahre vor allem bei den Jüngeren auf offene Ohren. Dichter wie Ernst Jandl, die ihre Experimente mit konkreter Poesie und visueller Dichtung praktisch ausschließlich für die eigene Schublade produziert hatten, standen mit einem Mal im Rampenlicht und fanden schließlich sogar Eingang in die Lesebücher des Deutschunterrichts. Gebrannte Kinder blieben sie in ihrem radikalen Außenseitertum dennoch – vor allem jene aktionistischen Künstler, die sich mit ihrem Happening „Kunst und Revolution“ im Juni 1968 an der Uni Wien so exponiert hatten, dass sie teilweise gerichtlich verfolgt wurden.

Zu diesem Zirkel um Hermann Nitsch, Günter Brus und Oswald Wiener stößt Anfang der Siebziger ein junger Mann namens Ferdinand Schmatz, Sohn eines Keramikers und einer Hausmeisterin, aufgewachsen in einem Haushalt, „wo es kein einziges Buch gab“. Erste intensive Lesegenüsse bescheren ihm ein bei seiner Tante in Neulengbach zufällig aufgestöberter Karl-May-Band und die „Geschichte des österreichischen Fußballsports“. Letztere Lektüre trifft sich mit einer Leidenschaft, die ihn befällt, nachdem seine Familie Ende der Fünfzigerjahre von Korneuburg nach Wien gezogen ist.

Ein heute kaum noch nachvollziehbarer Kulturschock: „Die Nachbarin hat geglaubt, wir kommen aus Tirol, so g’schert haben wir gewirkt.“ Unweit der Felberstraße im 15. Bezirk, wo er mit seinen Eltern eine Wohnung bezieht, findet er einen Beserlpark mit rauen Jungs beim Kicken. Ein perfekter Fallrückzieher verschafft ihm den Eintritt in eine Welt, der bis heute seine Passion gilt. „Mein Traum ist immer noch, ins Nationalteam berufen zu werden. Das wäre mir lieber als der Nobelpreis“, bekennt Schmatz nicht ohne Augenzwinkern.

Im Park entwickelt er sich zu einem feinen Techniker im Stil der von ihm bewunderten Wiener Austria. Entdeckt wird er schließlich mit zehn Jahren von einem Trainer des Erzrivalen Rapid – die geografische Nähe von Rudolfsheim-Fünfhaus zu Hütteldorf entscheidet über seine fußballerische Zugehörigkeit. Insgesamt drei Jahre durchläuft er die grünweiße Nachwuchsausbildung, bis ihm beim Stadthallenturnier seine Frisur zum Verhängnis wird. „Ich hatte schon längere Haare, und als es hieß, ‚A Rapidler muaß si de Hoa schneid’n lossn‘, habe ich gewusst, dass das nicht meine Welt ist.“ Viel eher findet er sich in der Buchstabenwelt wieder; vor allem in den Romanen Franz Kafkas, deren Lektüre eine „erotische Wirkung“ auf den Jugendlichen ausüben, wie er heute sagt.

Aus dem Lesen wächst wie von selbst ein erstes Schreiben – schwärmerische Tagebücher, in denen Schmatz mit Kafka das gefühlte Pathos seiner pubertären Existenz nachbuchstabiert. Und mehr noch als das wenig später aufgenommene Studium der Germanistik prägt Schmatz die nächtliche „Akademie“ im Wirtshaus zum Grünen Anker unweit des Stephansplatzes, wo sich die Aktionisten versammeln: „So viel wie zu dieser Zeit habe ich nie wieder gelernt.“ Schmatz, der durch einen befreundeten Maler zur Gruppe kommt, hält sich zunächst am Rand des Geschehens und erlebt Figuren wie Hermann Nitsch oder Oswald Wiener „umgeben von einer Aura der Unnahbarkeit, die damals wohl noch stärker war als heute“.

schmatz_02Jahrelanges Angefeindetwerden durch die Öffentlichkeit hatte innerhalb der Gruppe „robuste Verhaltensformen“ erzeugt, wie Schmatz es ausdrückt: Neulinge müssen sich regelrechten Initiationsritualen unterziehen. Schmatz ist trotzdem mehr fasziniert als abgestoßen, „weil rund um diese Leute immer was los war“.

Das legendäre Literaturverzeichnis am Ende von Oswald Wieners experimentellem Roman „die verbesserung von mitteleuropa“ (Rowohlt) dient ihm als Grundlage für seine eigene Bibliothek. Die Begegnung mit dem 1945 geborenen Dichter Reinhard Priessnitz, der ebenfalls zum Umfeld der Gruppe zählt und eine zentrale Mittlerrolle zwischen der ersten und der zweiten Generation einnimmt, bestärkt Schmatz in dem Wunsch, selbst zu schreiben und nicht zu zeichnen: „Priessnitz hatte mehr für die Tradition übrig als etwa Oswald Wiener. Meinen ersten, im Eigenverlag herausgegebenen Gedichtband habe ich aber Hermann Nitsch gewidmet, weil mich seine Entschlossenheit, das ganze Leben der Kunst zu widmen, so fasziniert hat.“

Priessnitz, der Schmatz zunächst misstrauisch begegnet, ändert seine Haltung, als ihm der jüngere Kollege seinen Gedichtzyklus zum Lesen gibt. „Nachdem ich drei Monate nichts von ihm gehört habe, bin ich ihm zufällig im Wirtshaus begegnet. Ich hatte Angst, dass er mich vernichten würde, aber er ist auf mich zugekommen und hat gesagt: ‚Gratuliere, so wollte ich auch immer schreiben.‘“ Als Priessnitz 1985 im Alter von nur 40 Jahren an Krebs stirbt, übernimmt Schmatz die Herausgabe der literarischen Texte und Essays des Freundes.

Noch zu Lebzeiten vermittelt Priessnitz Ferdinand Schmatz an Heimrad Bäcker, der zu dieser Zeit in Linz den Avantgarde-Verlag „edition neue texte“ leitet, in dem 1981 Schmatz’ Debüt „der (ge)dichte lauf“ erscheint. Als Dichter scheint er nun angekommen und aufgenommen in eine Generation, die die literarischen Verfahren der Nachkriegsavantgarde konsequent und vielfältig weiterentwickelt. „Ferdinand Schmatz konnte sich in seinem Schreiben auf großartige Weise von eingeschränkten Positionen freispielen“, beschreibt Thomas Eder, Literaturwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Wiener Germanistik-Institut und zudem einer der profundesten Kenner von Schmatz’ Werk, dessen ästhetische Emanzipation. „Er hat die notwendigerweise limitierten Verfahren der Wiener Gruppe mit anderen Traditionen wie etwa den russischen Dichtern Ossip Mandelstam oder Vladimir Majakowski verknüpft und auf diese Weise entscheidend erweitert.“

Besonders die Begegnung mit dem Dichter Franz Josef Czernin, Bruder des 2006 verstorbenen profil-Herausgebers Hubertus Czernin, wird für Schmatz wichtig: Gemeinsam jagen sie 1987 den Residenz-Verlag ins Bockshorn, indem sie eine Dichterin erfinden und dieser Figur Gedichte in die Feder legen, die ihrer Ansicht nach dem literarischen Zeitgeist einer leicht bekömmlichen Innerlichkeit entsprechen. Die Texte werden prompt gedruckt, und auf die Enthüllung der Täuschung folgt eine Debatte um die Qualität zeitgenössischer Lyrik, die Schmatz heute mit einer gewissen Distanz beurteilt: „Das Ganze war auch eine Art Notwehr gegen die herrschenden Tendenzen. Jetzt hätte ich mehr Probleme mit dem Anspruch, im Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit zu sein.“

Hinzu kommt, dass die Episode lange einen negativen Effekt auf die Wahrnehmung seiner Werke hatte, „weil die Leute mir entgegenhielten: ‚Ist eh alles ein Fake, was du schreibst‘“. Mindestens ebenso bedeutend wie die Kooperation mit Schriftstellerkollegen wie Czernin ist für Schmatz die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern – ein weiteres Erbe der Nachkriegskunst, wie Heimo Zobernig, Professor für Bildhauerei an der Wiener Akademie der bildenden Künste, bestätigt. „In Wien war die Kunstwelt immer ein kleiner Kreis, und der Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen hat seit den Zeiten der Wiener Gruppe eine lange Tradition.“

Zobernig und Schmatz treffen einander erstmals 1985 auf Einladung des Galeristen Peter Pakesch. „In der bildenden Kunst gibt es immer ein Bedürfnis nach dem Wort, nach dem Sprechen“, erklärt Zobernig: „Kataloge brauchen Vorworte.“ Seine Kooperation mit Schmatz beschreibt er als „freundschaftliches Zusammenwachsen“, das von Beginn an anders funktionierte als die herkömmliche Kunst-Kommentar-Beziehung. „Wir haben für eine Ausstellung in München den Text gemeinsam im Kaffeehaus entwickelt. Die übliche Trennung zwischen Kunst und Sprache gab es bei uns nie.“

Schmatz fällt in diesem Zusammenhang ein, dass er Ernst Jandl und dessen Lebensgefährtin, der Dichterin Friederike Mayröcker, einmal erklärt habe, wie er mit Künstlern wie Zobernig oder Franz West arbeite. „,Genauso hat die Wiener Gruppe auch gearbeitet‘, haben mir die beiden versichert.“ Mit Heimo Zobernig gestaltet Schmatz insgesamt drei große gemeinsame Projekte: eine „Enzyklopädie der Kunst“, ein „Lexikon der Kunst“ und eine Arbeit zur Farbenlehre – Arbeiten, in denen Bild- und Textmaterial gleichberechtigt nebeneinanderstehen und von beiden Künstlern in gemeinschaftlichen Sitzungen bearbeitet werden.

Trotz seiner zahlreichen Aktivitäten ist Ferdinand Schmatz lange darauf angewiesen, seine Existenz durch andere Tätigkeiten zu sichern. Die Palette reicht dabei von einem Lektorat in Tokio Mitte der Achtzigerjahre über diverse kleinere Forschungsaufträge bis hin zu einem Job als Bierausfahrer für die Ottakringer Brauerei. Erst die Neunziger bringen Schmatz eine größere Wahrnehmung und Anerkennung in Form von Stipendien und Preisen – eine Unterstützung seiner Arbeit, die noch wenige Jahre zuvor in weiter Ferne lag: „Einmal hab ich sogar einen anonymen Brief eines Jurors erhalten, der mir aufgrund meiner Texte nahelegte, mich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Das hat schon wehgetan.“

Vor allem die seit seinem Verlagswechsel zum Innsbrucker Haymon-Verlag entstandenen Gedicht- und Prosabände haben Schmatz’ Ruf als Autor mit eigenständigem ästhetischem Profil nachhaltig gefestigt. In „das große babeln“ (1999) etwa hat er sich keine geringere Textreferenz als die Bibel ausgesucht. Angeregt durch einen zufällig auf einer Berlinreise im Museum entdeckten Bibelspruch begann Schmatz, sich auf den „Sound der Luther-Bibel“, wie er es nennt, einzulassen und diesen mit seinen Mitteln zu erweitern.

Die lyrische Überschreibung der wuchtigen Texte beinhaltet das volle Schmatz’sche Poesie-Programm: Sinnlichkeit und Verspieltheit im Umgang mit den Buchstaben, Worten und Phrasen erwecken zuweilen den Eindruck, als wären die heiligen Verse einem sprachartistisch hochbegabten Hip-Hopper in die Hände gefallen. Was aber bewegt einen „ungläubigen“ Poeten dazu, sich auf diese Texte einzulassen?

„Da ich weder einen religiösen noch einen postmodernen Impuls spürte, würde ich es eher eine Verlockung nennen. Bei der Bibellektüre hatte ich das Gefühl, es wird andauernd gesprochen – aber wer spricht da eigentlich? Außerdem wollte ich auch gleich sprechen beziehungsweise gegensprechen, also hab ich mich in Bezug auf den Text in einen aufmüpfigen Diener verwandelt, einen Leporello, der plötzlich Don Giovanni wird, aber nicht in einem sozialen Sinn, sondern in einem archetypischen.“ Viel von der Intensität seiner rhythmischen Sprachkompositionen findet sich auch in den beiden Romanen „Portierisch“ (2001) und „Durchleuchtung“ (2007) – zwei Texte, die sich in gewisser Weise als abstrahierte Autobiografie lesen lassen.

Während „Portierisch“ stärker nach außen geht und eine Art Gesellschaftsroman entwirft, der wie einst Thomas Bernhard in „Holzfällen“ eine Landadelspartie skizziert, die sich zwecks Aufwertung des symbolischen Kapitals mit Künstlern umgibt, erzählt „Durchleuchtung“ von einem Maler namens Franz, den ein Spitalsaufenthalt und die damit verbundenen Röntgen- und Tomografenuntersuchungen dazu verleiten, nicht bloß das körperliche, sondern das persönliche Werden zu durchleuchten.

In beiden Fällen erweitert Schmatz konventionelle Erzählmuster, indem er sich einerseits den Modulationen und Variationen des sprachlichen Flusses hingibt, diesen andererseits jedoch immer wieder mit kleinen oder größeren Reflexionen durchbricht, „um den Rausch zu stoppen und den Schreibfluss wieder zu erden. Dieses Anschauen von außen ist unglaublich geil und ergiebig – der kurze Moment, in dem man glaubt, man hat was.“ So beschreibt Schmatz die Wonnen der literarischen Selbstbegegnung und bekennt, dass er sich in dieser systematischen Dehnung der Zeit dem Romanstil des „Ulysses“ des irischen Autors James Joyce nahe fühlt.

Sowohl die Arbeit an der Prosa als auch die am Gedicht will Schmatz auch in Zukunft fortsetzen und bedauert, dass die Poesie als Form in der Rezeption gegenwärtig so vernachlässigt wird. „Wir leben in einer auf bildliche Information zugeschnittenen Gesellschaft, und deshalb ist das Gedicht ein unglaublich adäquates, gegenwärtiges Medium der Virtualität. Im Gedicht hast du auf einer Seite einen ganzen Film, was die Schnitttechniken und die Materialpräsenz betrifft.

Es kann ausgeleuchtet oder rau sein, kann rauschen oder kurze narrative Momente enthalten“, beschreibt Schmatz sein poetisches Programm, was Thomas Eder so kommentiert: „Schmatz möchte mit dem Begriff der Virtualität vermutlich darauf verweisen, dass wir weder MTV noch künstliche Wunschmaschinen wie etwa den ‚bio-adapter‘ aus Oswald Wieners ‚verbesserung von mitteleuropa‘ brauchen – die sprachlichen Möglichkeiten der vertikalen und horizontalen Verschränkung im Gedicht reichen völlig, um die unterschiedlichen Ebenen unserer Wahrnehmung miteinander zu verknüpfen. Daraus entsteht bei ihm im Sprachaugenblick eine zuweilen ideale Synästhesie.“

Eder verweist darauf, dass Schmatz selber seine Texte in einem durchaus doppeldeutigen Sinn als „phänomenale Gedichte“ bezeichnet hat. „Schmatz betreibt poetische Forschung auf einer grundlegenden Ebene: Was passiert bei unseren Wahrnehmungsleistungen, nicht nur auf der sinnlichen, sondern auch auf der kognitiven und der emotionalen Ebene?“ Die in einem solchen Zugang zutage tretende Neugier dehnt sich Eder zufolge bei Schmatz auch über den konkreten Prozess des literarischen Schreibens hinaus aus: „Er ist irrsinnig wach im Aufspüren bedeutender poetischer Aktivitäten in Europa und bringt immer wieder unbekannte Leute nach Wien.“

Auch darin scheint ein Echo seiner kurzen Zeit als Fußballer widerzuhallen, denn Schmatz’ Stammposition war das Mittelfeld oder, wie es damals hieß: der „Verbinder“, der die verschiedenen Ebenen des Spiels miteinander verknüpfen musste.


Frage an die Maus:

Wer oder was war die Wiener Gruppe?

Einem Gedicht von Ernst Jandl zufolge hatte die Wiener Gruppe in Hans Carl Artmann ihren Vater, in Gerhard Rühm ihre Mutter, zahlreiche Kinder und in Jandl selbst einen Onkel. Diese Beschreibung beweist nicht nur Sinn für die Rollenverteilung, sondern auch für die Wirkungen jener „Wiener Dichtergruppe“, die sich in den frühen Fünfzigern zusammenfand und von der Schriftstellerin und Journalistin Dorothea Zeeman ihren Namen erhielt. Die treibende Kraft zu Beginn war der 1921 geborene H.C. Artmann, der seinen um ihn sich versammelnden jüngeren Kollegen durch seine Sprach- und Literaturkenntnisse Zugang zu Dichtungen verschaffte, die im Nachkriegsösterreich durch die Folgen der nationalsozialistischen Kulturpolitik vergessen waren. Die frühe Moderne, der Expressionismus und der Dadaismus, aber auch die schwarze Romantik beziehungsweise die französische Literatur des 19. Jahrhunderts und der Manierismus des Barock faszinierten die jungen Wiener Poeten.

Neben Artmann und Rühm bildeten Konrad Bayer, Oswald Wiener und Friedrich Achleitner den harten Kern der Gruppe, die bald auch Beziehungen zu anderen Dichtern wie Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Andreas Okopenko oder Elfriede Gerstl aufnahm. Abgesehen von der gemeinsamen Arbeit an Texten trat die Gruppe (ohne Artmann) besonders mit zwei 1957 abgehaltenen „literarischen cabarets“ an die Öffentlichkeit, in denen Performances und Aktionen durchgeführt wurden, die eine Nähe zur internationalen Fluxus-Bewegung aufweisen und den Boden für den Wiener Aktionismus bereiteten. Vor allem Oswald Wiener verband eine teils intensive freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Aktionisten Otto Mühl, Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler und Hermann Nitsch. Die Wiener Gruppe löste sich in den späten Fünfzigern auf und erfuhr eine erste umfassende Rezeption durch den von Gerhard Rühm 1967 herausgegebenen Text- und Materialband „Die Wiener Gruppe“ (Rowohlt).