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„Crazy“ Imeldas Glanz und Fall

Imelda Marcos liebt den Luxus und lenkte die Politik ihres Mannes, dem Diktator. Ein Spaziergang durch das Kulturzentrum Manilas erzählt die Geschichte der Ikone.

„Tell me! Who of you likes Hitler?“, fragt der kleine, dicke Mann mit dem runden Hut, während er ein Bild des Diktators hochhält. Sein Publikum schweigt. Carlos Celdran wirkt beruhigt: „We hate you, litttle, nasty man“, sagt er. „But we like this.“ Er zeigt ein Bild eines VW Käfers. So ähnlich sei es mit dem Verhältnis der Filipinos zum ehemaligen Diktator Ferdinand Marcos. Es war eine dunkle Zeit. Gleichzeitig hinterließ sie prägende Spuren.

Eine der markantesten ist das Cultural Center of the Philippines (CCP) – ein grauer, klobiger Gebäudekomplex, dessen Errichtung 1966 von der Präsidentengattin Imelda Marcos initiiert wurde. Imeldas Vision war es, die Philippinen von ihrer schönsten Seite zu zeigen, als Hochburg erstklassiger Kultur. Vor allem auf dem internationalen Parkett. Als First Lady der Philippinen gesellte sie sich an die Seite von Staatsoberhäuptern wie Ronald Reagan, Fidel Castro, Muammar al-Gadaffi und Mao Zedong. Auch an den Königshäusern der Welt fühlte sie sich wohl. Carlos, der durch das CCP führt, weiß eine Anekdote dazu: Imelda soll mit einer Tiara auf dem Kopf in den Londoner Buckingham Palast stolziert sein. Bis ein Wachmann sie darauf aufmerksam machte, dass nur Mitglieder von Königsfamilien eine Tiara tragen durften. Das ist nur eine der vielen Geschichten, die Carlos erzählt.

Seine Touren sind legendär. Ausgerüstet mit einem Kassettenrecorder und einer Umhängetasche, aus der er immer wieder eine dicke Mappe mit Bildern holt, schöpft er aus einem Repertoire an Gossip, eingewebt in die Geschichte des Landes. Anhand eines Spaziergangs durch das CCP erzählt er von Aufstieg und Fall der „crazy“ Imelda Marcos. „Walk this way!“ ruft Carlos und schultert den Kassettenrecorder. Die Gruppe folgt den Klängen philippinischer Klassiker.

Es ist die Geschichte eines einfachen Mädchens aus der Provinz Leyte, dessen Traum es war, Beautyqueen in Manila zu werden. Als sie beim Schönheitswettbewerb nur Zweite wurde, versuchte sie den Bürgermeister von Manila umzustimmen. „Der Bürgermeister war schnell überzeugt“, sagt Carlos und lacht. Neun Monate später kam Imeldas erste Tochter Imee auf die Welt. Offiziell hieß es, Imee sei eine Frühgeburt. Denn kurz nach der Begegnung mit Manilas Bürgermeister heiratete Imelda den damaligen Abgeordneten Ferdinand Marcos.

Sie galten als Traumpaar, als philippinische Version der Kennedys. Imelda war nicht nur schön, sie konnte auch singen. So gewann sie die Herzen der Filipinos und ihr Mann Ferdinand deren Stimmen. 1965 wurde er zum ersten Mal Präsident. Vier Jahre später war er das erste Staatsoberhaupt, das (nach massivem Stimmenkauf) eine zweite Amtszeit antrat. 1972 verhängte Marcos das Kriegsrecht, um den Kampf gegen die kommunistische Bewegung aufzunehmen; unterstützt von den USA. Damals war Marcos der mächtigste Mann Asiens, sagt Carlos. Denn die Philipinen gehörten zu den fünf wichtigsten Partnerländern der USA. Die Militärbasen Subic und Clark sind Relikte dieser Zeit. Außerdem nahm Marcos hohe Kredite auf, um seine Vision einer „neuen Gesellschaft“ zu finanzieren. Eine Gesellschaft, die ihre philippinische Identität finden sollte. Durch Prestigeprojekte wie das CPP beispielsweise.

Imelda steckte ihren Ehrgeiz hinein, um der Welt die Kultur der „einfachen Filipinos“ zu präsentieren. Gleichzeitig pflegte sie ihr Luxusleben. Man schätzt, dass sie mehr als 1.500 Paar Schuhe besaß. Imelda wollte beeindrucken. Im Ausland wurde sie rasch zum Symbol der philippinischen Frau, mit ihren typisch hochgesteckten Haaren und den Schmetterlingsärmeln. Für ihre internationalen Ehrengäste schmiss sie luxuriöse Partys und beschenkte sie mit teuren Kleidern.

Zugleich zeigte sie sich als harte Politikerin. Durch ihre Bekanntschaft zu Gaddafi kam es beispielsweise zum Friedensabkommen mit der muslimischen Separatistengruppe MNLF (Moro National Liberation Front). Die MNLF, dessen Gründer Verbindungen zu Libyen nachgesagt wurden, hatte für einen unabhängigen islamischen Staat gekämpft.

Vor allem als Ferdinand gesundheitlich angeschlagen war, übernahm Imelda einen Teil seiner Geschäfte. Jahre an Körperwahn hatten ihn zugrunde gerichtet: Er habe täglich ein Pulver aus Tigerknochen und Steroiden eingenommen, sagt Carlos: „an early version of Viagra“. Nach dem Muskelaufbau folgte der körperliche Verfall, mit aufgeschwemmtem Gesicht und kaputten Nieren. In seinem Keller unterzog er sich daher täglich einer Dialyse; mit einer von nur zwei Dialysemaschinen im Land.

Imeldas Liebe zum Luxus brachte schließlich ihren Fall. Aus Anlass eines Filmfestivals ließ sie das Manila Film Center bauen. In nur 60 Tagen sollte der Komplex fertig sein. Während der Bauarbeiten stürzte das Gebäude jedoch ein und begrub mindestens sieben Arbeiter. Die genaue Zahl weiß aber niemand. Einige sagen, es waren sogar siebzig. Doch der Bau musste weitergehen, Imelda stand unter Druck. So wurden die Toten schlicht in das Gebäude einbetoniert. Das Festival konnte steigen, die Stars marschierten in ihren edlen Kleidern auf Leichen.

So verlor Imelda ihren Glanz, während auch Ferdinands politische Macht ein Ende fand. 1983 erschossen unbekannte Täter den beliebten Oppositionspolitiker Benigno Aquino, der Vater des heutigen Präsidenten. Das Ereignis entfachte eine starke Protestbewegung, die in der berühmten People Power Revolution von 1986 mündete. Marcos wurde gestürzt, Aquinos Witwe Corazon übernahm die Macht, und mit ihr die alten landbesitzenden Eliten und Oligarchen.

Die Marcos-Zeit bedeutete zehn Jahre Ausgangssperre und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem bezeichnen Menschen noch heute Marcos als „charismatisch“. 1989 starb er in seinem Exil auf Hawaii. Seine Familie beantragte sogar ein Ehrengrab auf dem Heldenfriedhof Manilas. Unvorstellbar für Präsident Benigno Aquino III. So liegt Marcos weiterhin in einem gekühlten Mausoleum im Norden der Philippinen auf. Und Imelda? „The bitch is back“, ruft Carlos. 2010 wurde sie in den Kongress gewählt.