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Daheim

Gerhard Amanshauser wundert sich über die Heimat.

Wo wäre man mehr daheim als in der Heimat? Diese Begriffswelt hat seltsam Konjunktur in diesen Zeiten. Man muss nicht einmal auf Politlyrik wie „Daham statt Islam“ zurückgreifen, um die ideologischen Frostbeulen zu spüren. Karl Valentin hielt einst dagegen und sprach: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Gerhard Amanshauser hat das schon im Jahr 1972, als man sein austriakisches Daheim noch ­gegen ganz andere Leute verteidigen zu müssen glaubte, gültig umrissen.

Michael Frank

 

Ich habe einen Bekannten, nennen wir ihn N, der ist viel intensiver daheim, als ich jemals daheim war. Dabei war ich eigentlich immer daheim, das heißt, ich saß oder lag meistens in meinem Zimmer und hörte, solange ich wach war, den Verkehrslärm meiner Heimatstadt. Für den aber, der sich wahrhaft daheim fühlt, scheint es nicht zu genügen, daß er einfach nur daheim ist, wenn man ihn anruft.

N ist selten daheim, wenn man ihn anruft. Bald treibt er sich auf dem Land herum, an Orten, die ich nur dem Namen nach kenne (ich wüßte nicht, was ich dort suchen sollte), bald ist er im Gebirge, bald am Meer oder sonst irgendwo im Ausland. Psychisch aber ist er viel stärker daheim, als ich es bin. Je mehr er herumreist, so sagt er, desto intensiver fühlt er sich in seiner Heimat daheim. Vielleicht geht es ihm wie jenen Moralisten, die ständig über die Unmoral besorgt sein müssen und dabei immer moralischer werden.

Es mag da gewisse Zusammenhänge geben. Ich selbst bin nämlich amoralisch, während sich an N ausgesprochen moralische Anwandlungen beobachten lassen. Wenn ich sage, ich sei amoralisch, so meine ich damit nicht, daß ich mich als Wüstling jemals besonders hervorgetan hätte. Dazu bin ich zu feig. Es ist vielmehr so, daß ich die Unterschiede zwischen Moral und Unmoral nicht genügend drastisch erlebe. Ich lese zum Beispiel in der Zeitung von einem angesehenen Politiker und gleich danach von einem Verbrecher oder vom Papst und gleich danach von einem Playboy und muß dabei bemerken, wie sich meine Sympathie weder den Gerechten zuwendet noch sich von den Ungerechten abwendet. So etwas kann N nicht passieren.

Damit mag es zusammenhängen, daß N wie in der Moral, so auch in der Heimat sozusagen (wenn dieser Ausdruck erlaubt ist) viel daheimer ist, als ich es je sein könnte. Daheim ist daheim, sagt ein Sprichwort. Aber manche sind daheim viel daheimer als andere.

Bei uns in Österreich scheint es sich nun so zu verhalten, daß die meisten, die hier daheimer als daheim sind, sich auch wesentlich deutscher als die anderen fühlen. Natürlich gehen sie nicht so weit, daß sie sich etwa nicht über die Deutschen mokieren, wenn sie leibhaftig über die Grenze kommen. Offenbar ist Deutschsein nicht etwas banal Praktisches, sondern eine Art inneres Fest.

Da mag es dann ein besonderes Festvergnügen sein, sich als Österreicher intensiv deutsch zu fühlen, weil man gleichsam deutscher ist, als es ein Deutscher je sein könnte. Für ihn ist Deutschsein mehr oder weniger selbstverständlich, so daß er es schwerer hat, das Aparte daran herauszufinden. Für den Österreicher dagegen hat Deutschsein offenbar einen historischen Hautgout. Er kann also penetrant deutsch sein.

N behauptet manchmal, mir fehle es an Gemüt. Da hätten wir also ein Organ, wo das intensive Heimatgefühl möglicherweise nistet. Ich muß zugeben, daß ich nur ungefähr weiß, was ein Gemüt eigentlich ist; der Verdacht liegt also nahe, daß dieses Organ mir entweder fehlt oder nur rudimentär vorhanden ist. Es kann sein, daß ich ohne Gemüt geboren bin. Dies wäre die Schuld meiner Vorfahren. Nun hatten aber meine Eltern wahrscheinlich sehr starke Gemüter, weil sie sowohl penetrant deutsch als auch intensiv daheim waren. Freilich könnte es sein, daß mein Gemütsmangel beziehungsweise meine Gemütsschwäche von entfernteren Ahnen herkommt und in meinen Eltern nur latent vorhanden war. Wahrscheinlicher ist es aber, daß ich ursprünglich die Anlage zu einem normalen Gemüt hatte, daß dieses aber durch widrige Einflüsse sich nicht entwickeln konnte.

Schließlich wurde in meiner Jugend, als ich im empfindlichsten Alter war, in meiner Heimat eine Orgie des Deutschseins gefeiert. Ich habe schon von einem inneren Fest gesprochen, das nach außen hin, seines idealen Charakters wegen, sehr unpraktisch ist. Dieses innere Fest ging also damals, wie es bei Festen manchmal vorkommt, in eine Orgie über, und die wurde natürlich auch im Freien ruchbar. Und wie es bei Idealen zu geschehen pflegt, wenn sie praktisch werden: es kam zu größeren Verwüstungen. Die Erwachsenen litten danach, wenn auch nur vorübergehend, an einem starken Kater. Dieser Anblick hat mich vielleicht so irritiert, daß eine ursprünglich gute Gemütsanlage in mir keine Zinsen trug; sonst wäre ich womöglich heute viel daheimer und viel deutscher und hätte wie N ein starkes und gleichzeitig weiches Gemüt.

Auf N hat die Orgie des Deutschseins, von der ich gesprochen habe, offensichtlich keinen bleibenden Eindruck gemacht. In der ersten Zeit nach dem Krieg allerdings, als er noch normale Konfektionsanzüge trug, sah man ihm das Gemüt zunächst nicht an. Es überwinterte gleichsam, hütete sich davor, auszuschlagen, sammelte Säfte und Kräfte. Vielleicht war es am Hut, wo dann die ersten, die Frühlingsblüten des Gemüts sich zeigten: einige Abzeichen, Embleme oder Bänder. Nach und nach kam aber das Gemüt an der ganzen Kleidung zum Vorschein, bis hinab zu den Schuhen. Das hat natürlich alles österreichischen, heimatlichen Zuschnitt, doch dahinter schimmert diskret, als eine Art Seelenglanz, das Deutsche.

Auch an Ns Eigenheim zeigten sich, als es langsam prunkvoller wurde, überall die Spuren des Gemüts. Hier gedeiht vor allem das Bäuerliche, das Urwüchsige, die Symbole der Handarbeit und der Jagd. Wer die Heimat pflegt wie N, ist eigentlich kein Städter, oder, da er doch notgedrungen in der Stadt lebt, kein Allerweltsstädter, sondern ein hintergründiges Wesen in einer Bauernstube, wo ein geheimes, inneres Fenster sich in den Zauberwald öffnet.

Der Stadtbetrieb eignet sich nicht fürs Gemüt. N, das habe ich zu sagen vergessen, ist Rechtsanwalt, und als solcher ist er darauf spezialisiert, die Hauseigentümer gegen die Mieter zu schützen. Es scheint so zu sein, daß Hauseigentümer im allgemeinen mehr Gemüt haben als Mieter, denn diese ähneln doch letzten Endes den Nomaden, während die Eigentümer viel stärker in ihren Gemäuern wurzeln. Trotzdem aber hat die Tätigkeit eines Rechtsanwalts etwas Mechanisches an sich, das dem Gemüt nur wenig zusagt. N nimmt zwar von ganzem Herzen für die Hausherren Partei und liebt es, in sarkastischem Ton Anekdoten zu erzählen, die das absurde Benehmen von Mietern und Untermietern herausstreichen, aber sein Gemüt reicht doch viel tiefer.

„Das ist mein Reich!“ sagt er manchmal, wenn er am offenen Kamin, umgeben von ursprünglichen Möbelstücken, Platz nimmt und mit einer schmiedeeisernen Gabel im Feuer stochert, das neben der kleingestellten Zentralheizung eine gemütliche Warme spendet: die Wärme eines Waldprodukts.

„Diese Gemütlichkeit“, sagt er, „findest du nirgends im Ausland“, und dabei zeigt er das kindliche Lächeln, das mich an einen Landsknecht denken läßt, der sich nach langen Irrfahrten zur Ruhe streckt. Er schlägt eigens drei Wörterbücher auf, um mir zu zeigen, daß die Ausländer das Wort Gemüt überhaupt nicht kennen. Im Französischen finden wir als Übersetzung ârne und coeur, im Italienischen animo und sentimento und im Englischen sogar sechs Ausdrücke: mind, feeling, soul, heart, disposition, temper. Da müsse man, meint N, in Gelächter ausbrechen, wenn man derartig hilflose Übersetzungsversuche betrachte, die in ihrem Übereifer so wirkten, als sollte eine geheime Schwäche vertuscht werden: eben ein Mangel an Ge- müt, unter dem diese Ausländer leiden.

 

Ich dagegen freue mich, daß in den Wörterbüchern kein Gemüt zu entdecken ist. Wenn so große Völker so lange Zeit ohne Gemüt durchgekommen sind und es nicht einmal vermißt haben, dann wird es mir um so leichter fallen, mein kleines, beiläufiges Leben auch ohne dieses Organ zu durchlaufen.

Freilich werde ich in meiner Heimat nie so ursprünglich daheim sein wie N. Von außen muß ich die Heimatverbundenen beobachten, wie sie sich mit ihren Emblemen durch meine Heimatstadt bewegen und einander, von Gemüt zu Gemüt, befühlen und betasten. Sie stecken unter einer Decke, unter die ich niemals gelangen werde. Ich stehe zum Beispiel samstags auf dem Markt, wo immer Gruppen von Gastarbeitern sich versammeln, und da fühle ich plötzlich die Neigung, mich diesen Fremden anzuschließen, was natürlich unmöglich ist, weil ich von dem, was sie sagen, kein Wort verstehen kann.

Da kommt N um die Ecke: grüne Rockaufschläge und Hirschhornknöpfe deuten auf die Wälder hin, wo sein Gemüt zu jagen pflegt. Er erzählt mir von einem Prozeß, in dem er einen Hausherrn gegen Gastarbeiter zu schützen hat, die den Besitzstand durch nomadenhaft randalierende Lebensweise gefährden. Ich denke an Ns Wohnung, an sein Reich, an die Eichen­truhen und Bauernschränke, an all die verkappten Altäre, vor denen das Gemüt seine Andachten abhält. Und dann denke ich an die desolaten Unterkünfte der Gastarbeiter und es erfaßt mich die Zuneigung zu einem Pin-up-girl, das dort mit Reißnägeln an der Wand befestigt ist.