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Republik

Das Ende der Bescheidenheit

Gabriela Moser macht seit Jahren Jagd auf ein System, dem Kritiker gerne einen Namen geben: Karl-Heinz Grasser. Seit beinahe zwei Jahrzehnten sitzt die grüne Verkehrssprecherin im Nationalrat in der zweiten Reihe – jetzt ist sie die Aufdeckerin der Nation.
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Der Zug ist schuld – und Gabriela Moser zu spät. Die Abgeordnete der Grünen steht vor den geschlossenen Türen des Audimax der Uni Wien und versucht die Türsteher davon zu überzeugen, sie einzulassen, obwohl der Hörsaal bereits aus allen Nähten platzt. Moser zückt ihren Parlamentsausweis und erklärt dem Securitychef, warum sie durchgelassen werden soll: „Ich bin die, die das mitermöglicht hat.“

Bisher nahm die Öffentlichkeit wenig Notiz von Gabriela Moser. Obwohl die gebürtige Linzerin seit fast 17 Jahren (mit einer Unterbrechung zwischen 1996 und 1997) im Nationalrat sitzt. Obwohl sie zur Gründergeneration der grünen Partei zählt und seither viele Felder parlamentarischer Arbeit kennengelernt hat, von der Gesundheits-, Konsumentenschutz- und Atompolitik bis zur Verkehrs-, Bauten- und Tourismussprecherin, die die 56-Jährige heute ist. Und obwohl sie zu den fleißigsten Rednern im Hohen Haus gehört und ihr Wegbegleiter wie Konkurrenten Fachkompetenz und Beharrlichkeit nachsagen – lange hat es Moser nicht geschafft, aus der zweiten Reihe hervorzutreten. „Seit 1997 arbeite ich etwa zum Thema der Auswirkungen von Handystrahlen“, sagt Moser. „Aber ich tue mir unheimlich schwer, das politisch zu kommunizieren und ein Problembewusstsein dafür zu schaffen.“ Wer gegen Handysmog wettert, macht wenig Furore. Bei ihrem heute „schönsten“ Gegner sieht das anders aus: Karl-Heinz Grasser strahlt stärker als Mobiltelefone.

An jenem Jännerabend im Audimax schafft es Moser schließlich am Security vorbei. Sie lehnt an der Wand und weiß, dass ihre Arbeit noch nie derart im Rampenlicht gestanden ist. Die Kabarettisten Florian Scheuba, Robert Palfrader und Thomas Maurer lesen am Podium ausgewählte Texte: abgehörte Telefongespräche zwischen dem Lobbyisten Walter Meischberger, dem Immobilienmakler Ernst Karl Plech und Karl-Heinz Grasser, ehemals Finanzminister der Republik. Die Protokolle waren der Wiener Stadtzeitung Falter zugespielt worden. Noch wenige Wochen vor der Veranstaltung wäre es medienrechtlich unmöglich gewesen, aus den Abschriften wörtlich zu zitieren, ohne eine Millionenklage zu riskieren. Erst eine Anfrage im Parlament mit den Protokollen als Inhalt gestattete als rechtlicher Kniff die Veröffentlichung. Gestellt hatte sie Gabriela Moser. 

Die Vorarbeit dazu begann zum Jahrtausendwechsel. Als Schwarz-Blau I an die Macht kam und man Moser nur in Oberösterreich kannte. Schulden sollten abgebaut, der Staat „schlanker“ und der damalige Finanzminister Grasser „Mister Nulldefizit“ werden. Neben Beteiligungen an der Austria Tabak, der VOEST und der Telekom wurden die fünf Wohnbaugesellschaften des Bundes (BUWOG) verkauft. An die 58.000 Wohnungen kamen auf den Markt. Zum Zug kam 2004 ein österreichisches Konsortium, darunter die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und die Immofinanz, eine an der Wiener Börse notierte Aktiengesellschaft.