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Das Todesmatch

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg gewinnt die Auswahl der Kiewer Brotfabrik Nr. 3 ein Fußballspiel gegen die Mannschaft der deutschen Luftwaffe. Die Legende des Todesmatches ging in die Sowjet-Geschichte ein.

Die Legende wird heute noch in der Ukraine erzählt: Die Betriebsmannschaft einer Kiewer Brotfabrik bestreitet im Sommer 1942 ein Fußballspiel gegen eine Auswahl der deutschen Luftwaffe. Das ukrainische Team wird von der SS dazu aufgefordert, das Match zu verlieren. In der Halbzeit führen sie 3:1, da kommt ein SS-Mann in die Kabine und droht damit, dass alle Spieler erschossen werden, sollten sie gewinnen. Doch sie wollen ihre Überlegenheit gegenüber den Besatzern demonstrieren und gewinnen das Spiel schlussendlich mit 5:3. Nach Spielschluss werden sie aus Rache für die erlittene Demütigung erschossen.

Diese Version der Geschichte wird in dem 1962 gedrehten sowjetischen Film „Die Dritte Halbzeit“ erzählt. Der Film selbst war reine Propaganda, das so genannte Todesmatch aber hat tatsächlich stattgefunden, wenn auch die Legenden, die sich darum ranken, mittlerweile zum Teil widerlegt wurden. Am 19. September 1941 war die Deutsche Wehrmacht in Kiew eingerückt. Innerhalb von zwei Tagen brachten Sonderkommandos fast 34.000 Juden um. 630.000 sowjetische Soldaten wurden zu Kriegsgefangenen, tausende ukrainische Zwangsarbeiter wurden nach Deutschland deportiert.

Ein Jahr später erlaubten die Besatzer zur Anhebung der Arbeitsmoral  eine kleine Fußball-Meisterschaft. Eines der Teams ist die Betriebsmannschaft einer Kiewer Brotfabrik. Was die Deutschen nicht wissen: Der FC Start besteht zum großen Teil nicht aus einfachen Brotbäckern, sondern aus ehemaligen Top-Spielern der vor dem Krieg überragenden Vereine Dynamo und Lokomotive. In der Meisterschaft traten sie nun gegen Garnisons- und Soldatenteams an – und beherrschten die kleine Liga. In der letzten Begegnung sollten sie gegen das Team der Luftwaffe antreten, die militärische Speerspitze des Regimes. Der 5:1-Sieg des FC Starts kam einer Demütigung der Deutschen, einem Sieg über die Besatzung gleich – und die Spieler wurden zu Helden. Die Deutschen wollten die Niederlage nicht auf sich sitzen lassen und arrangierten sofort ein Revanchespiel. Eine erneute Niederlage kam nicht infrage. Dieses Mal gingen die Deutschen – unbeachtet vom SS-Schiedsrichter – brutal zur Sache, gingen sogar in Führung. Doch angespornt von tausenden Fans auf den Rängen und ausgestattet mit der besseren Technik gewann der FC Start schlussendlich mit 5:3. Die Spieler wurden spätestens da zu Symbolen des Widerstands, wie Andy Dougan in seinem Buch „Dynamo: Defending the Honour of Kiev“ schreibt.

Gleichzeitig widerlegt der britische Publizist darin einige der Legenden, die sich um das Spiel ranken, andere wiederum werden von seinen Recherchen bestätigt. Die Wahrheit ist schrecklich genug, tatsächlich aber wurden die Spieler nicht gleich nach Spielschluss umgebracht. Einer der Spieler, der vorher ein Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes gewesen war, stirbt kurz nach dem Match in einem Gefängnis. Drei weitere wurden etwa sechs Monate später in dem Lager Siretz erschossen. Der Kommandant hatte nach Partisanen-Attacken angeordnet, als Vergeltungsmaßnahme jeden dritten Lagerinsassen zu vernichten. Warum sie verhaftet wurden, ist unklar. Manche Wissenschaftler behaupten, sie gehörten einer Partisanenorganisation an. Dass die Morde eine direkte Folge des Spiels gewesen seien, sei laut Dougan nicht zu beweisen.

In der Sowjetunion freilich passte die Legende der ermordeten Helden besser ins Bild und wurde ein wichtiges Element der Erziehungspropaganda. Noch heute, zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, wird der Film „Die Dritte Halbzeit“ regelmäßig im Fernsehen gezeigt. Doch langsam aber sicher bekommt die offizielle Version der Geschichte auch hier Risse.