Globusbilder
Das Wunder von Pjöngjang
Rund 300.000 Menschen versammelten sich im Sommer 1966 in den Straßen von Pjöngjang, der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea. Dicht gedrängt standen sie, um die Fußballhelden von England zu bejubeln. Bei der ersten Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft überraschte das unbekannte nordkoreanische Team die Weltöffentlichkeit mit ihrem Einzug ins Viertelfinale. Mit dem 1:?0 gegen Italien schafften die Asiaten die Sensation und warfen den Favoriten aus dem Turnier. Mit etwas Glück wäre auch das Halbfinale möglich gewesen. Gegen Portugal, angeführt von Weltstar Eusébio, führte Nordkorea bereits nach 24 Minuten 3:0, musste sich schlussendlich aber noch mit 5:3 geschlagen geben. Dennoch wurden die Schützlinge von Trainer Myung Re-Hyung und besonders der Torschütze des 1:0 gegen Italien, Pak Do-Ik, wie Volkshelden in der Hauptstadt Pjöngjang empfangen.
44 Jahre später fährt Nordkorea wieder zu einer WM. Ausgerechnet dank der „Schützenhilfe“ des verfeindeten Bruderlands Südkorea feiert der nordkoreanische Fußball den größten Erfolg seit vier Jahrzehnten. Mit einem 0:0 gegen Saudi-Arabien war die zweite WM-Teilnahme perfekt. Die beiden Remis Südkoreas in den letzten beiden Qualifikationsspielen waren für Nordkorea das Ticket nach Südafrika. Nordkorea sicherte sich aufgrund des besseren Torverhältnisses vor den punktegleichen Saudis in der Asien-Gruppe B den zweiten Platz hinter Südkorea.
Somit werden zum ersten Mal in der Geschichte zwei koreanische Teams bei einem WM-Turnier auf dem Platz stehen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Spannungen auf der koreanischen Halbinsel ist diese Konstellation nicht ohne politische Brisanz. Das kommunistische Nordkorea hat in den vergangenen Monaten mit Raketen- und Atomtests sowie Kriegsdrohungen gegen Südkorea fast ausschließlich für Negativschlagzeilen gesorgt.
Pak Do-Ik ist heute 70 Jahre alt. Der Torschütze des 1:?0 gegen Italien gilt in Nordkorea als Volksheld und genießt den Kultstatus eines Diego Maradona. Pak Do-Ik steht am Rande des Spielfelds im Sosan Stadion in der Peripherie im Süden Pjöngjangs. Im Hintergrund läuft ein Trainingsspiel des Vereins „25. April“, eines der berühmtesten nordkoreanischen Clubs. Pak Do-Ik darf nur wenige Worte mit dem ausländischen Besucher wechseln, die Dolmetscher und offiziellen „Aufpasser“ drängen zum Aufbruch. „Als die Italiener mit hängenden Köpfen das Spielfeld verlassen haben, hat sich auch mein Leben verändert“, sagt er. „Ich würde gerne wieder ein paar Spieler von damals treffen, um mit ihnen über die Zeit in England zu sprechen.“ Den Ball, der vor seine Füße rollt, nimmt er gekonnt auf und schießt ihn zurück ins Feld. „Damals hatte der Staatsgründer und ‚ewige Präsident‘ Kim Il-Sung der Mannschaft eine unmissverständliche Ansage mit auf dem Weg nach England gegeben. Der große Führer hatte uns befohlen, ein oder zwei Spiele zu gewinnen. Wir waren fest entschlossen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen“, sagte Pak Do-Ik in einem früheren Interview.
Wie vor 43 Jahren weiß man auch heute nur wenig über die Ballesterei in der von der Weltöffentlichkeit weitgehend abgeschotteten nordkoreanischen Diktatur. Spieler und Teams sind wie das nordkoreanische Atomprogramm im Westen weitgehend unbekannt. Der Verband wurde 1945 gegründet. Am 22. März 1964 bestritt die nordkoreanische Auswahl im Rahmen der Qualifikation zu den Olympischen Spielen erstmals ein offizielles Länderspiel. Das Spiel gegen die Auswahl Burmas endete mit einem 0:0-Unentschieden. Nach der WM 1966 bestritt Nordkorea lange Zeit kein Länderspiel mehr, das Olympia-Qualifikationsspiel gegen Syrien im Oktober 1971 war der erste Auftritt der Nordkoreaner nach fünf Jahren.
1978 gewann Nordkorea die Goldmedaille bei den Asienspielen in Thailand, als man sich nach einem 0:0 gemeinsam den Titel mit Südkorea teilte. Fußball ist in Nordkorea populär, aber nicht mehr als Basketball oder Volleyball. Oft sieht man Kinder, die auf den Straßen mit selbst gebastelten Bällen aus alten Stoffresten ihre Ballkünste vorführen. Die Stadien sind bei Vereinsspielen im Gegensatz zu den Massenaufmärschen und Feierlichkeiten des Regimes aber meistens leer. Ausländische Besucher sind in den Stadien nicht gerne gesehen. Man versucht Bilder der meist desolaten Anlagen zu vermeiden. Die Fußballliga besteht aus 16 Vereinen, die bekanntesten Clubs sind Pjöngjang City, „25. April“ aus der Stadt Nampho und Locomotive Sports Group aus der Stadt Sinuiju. Im Gegensatz zur Nationalmannschaft dürfen Klubmannschaften, die auf reiner Amateurbasis funktionieren, bei keinen internationalen Turnieren teilnehmen.
Brisant sind freilich bis heute die Derbys gegen den Klassenfeind Südkorea. Seit 1978 traf man insgesamt 16-mal aufeinander. Südkorea siegte siebenmal, Nordkorea konnte nur ein Spiel für sich entscheiden. Das bislang letzte Aufeinandertreffen am 7. März 2008 sagt viel mehr über die Absurdität des Regimes in Pjöngjang aus als so manche politische Berichterstattung. Das Spiel wurde nicht in Nordkorea ausgetragen, sondern auf neutralem Boden in Shanghai in China. Nordkorea verzichtete freiwillig auf den Heimvorteil, weil sich die Regierung geweigert hatte, das Abspielen der südkoreanischen Hymne und das Hissen der Flagge im Stadion zu erlauben. Nach der 0:1-Niederlage in seinem letzten Auswärtsmatch in Seoul beschuldigte Nordkorea dann auch noch den Süden der Lebensmittelvergiftung von Spielern.
Für Südafrika nimmt sich das Team Ähnliches vor wie das, was die großen Vorbilder geschafft haben. „Wir wollen die großartigen Leistungen aus dem Jahr 1966 wiederholen“, sagte Coach Kim Jong-Hun während eines Trainingslager-Aufenthalts der Nordkoreaner in Frankreich im Sommer. Es war die erste Europa-Reise einer Nationalmannschaft seit der WM 1966. Trotz der Qualifikation steht Kim Jong-Hun unter Dauerkritik.
Weil das Team in der Qualifikation nur sieben Tore geschossen hat und hinter dem Nachbarland nur Platz zwei belegte, wurden Ablöseforderungen laut. Für die WM sollte angeblich der schwedische Startrainer Sven-Göran Eriksson engagiert werden. Ob das Team es wie in England auch ins Viertelfinale schafft, bleibt abzuwarten, hat man es in der Vorrunde doch mit Kalibern wie Brasilien und Portugal zu tun.








