• Facebook
  • Twitter
  • RSS

Streitgespräch

Der FPÖ-Chef über die Angst vor einem Kanzler Strache.

Hauptsache billig

Wie Erntehelfer in Österreich ausgebeutet werden.

Blackout

Warum ein Stromausfall in Österreich zur Katastrophe werden könnte.

Republikbilder

Der Amateur schreibt Geschichte

Von der Kleinbildkamera zur Super 8. Ein Festival der Erinnerungen.
Bild 1 von 21
Bild 2 von 21
Bild 3 von 21
Bild 4 von 21
Bild 5 von 21
Bild 6 von 21
Bild 7 von 21
Bild 8 von 21
Bild 9 von 21
Bild 10 von 21
Bild 11 von 21
Bild 12 von 21
Bild 13 von 21
Bild 14 von 21
Bild 15 von 21
Bild 16 von 21
Bild 17 von 21
Bild 18 von 21
Bild 19 von 21
Bild 20 von 21
Bild 21 von 21

Die Bilder der einstürzenden Twin Towers oder das Hereinbrechen der unkontrollierbaren Gruppen bei den Riots in London haben sich in unser Gedächtnis als Embleme für das jeweilige Ereignis eingeschrieben. Beide Ereignisse wurden von zahllosen Amateuren filmisch aufgezeichnet und sind in den virtuellen Bilderkreislauf eingegangen. Der Nachrichtensender CNN startete im Jahr 2008 eine User-generated News Site, die darauf abzielt, Bürger durch Live-Berichterstattung in Form von selbst gedrehten Amateurvideos und Kommentaren zu Amateurreportern, den iReportern, zu machen. Diese Form der Bürgerbeteiligung, die das Web 2.0 definiert, ist nicht unproblematisch, trägt sie doch zu einer Flut an Bildern und Videos im Internet bei, die nicht immer eindeutig identifiziert und zugewiesen werden können. Der Gebrauch dieser Bilder ist oft nur noch ein illustrativer, um Ereignisse wie die Londoner Ausschreitungen in diesem Sommer zu „authentifizieren“. Kontextualisierungen der jeweiligen Perspektive des aufgenommenen Dokuments werden dabei häufig außer Acht gelassen. 

Doch was bedingt den anhaltenden Hype des Einsatzes von ­Footage, also ungeschnittenem oder unbearbeitetem Material, das Amateure aufgenommen haben? Die durch ihre unprofessionelle Ästhetik bestechende Qualität von Amateurvideos, oft mit mobilen Handykameras gedreht, hat eine lange historische Medienentwicklung hinter sich. Neben ästhetischen Qualitäten und dem Gebrauch von privaten Medien schließt die Auseinandersetzung mit dem visuellen Gedächtnis einer Gesellschaft auch Fragen kultureller und historisch-gesellschaftlicher Prozesse sowie der Ethik im Umgang damit ein.

Die Geschichte von mobilen Filmkameras für den privaten Gebrauch beginnt in Europa im Jahr 1922, als die französische Firma Pathé die ersten Kleinbildkameras auf den Markt bringt. Noch immer teuer, aber für das gut situierte Bürgertum erschwinglich, erreichen die kleinformatigen Filmkameras bald große Popularität. Meist sind es wohlhabende Familien, die mit diesen Kameras hauptsächlich die heranwachsenden Kinder, Familienfeiern, Ausflüge und Urlaubsreisen festhalten. 

Nicht zufällig sind meist diejenigen im Besitz einer Filmkamera, die es sich zeitlich wie finanziell leisten können, mit dem Auto oder dem Motorrad auf Reisen zu gehen und diese Ereignisse auf Film festzuhalten. Die Mehrheit der Leute kann sich diesen Freizeitluxus nicht gönnen. Das ändert sich in den 1960er Jahren, als mit der Einführung der populären Super-8-Kamera ein leicht zu bedienendes und vor allem billiges Gerät auf den Markt kommt und somit Filmkameras erstmals als Massenphänomen im privaten Bereich auftauchen. Erst Videokameras bringen den nächsten bedeutenden Medienwechsel mit sich, der sich in die private Praxis des Filmens einschreibt. 

Was bedeutet das visuelle Aufzeichnen des eigenen Lebens, der Familie und besonderer wie zufälliger Ereignisse für unsere Erinnerungskultur? In frühen Amateurfilmaufnahmen, die größtenteils Ereignisse im Kreis der Familie festhalten, ist es meist der Familienvater, der hinter der Kamera steht und Frau wie Kinder für die Kamera instruiert. Die Bilder sind bekannt: die ersten Schritte der Kleinen, Ausflüge mit den Kindern in den Prater, Spiele und Feste im Garten oder der Wochenendausflug ins Grüne. Neben der medialen Praxis, die sich in mehr oder weniger geschultem Wissen über Technik und Wirkung der Bilder auszeichnet, geben uns diese Aufnahmen aber auch erstaunliche Einblicke in die private Lebenskultur der Menschen jener Zeit. Was war wichtig, was war besonders, wodurch zeichnete sich die Freizeitgestaltung aus und welche Rolle spielt dabei die Anwesenheit der Kamera? Natürlich verhalten sich die Personen vor der Kamera nicht unwissend zu dieser. Die Inszenierung für den Apparat bindet: Wenn sich die Familie etwa für die Kamera im Garten aufstellt, sich umarmt und liebkost oder Gemeinschaftsspiele zelebriert, dann wird damit familiärer Zusammenhalt symbolisiert und praktiziert. 

Besonders die frühen Aufnahmen von Amateuren, die überwiegend mit 9,5-mm-Kameras gefilmt wurden, geben Einblicke in den modernen und mobilen Lebensalltag des Bürgertums: Motorradrennen am Semmering, Ausflüge mit der Familie und Freunden auf die Rax oder die einfache Faszination von Straßenbauarbeiten vor der eigenen Haustür. 

Ein Ausnahmebeispiel stellt ein vom Österreichischen Filmmuseum wiederentdeckter Film aus dem Jahr 1932 dar, der von einer Gruppe Amateure, die sich in ihrer Situation als Arbeitslose zusammenschlossen, hergestellt wurde. „Der grüne Kakadu“ ist ein 90-minütiger Amateurspielfilm, der die lokale Umgebung in Ottakring zur Mise-en-scène eines filmischen Gangster- und Liebesabenteuers macht. Beispiele wie dieses müssen mit Filmgeschichte und zeitgenössischen Kunstbewegungen in Verbindung gesetzt werden, um Einflüsse und Reichweite in der Populärkultur zu erkennen. 

Das Österreichische Filmmuseum hat mehrere Forschungsprojekte, in denen es mit wissenschaftlichen Institutionen wie dem Ludwig-Boltzmann-Ins­titut für Geschichte und Gesellschaft kooperiert, die sich der historischen und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Dokumenten widmen. Im Projekt „Archäologie des Amateurfilms“ geht es etwa um die Erforschung von Ästhetik und medialer Praxis von Amateurfilmen, ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Aufarbeitung von filmischen Dokumenten, die während des Nationalsozialismus in Österreich unter anderem von Amateuren gedreht wurden. 

Die Bedeutung von privaten Filmdokumenten hat in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung erfahren. Nicht zuletzt zeichnen dafür Internetplattformen wie YouTube verantwortlich, die private Videos im Netz zugänglich machen und zu einer neuen Form von Öffentlichkeit des Privaten führen. Neben der Zugänglichkeit im Netz sind es aber auch Archive und Museen, verschiedenste Forschungsinitiativen und Kunstprojekte, die dem privaten Dokument eine neue Bedeutung zusprechen.

Initiativen wie die Association Inédits, die seit 1991 besteht, bemühen sich etwa um eine intensive Beschäftigung mit Amateurfilmen, um das visuelle Gedächtnis Europas aufzuarbeiten und zu bewahren. Zahlreiche Filmmuseen und Archive legen einen Schwerpunkt auf private Filmdokumente, und Initiativen wie der internationale Home Movie Day stärken das Bewusstsein für diese flüchtige Art von Dokument. Die Rolle der Archive ist dabei eine besondere: Neben Fragen der Konservierung, Restaurierung und Sammlung müssen sie sich auch um die Ethik, etwa des Aufführungskontextes von privaten Filmen, kümmern. Die Schwierigkeit liegt neben der Erfassung von Daten eben auch im Umgang mit den privaten Dokumenten. „Die Amateurfilme, die bei uns im Filmmuseum landen, sind oft sehr intime Dokumente, mit denen man natürlich einen besonderen Umgang pflegen muss. Man kann sie nicht einfach so weggeben. Wenn das Material inhaltlich sensibel ist, etwa private Filmaufnahmen, die während der Kriegszeit entstanden sind, müssen wir genau wissen, wofür und wie diese eingesetzt werden“, sagt der Leiter des Archivs der Sammlungen im Österreichischen Filmmuseum, Paolo Caneppele. 

Künstler haben die Bilder von Amateuren, die im privaten Rahmen produziert wurden, schon seit langem als Fundgrube für thematische Bearbeitungen des visuellen Gedächtnisses unserer Zeit entdeckt. Lisl Ponger, Gustav Deutsch und der ungarische Filmemacher Peter Forgács etwa haben Home Movies in ihre Arbeit aufgenommen. Forgács erhielt 2007 den Erasmus-Preis für sein Werk „Private Hungary“, in dem er anhand von Home Movies die Geschichte des ungarischen Bürgertums darstellt. 

Die meisten der Amateurfilme oder Home Movies wurden ursprünglich für die Vorführung in den eigenen vier Wänden, für Familie und Freunde, gedreht. Ein Rahmen, in dem es keiner größeren Erklärung dessen bedarf, was auf der Leinwand passiert oder wer darauf zu sehen ist. Doch wie kann man mit diesen Dokumenten umgehen, wenn direkt keine Informationen zur Herstellung oder zum Inhalt des Filmes mehr vorhanden sind? Der Identifikation von Personen, Orten und ganzen Situationen müssen sich Chronisten und Forscher stellen. Da die privaten Filme oft über Umwege in den Archiven landen und mehrheitlich nur als Fragmente ohne einheitliche Überlieferungsgeschichte zugänglich sind, steht man vor dem Problem, die Filme in den ursprünglichen Kontext einzuordnen. Für (Film-)Historiker ist daher eine Vorgehensweise gefordert, die detaillierte Analysen einzelner Ereignisse im Bild durchführt. Diese Herangehensweise, die Kontextrecherche und genaue Detailstudien erlaubt, ermöglicht es, ein breiteres und vielfältigeres Bild von Geschichte aufzufächern. Denkt man etwa an die Ereignisse im März 1938, so blitzen sofort die Bilder des „Anschlusses“ in unserem Gedächtnis auf.

Ein Blick in filmische Dokumente von Amateuren kann aber ein reichhaltigeres und heterogeneres Bild ergeben: Amateurfilme vom Alltagsleben jüdischer Familien vor und während des Krieges etwa, Bilder der Propaganda und der daraus folgenden Umgestaltung des Stadtbildes während des „Anschlusses“ oder auch der Heimkehr von Soldaten zeigen Geschichten des Alltags und des Besonderen darin, die sich nicht unbedingt in die etablierten Bilder der „großen“ ­historischen Ereignisse einordnen lassen. 

Neben der Familie ist auch die Stadt seit jeher ein beliebter Topos für Aufnahmen. Dort, wo Menschen, Bewegung, zufällige Begegnungen und Mobilität auftreten, ist die Stadt ein gut geeigneter Raum für die Kamera. Wien zeigt sich in Amateurfilmen etwa in Art einer filmischen Postkarte als touristische Stadtsymphonie, die von Walzermusik begleitet wird. In einem anderen Beispiel wiederum wird das Grätzl vor der eigenen Haustür in experimenteller Weise mit der Kamera aufgezeichnet und dabei eines der klassischen Motive der Wiener, die Fenstergucker, festgehalten. Ein anderer Amateur interessiert sich für Straßenbauarbeiten und die Modernisierung der Stadt in den Dreißigerjahren. Die Filme von Amateuren zeigen sich als reichhaltiger Fundus von Bildern, die sich einerseits als Stereotype in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben haben, andererseits auch Ausdruck eines populärkulturellen Verhaltens sind, das so zutage tritt.